Unsere
Geschlechterverhältnisse sind bestimmt
von der Norm des heterosexuellen Begehrens,
der Zweiteilung der Geschlechter sowie
deren hierarchische Organisation. Diese
drei Elemente stehen nicht unabhängig
nebeneinander, sondern in einem Wechselverhältnis,
in dem sie sich gegenseitig absichern.
Heterosexualität bestätigt zum
Beispiel immer wieder die scheinbar universale
Zweiheit von Geschlechtlichkeit, wohingegen
die Hierarchie der Geschlechter heterosexuelle
Lebensverhältnisses immer wieder
als die einzig gültigen einzusetzen
weiß. Aus dem Zusammenwirken dieser
Elemente entsteht das, was wir unsere
Geschlechtermatrix nennen. Das ist das
System, auf dem sich unser alltägliches
Reden, Leben und Vorstellen von Geschlechtlichkeit
abspielt. So ist zum Beispiel die Möglichkeit
uns auszudrücken und über Geschlecht
und Sexualität zu reden nur in einem
Vokabular möglich, das in seiner
Struktur auf der Voraussetzung der Zweigeschlechtlichkeit
beruht. Es gibt nur zwei sexuelle Identitäten
in unserer Sprache, "sie" und
"ihn" und ebenso nur die darauf
bezogenen Sexualitäten "hetero"
und "homo". Die Geschlechtermatrix
bestimmt, was uns an Geschlechtlichkeit
überhaupt begrifflich und gedanklich
vorstellbar werden kann und auch was hier
als normal und was als Abweichung gilt,
damit bestimmt sie letztlich, was lebbar
ist und was nicht.
Die Absicherung der Geschlechtergrenzen
vollzieht sich teilweise als offene körperliche
Gewalt, mehrheitlich jedoch eher durch
softere Technologien wie stigmatisierende
Blicke, verweigerte Anerkennung oder Ausgrenzung.
Dem Zwang geschlechtlicher Normierung
begegnen wir in öffentlichen und
in privaten Institutionen, genauso wie
auf der Straße, zu Hause und in
unseren Köpfen. Angefangen bei der
Entscheidung für eine der beiden
Toiletten im Café um die Ecke,
bis über die Markierung eines Geschlechterkästchens
bei einer simplen Buchbestellung im Internet,
hin zur offiziellen Namensgebung auf dem
Standesamt, sind wir beständig mit
Mechanismen konfrontiert, die von uns
geschlechtliche Eindeutigkeit erwarten.
Natürlich werden diese Mechanismen
von den einzelnen nicht als disziplinierende
Normen wahrgenommen oder als bewusst repressive
durchgeführt, vielmehr beruhen sie
auf einem unhinterfragten Glauben an die
Ordnung der Dinge. Repressionen, die Zweigeschlechtlichkeit
betreffen, unterscheiden sich daher oftmals
von anderen Formen der Repression. Beispielsweise
bleibt die Gewalttätigkeit einer
Abschiebung wohl kaum jemandem verborgen,
wohingegen die Errichtung zweier Toilettenhäuschen
kaum jemand als repressiven Akt empfinden
wird.
Die Reproduktion dieser Geschlechtermatrix
findet im Vergesellschaftungsprozess auf
ökonomischer, politischer und kultureller
Ebene statt. In diesem Vergesellschaftungsprozess
werden wir und machen wir uns fortwährend
zu sogenannten "Männern"
und "Frauen". Und "Mann"
oder "Frau" werden heißt
hier, sich so anzufühlen und so zu
verhalten wie eine/r, kurz: dieses Sein
als authentisch zu erleben. Es wird daher
nicht von heute auf morgen dadurch abgelegt,
dass wir seine Konstruktion durchschauen
oder sichtbar machen, denn diese Art zu
Sein ist in unsere Körper und Köpfe
eingelagert, in unserer Umgebung beständig
präsent sowie in der Art und Weise
in der wir angesprochen werden vorhanden.
Der Versuch, sich einem geschlechtlichen
Sein zu entziehen, ist ein schwieriger
und anstrengender, aber auch lustvoller
Prozess. Dieser Prozess kann sich nicht
auf eine bessere, verloren gegangene Vergangenheit
beziehen, auf einen natürlichen Körper
vor der geschlechtlichen Konstruktion,
sondern er muss nach vorne entworfen werden.
Unsere Geschlechtskörper sind eine
Aufführung ohne Vorlage, Kopien ohne
Original. Wir wollen andere Aufführungen,
andere Kopien!
Diese Versuche, sich der Geschlechtermatrix
zu entziehen, nutzen die Brüche,
Lücken und Ritzen, welche die beständige
(Re-)Produktion unserer Geschlechter hinterlässt.
Schwulen und Lesben ist es mittlerweile
gelungen aus diesen Lücken Räume
zu machen, so dass Homosexualität
heute in Deutschland teilweise gesellschaftsfähig
geworden ist, allerdings nur in dem Maße,
wie sie dafür die Norm der Zweigeschlechtlichkeit
akzeptiert hat. Tunten, Intersexen, Butches,
Dykes, Kings und Queens, welche diese
Binarität weiterhin in Frage stellen,
leben daher immer noch an den gefährlichen
Bruchstellen der Matrix, beständig
unter der Gefahr der Ausschließung.
Nicht zuletzt aus den Erfahrungen mit
der Schwulen- und Lesbenbewegung kommen
wir zu dem Punkt, dass es vor allem die
Binarität der Geschlechter ist, von
der aus die Geschlechtermatrix geknackt
werden muss. Dass die Binarität das
zentrale Element bei der Aufrechterhaltung
unserer Geschlechtermatrix ist, stimmt
auch mit unserer Erfahrung überein,
dass die Normen zur Regulation hier am
unflexibelsten und rigidesten sind.
2.
Mann oder Frau zu sein wird in Bezug auf
den Körper empfunden. Was wir als
diesen Körper leben, ist ein Bündel
verschiedener Techniken, das nachträglich
als natürlich konstruiert wird. Doch
ein Körper ist ein Gesellschaftskörper
und kein Biokörper.
Was
wir alltäglich als Körper leben,
ist eine Menge mehr als der Unterschied
zwischen zwei Genitalien. Unser Körper
ist eine Summe verschiedener Techniken
und Praxen, die eine Kohärenz zwischen
dem was wir biologisches Geschlecht, Geschlechtsidentität
und Begehren nennen, herstellen. Dabei
wird immer wieder versucht, die Eigenschaften
von letzten beiden in ersteres einzulagern,
so dass im Patriarchat scheinbar alle
Differenzen zwischen den beiden Geschlechtern
aus einem Biokörper abgeleitet werden
können. Wir unterscheiden zwischen
drei Ursprungserzählungen, die jeweils
das biologische Geschlecht in den Mittelpunkt
stellen: eine wissenschaftliche, eine
metaphysische und eine materialistische.
Da wird unser Körper einmal von medizinischer,
biologischer oder psychoanalytischer Seite
als radikal verschieden bestimmt, sei
es in Bezug auf die Genetik, auf seine
organische Konstitution oder den Penismangel.
Ein andermal handelt es sich um eine höhere
Ordnung, die von je her vorgesehen in
unsere Seelen und in unser Fleisch eingelagert
ist. Und zu guter letzt stehen dann die
Erklärungen, die aus Gebärfähigkeit
oder Körperkraft die Historie in
ihrer ursprünglichen Arbeitsteilung
entschlüsseln. Jeder dieser Bereiche
erweist sich bei genauerer Analyse als
ideologische Konstruktion zur Aufrechterhaltung
unserer gegenwärtigen Geschlechterordnung.
Dagegen setzen wir ein Verständnis
von Körper, das dem gesellschaftlich-imaginären
Anteil seiner Konstitution gerecht werden
soll. Körper existieren für
uns vor allem durch Verhaltensweisen,
die in diesen eingelagert sind, sowie
durch alle die Verhältnisse, in die
Körper eingespannt sind. Körper
sind eine Existenzweise, die sich durch
verschiedene Felder wie Sprache, Verhalten,
Kosmetik und Gestik zieht. Ein Körper
ist immer ein Zusammenspiel aus diesen
Elementen, und ein heteronormativer männlicher
oder weiblicher Körper ist ein spezifisches
Zusammenspiel, eine spezifische Konfiguration
dieser Elemente. Körper, die von
diesem Spiel abweichen, sind nicht mehr
in den Begriffen von Mann und Frau zu
fassen, sie entziehen sich ihrem Zugriff.
Für uns sind sie neue und andere
Körper. Wenn wir zu einem Verständnis
der gesellschaftlichen Dimension dessen,
was ein Körper ist, kommen, dann
wird deutlich, dass wir unseren Körper
umgestalten können, dass er keine
feste Einheit, sondern immer Prozess ist.
3.
In unserer Gesellschaft ist vielfach kein
Platz für Menschen, die nicht in
das herkömmliche Körperschema
von Mann und Frau hineinpassen. Wer_Welche*
nicht in dieses System passt, wird entweder
ausgegrenzt oder mit verschiedenen Mitteln
wieder in dieses Schema gezwungen. Der
Zwang zur Zweigeschlechtlichkeit stellt
mühsam immer wieder das her, was
er als vorgeblich natürlich vertritt.
In
unserer Gesellschaft erscheint Zweigeschlechtlichkeit
als ein natürliches Verhältnis.
Da gibt es die, durch sämtliche Medien
rund um die Uhr vermittelten Geschlechterbilder,
die zur Identifikation aufrufen, da gibt
es die administrativen Kästchen "Mann"
und "Frau", die bei nahezu jedem
Behördengang und sonstigen Registrierungen
ausgefüllt werden müssen, und
da gibt es unsere Sprache, die nur von
zwei Geschlechtern zu sprechen weiß.
Wir reproduzieren alle tagtäglich
diese uns ansozialisierten Ansichten darüber,
wie und was Frauen und Männer sind.
Das fängt allein dabei an, wo wir
eine nicht eindeutig einzuordnende Person
auf der Straße treffen und anfangen
zu grübeln, ob diese nun Mann oder
Frau war/ist, wo wir beginnen einzuschubladen
und auszusortieren weil wir wissen, was
eine Frau und ein Mann ist und auch was
sie sein sollen. Wo Zweigeschlechtlichkeit
als natürlichste Sache der Welt erscheint,
ist alles, was aus diesem Rahmen fällt,
anders, abartig und unnatürlich.
Der Zwang zur Zweigeschlechtlichkeit setzt
sich auf diesem Hintergrund in allen gesellschaftlichen
Institutionen durch. Mit Hilfe von Psychiatrisierung,
staatlicher Normierung oder alltäglicher
Gewalt und Unterdrückung wird die
"natürliche" Ordnung immer
wieder als natürliche bestätigt.
Durch Ab- und Ausgrenzung kann die gesellschaftliche
Norm sich ihrer Normalität versichern,
indem sie sich immer wieder diesem "anderen"
gegenüber neu definiert und bestätigt.
Zu diesen „Anderen“ gehören
sowohl Transsexen, Intersexen, Kings,
Queens, AlltagsTransen, Queers, als auch
alle, die sich irgendwie mit ihrer alltäglichen
Rolle als Frau oder Mann nicht zufrieden
geben wollen und sich irgendwie anders
performen.
Die Mechanismen, die diese unbändigen
Subjekte unter Kontrolle halten sollen,
reichen auf der "soften" Seite
vom missliebigen Blick, über das
kleinere Stück Bockwurst oder Döner
bis zum Entzug von Zuneigung und Anerkennung.
Dagegen steht die "harte Tour",
die von schwachen Sprüchen gegen
"Schwuchteln" und "Mannsweiber",
über körperliche Gewalt gegen
"Perverse" bis zu Operationen
gegen "abnormale" Kinder führt.
Gewalt hat viele Gesichter, hier können
nur einige erwähnt sein. Wer_Welche
als geschlechtlich uneindeutig seinen
Alltag führt, der_die kennt die kleinen
und großen Techniken der Macht,
die immer wieder dafür sorgen, dass
ich, du oder sie auch das sind was allein
sein darf. Immer wieder werden uns jene
lustvollen Körper, Sexualitäten
und Geschlechtsaufführungen untersagt,
die jenseits der öden Heteroordnung
liegen.
Statt die Pluralität der Geschlechter
anzuerkennen, werden Intersexen schon
in ihren ersten Lebensjahren in ein Geschlecht
gezwungen, über das die Ärzte
zusammen mit den Eltern entscheiden. Operativ
wird dann jener genormte Geschlechtskörper
hergestellt, der allein sein darf. Damit
werden allein in Deutschland 82000 Körper,
Sexualitäten und Liebesspiele verunmöglicht,
blockiert und unterdrückt. So werden
diese Kinder dann durch die Summe der
Vergeschlechtlichungsprozesse, die wir
alle durchlaufen haben und die uns zu
Männern und Frauen machen, zu "richtigen"
Mädchen und Jungen.
4.
Das binäre Geschlechterverhältnis
ist im Patriarchat hierarchisch organisiert.
Kapitalistische Wertproduktion hat grundlegend
zu Hierarchisierung, Heterosexualisierung
und Binarisierung dieses Verhältnisses
beigetragen.
Das
zweigeschlechtliche, heterosexuelle Verhältnis
ist im Patriarchat durch Unterdrückung
und Ausbeutung gekennzeichnet. Die "erste
Welle" und auch die "Neue Welle"
der Frauenbewegung konnten zwar rechtliche
Veränderungen herbeiführen,
doch darunter so etwas wie Gleichstellung
zu verstehen übersieht, dass Herrschaft
nicht nur auf einer institutionellen Ebene
stattfindet. Was gesetzlich als Gleichberechtigung
verankert ist, wird von ökonomischen
und alltäglichen Regulationsmechanismen
wieder unterlaufen. Frauen werden, gerade
auch heute wieder durch den Umbau des
Sozialsystems, in eine untergeordnete
Stellung abgedrängt.
Die Produktionsverhältnisse des Kapitalismus
haben entscheidend zur Festigung des hierarchischen
Geschlechterverhältnisses beigetragen.
Mit der Entstehung des Kapitalismus und
dem Aufstieg der bürgerlichen Klasse
ist auch die Entstehung des Gegensatzes
von Öffentlich und Privat im 18.Jh.
sowie die Vorstellung von sozialer Gleichheit
verbunden. In die Zeit der Herausbildung
dieses Gegensatzes fällt auch die
Entstehung des Zwei-Geschlechter-Modells.
Denn wenn die Frau nicht mehr von einer
überweltlichen Ordnung in eine untergeordnete
Position verdrängt wird, dann muss
ihr inferiorer Status von einer anderen
Seite her begründet werden. Der Seite
der Biologie. In dem Moment als die Vorstellungen
von Freiheit, Gleichheit und Geschwisterlichkeit
ihren Siegeszug antreten wird das Geschlecht
in den Körper eingelagert. Die seit
der Antike herrschende Vorstellung, das
die zwei Geschlechter Mann und Weib im
gleichen Leibe wohnen ist damit an ihr
Ende gekommen
Als Paradebeispiel sei hier an die (europäisch-amerikanische)
fordistische Produktion der 50er und 60er
und die an sie gekoppelte Kleinfamilie
verwiesen. In diesem Produktionsverhältnis
wird die Frau durch ihre Kopplung an das
Familienmodell fast vollständig ins
Private verdrängt. Der Mann als alleiniger
Familienernährer ist vollständig
für die Sphäre des öffentlichen,
des Tauschs zuständig. In diesem
Verhältnis eignet sich der Mann die
materielle, emotionale und sexuelle Reproduktionsarbeit
der Frau an, für die er nicht einmal
zu bezahlen verpflichtet ist. Seine Stellung
funktioniert nur aufgrund dieser mehr
oder weniger verleugneten Abhängigkeit
zur Arbeit der Frau. In dieser Ordnung
sind z.B. lesbische Lebensgemeinschaften
schon aus rein ökonomischen Abhängigkeitsgründen
blockiert.
Mit dem Einsetzen des Postfordismus haben
sich die Produktionsverhältnisse
des Kapitalismus erneut verändert.
Die Flexibilisierung der Produktion und
die Intensivierung der Warenförmigkeit
hat im Zusammenspiel mit sozialen Bewegungen
die Anerkennung neuer Lebensformen mit
sich gebracht. Die traditionelle Arbeitsteilung
und die Trennung von Öffentlich und
Privat verschwinden in diesem Prozess
zunehmend. Dafür sind schwule und
lesbische Pärchen, die meist "Doppelverdiener"
sind, als zahlungskräftige Kunden
entdeckt worden. Die einhergehende Institutionalisierung
der Bewegung bis hin zur "Homoehe"
ist als Aufbegehren gegen eine Zwangsheterosexualität
zwar erfolgreich, jedoch nur um den Preis,
im gleichen Zug Zweigeschlechtlichkeit
sowie bürgerliche Lebensformen zu
festigen.
Heute stehen wir vor dem Dilemma, das
mit einem zunehmend flexibleren Kapitalismus
verschiedene, einander entgegengesetzte
Bewegungen einhergehen. Auf der einen
Seite die Flexibilisierung der althergebrachten
Geschlechterrollen und der Beginn der
Anerkennung neuer Geschlechter, und auf
der anderen Seite die Zementierung der
Geschlechterordnung durch Arbeitsverhältnisse,
bei denen Frauen in den Niedriglohnsektor
als Zuverdienerinnen abgedrängt werden,
gleichzeitig jedoch in der Kinderbetreuung
(die zumeist eben noch von Frauen vollzogen
wird) nicht entlastet und mit der Verlagerung
der Pflege ins Haus sogar noch zusätzlich
belastet werden. Nach wie vor sind die
Durchschnittslöhne in Deutschland
bei gleicher Arbeit für Frauen niedriger
als die für Männer. Lohnarbeit
bleibt einmal mehr Ausdruck und Ursache
eines hierarchischen und binären
Geschlechterverhältnisses.
5.
Unsere Geschlechtermatrix ist auf ein
Wissen angewiesen, das sie legitimiert.
Das zirkulierende Wissen und damit auch
das Wissen über Geschlecht wird von
Männern akkumuliert, codiert und
verwaltet.
Unser
ökonomisches Verhältnis hat
die traditionelle Vorherrschaft des Mannes
im Bereich der Wissensproduktion zur Folge.
Die Kontrolle nahezu der gesamten akademische
Sphäre, in der Wissen akkumuliert
und codiert wird, fällt den Männern
zu. Wissen über Lebensverhältnisse,
Bedürfnisse und Situation von Frauen,
Transgenders oder Migrantinnen ist daher
auch fast immer aus dieser privilegierten
Position angehäuft worden. Das hat
zur Folge, dass die Position der Frau
allein vom Mann aus gedacht wird, der
Mann bildet das normative Zentrum des
Wissensuniversums. Alles, was außerhalb
dieses Zentrums liegt, kann nur im Verhältnis
zu diesem bestimmt werden, so dass es
in dieser Relation immer das minderwertige
und mangelhafte sein wird.
Exemplarisch mag hier Freud stehen: Freuds
Annahmen beruhen auf der bisexuellen Veranlagung
des Kindes. Er gibt an, dass sich die
sexuelle Ausrichtung des kleinen Mädchens
und des kleinen Jungen in der frühen
Phasen der Libidoentwicklung – der
oralen und analen Phase - in gleicher
Weise gestalten. Ihren Höhepunkt
erreicht diese Entwicklung in der anschließenden
phallischen Phase, hier, so Freud, "treten
die Unterschiede der Geschlechter vollends
gegen die Übereinstimmung zurück."
Der Junge verhält sich wie ein Mädchen
und das Mädchen wie ein Junge - so
könnte mensch daraus schließen,
doch bei Freud kommt es ganz anders, er
erklärt uns: "Wir müssen
anerkennen, das kleine Mädchen sei
ein kleiner Mann." Die Übereinstimmung
der Geschlechter, von der Freud spricht,
heißt also nicht mehr als dass das
kleine Mädchen ein kleiner Junge
ist. Warum der kleine Junge sich nicht
wie eine kleine Frau verhalten sollte,
darüber gibt Freud keine Auskunft,
denn der einzige normative Maßstab
den er anwendet und kennt, ist derjenige
der Männlichkeit. Folglich also,
wenn Freud von den "geringen Unterschieden"
der frühen Libidoentwicklung spricht,
in der beide Geschlechter fast, aber noch
nicht ganz gleich sind, dann ist damit
gemeint, dass das kleine Mädchen
nahezu wie der kleine Junge ist, dass
es noch an sich arbeiten muss und dass
es noch nicht an dem Punkt angekommen
ist, den es erst mit dem Eintritt in die
phallische Phase erreichen wird: ein kleiner
Mann zu sein. Die gleiche Entwicklung
der Geschlechter ist für Freud nichts
anderes als die einer einzigen männliche
Entwicklung. Wenn mensch sich nun derart
versichert hat, dass die Entwicklung des
kleinen Mädchens allein als die eines
kleinen Jungen zu verstehen ist, dann
wird die Klitoris zu nichts anderem als
einem kleinen Penis. Weit davon entfernt
ein eigenständiges Organ, mit eigener
Lust und eigenen Möglichkeiten zu
sein, ist die Klitoris am Ideal männlicher
Selbstherrlichkeit gemessen nichts anderes
als ein verkümmertes Genital. Die
masturbatorischen Akte, die das kleine
Mädchen vollzieht, sind von da her
immer nur Nachahmungen einer vollkommeneren
männlichen Sexualität, Nachahmungen
die aufgrund der minderwertigen Ausgangsbedingungen
nie denselben Grad an (männlicher)
Vollkommenheit erreichen können.
In diesem männlich dominierten Sichtweise
wurde Frauen- und FrauenLesbengeschichte
nahezu unsichtbar gemacht. Unser heutiges
(Alltags-)Wissen ist ein Wissen, das bis
heute von einem männlichen Geschlecht
dominiert ist. In diesem Arrangement ist
die Frau, der King oder die Queen immer
das andere, minderwertige, mangelhafte.
Lebensrealität werden so gar nicht
wahrgenommen oder sollte dies doch der
Fall sein, dann schon gar nicht respektiert.
Die Matrix, in der unsere verschiedenen
Körper zugänglich werden, kennt
zwar durchaus zwei verschiedene Geschlechtskörper,
jedoch werden diese immer nur von einem
Zentrum aus gedacht. Es gibt nur eine
normative Folie, von der aus alle anderen
Gestalten als mangelhafte Abweichung gedacht
werden: der weiße heterosexuelle
Mann. Damit gibt es, provokant gesagt,
immer nur ein Geschlecht. Wir sind dagegen.
Kein
Geschlecht oder viele!
Radikal Geschlechtern!
A.G.GENDER-KILLER