Die
Romantische Zweierbeziehung.
Beleuchtung
einer trotzigen linken Praxis
alek
und die katrina von fremdgenese (fremdgenese@yahoo.de)
Intro
Die
romantische Zweierbeziehung (RZB), wie
wir sie nennen. Womit du und ich schon
anzeigen, dass es sie zu kritisieren gilt.
Das weiß man schon, bevor man wissen
kann, wie diese Kritik aussehen wird.
Denn so nennt sie sich nicht selbst. Wir
gehen also erst einmal auf Abstand. Blick
von außen. Der Skandal ist zweifach.
Zwei, nur zwei dürfen mit machen.
Und was das für zwei sein müssen
ist auch klar, es sind ein Mann und eine
Frau. Denn wir alle wissen, woher das
kommt. Man weiß auch schon, wie
das ausgehen wird: reaktionäre, systemtragende
Scheiße, affektive Teilnahme...
Seien
wir ehrlich, hast Du Dir gedacht, und
ich auch. Ehrlich mit uns. Geben wir zunächst
einmal zu, dass wir beide in einer leben,
irgendwie. Es gibt da also schon etwas
zuzugeben. Es gibt da eine gewisse PCness
in der ‚Linken’. Nicht so
viel Rumgeturtel und Knutschen vor den
Freundinnen. Also wieder der Verweis auf
das Private. Und so kommt es, dass die
jungen coolen sich wundern, dass die Intellektuellen
so spießig sind. Wenn schon RZB,
dann doch bitte heimlich und verschämt.
Denn dass die RZB verdammt ausschließend
ist und wer keine hat, das täglich
zu spüren bekommt, das ist Konsens,
oder?
Nehmen
wir RZBs mal als ‚Trotzdems’
an. Als das, was eine lebt, weil sie nur
einmal lebt und weil das, was sie wirklich
will, so in der Ferne liegt, dass es zu
wollen schon ein Wagnis ist. Wir könnten
ein paar Fragen stellen. Naheliegend sind
sicher ‚wozu?’ und ‚woher?’.
Aber das haben schon andere genügend
beantwortet. Wozu Familie? Reproduktion
als ausgelagerte Sphäre, ausgelagert
von der Produktion, unbezahlt, hier findet
Ausbeutung statt, hauptsächlich an
Frauen. Aber wer spricht hier von Familie?
Wir haben uns dann nämlich noch einmal
geeinigt, nämlich dass wir jetzt
hier nicht kritisieren, was keine „von
uns“ mehr lebt und keine mehr erstrebenswert
findet. Zumindest keine, die diesen Text
in dieser Zeitung liest. Wir sprechen
also nicht vom Reihenhaus-Auto-zwei-Kinder-Modell
mit ein- oder anderthalb Verdienerinnen.
Wir schreiben über Leute, die in
WGs wohnen, denen ihre Karriere wichtig
ist, die glauben, dass Frauen und Männer
das selbe können, die nur an Kinder
denken, wenn eine die Pille auskotzt oder
das Kondom platzt (falls das kein Mythos
ist, ist es einer?) und die bereitwillig
zugeben, dass es schon die dritte oder
vierte RZB und sicher nicht die letzte
ist. Von Leuten, denen natürlich
ihre Freundinnen und Freunde wichtig sind,
die genervt sind, wenn sie an Weihnachten
zu ihren Eltern müssen, aber die
selbstgebackenen Plätzchen im Gefühl
wohligen Umsorgtseins dankbar einstecken.
Was hat das jetzt damit zu tun? Alles.
Wir haben uns schon wieder geeinigt: dass
es keinen Sinn macht, die RZB zu zerschmettern,
in den Boden zu reden, fertig zu machen,
wenn wir dann nicht auch mal schauen,
warum eigentlich alle so scharf darauf
sind. Was stimmt nicht mit den Freundschaften,
was stimmt nicht mit den Familien, dass
sie nicht bieten können, was die
RZB uns verspricht.
Es
ist wohl eher die Kombination aus Verlässlichkeit,
Zärtlichkeit, Loyalität, dem
Gegenteil von Einsamkeit, was haben wir
da noch vergessen?
Bisschen
Liebe soll schon dabei sein. Vielleicht
die neue Gretchenfrage: ‚Sag, wie
hältst du’s mit der Liebe?’
denn ganz unromantisch geht das einfach
nicht. So eine RZB die soll doch auch
den ganzen Menschen meinen, es soll jemand
finden, dass ich gut so bin, wie ich bin,
ganz. Und das soll sich der anderen einfach
so aufdrängen, überwältigt
soll sie sein, da sollen Gefühle
sein, im Körper unkontrolliert und
plötzlich. Aber, es soll doch auch
eine Entscheidung sein, für mich.
Da soll ja nicht jemand gegen seinen Willen
sich verlieben. (Ein bisschen gegen den
Willen, denn die Angst vor der Liebe,
die ist ja so romantisch.)
In
einer Stadt wie Frankfurt, wo jede mit
jeder dritten schon mal ‚was laufen’
hatte, wenn dann eine mit dem Ex von der
Ex ihres Ex zusammen kommt, ja da schließt
sich der Kreis: Lasst uns alle eine große
Familie sein. Dann lasst uns über
Polygamie reden. Damals die 68er, die
unglücklichen Frauen und die Männer,
die sich in ihren Harems suhlen. Vielleicht
können wir das jetzt anders machen.
Wer, wir? Eben jede einzelne, die könnte
das. Sind wir jetzt beim Problem, bei
der Vereinzelung der Einzelnen: ‚Individualisierung’?
Wir wagen hier mal eine Bestandsaufnahme,
schauen uns einmal an, was es so gibt
und was damit noch anzufangen ist.
Politik der Bedürfnisse
Wenn
Beziehungen der Ort sind, wo wir aussprechen
können, was unsere Bedürfnisse
sind und wie sie frustriert wurden, dann
können wir einerseits in Situationen
uns selbst kennen lernen und damit umgehen,
andererseits können wir Bedürfnisse
aber auch viel besser auslagern, wenn
wir eine Beziehung haben, die, so stellen
wir es uns vielleicht gerne vor, zuhause
wartet und dann all die Verletzungen und
Enttäuschungen, mit denen wir fertig
werden müssen, im Leben ‚draußen’,
wieder heile, heile macht. Hier wird das
Innen/Außen reproduziert. Denn eines
ist klar, wenn wir alle gar keine Möglichkeit
mehr hätten, ein wenig Zuneigung
zu erfahren, außerhalb der zweckrational
organisierten Institutionen, dann würden
entweder hypersexistische Macker direkt
aus der Hölle empor steigen und alles
kurz und klein schlagen, oder die kleinen
Menschlein direkt nach der Geburt schon
eingehen, wie Blümelein, die niemand
gießt. Es gibt da also bestimmte
Bedürfnisse, die wir auf eine RZB
richten, die wir dort haben und mit denen
dort umgegangen wird. Es sind Bedürfnisse,
die Menschen haben und für die sich
andere nicht spontan zuständig fühlen,
für die die RZB die Institution ist,
weshalb andere Institutionen davon ‚rein’
gehalten werden. Sie richten sich an Menschen
und ob wir ihre Befriedigung kaufen können
ist nicht ganz klar. Ich würde sagen,
das geht nicht, aber da lege ich mich
nicht fest.
Bedürfnisse,
die uns belästigen und erfreuen,
uns umtreiben, antreiben, uns zurück
halten, uns gebieten und verbieten, diese
Bedürfnisse drängen sich auf,
füllen uns aus und lassen uns leer.
Bedürfnisse sind gemacht, gesellschaftlich,
entstehen aus Erfahrungen, werden produziert
in Praxis, werden verschoben in Situationen,
in denen sie nichts zu suchen haben. Sie
sind einfach da und wir müssen etwas
mit ihnen anfangen. Müssen uns verhalten
zu ihnen und mit ihnen. Sie entstehen
aus Gewohnheit und vergehen im Überdruss.
Zu wenig ist nicht genug und zu viel ist
eklig. Zu viel Nähe erstickt, Distanz
hält eine am Laufen, hinter einer
her, die vor ihr flieht. Wenn Bedürfnisse
nicht einfach Natur sind, das Andere des
menschlichen, das Tier, jenseits dem Reich
der Zwecke, gesetzt von der mythischen,
nicht weiter zu diskutierenden Kraft der
Physis, wenn das nicht wirklich so ist,
wie ist es dann? Frühkindliche Beziehungen,
Diskurs, Praxis? Wie auch immer, wenn
wir uns einig sind, dass sie nicht einfach
sind, sondern schwierig, dann lohnt es
vielleicht, sich mit den eigenen und denen
anderer zu beschäftigen.
Wie
sieht es aus mit den Begehren, die uns
umtreiben, so dass wir sie gerne in einer
RZB befriedigen wollen? Sind sie zuerst
da und dann suchen wir eine Befriedigung
und finden einen Menschen, von dem wir
sie erhoffen, so wie der Appetit auf was
Süßes, der uns verweist auf
Schokolade, die so einiges andere auch
noch ist, aber eben auch süß?
Oder lernen wir einen Menschen kennen
und sie weckt Bedürfnisse? Die geschlafen
haben? Oder produziert die Andere ein
Bedürfnis auf sich selbst? Wie ist
das mit dem Begehren, ist es ein Vermissen,
ist es ein Mangel, Schmerz und Verlangen,
muss gestillt werden von dem Abwesenden,
das eine herbeiwünscht und manchmal
kommt es dann? Oder ist dieses Begehren
nicht vielmehr was uns lebendig macht,
sind wir vielleicht vor allem, zunächst
und zumeist ein Begehren, das wild und
fröhlich strebt, sich vervielfältigt
und eine Welt erobert, die es erst schafft?
Oder sind wir beides und Freud hat verdammt
recht, aber nur jetzt, hier heute, wenn
er meine Libido als einen fiesen, zermürbenden
Mangel bezeichnet, der sich ein Objekt
sucht, das ihn ausfüllt. Und vielleicht
hat er recht und eine Beziehung ist immer
dann zuende, wenn die nächste anfängt.
Und wenn? Wer will denn schon so ein scheiß-autarkes,
selbstgenügsames und sich phallisch-trocken
und ungebrochen wähnendes Mensch
sein? Dass es diese Supermänner nicht
gibt, sieht man an ihren Produktionsstätten,
wo sie andere und sich selbst zugrunde
richten.
Ich
bin also verdammt vorsichtig mit der Utopie
einer Autonomie, die ihre Herkunft und
ihre Verletzlichkeit in zerstörerischer
Wut verneinen muss.
Machen
meine Bedürfnisse aus Dir jemanden
(oder: etwas?!)? Stellt sich womöglich
mein Ich her über die Begehren, die
andere an mich richten? Wenn das so ist,
dann sollten wir wohl verdammt vorsichtig
sein, welches Begehren wir auf wen richten.
Aber ist da nicht schon jemand, der mich
zurück weisen kann, mir nicht nur
sagt, ich will nicht, sondern auch, ich
will nicht, dass du willst? Und manchmal
weiß ich dann auch einfach nicht
mehr, ob ich denn wollen kann was ich
nicht wollen darf. Sicher wäre es
hier an der Zeit von ‚Entfremdung’
zu sprechen, wenn damit nicht allzu viel
gesagt wäre, es zunächst nur
bedeuten könnte, dass jemand sich
selbst fremd ist, dass eine nicht Eins
ist, in einer Welt in der es sie zerreißt.
Wo
treten politische Überzeugungen und
Vorstellungen darüber, wie ein gutes
Leben aussehen könnte, in Konflikt
mit den Bedürfnissen, die wir in
unserem Alltag erfahren? Wie viel können
und sollten wir von uns erwarten, an Auseinandersetzung
mit den eigenen Bedürfnissen? Ist
eine RZB der richtige Weg zur Befriedigung,
der Weg der Auseinandersetzung? Was ist
mit dem Bedürfnis, eine solle doch
bitte ein Bedürfnis nach mir haben.
Will ja die andere nicht einfach sehen,
will auch, dass sie mich sehen will. Und,
wenn wir so darüber nachdenken, will
ich auch, dass sie will dass ich sie sehen
will. Jede Menge Reziprozität und
dass es mit der nicht immer hin haut,
ist auch allzu bekannt. Wie gut bist Du
darin, ‚nein’ zu sagen? Sagst
Du, was Du möchtest, auch wenn Du
Dir nicht sicher bist, dass Dein Wunsch
erfüllt wird? Wie gehst Du damit
um, wenn Du ein ‚nein’ zu
hören bekommst? Strafst Du mit Gefühlen
oder mit Schuld? Glaubst Du, dass Du immer
alle Wünsche Deines RZB-Gegenübers
kennen möchtest, um dann zu entscheiden,
ob Du ihr bei ihrer Erfüllung behilflich
sein kannst und willst? Oder möchtest
Du lieber öfters gar nicht behelligt
werden mit Wünschen, von denen Du
findest, Deine RZB sollte sie gar nicht
haben, oder wenigstens für sich behalten?
Heterosexismus
Bisher
habe vor allem ich, aber auch du so geschrieben,
als könnten wir über alle gleichermaßen
schreiben, die sich in RZBs engagieren,
als sei die RZB das gleiche für die
zwei, die als verschiedene teilnehmen.
Denn, dass die RZB eingerichtet ist für
eine Frau und einen Mann, das hatten wir
ja eigentlich gesagt. Das heißt
allerdings nicht, dass sie nicht auch
- so oder so ähnlich - funktioniert,
wenn sich in einer RZB nicht eindeutig
vergeschlechtlichte, gleich- oder ähnlichvergeschlechtlichte
Menschen treffen, so zumindest unsere
Vermutung. Innerhalb einer zutiefst misogynen,
heterosexistischen Gesellschaft ist jedes
Verhältnis, das Menschen miteinander
eingehen durch ihr geschlechtliches Sein
mit geprägt. So müssen sich
beide immer dazu verhalten, es ist ständig
präsent und muss, soll es nicht explizit
Thema sein, doch implizit immer berücksichtigt
werden. Die Verweise auf das Geschlecht
der Interagierenden sind vielfältig
und bestimmen die Bedeutung, die jeder
Handlung, die sie vollziehen, zukommt.
Die Vorstellung, wir könnten unsere
Geschlechtlichkeit in Freundschaftsverhältnissen
‚einfach ignorieren’ ist so
naiv, dass ihre Befolgung in der Praxis
ständig unbewussten und unthematisierbar
gewordenen Sexismen den Weg ebnet.
Die
RZB soll dagegen als der Rahmen für
eine Begegnung mit der ‚ganzen Person’
dienen, intim und jenseits von ‚Rollen’,
fordert Authentizität und damit auch
ein Ausleben des ‚wirklichen’
sexuellen Seins beider Personen. So zumindest
die Idealvorstellung der ‚Linken’
- Beziehungen ohne repressive Referenz
auf ein Geschlecht, das von außen
aufgezwungen wird. Oder?
In
der heterosexuellen Beziehung steht hierbei
der Unterschied im Zentrum der Begegnung.
Denn, bei aller bekundeten Bisexualität
(oder vielleicht auch Polymorphperversität)
richtet sich die RZB mit einer andersgeschlechtlichen
immer auch an das ganz ‚Andere’.
Die meisten sozialen Differenzen werden
in RZBs mindestens so weit raus gehalten,
wie aus Freundschaftsverhältnissen,
nämlich so weit Schließungsprozesse
reichen, das heißt, weitestgehend.
RZBs werden, wie die meisten intimeren
Beziehungen zu Menschen, zumeist innerhalb
eines relativ eng umgrenzten, sozialen
Milieus geschlossen. Nur die Geschlechterdifferenz
ist nicht nur transitiv, sie ist sogar
konstitutiv für den ‚Normalfall’
Heterosexualität. Das heißt
nicht weniger, als dass sich hier zwei
Menschen in einem potentiellen Unterstützungs-
und/oder Ausbeutungsverhältnis begegnen,
in dem sie mindestens sehr verschiedene
Bedingungen mitbringen.
Richtig
schwierig wird es, wenn eine oder beide
ein Bewusstsein davon haben, dass seine
Privilegien und ihre Schwierigkeiten keine
individuell-persönlichen Probleme,
sondern durch ihre jeweilige geschlechtliche
Existenz zu verstehen sind. Dann sieht
sich frau plötzlich in der Position,
einen in seiner Arbeit zu unterstützen,
womöglich auf eine ähnliche
Karriere hinarbeitend wie sie selbst,
in der er qua Geschlecht schon immer einen
kaum zu ermessenden Vorteil hat. Für
sich selbst Einschränkungen hinzunehmen,
damit es ihm besser geht, ihn bekochen
und sich kümmern, wird zum Problem,
wenn das Leben als die gute Hausfrau hinter
den Kulissen der männlichen Arbeitswelt,
das Leben der Mutter und der Großmutter
noch greifbar nah, ihr einen Hauch von
Angst einjagt vor den Gespenstern nicht
weichen wollender Geschlechterverhältnisse.
Zugleich fällt es Frauen im Allgemeinen,
aber auch im Speziellen schwerer, sich
abzugrenzen, Zeit für sich zu beanspruchen,
ihre Arbeit, Politik, Freundschaften,
Interessen ernst zu nehmen. Sie scheinen
immer verfügbar zu sein für
die Bedürfnisse eines männlichen
RZB-Partners, der niemals auf die Idee
käme, seinerseits einen Termin für
sie abzusagen.
Liebe, Freundschaft, Verwandtschaft und
die Gesamtscheiße
Und
somit steht die Einzelne einzeln erst
mal der Gesamtscheiße gegenüber
und ist trotzdem immer schon darin verwickelt.
Aufgewachsen in einer kleinbürgerlichen
Familie mit Schwester und Hund in einem
Vorort, hat sich die heterosexistische
Matrix bereits tief in eine eingeschrieben.
Wie ich mich mit einer solchen Geschichte
als Linke zu Liebe, Freundschaft und Verwandtschaft
ins Verhältnis setze, erscheint dann
als mein eigenes, persönliches Problem.
Diese sozialen Beziehungen, die unseren
Alltag strukturieren und uns als Person
immer wieder ins Spiel/Gespräch bringen,
sind allgegenwärtig und in den linken
Debatten doch meist ausgespart. Natürlich
gibt es die feministische Debatte um care,
es gibt queere Interventionen um selbstgewählte
Verwandtschaft und die Umdeutung von Familienverhältnissen,
es gibt die Kritik an dem Begriff der
Liebe, der offensichtlich total überdeterminiert
ist. Und dennoch macht sich im konkreten
Lebensverhältnis eine gewisse Ratlosigkeit
breit.
Die
Kritik an der RZB muss da ansetzen, wo
sie selbst auch ansetzt, an unzulänglichen
Freundschaftskonzeptionen, an verletzenden
Verwandtschaftsbeziehungen, an den Enttäuschungen
und Demütigungen, die alle aufgehoben
und wiedergutgemacht werden sollen in
einer einzigartigen, tollen RZB.
Romantische Liebe ist…
Vorhin
hast du ja von ein ‚bisschen Liebe’
gesprochen. Pfui, was soll das denn? So
ein bürgerlicher Scheiß. „DIE
Liebe ist eine Ideologie. Die Vorstellung,
daß Liebe romantisch ist (…)
existiert seit der Mitte des 18. Jahrhunderts
und ist ein Produkt der durch die Aufklärung
und die Entstehung der Bourgeoisie und
des Kapitalismus gesellschaftlichen Umwälzungen.
Diese Umwandlungsprozesse erzeugten neue
Produktions- und Reproduktionssphären
und damit auch neue Rollenanforderungen
innerhalb der Produktionsgemeinschaft
"Familie".“ (Arsen 13)
In diesem Zuge setzen sich auch die herkömmlichen
Vorstellungen eines bipolaren Geschlechtermodells,
und biologistische Zuschreibungen an sogenannte
Männer und Frauen durch. Somit wird
die romantische Liebe DIE Ideologie, um
die Anziehung zwischen den unterschiedlichen
Geschlechtern zu naturalisieren. Demnach
findet die romantische Liebe „nicht
im herrschaftsfreien Raum statt, sondern
ist Trägerin herrschaftsförmiger
Ideologie.“ (Arsen 13) Das sollte
ja nun Konsens sein. Aber dir ging es
ja wohl eher um das Gefühl, als ganze
Person mit Fehlern und komischen Füssen
anerkannt zu werden und zwar bedingungslos.
Also etwas, was man vielleicht höchstens
noch von seinen Eltern erfährt. Geborgenheit,
das hat doch jede mal nötig, ohne
gleich einen Vergemeinschaftungsvorwurf
einstecken zu müssen. Für solche
Sachen ist die RZB doch auch ein sehr
angenehmer Ort: Nähe und Körperlichkeit
ohne Scham und ohne Berührungsängste,
Rücksichtnahme auf die Empfindlichkeiten,
Verlassen und Einlassen können. Vertrauen,
dass die andere nicht morgen – oder
zumindest nicht so schnell und ohne Vorwarnung
– mich nicht mehr mögen könnte.
...konservativ: Ort der Auseinandersetzung
und der Vermeidung von Auseinandersetzungen
„[D]er
Mensch liebt die Schwierigkeit nicht;
mit sich selber im Widerspruch, strebt
er gleichzeitig nach Leben und Ruhe, nach
Existenz und Sein; er weiß wohl,
dass die ‚Unruhe des Geistes’
der Preis für seine Entwicklung ist.“
Sich
mit einem anderen Menschen intensiv und
ohne Ausweichungen konfrontieren, sich
mit sich und der anderen auseinandersetzen,
sich ausliefern. Das ist sicher auch ein
Moment an der RZB, das ich nicht nur schlecht
finden kann, denn hier kann auch Veränderung
stattfinden. Hier werden mir meine alltäglichen
Handlungen zurück gespiegelt, erlebe
ich einen anderen Menschen, mit anderen
Hintergründen, der alles ein bisschen
anders sieht und tut. Zugleich wirkt kaum
etwas normalisierender als eine RZB, in
der jede Schrulligkeit ständig Stein
des Anstoßes ist. Und ob wirklich
eine Auseinandersetzung stattfindet oder
nicht doch ein Aussitzen, ob die Hornhautbildung
angeregt wird und die Ohren taub oder
sehr durchlässig werden, ist nicht
immer so eindeutig. Tatsächlich begeben
wir uns aber doch in ein emotionales Abhängigkeitsverhältnis,
in dem wir intensive Bindungen zulassen,
weil wir zu wissen meinen, dass die Andere
nicht einfach weg ist, uns nicht spontan
doof findet. Die Abhängigkeit von
den Gefühlen der Anderen macht uns
zu Bewacherinnen ihrer Persönlichkeit.
Jede unkontrollierte Veränderung
wird zur Gefahr. Das kann auch bedeuten,
dass wir uns unwohl fühlen, wenn
sie neue Erfahrungen macht, Angst haben,
dass sie etwas erlebt, das sie aus unserer
Zweisamkeit emanzipiert oder sie ihren
Charakter ändern lässt, so dass
sie mich oder ich sie nicht mehr mag.
...exklusiv
Dass
die RZB eine exklusive Sache ist, hattest
du ja schon gesagt, doch da gibt es noch
eine Hinsicht, in der das gilt und die
ist nicht ganz unproblematisch. Denn nicht
nur haben andere keinen Anteil an der
zweisamen Gemütlichkeit, sie fühlen
sich auch nicht weiter zuständig
für all die Verletzungen, die sich
(in der Regel?) in einer RZB gegenseitig
- was nicht von vornherein Neutralität
suggerierend ‚gleichermaßen’
heißen soll - angetan werden. Das
Verhältnis Dritter zur RZB der Zwei
ist zumeist bestimmt durch Zurückhaltung.
Staatlicherseits geht das so weit, dass
bis vor kurzem in der Ehe (dem Dinosaurier
unter den RZBs) Vergehen gegen die physische
Integrität der in sie involvierten
Frauen, die im ‚öffentlichen’
Bereich Straftaten sind, gesetzlich als
legitim zugesichert wurden. Doch auch
im informellen Kreis der Freundinnen ist
die RZB eine Art außermoralischer
Raum. Da sie in ihrer Heimlichkeit als
undurchsichtig gilt, ist man und frau
vorsichtig mit Urteilen und Positionierungen.
Die zwei Romantischen sind drinnen und
ich bin draußen. Doch es kommt wohl
mehr noch dazu, dass mit der Freiwilligkeit,
mit der sich eine auf eine RZB eingelassen
hat weiter angenommen wird, dass sie sich
immer noch oder immer wieder freiwillig
darauf einlässt. Die materiellen,
sozialen und emotionalen Zwänge,
die sich in einer RZB entwickeln können,
geraten so schnell aus dem Blick. Schon
bei Freundschaften ist es nicht selten
so, vielleicht eine heimliche Regel, dass
mich das Verhalten meines Freundes gegenüber
einem anderen gemeinsamen Freund nichts
weiter angeht. Ich will nicht ‚hinein
gezogen’ werden. So darf der Betroffene
kaum noch sein Leid mir vortragen, denn
das wäre ja rücksichtslos, würde
mich nötigen und in eine unangenehme
Situation bringen, denn: gestehe ich zu,
dass ihm Unrecht geschah, dann ist der
Schritt so nahe gelegen, den gemeinsamen
Freund danach zu beurteilen, zumindest
emotional Konsequenzen zu ziehen, dass
ich doch lieber gar nicht erst davon hören
möchte. Ausgesprochen hat es wohl
noch selten einer, doch handelt es sich
hier auch um ein Ausweichen vor dem ethischen
Verhältnis, das sich mir immer wieder
aufdrängt im Umgang mit anderen Menschen.
Kritik der Freundschaft
Anscheinend
erwarten also die meisten von ‚Liebe’
mehr als von Freundschaft. Bei uns beiden
war ja schnell Thema, inwiefern die bedingungslose
Liebe und das „im Ernstfall füreinander
da sein“ und sich um einen anderen
Menschen kümmern, eine zentrale Rolle
in der Struktur und im Anforderungsprofil
einer RZB spielt. Natürlich ist das
eine Extremsituation: ich sitze durch
einen Unfall im Rollstuhl oder werde chronisch
krank. Ist die RZB dann immer noch da
und wie lange hält sie es aus? Aber
würde ich es nicht erwarten und sich
die andere verpflichtet fühlen, eben
mehr verpflichtet als die enge Freundin,
die ich schon viel länger kenne und
mit der ich schon so viel erlebt habe?
Können
also Verwandtschaft und Freundschaft Orte
sein, an denen nach der Befriedigung von
Bedürfnissen gesucht werden kann,
die vornehmlich den RZBs vorbehalten sind?
Verwandtschaft bzw. Familie ist hierfür
ein schwieriges Verhältnis, da die
Beziehungen mit diesen Menschen - dem
herkömmlichen Verständnis nach
- nicht selbst gewählt sind und Familie
oft der Ort von physischer und psychischer
Gewalt ist und auch die Funktion von extremer
sozialer Kontrolle übernimmt. In
der queeren und homosexuellen Szene wird
der Begriff Familie auch affirmativ für
eine selbstgewählte Szenegemeinschaft
verwendet, die mehr bedeutet, als nur
zusammen auf Parties und ins Kino zu gehen.
Aber ist das so einfach, sich seine eigene
Familie zusammenzustellen? Rechtliche
und soziale Absicherung und Sorgerecht
für eventuelle Kinder verdeutlicht,
dass hier die institutionalisierte Heterosexualisierung
greift und Einfluss auf mein Leben hat,
auch wenn ich nicht in klassischen heterosexuellen
Beziehungen lebe (Antke Engel). Einige
Möglichkeiten bietet dieser angeeignete
Familienbegriff bei allen Ambivalenzen
wohl schon, wobei die Verhältnisse
des traditionellen Familienbegriffs im
Auge behalten werden müssen: Gewalt,
Zwangsvergemeinschaftung, bürgerliche
Reproduktionssphäre, zentrale Institution
zur Aufrechterhaltung der Gesamtscheiße.
Freundschaft
dagegen ist ein Ort, der individuell aushandelbar
erscheint und daher auch ein unterschiedlich
besetztes Verhältnis ist: Was kann
ich legitimer Weise von einer Freundin
an Nähe, Solidarität oder ähnlichem
erwarten und was nicht? Welche Freundin
nimmt mich in den Arm, wenn es mir schlecht
geht, für welche ist das vielleicht
zu viel des guten? Wie viel Zeit bringe
ich für meine Freundinnen auf, wenn
ich in einer RZB stecke? Sind sie nicht
oft dann Lückenbüßer oder
muss ich mir nicht oft schon Wochen vorher
einen Termin für einen Abend frei
schaufeln?
Die
RZB ist im Gegensatz zu allen anderen
Beziehungen der privilegierte Ort, die
Verabredung, die man als letztes absagt
oder sausen lässt. Damit treten alle
anderen sozialen Beziehungen in ihrer
Wichtigkeit und Intensität hinter
der RZB zurück. Ist einem doch mal
der Fernsehabend mit Freundinnen wichtiger,
bedarf es schon einer Erklärung,
wenn nicht gegenüber der RZB selbst,
dann vielleicht gegenüber anderen,
die das irgendwie komisch finden, wenn
andere Menschen einen so großen
Raum im Leben einnehmen. Aber verlieren
Freundschaften nicht gerade durch diese
exklusive Stellung der RZB an Verbindlichkeit
und Nähe? Gleichzeitig sind Freundschaften
der Ort, an dem Probleme in einer RZB
(oder wegen keiner RZB) verhandelt werden,
wobei die Intensität der Gespräche
wohl eindeutig vom Geschlecht der Freundinnen
abhängt. Wenn Typen nicht mir ihren
FreundInnen über ihre Beziehungen
reden, dann sagt das auch etwas über
deren Freundschaftskonzeption aus. Freundschaften
sind also auch schon immer drin, in and
out.
In
diesen Verhältnissen ist es demnach
unerlässlich, Liebe, Freundschaft
und Verwandtschaft bzw. Familie als Institutionen
zu kritisieren, die ineinander greifen,
sich gegenseitig stützen und überhaupt
erst ermöglichen. Weil Freundschaften
oft wenig auf körperlicher Nähe
beruhen und meistens einen sehr vertrauten
und intimen Umgang ausschließen,
ist das Bedürfnis groß, dies
in Liebesbeziehungen zu finden. Die RZB
ist damit eine hoch aufgeladene Angelegenheit,
in der die intimsten Bedürfnisse,
die geheimsten Wünsche einer Person
zur Geltung kommen sollen. Funktioniert
das in einer RZB nicht, ist dies meist
mit extremen Leiden aller Beteiligten
verbunden. Freundschaften, die sich explizit
und verbindlich kümmern, die Nähe,
Geborgenheit und Zärtlichkeit nicht
ausschließen, könnten so eine
exklusive und aufgeladene Zweisamkeit
auflösen, zumindest deren Dringlichkeit
reduzieren.
Weil
mir lediglich eine Liebesbeziehung mit
einer Person zugestanden wird, stelle
ich alle Erwartungen an Nähe, Geborgenheit,
Sexualität an eine Person, die alle
meine Bedürfnisse befriedigen soll/muss.
Diese Kumulation von Erwartungen an die
eine Person ist natürlich überdimensional
groß. Damit muss ich als Teil der
RZB auch umgehen: Meine Erwartungen an
die andere Person und deren Erwartungen
an mich, die sich ja auch mal gerne diametral
gegenüberstehen können.
RZB, ein informeller Vertrag?
Wie
diese unterschiedlichen Erwartungen von
den Teilnehmerinnen an einer RZB gehandhabt
werden, ist nicht zufällig. Selten
ist es eine Aushandlungssache zwischen
beiden Menschen. Viel eher sind Umgangsweisen
an einen informellen Vertrag ausgerichtet,
der sich stark an geschlechtlichen Zuschreibungen
ausrichtet. Wer was wann und wie in einer
RZB fordern und erwarten kann, richtet
sich demnach nach den geschlechtlichen
und heterosexuellen Anforderungsprofilen
einer „normalen“ Beziehung.
Explizit stimmt diesem Vertrag niemand
zu; das würde wahrscheinlich keine
Linke tun, wenn die informellen Bedingungen
explizit ausgesprochen würden. Implizit
sind Bilder, Vorstellungen und Erwartungen
jedoch sehr wohl präsent, mal mehr,
mal weniger.
Es
gibt eine geschlechtliche Arbeitsteilung
innerhalb von RZBs, die auch in linken
Zusammenhängen erst mal vorausgesetzt
werden muss. Nur weil ich mich entschieden
habe, linksradikal leben zu wollen, sind
nicht die eingeschriebenen Vorstellungen
und internalisierten Anforderungen aus
dem Kopf verschwunden. Gerade weil diese
aber kaum explizites Thema sind und sie
sich eher in Form von einem informellen
Vertrag einschleichen, können sich
Verhaltensmuster und Vorstellungen so
leicht weiter im Alltag und im Imaginären
tummeln. Gleichzeitig ist diese heterosexistische
Arbeitsteilung in ‚linken’
RZBs kaum Gesprächsgegenstand. Denn
heterosexistische Arbeitsteilung ist ja
pfui und es ist ja eh klar, dass wir eindeutige
geschlechtliche Zuschreibungen ablehnen.
Dass ein solcher informeller Vertrag verbunden
mit einer Thematisierungshürde in
vielen Teilen repressiver ist, als einer,
der von allen Beteiligten ausgehandelt
wird, dürfte auch klar sein. Feministinnen
haben diesen Mechanismus, mit dem emanzipierte
Frauen zur Aufrechterhaltung ihres Selbstbildes
die eigene gängig geschlechtliche
Arbeitsteilung innerhalb ihrer Partnerschaft
legitimieren als, „Familienmythos“
benannt (Arlie Hochschild/ Anne Machung).
Das ist die…
…„Diskrepanz zwischen Diskurs
und Praxis“
Angelika
Wetterer beschreibt die „Rhetorik
der Gleichheit“, wie sie sich vor
allem im „<individualistischen
Milieu>, das durch höhere Bildung
und einen urbanen Lebensstil geprägt
ist“ finden lässt. (Das sind
wir, einige von uns!) „Hier und
nur hier dominiert ein neues Leitbild
der Paarbeziehung, das geprägt ist
von Gleichheitsdiskurs, Selbstverwirklichungsanspruch
und dem Modell der Autonomie zweier Subjekte,
die sich im Rahmen einer individualisierten,
egalitären Partnerschaft zusammenschließen
und sich an ihren individuellen Interessen
und Bedürfnissen orientieren, während
tradierte Geschlechternormen jede Legitimität
verloren haben“. Allerdings verweist
sie sogleich auf das Ergebnis vorliegender
Studien: In der Praxis hat sich nichts
geändert. „Aus den expliziten
sind latente Geschlechternormen geworden,
die ihre Wirksamkeit auch daraus beziehen,
dass ihre Problematisierung schwierig
und riskant geworden ist.“ Denn
im Individualisierungsdiskurs sieht sich
diejenige, die mehr aufräumt, sauber
macht und aufmerksamer ist, wenn sie es
offen legt, eventuell noch mit dem Vorwurf
der Spießigkeit konfrontiert. Sie
ist eben noch „veralteten, bürgerlichen
oder gar typisch weiblichen Standards“
verhaftet.
Riskant
ist die Thematisierung der Ungleichheit,
weil das Selbstbild damit ins Wanken gerät
und die großen Hoffnungen, mit denen
das Paar antrat enttäuscht werden.
Verursacht wird nach Wetterers Ansichten
das Fortdauern der Ungleichheiten durch
das „Beharrungsvermögen des
praktischen Handelns“, „tradierte
Verhaltensmuster und Gewohnheiten“
entwickeln und verfestigen sich eben außerhalb
und unabhängig von expliziten Aushandlungen.
Das zentrale Moment in dieser „Logik
der Praxis“ ist das überlegene
"inkorporierte Wissen, über
das die Frauen in Haushaltsdingen verfügen“,
„sie können nicht nur manches
besser, sie verfügen über die
unschätzbare Fähigkeit, einfach
zu sehen, was getan werden muss.“
Neben
dem Kampf ums Spülen und wer als
erste aufräumt oder putzt, gehört
auch zur geschlechtlichen Arbeitsteilung
in RZBs, wer sich emotional mehr einlässt,
wer wen zuerst tröstet, wer für
wen mehr und öfter der seelische
Mülleimer ist. Diese Erwartungen
sind besonders schwer auszuhandeln, da
sich hier nicht so einfach ein „seelischer
Mülleimer Plan“ wie eine Spüluhr
aufhängen lässt. Deshalb sind
die impliziten und internalisierten Geschlechterrollen
hier noch stärker präsent, die
besonders dann ein Problem werden, wenn
man nicht seiner geschlechtlich vorbestimmten
Rolle entspricht. Wenn ich bspw. als Frau
also auf meinen Freiraum bestehe und lieber
auf eine politische Veranstaltung gehe,
obwohl es meinem Freund gerade total schlecht
geht, dann bin ich einfach ungleich mehr
„der Arsch“, als wenn es andersrum
wäre.
Anstatt
einer Aufkündigung ginge es also
eher darum, den impliziten Vertrag explizit
auszuhandeln und für beide transparent
zu machen. Dabei bliebe dies allerdings
wieder nur eine individuelle Lösung
im privaten Raum. Denn bereits vorhandene
Bedingungen, Abhängigkeiten und Hierarchien
spielen bei einer solchen Aushandlung
auch eine entscheidende Rolle.
Letztlich
ist ein Vertrag um ein Ideal herum, das
uns seit Mädchenbeinen an als Romantische
Liebe verkauft wird, nicht auszuhandeln.
Das Ideal verspricht eine Sphäre
frei von Konkurrenz und Verwertungslogik
und genau diese Funktion soll sie auch
erfüllen. Eine Beziehung innerhalb
kapitalistischer Verhältnisse kann
aber nie frei von diesen sein.
Und
wo bleibt da die Romantik? Ja, geht die
flöten, oder was? Irgendwie hat sich’s
gesträubt in mir gegen den expliziten
Vertrag. Denn, dass es nicht funktioniert
mit der Beziehung als dem ganz anderen
kuscheligen Innen, der Belohnung für
den Kampf im bösen K. draußen,
das ist uns jetzt klar geworden, doch
ganz aufgeben? Was genau gibt eine denn
da auf?
Die
Beziehung, in der nicht gesprochen wird,
in der Konflikte vermieden werden müssen,
weil jetzt Kuscheln und Kerzenschein angesagt
ist, in der eine Einigkeit angenommen
wird, die entweder bis zur Trennung nie
in Frage gestellt werden durfte, oder
in einzelnen brutalen Streits sich völlig
bricht und dann vögelnd wieder hergestellt
wird. Diese Beziehung, in der einer meine
Wünsche kennt, noch vor mir selbst,
in der seine Bedürfnisse heilig sind
und meine zurück stecken, wenn er
sie nicht von alleine kennt, in der sie
illegitim sind, weil sie nicht erfüllt
werden wollen, anstatt sie auszuhalten
und auch mal ein bisschen traurig zu sein,
weil einer das, was ich von ihm will mir
nicht gibt. Und einfach mal zuzulassen,
dass meine RZB nicht der Ort ist, an dem
ich alles bekomme, was ich gerne mag und
auch mal Freundinnen fragen, ob ich bei
denen schlafen kann, weil’s mir
nicht so gut geht, auch wenn die RZB zur
Verfügung stünde? Vielleicht
ginge es darum, die Romantik raus aus
den RZBs und rein in die Freundschaften
zu denken. Mehr Rechte für Freundschaften
und selbstgewählte Familien, weniger
Privilegien für die RZB, äh
natürlich ZB.
Gemeinsam leben
Und
jetzt können wir anfangen, uns auszumalen,
wie wir Beziehungen lieber leben würden.
So als Utopie, trotz Bilderverbot, oder
doch nur als Idee, wie das Leben schöner
sein könnte, trotz Gesamtscheiße,
Freundschaften wohl irgendwie als „Trotzdems“
leben: Sexistische Praxen und Verhältnisse
thematisieren, obwohl und weil wir Butler
gelesen haben, den Vertrag vielleicht
noch expliziter aushandeln, sich endlich
trauen, doch mal was anderes auszuprobieren,
ohne alte Fehler zu wiederholen.
Was
ich jetzt sofort will? Ich will gerne
mit Euch reden, über meine Beziehungen
und mit meinen Beziehungen. Will, dass
es nicht gleich peinlich ist, wenn zwei
Leute ein enges Verhältnis haben
und andere sind mit dabei.
Und
ich will in einer WG wohnen, mit ganz
vielen Frauen, wir sollen Kinder zusammen
haben und wir teilen das verdiente Geld.
Ich will...
Ich
will Ich will Ich will Ich will Ich will
Ich will Ich will Ich will Ich will Ich
will Ich will
Das
will ich, was willst du?
Oh,
du hast gesagt ‚keine Bekenntnisse’
und
das finde ich auch.
Literatur
Arsen
13: Manifest der Anti-Liebe. http://ainfos.de/sectionen/crimethinc/Anti-Liebe.html
[dez.04]
Autorinnenkollektiv
GegenBez (2001): Aber Dich gibt’s
nur einmal für mich – Eine
Kritik an romantischen Liebesbeziehungen.
http://talk.to/pakt (Politische Aktionsgruppe
PAKT Erfurt) scheint nicht mehr online
zu sein.
Beauvoir,
Simone de (2003[1951]): Das andere Geschlecht.
Sitte und Sexus der Frau. Hamburg
Bourdieu
(fussnote 2)
Engel,
Antke (2003): Sandkasteträume. Queer-feministische
Gedanken zu Verwandtschaft und Familie.
In: femina politica, Nr.1
Firestone,
Shulamith (1970): The dialectic of sex.
New York
Hochschild,
Arlie/ Machung, Anne (1993): Der 48-Stunden-Tag.
Wege aus dem Dilemma berufstätiger
Eltern. München
Krais,
Beate/ Gebauer, Gunter (2002): Habitus.
Bielefeld
Woolf,
Virginia (1989 [1929]): Ein Zimmer für
sich allein. Frankfurt am Main
Eva
Cyber (1995): „Grenzen der Theorie
sozialer Schliessung? Die Erklärung
der Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern“
In: Wetterer, Angelika (Hg.): Die soziale
Konstruktion von Geschlecht in Professionalisierungsprozessen.
Frankfurt am Main
Wetterer,
Angelika 2003: „Rhetorische Modernisierung:
Das Verschwinden der Ungleichheit aus
dem zeitgenössischen Differenzwissen“;
In: Dies. / Knapp, Gudrun-Axeli (Hg.):
Achsen der Differenz. Gesellschaftstheorie
und feministische Kritik II, Münster
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