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Kotthoff Helga – Was ist doing gender?
In diesem Aufsatz beschäftige ich mich
mit einem Ansatz in der sozialwissenschaftlichen
Geschlechterforschung, der seit den siebziger
Jahren eine Rolle spielt, dem aktionsorientierten
Ansatz des "doing gender." Das
ethnomethodologische Konzept des "doing
gender" war und ist auch für die
interaktionsanalytische Forschung zu Geschlechterverhältnissen
in der Kommunikation folgenreich. Mit der
Fokussierung von "doing" setzt
es kulturelle Inszenierungspraktiken zentral,
nicht biologische Gegebenheiten. Wie körperliche
Materialität in diese Inszenierungspraktiken
eingeht, ist im ethnomethodologischen Ansatz
nicht geklärt. Wer sich mit "doing
gender" beschäftigt, will beschreiben,
wie sich Menschen performativ als männlich
oder weiblich zu erkennen geben und mittels
welcher Verfahren das so gestaltete kulturelle
Geschlecht im Alltag relevant gesetzt wird.
Mit der Betrachtung von "gender"
als kommunikativer Performanz waren interaktionssoziologische
und –linguistische Ansätze von
Beginn an sehr weit entfernt von einer Essentialisierung
von Geschlecht, wie sie z.B. in der französischen
feministischen Theorie von Autorinnen wie
Luce Irigaray (1980) betrieben wurde. Bis
heute ist allerdings nicht ganz klar, welche
Dimensionen des kommunikativen Handelns
als "doing" gefasst werden sollen.
So wird beispielsweise unzureichend unterschieden
zwischen Aktivitäten im Fokus der Aufmerksamkeit
und Habitualisierungen, die nurmehr im Hintergrund
des Handelns der Menschen mitlaufen. Letztgenannte
spielen als Stilphänomene und zusätzliche
Symbolisierungen von sozialen Bezügen
in der Kommunikation eine herausragende
Rolle. Kommunikative Stile und Symbolisierungen
von männlich/weiblich sind Gestaltphänomene;
d.h., dass kein Phänomen allein einen
Stil ausmacht, der etwa als von Männern
oder Frauen präferiert beschreibbar
wäre. Selbst im Bereich der Kleidungssemiotik
müssen wir von Merkmalbündeln
ausgehen, obwohl hier Rock, Stöckelschuh,
Spitzenunterwäsche oder Seidenstrümpfe
konventionell am eindeutigsten der Stilisierung
von Weiblichkeit dienen und entsprechend
auch als Zitationsverfahren genutzt werden.
Bevor ich meine Vorschläge einer Binnendifferenzierung
im Konzept des "doing gender"
und dem davon abgeleiteten des "undoing
gender" ausbreite, gehe ich kurz auf
die "doing"- Forschung ein. Ich
schlage später ein Modell unterschiedlicher
Ebenen der Relevantsetzung von gender vor,
das in dem Bereich Differenzierungen vornimmt.
2. Doing gender.
Das Konzept des "doing gender"
fußt auf Harold Garfinkels "Agnes-Studie"
(1967) und lehnt sich auch an Arbeiten von
Erving Goffman (1977, 1979) an. Beide Autoren
zeigten kulturgebundene Methoden der Geschlechterstilisierung.
Garfinkel verfolgte, wie sich die Transsexuelle
Agnes nach ihrer Operation zur Frau auf
allen Ebenen des Verhaltens in das kulturelle
Frau-Sein im Kalifornien der sechziger Jahre
einübte, darunter auch solche des Gesprächsverhaltens.
So mußte Agnes z.B. lernen, sich in
argumentativen Gesprächen nicht durchzusetzen,
sondern einzulenken. Sie mußte und
wollte es lernen, sich von Männern
bestimmte Höflichkeiten angedeihen
zu lassen und andere selbst zu praktizieren.
Ihr Freund lehrte sie, nicht zu insistieren
und nicht so oft ihre Meinung zu sagen,
weil das unweiblich sei. Garfinkel zeigte
Verhaltensweisen, die damals noch gemeinhin
als Natur galten, als in kultureller Praxis
wechselseitig erzeugtes "accomplishment".
Am Ausgangspunkt der Ethnomethodologie Garfinkels
lag die traditionelle soziologische Frage
nach der Entstehung, Reproduktion und Veränderung
sozialer Ordnung.2 Ähnlich verfolgte
auch Goffman die Dramatisierung einer sexuierten
Sozialordnung (gender display) und erläuterte
das "Arrangement der Geschlechter"
als eine Angelegenheit institutioneller
Reflexivität (1977). D.h., dass das
kulturelle und soziale Geschlecht so institutionalisiert
wird, dass es genau die Merkmale des Männlichen
und Weiblichen entwickelt, welche angeblich
die differente Institutionalisierung begründen.
Goffman hat die differente Inszenierung
von Weiblichkeit und Männlichkeit in
verschiedenen Ausdrucksgestalten beschrieben,
von der Selbstpräsentation des Körpers
(der weibliche Körper zeigt sich in
wertvolle, feine Stoffe und Spitzen gekleidet
selbst als wertvoll und fein, der des Mannes
präsentiert sich als robuster und nüchterner)
bis zu parallelen Anordnungen (Herren- und
Damentoiletten, Herren- und Damendüfte,
Herren- und Damentaschen, Herren- und Damenbekleidung
etc.), in denen die Relevanz von gender
gesellschaftlich so inszeniert wird, dass
es als natürliche Unterscheidung hingenommen
werden kann, die unhinterfragt gilt.3 Gender
arrangements umgeben uns einfach. Ich möchte
betonen, dass vor allem Goffman im Arrangement
der Geschlechter immer mehr gesehen hat
als die einfache Herstellung von Asymmetrie.
So drehen sich Ritualsierungen des Weiblichen
oft um Feinheit, Pflege und Ornamentierung.
Es ist also auch auf Seiten der Frauen mit
Distinktionsgewinnen (im Sinne Bourdieus
1979) zu rechnen (was grosse Teile der gender
studies bis heute ausblenden). Unser symbolisches
Leben ist nachhaltig vom Unterschied zwischen
Frauen und Männern gezeichnet. Namen,
Anredeformen, Sprechstile, Stimmen, Haartracht,
Körperpflege, Körperpräsentationen
symbolisieren ihre Geschlechtsidentitäten.
Keine Darstellung allein reicht ob ihrer
Mehrdeutigkeit jedoch aus, um soziale Beziehungen
zu charakterisieren.
2 Siehe auch Hagemann-White 1993 zur Einführung
in aktionsorientiert-konstruktivistische
Ansätze. 3 Dass die von Goffman dargestellte
Binarität und Asymmetrie der Geschlechter-Ordnung
viel tiefer in der kulturellen Achse von
männlicher Norm und weiblicher Abweichung
Goffman betont die lockere Verbindung zwischen
den Sozialstrukturen und dem symbolischen
Ausdrucksverhalten. Niemand muß zur
Darstellung seiner Identität die volle
Palette der Möglichkeiten ausschöpfen.
Außerdem sind die Darstellungen einem
Wandel unterworfen. Sie bedürfen alle
eines historischen Verständnisses.
Hosen indizieren heute keine Männlichkeit
mehr, Röcke, Spitzenunterwäsche,
Seidenstrümpfe, spitze Absätze
und viele Formen der Ornamentierung des
Körpers aber nach wie vor Weiblichkeit.
Ein Teil der interaktionsanalytischen gender-Forschung
hat sich von Anfang an in der Ethnomethodologie
und der dieser sehr nahestehenden Goffmanschen
Kommunikationssoziologie verortet (West/Zimmerman
1983, 1989, Kotthoff 1992, Günthner/Kotthoff
1991, Crawford 1995, Malone1997). Trotz
der vielversprechenden Anfänge der
Betrachtung von Geschlecht in der Interaktionsforschung
(als Teil der qualitativ orientierten Sozialwissenschaften)
ist die Theoretisierung von Inszenierungsverfahren
der Männlichkeit und Weiblichkeit bis
heute unzureichend gefaßt. So werden
in der konversationsanalytischen Ethnomethodologie
zwei Positionen im Bezug auf "doing
gender" vertreten, die ich beide hier
als unbefriedigend ausweisen möchte:
1.) Einige Ethnomethodologen (so z.B. E.
Schegloff 1997) plädieren dafür,
nur von "doing gender" zu sprechen,
wenn explizit-thematisch auf die kulturelle
Rolle der Geschlechter eingegangen wird,
beispielsweise die Geschlechteretikette
im Gespräch ausdrücklich angesprochen
wird (als Regel "Ladies first",
z.B.).4 Nur dann werde "gender"
von den Beteiligten selbst als Identitätskategorie
relevant gesetzt, denn wir alle haben viele
solche Identitäten, die in den Vordergrund
der Interaktion geholt werden können.
Solche expliziten Referenzen auf Geschlechternormen
spielen aber im Alltag nur eine untergeordnete
Rolle im Vergleich zu Stilisierungen, die
quasi immer mitlaufen und von den Mitgliedern
einer Gesellschaft als Normalität angenommen
worden sind (wenngleich kulturell hergestellt
sind). 2.) Andere Ethnomethodolog/inn/en,
z.B. West und Zimmerman (1989: 126) sehen
gender als "fortlaufendes accomplishment",
das in alle Alltagssituationen eingeschrieben
ist:
(symbolisiert in Ordnung/Unordnung, rechts/links,
gerade/krumm etc.) repräsentiert ist,
zeigt van Leeuwen-Turnovcová 1990
und in diesem Band. 4 Siehe dazu die Debatte
in Discourse&Society 7 (1997) und 8
(1998), in der u.a. Margaret Wetherell und
Michael Billig (in Discourse&Society
10, 1999) Schegloff kritisiert haben. Diese
Kritik deckt sich nur zu einem geringen
Teil mit meiner hier entwickelten. Deshalb
gehe ich darauf nicht weiter ein. When we
view gender as an accomplishment, an achieved
property of situated conduct, our attention
shifts from matters internal to the individual
and focuses on interactional and, ultimately,
institutional arenas. In one sense, of course,
it is individuals who "do" gender.
But it is a situated doing, carried out
in the virtual or real presence of others,
who are presumed to be oriented to ist production.
Rather than as a property of individuals,
we conceive of gender as an emergent feature
of the social situations: both as an outcome
of and a rationale for various social arrangements
and as a means of legitimating one of the
most fundamental divisions of society. Gender
wurde in der Soziologie vorher oft als Rolle
behandelt. Im Unterschied zur Rolle als
situativer Identität sei gender aber
eine "master identity," die sich
durch alle Situationen ziehe. Der Fokus
liegt hier wie immer bei den Ethnomethodolog/inn/en
auf Verfahren des Anzeigens und Bermerkbar-Machens.
West und Zimmerman zitieren Cahill (1986),
der in Kindergartenstudien herausgearbeitet
hatte, über welche Aktivitäten
und Zuschreibungen Kinder gender aktiv annehmen.
So lernen kleine Jungen von etwa 3 Jahren,
es als jungenhaft zu betrachten, dass sie
die Umwelt manipulieren können und
dass das Äussere nicht so wichtig ist.
Mädchen lernen z.B., dass die Ornamentierung
des Körpers mädchenhaft ist. Der
Umgang mit dem eigenen Äusseren und
die Art des Einwirkens auf andere sind erste
gender-Performanzen.5 Den Performanz-Ansatz
(im Sinne der soziologischen Dramaturgie
des Alltags)6, der seit Goffmans Studien
in den Sozialwissenschaften virulent ist,
gilt es im Bereich der gender studies zu
stärken, um die verschiedenen kommunikativen
Ebenen der Zu geschlechtsbezogener Sozialisation
siehe Bilden 1991. 6 Goffman muss als der
Vater der Theorie gesehen werden, nach der
wir uns alle in einem ständigen Strom
wechselseitiger Inszenierungen befinden
(dazu Hitzler 1998 und Willems/Kautt 2000).
In der linguistischen Anthropologie spielt
die Analyse von Performanz des kommunikativen
Handelns seit den siebziger Jahren eine
Rolle (Bauman 1978, 1986). Man geht hier
von der Theatralität des Alltagshandelns
aus, das viele Dimensionen erfasst, die
über den verbalen Kanal der Rede hinausgehen
in Bereiche von Gestik, Mimik, Prosodie,
Körpergestaltung. Später hat Judith
Butler den Gedanken der performativen Konstruktion
von Geschlecht in die Diskussion gebracht.
Sie setzt aber seltsamerweise bei dem Performanz-Begriff
von John Austin an, dem es überhaupt
nicht um diese Theatralität des Alltags
ging, sondern darum zu zeigen, dass Sprechen
sich in illokutiven Akten vollzieht wie
sich entschuldigen, jemanden bitten usw.
In ihrer philosophisch-impressionistischen
Betrachtung kommt auch sie trotz ihres Ausgehens
von inadäquaten Ansätzen dazu,
die Theatralität von gender zu konstatieren.
Die Rolle des Körpers schätzt
Butler als völlig nebensächlich
ein. Bei ihr ist Geschlecht nur diskursiv
konstruiert. Goffman (1979) zeigt hingegen,
wie körperliche Unterschiede in die
kulturelle Differenzarbeit einbezogen werden.
Durch die Anbindung an reale körperliche
Differenz erklärt sich überhaupt
nur die Stabilität des Arrangements
der Geschlechter. Geschlechterstilisierung
besser erfassen zu können, von Kleidung
über Körpersprache (Mühlen-Achs
1993) bis zum Gesprächsstil. Innerhalb
eines solchen Ansatzes können die bisher
im Kommunikationsbereich uneinheitlichen
Ergebnisse verschiedener Studien zum Verhalten
von Frauen und Männern am besten verstanden
werden: Gender-Neutralisierung auf der einen
Ebene kann durch Differenzarbeit auf der
anderen wettgemacht werden. Es ist innerhalb
der Performanz von kultureller Geschlechtlichkeit
mit Umschichtungen zu rechnen. Relevanzrückstufungen
auf der Ebene von Gesprächsstilen können
z.B. auf der Kleidungs- und Kosmetikebene
durch Relevanzhochstufung ausgeglichen werden.
West und Zimmerman distanzieren sich von
Goffman, weil dieser "gender display"
als optional angesehen hatte. Ich ziehe
den Ausdruck "graduell" vor, da
Goffman (1977, 1979) zwischen "sex
class" und "gender" unterscheidet.
Goffman hat betont, der Mann müsse
seine Höflichkeiten im Bezug auf die
Frau nicht ausüben, er müsse die
Spinne nicht entfernen, den Stuhl nicht
hinrücken, das verrostete Glas nicht
aufschrauben. Wenn er es tut, handelt er
im Rahmen einer normativen Geschlechtererwartung,
bestätigt diese somit. Gender beinhaltet
bei Goffman die Dramatisierung einer kulturellen
Idealisierung der maskulinen und der femininen
Natur. Goffman lässt keinen Zweifel
daran, dass diese Natur Kultur ist, nur
eben eine Kultur, die als Natur gesehen
werden will. Darin sind sich West und Zimmerman
mit ihm einig. Uneinigkeit besteht darin,
dass West und Zimmerman "doing gender"
als permanente Inszenierung für unausweichlich
halten, während sich nach Goffman das
gender-System auch mal auf seine Institutionalisiertheit
verlassen kann. Die Menschen können
sich in vielen Formen als männlich
oder weiblich theatralisieren. Sie müssen
aber dieses unendliche semiotische Repertoire
keinesfalls ausschöpfen und sie müssen
es vor allem nicht fortlaufend. West und
Zimmermann gehen von weniger Flexibilität
des Systems aus als Goffman und sie gehen
weiterhin davon aus, dass immer eine Macht-Asymmetrie
das zentrale Differenz-Merkmal konstituiert..
Sie zitieren z.B. die Studie von Pamela
Fishman (1983), die bei einigen Paaren herausgefunden
hatte, dass die Frauen mehr Fragen stellten
und ihre Ehemänner thematisch mehr
unterstützten als umgekehrt. Das sei
"doing gender." In ihrem Artikel
(West/Zimmerman 1989) bleiben ihre Annahmen
über das Ausmass an Verpflichtung,
das auf Menschen lastet, sich in dieser
Weise als normale Frauen und Männer
zu inszenieren, unklar. Einerseits legen
sie Interaktionsformen von Macht und Unterordnung
zwischen den Geschlechtern als unausweichlich
nahe, andrerseits identifizieren sie auf
S. 145 "doing gender" nur als
die Notwendigkeit, der Umwelt eine geschlechtliche
Kategorisierung der eigenen Person zu ermöglichen.
Dies wäre allerdings Goffmans Position,
die sie ja kritisieren wollen. Eine gewisse
Inkonsistenz wird sichtbar. In der frühen
Interaktionslinguistik wurde davon ausgegangen,
Geschlecht sei permanent die relevanteste
Identitätskategorie des Menschen und
würde permanent auch konversationell
inszeniert. Linguistinnen wie Trömel-Plötz
(1982, 1984) operierten mit Begriffen wie
"Frauensprache" und "genderlect."
Als Kennzeichen dieser genderlecte wurden
die Verwendung vieler Höflichkeitsformen
angegeben, Vagheitsmarkierungen vom Typ
"irgendwie" und "oder so",
Sich-Unterbrechen-Lassen, fragende Intonationsmuster.7
Es wurde mit Dichotomien von "kooperativ"
und "konfrontativ" oder von "ich-bezogen"
und "wir-bezogen" gearbeitet.
Ich selbst habe mit der Unterscheidung von
"privatem" und "öffentlichem"
Gesprächsstil gearbeitet (Kotthoff
1997) und meine auch heute noch, dass man
die auffindbaren gesprächsstilistische
Unterschiede zwischen Frauen und Männern
am besten auf dieser Achse unterschiedlicher
Rahmung von sozialen Ereignissen ansiedeln
kann. Nur muß unbedingt gesehen werden,
dass stilistische Präferenzen nicht
in jedem Kontext ausagiert werden. Niemand
spricht kontinuierlich einen "genderlect,"
dessen Merkmale als fester Verbund gemeinsam
auftreten (Günthner 1992, 2001). Die
meisten Menschen verfügen über
eine Vielfalt an Gesprächsstilen, die
sie sitationell unterschiedlich einsetzen.
Sowohl "doing gender" als auch
"undoing gender" sind keine Alltagskategorien
der Gesellschaftsmitglieder, sondern wissenschaftliche
Konstruktionen "zweiter Ordnung"
im Sinne von Schütz (siehe dazu Berger/Luckmann
1966/1977).
3. Undoing gender
Gegen diese Omnirelevanzannahme von gender,
die von weiten Teilen der gender studies
zunächst geteilt wurde, stellte Hirschauer
1994 seine Idee des "undoing gender,"
einer vorübergehenden situativen Neutralisierung
der Geschlechterdifferenz. Er rekurriert
dabei vor allem auf Goffman, der unterschiedliche
Inszenierungsgrade von gender seinerzeit
schon im 7 Siehe Günthner/Kotthoff
1991, Günthner/Kotthoff 1992, Crawford
1995, Günthner 2001, die Arbeiten in
Kotthoff/Wodak 1997, Wodak 1997 und in Baron/Kotthoff
2001 zur Auseinandersetzung mit den frühen
Ansätzen in der linguistischen und
kommunikationswissenschaftlichen Geschlechterforschung.
Blick hatte. Hirschauer (1994: 676) verweist
auch auf die relative Signifikanz der Geschlechterunterscheidung
im Vergleich zu anderen Klassifikationen
wie Alter, Ethnizität und Schicht.
Dass bei allen Identitätsklassifikationen
mit Kreuzungen und Kopplungen gerechnet
werden muss, kann die Interaktionsforschung
nur bestätigen. Als simples Beispiel
kann die Verwendung der Standard-Sprache
in Dialektregionen dienen. Die Achse von
überregionalem Standard (im deutschen
Sprachraum Hochdeutsch) und regionaler Varietät
wird häufig von Menschen genutzt, um
auch geschlechtliche Differenz zu symbolisieren
(Kotthoff 1992). So neigen Frauen in vielen
Gegenden der Welt eher zur Standardsprache
als Männer, die häufiger dialektale
Varietäten sprechen. Die Oberschicht
neigt gleichfalls zum Standard. Die gender-
Symbolisierung ist nicht voraussetzungslos.
Mit der Standardsprache wird Feinheit und
Gebildetheit assoziiert. Er eignet sich
somit, einen Sinn für's Gepflegte zu
suggerieren, der mit Weiblichkeit assoziiert
wird, aber auch mit hohem Status. Er ist
auch die Sprechweise über soziale Grenzen
hinweg, da er hohe Verständlichkeit
garantiert. Die präferierte Varietät
hat außerdem immer mit Praxisfeldern
der Individuen zu tun. Frauen sind z.B.
oft in Berufen tätig, in denen mit
Menschen aus verschiedenen Schichten kommuniziert
wird, z.B. als Verkäuferin, Krankenschwester,
Psychologin, Sekretärin, Lehrerin,
Haushälterin. In diesen Berufen wird
mehr schichtenübergreifend kommuniziert
als beispielsweise im Handwerk oder auf
der Baustelle. Der Dialekt symbolisiert
hingegen eher "in-group" (in vielen
Männertätigkeiten funktional)
und niedrigeres Bildungsniveau und Grobheit
(im Unterschied zu Feinheit). Ohne hier
weiter ins Detail zu gehen sei gesagt, dass
Varietäten gleichermassen Symbolisierungsleistungen
für Schicht und Geschlecht erbringen
(oft auch für Alter), ein Beispiel
also für Kopplung (Kotthoff 1992).
Die zweite Schwäche der Omnirelevanzannahme
ist die mangelnde Unterscheidung von Vordergrund
und Hintergrund der Kommunikation von gender.
Hirschauer (1994) will von Diskontinuität
der Geschlechterkonstruktion ausgehen; sie
bestehe aus Episoden (1994: 677). Darunter
müssen wir und wohl fokussierte Handlungen
vorstellen. "Undoing gender" sieht
er als praktiziertes 'Absehen' von der Geschlechterdifferenz
und das sei auch eine konstruktive Leistung
(S. 678). Hirschauer (2001) dehnt das Konzept
des "undoing gender" auf unterschiedliche
Arten der Neutralisierungsarbeit aus. Heintz/Nadai
(1998) beziehen "undoing gender"
auf größere Aktivitätenkomplexe,
wie z.B. bestimmte Berufstätigkeiten,
die sowohl in ihrem Image als auch in ihrer
Binnendifferenzierung vom Faktor Geschlecht
entlastet sein können. Dies ist ihrer
Studie zufolge z.B. im Berufsfeld der Sachberarbeitung
in der Schweiz passiert. Der Beruf steht
Männern und Frauen gleichermassen offen,
wird gleichermassen ausgeübt. Ich stimme
völlig dem Befund zu, dass es Kontexte
gibt, in denen Geschlecht wenig Rolle spielt,
in den Hintergrund des Handelns tritt. Ich
stimme auch zu, dass dieses Absehen Neutralisierungsarbeit
verlangen kann, die als "undoing gender"
gefasst werden kann. Im flüchtigen
Alltagshandeln ergibt sich die Neutralisierung
von Geschlecht allerdings auch anders, unbemerkt,
hintergründig, wenig "accountable".
Außerdem kann Neutralisierungsarbeit
auf einer Ebene des Handels durch Differenzarbeit
auf einer anderen Ebene ausgeglichen werden.
So übernehmen heute die Massenmedien
die permanente Erinnerung der Welt an die
von ihnen inszenierten Idealbilder von Mann
und Frau, die Omnipräsenz des erotisierten
Blicks auf die Frau. Massenmediale Einflüsse
liegen jenseits des personalen Handelns
der meisten Menschen. Ihre Ausblendung in
den "doing-" und "undoing-"
Ansätzen zeigt uns, dass hier gender
doch sehr stark als individuelles Handeln
gesehen wird (trotz gegenteiliger Behauptungen)
und nicht als gesellschaftliches Verhältnis,
das weit über unser individuelles Gestaltungsvermögen
hinausreicht. Ich nehme für die soziale
Konstruktion von gender eine Relevanzstruktur
an, die quer liegt zu den Polen des 'doing'
und 'undoing'. Ich schlage vor, für
diese Relevanzstruktur von gender fünf
Ebenen zu unterscheiden, die auf unterschiedlichen
Achsen angesiedelt werden können; auf
einer Achse liegen im Hintergrund mitlaufende
bis zu in den Vordergrund der Interaktion
gebrachte Kategorisierungen. Thematisierung
wäre z.B. ein Verfahren der Zentrierung
von gender im Vordergrund der Interaktion.
Im Unterschied zu Schegloff (1997) plädiere
ich dafür, die Relevanz von gender
nicht auf das Thematisieren zu verkürzen,
sondern Inszenierungsverfahren mitzuberücksichtigen,
die im Sinne von Bourdieu (1979, 1990) habitualisiert
worden sind, verkörperlicht und einfach
als soziale Praxis mitlaufend, ohne ins
Zentrum des Bewußtseins zu rücken.
Auf einer anderen Achse spielt die Unterscheidung
von Intentionalität und Nichtintentionalität
spielt eine Rolle. Eine dritte Achse bezieht
sich auf die Art der Involvierung des Individuums.
Wir sind in gesellschaftliche Praktiken
eingebettet, die gar kein "doing"
von uns selbst verlangen. So nehmen z.B.
Massenmedien in unserer Alltagswelt einen
omnipräsenten Raum ein. Sie konstruieren
unsere Bilder von Schönheit, Erfolg,
Gesundheit, Wichtigkeit, Geordnetheit, Reinheit,
Glück und vielem mehr. Die Werbeindustrie
geht z.B. davon aus, dass der durchschnittliche
Mensch im Westen täglich 2000 Reklamen
auf sich wirken lässt (Martin/Schumann
1996). Sie arbeitet mit hochstereotypen
Geschlechterbildern, die quasi unablässig
auf uns einwirken, wenngleich wir keine
monokausalen Wirkungen auf unser Leben ausmachen
können. Wir haben es hier mit genderisierten
Darbietungen zu tun, die die meisten von
uns ausschließlich rezipieren, nicht
produzieren. Wie gehen wir mit Rezipienz
in einem aktionsorientierten Ansatz um?
Ist das "doing" oder nicht?
4. Fünf Ebenen der Relevantsetzung
von gender
4. 1. Normalerweise im Hintergrund bleibend:
"Doing gender" in Stimme und Prosodie.
Beim Sprechen sind Stimme und Prosodie8
der Bereich, welcher am stärksten mit
dem Körper verbunden wird. Diese gender-Differenzen
bleiben normalerweise im Hintergrund der
Interaktion. Frauen und Männer, ja
schon Mädchen und Jungen erkennen wir
sogar am Telefon. Gemeinhin geht man wohl
davon aus, dass im Bereich von Stimme und
Prosodie die Anatomie für Unterschiede
verantwortlich ist. Es gibt auch in der
Tat physiologische Ursachen für Stimmunterschiede.
Frauen haben z.B. im Durchschnitt kürzere
und dünnere Stimmbänder und einen
kleineren vokalen Trakt und sprechen höher.
Je schneller die Vibration der Stimmbänder,
umso höher sind Grundfrequenz und Ton.
Lange, dicke Stimmbänder produzieren
also tiefere Töne. Auch Hormone wirken
sich auf die Stimme aus. Daher kommt es,
dass Männer im Durchschnitt tiefer
sprechen. Beide Geschlechter können
aber eine ganze Bandbreite an Stimmlagen
und Tonhöhen realisieren. Sie nutzen
in der Regel ihre vollen Möglichkeiten
nicht aus (Graddol/Swann 1989: 20). Generell
ist es so, dass im Bereich von Stimme ein
körperlicher Unterschied im Einklang
mit kulturellen Geschlechterimages in eine
Richtung gesteigert wird. Wie jemand spricht,
hat immer mit medizinisch-biologischen Gegebenheiten
zu tun, kann aber auch soziale Bedeutung
annehmen. Wenn wir erkältet sind, nimmt
z.B. Nasalierung zu. Sie kann aber auch
Vornehmheit symbolisieren und über
Erkältungen hinaus als soziale Stilisierung
praktiziert werden. Knaben und Mädchen
erwerben in westlichen Ländern ausserdem
eine teilweise andere Prosodie. Fichtelius
et al. (1980) konnten zeigen, dass Erwachsene
und Kinder, wenn man ihnen in Experimenten
Kinderstimmen vorspielte, zu einem hohen
Prozentsatz sagen konnten,
8 Darunter verstehen wir Intonation, Lautstärke,
Rhythmus, Pausensetzung. ob ein Mädchen
oder ein Junge spricht. Die Stimmhöhen
wurden technisch gleichgehalten. Was sich
unterscheidet, sind Rhythmus, Formantenfrequenz
und die Intonation. Mädchen intonieren
variationsreicher. Andere Arbeiten (Local
1982) zeigten auch, dass Mädchen und
Knaben zwischen fünf und sechs Jahren
sich bereits darin unterschieden, dass die
Mädchen auf dem Nukleus (Hauptsilbe
eines Satzes) mehr steigend und die Jungen
mehr fallend intonierten. Vor allem bei
Fragen und Feststellungen klingt steigende
Intonation10 innerhalb des Wortes mit dem
Hauptakzent freundlicher. Sprechen Sie sich
einmal den Satz "ach, du bist auch
da" mit steigendem und fallendem Ton
auf "auch" vor. Er ändert
seine Bedeutung im Bereich der affektiven
Konnotation ziemlich, weg von freundlicher
Überraschung hin zu nüchternem
Konstatieren. Formantenfrequenzen, Intonation
und Stimme stellen also Phänomene dar,
bei welchen physiologische Unterschiede
durch kulturelle Konventionen stark ausgebaut
werden. Wir wissen bis heute wenig darüber,
wie die geschlechterbezogene Aneignung unterschiedlicher
Formantenfrequenzen, Stimmregister und intonatorischer
Muster bei Kindern verläuft. Im Falle
der Formantenfrequenzen und der Stimmhöhe
haben wir es mit einem physiologischen Unterschied
zu tun, der aber durch soziale Stereotypen
verschärft wird. Je nach Kultur werden
bestimmte Stimmregister für Männer
und Frauen als "normal" eingespielt.
Auch im Bereich der Stimmregister wird also
ein körperlicher Unterschied sozial
überformt. Menschen beherrschen verschiedene
Stimmregister und wechseln diese situativ
(z.B. wird mit Kindern in höheren Stimmlagen
gesprochen). Die Form der Tonhöhenbewegung,
also der Intonation, ist gänzlich kulturell
bedingt. In Sachs' Studie konnten die Geschlechter
auch wesentlich besser anhand von Intonationskonturen
identifiziert werden als anhand von Vokalaussprachen.
Weibliche Wesen nutzen ein weiteres Spektrum
der Tonhöhen und wechseln diese auch
häufiger. McConnell-Ginet (1978) schreibt,
dass unser Stereotyp des weiblichen Sprechens
besagt, dass Frauen stärkere Tonhöhenbewegungen
produzierten, dass sie Töne länger
ausgleiten ließen und stärker
behauchten. In Deutschland kann man dies
z.B. an einem langgezogenen "tschüüüüss"
9 In der Literatur werden häufig chest
register, moderate register und falsett
register unterschieden, wobei das letztgenannte
das höchste darstellt. beobachten,
das Frauen oft beim Abschied geradezu singen.
Wenn Frauen imitiert werden, tauchen diese
Merkmale auf. Sie tauchen auch auf, wenn
Männer als Schwule imitiert werden.
Sie gelten als exaltiert und sind deshalb
abgewertet. Typisch männliche Konturen
können für Imitationen kaum genutzt
werden, da sie als "neutral" gelten.
Stimme und typische Intonationskonturen
gehören zentral zur Individuation.
Sie sind nicht beliebig veränderbar.
Sie werden als Gestaltphänomene wahrgenommen
und sind nur von Expert/inn/en in ihren
Komponenten analysierbar. David Crystal
schreibt: "Intuitive impressions of
effeminacy in English, for example,... are
mainly [based on] non-segmental [features]:
a 'simpering' voice, for instance, largely
reduces to the use of a wider pitch-range
than normal (for men), with glissando effects
between stressed syllables, a more frequent
use of complex tones (e.g. the fall-rise
and the rise-fall), the use of breathiness
and huskiness in the voice, and switchingto
a higher (falsetto) register from time to
time." (Zit. n. McConell-Ginet 1978)
Verschiedene Studien haben inzwischen belegt,
dass Männer und Frauen unterschiedlich
intonieren (z.B. Local 1982), dahingehend,
dass Frauen dynamischer sprechen. Ruth Brend
(1975: 86) schreibt: "Men consistently
avoid certain intonation patterns: they
very rarely, if ever, use the highest level
of pitch that women use. That is, it appears
probable that most men have only three contrastive
levels of intonation, while many women,
at least, have four.11 Men avoid final patterns
which do not terminate at the lowest level
of pitch, and use a final, short upstep
only for special effects....Although they
also use short down-glides ... they seem
in general to avoid the one-syllable long
pitch glides, and completely avoid the reverse
glides on one syllable." Die Intonationsmuster,
die von Frauen verwendet werden, klingen
emotional involvierter und emphatischer.
Man kann ihnen keine klar umrissene Bedeutung
zuordnen, da diese isoliert betrachtet nur
unvollständig konventionalisiert ist.
Sie werden aber als
10 Intonation wird hauptsächlich als
Tonhöhenbewegung wahrgenommen, womit
in der Regel auch Veränderungen in
der Lautstärke einhergehen. 11 Die
Unterscheidung von der- bis vier Tonstufen
muss als Vereinfachung betrachtet werden.
Tonhöhen liegen nicht kontinuierlich
auf einer bestimmten Stufe, sondern stehen
in relationalen Beziehungen zueinander.
Siehe Couper-Kuhlen 1986 zur Prosodie-Forschung.
Kontextualisierungsverfahren eingesetzt
(Couper-Kuhlen 1986). Generell wird mit
stark bewegten Mustern emotionale Expressivität
assoziiert, diese wiederum mit Weiblichkeit.
Im Bereich von Stimme und Intonation gibt
es Symbolisierungen von Männlichkeit
und Weiblichkeit. Diese sind so weit habitualisiert,
dass sie in der Regel nicht als genderisierte
Stilisierung auffallen. Solange die Stimme
im Bereich des kulturell Normalen liegt,
tritt sie nicht ins Bewusstsein. Die Aneignung
stimmlich-intonatorischer Muster kann nur
dann als "doing gender" beschrieben
werden, wenn "doing" auch rein
imitatives Sich-Einüben einschliesst,
das unmittelbar verkörperlicht und
automatisiert wird. Kinder scheinen sich
zunehmend mit gleichgeschlechtlichen Wesen
ihrer Umgebung zu identifizieren und deren
Prosodie frühzeitig in praxi zu übernehmen.
Dieses "doing" ist selten im Vordergrund
des Alltagshandeln, ganz zu Schweigen von
bewusstem Alltagshandeln, sondern läuft
unbemerkt als inkorporierte Normalität
mit. Das heisst nicht, dass diese Ebene
nicht veränderbar wäre. Eine tiefe,
kräftige, wenig bewegte Stimme war
bis vor etwa 25 Jahren in dem Medien Männern
reserviert. Sie verkörpert Autorität
und Sachlichkeit und diese gehörten
zu den Männlichkeitsritualen. Heute
sprechen Frauen, z.B. Nachrichtensprecherinnen
wie Petra Gerster, mit wenig bewegter Intonation
und dunkler, kräftiger Stimme die wichtigsten
Nachrichten (allerdings ist die Stimme gut
als Frauenstimme identifizierbar). Sie erlauben
sich einen paraverbaler Ausdruck, der noch
vor wenigen Jahren viel stärker Männlichkeit
symbolisierte als heute. Die Tatsache, dass
Frauen in Bereichen des öffentlichen
Lebens bestimmte Weiblichkeitsbekundungen
nicht betreiben, heißt aber nicht,
dass dies nicht auch kritisch registriert
würde. Sabine Christiansen hatte als
Nachrichtensprecherin z.B. den Ruf eines
"Eisschranks" (Zeitmagazin Nr.
44, 1993). Dies hat sie allerdings nicht
an einer weiterführenden Fernsehkarriere
gehindert, im Gegenteil. Sehr bewegte, euphorische
Intonationsweisen mit hellen Stimmen gelten
nicht als autoritäts- sondern emotionsbetont.
Frauen in Autoritätspositionen benutzen
hohe Stimmen und bewegte Konturen intuitiv
weniger. In Rhetorikkurse trainieren Frauen
seit vielen Jahren tiefere Stimmlagen.12
Das wäre durchaus als "undoing
gender" zu fassen. Von Männern
westlicher Kulturen werden hohe Stimmen
und eine sehr bewegte Intonation sowieso
weitgehend gemieden (Graddol/Swann 1989:
22 ff.).
12 Vor allem trifft dies auf Politikerinnen
zu. Ich gehe jetzt auf einen weiteren Bereich
der Kommunikation ein, in dem "doing
gender" gleichfalls weit entfernt sein
kann von der bewußten Relevantsetzung
des sozialen Geschlechts durch die Akteure.
Es handelt sich um konversationelle Stildifferenzen,
die aber im Unterschied zum Phänomenbereich
Stimme und Prosodie nicht mit körperlichen
Merkmalen (wie der Größe des
vokalen Trakts) verbunden sind. Der Zusammenhang
von Gesprächsstil und sozialer Mikro-Ordnung
ist auch für die Mitglieder der Gesellschaft
evidenter als der Zusammenhang von stimmlich-prosodischem
Sprechausdruck und Sozialstruktur.
4. 2. Differente Gesprächsstile In
vielen Bereich der Interaktion sind Stilunterschiede
zwischen den Geschlechtern beschrieben worden,
die Männern und Jungen stärker
status- und konkurrenzorientierte Verhaltensweisen
bescheinigen als Mädchen und Frauen
(Maltz/Borker 1991). Ich gehe kurz auf eine
Studie ein, in der es darum geht, wie Männer
und Frauen sich in öffentlichen Zusammenhängen
als Expert(inn)en inszenieren (Kotthoff
1993a, 1997). Verschiedene Untersuchungen
zeigen, dass Frauen dazu neigen, ihre Kompetenz
eher herunterzuspielen und Männer sich
verschiedener Verfahren der Aufwertung und
Überbetonung ihrer Kompetenz bedienen
(Leet-Pellegrini 1980, Holmes 1992, Schmidt
1992, Baron 1998). Solche Unterschiede in
Kommunikationsformen haben nichts mit explizitem
"doing gender" im Sinne von Schegloff
(1997) zu tun. "Doing gender"
steht in Fernsehdiskussionen oder akademischen
Konferenzdebatten, Kontexten also, in denen
Männer berufliche und sonstige Kompetenzen
mehr herausstreichen als Frauen, nicht im
Vordergrund. Trotzdem haben gerade diese
mitlaufenden "feinen Unterschiede"
der Selbstpräsentation einen enormen
Einfluß auf die entstehende soziale
Mikrostruktur (die auch mit weitergehenden
Karriere-Aussichten zu tun haben kann).
Aber die Beteiligten haben oft weder die
Intention, gender zu inszenieren, noch,
ein hierarchisches Gefälle zwischen
Frauen und Männern zu errichten. Ich
habe mich in einem Forschungsprojekt mit
dem Zusammenhang von konversationell hergestelltem
Status und sozialem Geschlecht in Fernsehdiskussionen
beschäftigt (Kotthoff 1993a, 1997).
Die Studie hat gezeigt, dass in vielen Fernsehdiskussionen
Frauen sich eher in Betroffenrollen hineinmanövrieren
und Männer sich in die statushöhere
Rolle des Experten für die anstehenden
Fragen (wenn potentiell beide Geschlechter
in diesen Identitäten agieren könnten).
Die Herstellung dieser Asymmetrie ist folgenreich
für die soziale Ordnung der Diskussion.
Experten bekommen klassischerweise mehr
Redezeit und sie definieren Themen und Standpunkte
und vermitteln diese in der Modalität
des Faktischen. Die Herstellung dieses geschlechterbezogenen
Gefälles ist durch und durch interaktiv,
d.h. Männer agieren von Anfang an als
Experten (werden auch so angesprochen und
aufgefordert), indem sie z.B. ihr Wissen
ausführlich darlegen. Sie treten mit
kleinen Monologen in Aktion, die Belehrungen
enthalten. Frauen erzählen eher von
ihren Beobachtungen oder persönlichen
Erfahrungen (auch wenn sie als Expertinnen
eingeladen wurden). Sie modalisieren ihr
Expertenwissen, zeigen eher eine explorativ-erkundende
Herangehensweise an den Gesprächsgegenstand.
Beiden Geschlechtern werden diese Rollen
aber auch von anderen Teilnehmenden nahelegt.
So werden z.B. Männern von den Moderator(inn)en
eher die Grundsatzfragen zum Thema gestellt;
Frauen fordert man zum Erzählen auf
nach dem Motto: "Wie war das bei Ihnen?"
Wenn eine zur Fernsehdiskussion eingeladene
Expertin kaum in dieser Rolle angesprochen
wird oder sogar daran gehindert wird, ihr
fachliches Wissen auszubreiten, wird für
sie ein niedriger Status mit Unterlegenheit
im Bezug auf kompetente Selbstdarstellung
produziert. Nur: die Beteiligten waren von
diesen Ergebnissen ziemlich überrascht.
Vor allem die Expertinnen, die sich im Rahmen
der Fernsehdiskussion als solche so wenig
inszeniert hatten, waren geradezu entsetzt
über die Wirkung ihres eigenen Verhaltens,
aber auch über das der dominanten Männer.
Die Frauen hatten nicht im Mindesten im
Sinn gehabt, sich als normativ weiblich
untergeordnet zu inszenieren.13 Dieser Status
stellte sich nur her in Relation zu einem
Stil, der eher geeignet war, sich in den
Mittelpunkt der Diskussion zu bringen und
auch dort zu halten. Wer tut denn in einem
solchen Kontext gender? Eine genderisierte
Mikrostruktur ergibt sich nur durch das
Zusammenwirken verschiedener Handlungen
verschiedener Beteiligter. Wir sollten die
so oft proklamierte These, "gender"
sei eher eine soziale als eine personale
Kategorie, ernst nehmen. Es sind mehrere
Mitspieler/innen am "doing" beteiligt.
Das "doing" liegt in den Diskussionen
in einem Aufeinandertreffen von habitualisierten
Stilunterschieden,14 vorgängiger Einladungspolitik
der Sender, der Art der Moderation; es stellt
sich somit mehr oder weniger hinter dem
Rücken der Beteiligten her.
13 Ich hatte im Laufe der Forschung die
Gelegenheit, einige der Expertinnen, die
an den Fernsehgesprächen teilgenommen
hatte, zu dem Gespräch interviewen.
14 Diese sind in der Linguistik vielfältig
beschrieben worden, z.B. Maltz/Borker 1982,
Tannen 1991, 1993, 1994, Schoenthal 1998.
Deshalb war es das erklärte Ziel der
feministischen Linguistik (Schoenthal 1998),
Praktiken aufzuzeigen, mittels derer Frauen
sich in ungünstige Statuspositionen
hineinmaneuvrierten oder manövriert
wurden. Wir gingen davon aus, dass "gender"
oft eine versteckte Dimension des Handelns
ist (Gal 1989, 1995). Diese Ebene von "doing
gender" ist normalerweise nirgends
ausformuliert (im Unterschied zur nächsten),
sie ist den Beteiligten in ihrer gender-Symbolik
nicht unbedingt klar, und sie ist so subtil,
dass sie in der Flüchtigkeit der Situation
nur manchmal bemerkt wird (aber trotzdem
Konsequenzen hat). Ein Phänomen allein
macht kein "doing gender" aus.
In der Forschung zu kommunikativen Geschlechterdifferenzen
wurden oft vorschnell Befunde zur Quantität
der Verteilung bestimmter Phänomene
verallgemeinert, die sich später nicht
halten liessen (siehe James/Drakich 1993
zur Verteilung von Redezeit). So meinten
z.B. West (1979) und und West /Zimmerman
(1983), die Unterbrechung sei immer ein
Zeichen von Dominanz im Gespräch und
Männer würden Frauen systematisch
mehr unterbrechen. Heute haben wir etwa
50 Studien zu dem Thema, die insgesamt zeigen,
dass Unterbrechungen nur im Kontext anderer
Verfahren der Rederechtssicherung als Dominanzstrategie
gesehen werden können (James/Drakich
1993, Kotthoff 1993b). Kein konversationelles
Phänomen allein symbolisiert nur gender
. Trotzdem gibt es nach wie vor Befunde,
die Frauen und Männern in verschiedenen
Kontexten differente Gesprächsstile
bescheinigen (Crawford 1995, Kotthoff/Wodak
1997, Baron/Kotthoff 2001), die gestalthaft
durch eine spezifische Zusammenstellung
verschiedener Phänomene entstehen.
Da im öffentlichen Raum der von Männern
praktizierte Gesprächsstil der Statusorientierung
vorherrscht, müssen Frauen Anpassungsleistungen
an diesen Stil erbringen, wenn sie in dem
Raum erfolgreich sein wollen. Es sind Frauen,
die Rhetorikkurse besuchen, um sich in der
Welt der Männer besser durchzusetzen,
somit ihr stilistisches Repertoire dadurch
zu erweitern, dass sie männlich geprägte
Kommunikationsstile dazulernen (Crawford
1995). Ein erster Schritt der Überwindung
der Beschränkung auf traditionell machtlose
Kommunikationsstile bestand darin, sich
der Verfahren, die frau klein und überhörbar
machen, überhaupt bewusst zu werden
(Lakoff 1973, Key 1975). Der zweite Schritt
war ein Bemühen um eine stufenweise
Adaption an öffentliche, männlich
geprägte Gesprächsnormen der Konkurrenz
um die besten Plätze. Das kann als
eine Form von "undoing gender"
gesehen werden. Obwohl uns historisch-vergleichende
Studien zu konversationellen Stilen fehlen,
muss davon ausgegangen werden, dass in manchen
Kontexten stilistische Angleichungen des
Gesprächsverhaltens der Geschlechter
stattgefunden haben, zum anderen Frauen
heute besser als früher wissen, was
sie in bestimmten öffentlichen Kontexten
erwartet. Im Bezug auf die Terminologie
des "doing" und "undoing"
trifft "undoing gender" auf die
Veränderung der Gesprächsstile
von Frauen eher zu als "doing"
zur Bezeichnung einer unreflektierten, habitualisierten
Gesprächspraxis, deren Bezug zu gender
den meisten Menschen kaum klar ist.
4.3. Doing Gender als Element der Etikette
und der Stilisierung des Körpers Auf
der Ebene von Kleidung, Kosmetik, Frisur
ist "doing gender" zweifellos
verschärft der Fall. Die Uni-Sex-Mode
der 68er gehört völlig der Vergangenheit
an. Selbstverständlich ist Mode als
ästhetisch-medialer Komplex kontextualisiert,
aber von Büro bis Diskothek begegnet
uns die geschlechtliche Differenzarbeit
der Körpergestaltung. "Die oberflächlichen
Hüllen des Selbst" (Richard 1998)
scheinen immer und überall zur Unterstreichung
von sex und gender genutzt zu werden –
und daran hat sich nichts geändert
(Würtz/Eckert 1998). Frauenmode ist
auch heute noch verspielter als Männermode,
arbeitet mit Spitze und Rüschen, einer
größeren Farbenvielfalt, der
Erzeugung von Instabilität, betont
Weichheit der Materialien. Die modische
Differenzarbeit geschieht nicht nur habitualisiert
(im Unterschied zu Ebene 1 und 2), sondern
durchaus auch bewusst wählend. Eine
mächtige Industrie stiftet hier permanent
Identifikationsangebote. Kopplungen von
gender mit Alter sind stark der Fall. Jugend
gibt den Ton an, und für Frauen steht
das Bewahren von Jugendlichkeit mehr denn
je auf der Tagesordnung als ein Bewahren
von Weiblichkeit. Eine gigantische Kosmetikindustrie
sorgt dafür, dass die Ornamentierung
von Gesicht und Körper wesentliches
Kennzeichen der Weiblichkeit bleibt.15 Die
Gestaltung des Äußeren ist unhinterfragt
genderisiert, allerdings graduell sehr unterschiedlich.
Gender hat in diesem Bereich mit Erotik
zu tun, also auch mit biologischem Geschlecht
und Sexualität. Die Geschlechter betonen
die Differenzen, die der Körper hergibt
(Haare, Gesicht, Busen, Beine usw.). Tags
im Dienst betreiben viele junge Leute weniger
Körperbetonung als abends nach Dienstschluss.
Es gibt Spielräume – und die
werden zur Symbolisierung des Selbst und
der Situation genutzt (Würtz/Eckert
1998). Mode ist durch und durch massenmedial
vermittelt.
Das Dilemma besteht darin, dass erst die
Forschungsperspektive den Zusammenhang zwischen
einer hohen Relevantsetzung betonter kultureller
Weiblichkeit und der Vernachlässigung
anderer Perspektiven auf die Welt erhellt.
Zybell (1998) hat sich mit der Frage beschäftigt,
warum junge Frauen in Deutschland auch heute
noch mehrheitlich traditionell weibliche
Berufe mit geringer Entlohnung und hoher
Unsicherheit wählen. Sie kommt zu dem
Schluß, dass die Körpererfahrung
junger Frauen mit ihrer Berufswahl zu tun
hat. Die sichtbaren Reifungsprozesse bei
Mädchen und Jungen in der Zeit der
Adoleszenz sind nicht allein körperliche
Phänomene, sondern kulturell und sozial
vermittelte Ereignisse, die von beiden Geschlechtern
unterschiedlich erlebt werden. Auf die jungen
Frauen wird vor allem von der männlichen
Umwelt ein stark sexualisierter Blick geworfen.
Frauen lernen, ihren Wert an ihre Körpererscheinung
zu binden und fangen an, sich mit der Körperbewertung
zu identifizieren. Die Beurteilung durch
die vom männlichen Blick geprägte
Außenwelt wird zum Dreh- und Angelpunkt
ihres emotionalen Erlebens. Statt sich mit
ihrer beruflichen Laufbahn auseinanderzusetzen,
setzen sie sich damit auseinander, inwiefern
sie den gesellschaftlichen Schönheitsnormen
genügen. Die Arbeit "Scherzkommunikation
unter Mädchen" von Branner (2001),
der langer Kontakt zu 14-16jährigen
Mädchen zugrundeliegt, bestätigt,
dass sich die Kommunikation unter den Freundinnen
sehr stark um Körperbegutachtung (Schlankheit,
Haare, Gesicht, Mode) dreht. Große
Geschäftszweige, wie die Pornographie,
tragen weiterhin dazu bei, dass sich massive
Asymmetrien in die Körperpräsentation
der Geschlechter einschreiben. Der Mann
wird eher als Kunde angesprochen und der
Körper der Frau als Ware inszeniert
wird. Neben der Mode gehören auch Bereiche
der Etikette zum intentionalen "doing
gender." In der Etikette des Hofmachens
und Kontakt-Anbahnens sind in den westlichen
Gesellschaften in den letzten vierzig Jahren
zweifellos Veränderungen in Richtung
auf Rollenangleichung passiert. Während
Dr. Fischer in der Bravo der späten
sechziger Jahre den Mädchen noch empfahl,
ein Taschentuch vor dem Jungen fallenzulassen,
um indirekt ihr Interesse an ihm zu bekunden,
haben heute die Geschlechter vielfältige
Methoden der Interessebekundung gefunden
(Kintzelé 1998). Wie sehr genderisiertes
Hof-Machen in welchen Kreisen derzeit noch
der Fall ist, ist meines Wissens nicht erforscht.
Auf der Ebene der Etikette gibt es durchaus
noch Verehrungsformen wie das Mitbringen
von Rosen und
15 Die Gestaltung des Äußeren
ist in Frauenzeitschriften eines der Hauptthemen,
in Pralinen, das In-den-Mantel-Helfen, Tür-Aufhalten
usw. Das ist "doing gender" im
Sinne von Schegloff (1997). Körperpolitik
hat auch mit Sexualität und ihrer kulturellen
Inszenierung zu tun. Sex und gender sind
nicht so entkoppelt, wie manche in der Tradition
der Arbeiten von Butler meinen.16
4.4. Lokale Geschlechtsneutralität
Kontexte der Neutralität von gender
sind nicht schwer zu finden. Heintz/Nadai
(1998) verweisen auf bestimmte Berufe, die
in bestimmten historischen Phasen entgenderisiert
werden können. Auf der mikro-interaktionalen
Ebene Kontexte der gender-Neutralität
(im Sinne der Irrelevanz von Geschlecht
für die ablaufende Handlung) zu finden
ist recht unspektakulär. Die meisten
Verkaufsgespräche haben beispielsweise
vordergründig mit Geschlecht wenig
zu tun. Selbst in Kontexten von Fernsehdiskussionen,
in denen das Geschlecht der Akteure oft
relevant ist (es werden mehr Männer
dazu eingeladen), lassen sich Neutralisierungen
beobachten. Zwei Diskussionen meines Korpus
zeigen das oben geschilderte geschlechtsnormative
Muster beispielsweise nicht; in einer Diskussion
über die Politik der österreichischen
FPÖ wird für die einzige anwesende
Frau, Hildegard Hamm-Brücher, ein sehr
hoher Status hergestellt. Hamm-Brücher
hält auch Belehrungsvorträge an
die Adresse der anwesenden Funktionäre
der rechtspopulistischen FPÖ. Auch
in der Diskussion "Mein Arzt spricht
nicht mit mir" wird für die beiden
anwesenden Frauen, eine Professorin und
eine Wissensschaftsjournalistin, ein vergleichsweise
hoher Status produziert. Diese beiden Frauen
legen häufig Informationen aus ihren
Fachgebieten dar, aber sie belehren selten
jemanden eines Besseren. Die Diskussion
verläuft kaum nach geschlechtstereotypen
Mustern, da auch die anwesenden Männer
sich in der Mehrzahl kooperativ verhalten.
Das zeigt uns, dass konversationelle Geschlechtsspezifik
nicht starr ist. Allerdings bedarf es für
diese Nicht-Relevanz von gender zahlreicher
Voraussetzungen, z.B. muss in diesem Fall
die Redaktion überhaupt Frauen als
Expertinnen eingeladen haben. Das ist gerade
bei politischen Themen nicht selbstverständlich.
Dann muss die Moderation darauf Männerzeitschriften
nicht, Stuckard 2000. 16 Siehe dazu auch
das Vorwort von Kotthoff und Wodak zu Kotthoff/Wodak
1997 und das Vorwort von Baron und Kotthoff
zu Baron/Kotthoff 2001 hinarbeiten, kein
lokales Statusgefälle aufkommen zu
lassen. Sie darf z.B. "Platzhirsche"
nicht auch noch bestätigen.
4.5. Medienrezipienz als omnipräsente
gender-Folie Und nun abschließend
noch zu einer anderen Ebene unserer Wahrnehmungsstrukturierung,
nämlich der auf die Verarbeitung von
Massenmedien bezogenen. Hier fungiert die
Unterscheidung männlich/weiblich praktisch
als Leitdifferenz. Alle Analysen massenmedialer
Produktionen, seien es Fernsehnachrichten,
Comics, Werbung, Spielfilme, Hochglanzbroschüren,
politische Kommentare oder Bilderbücher
für Kinder zeigen, dass gender relevant
gesetzt wird.17 Genderisierte Glaubensvorstellungen
werden vor allem in der Werbung kontinuierlich
bestätigt, oder anders formuliert:
Gender is done for us. Werbung ist z.B.
omnipräsent. Wir rezipieren sie mit
verschiedenen Bewußtseinszuständen,
oft nebenbei. Sie produziert Idealbilder
der Geschlechter (Goffman 1979). Allein
in USA hat die Werbeindustrie ein jährliches
Budget von 250 Milliarden Dollar (Martin/Schumann
1996). Diese ritualisierten Ausdrucksformen,
die im Alltag zwar als Geschlechterglaubensvorstellungen
und als soziales Geschlecht vorhanden sind,
aber auch unterlaufen werden, sind in der
Werbung hyperritualisiert. In "gender
advertisement" zeigt Goffman anhand
von Bildwerbung, wie normativ und asymmetrisch
die Geschlechterglaubensvorstellungen sind,
welche sie vermittelt. Goffman behauptet,
dass die Aufgabe der Reklamedesigner derjenigen
aller Gesellschaftsmitglieder nicht unähnlich
ist, die ihre sozialen Situationen mit rituellen
Zeichen ausstatten, die eine schnelle Orientierung
der Beteiligten aneinander ermöglichen.
Beide nutzen wahrnehmbare Mittel der Selbstdarstellung.
"Und beide bedienen sich der gleichen
elementaren Mittel: Absichtsbekundung, mikroökologische
Aufzeichnung sozialer Strukturen, anerkannte
Typisierung und gestische Externalisierung
innerer Reaktionen".(1981: 116) Goffman
analysiert dann Bildmaterial. Er zeigt,
wie auf Reklamefotos relative Größe
eingesetzt wird, um Dominanz und Unterordnung
zu signalisieren. Er vergleicht dargestellte
männliche und weibliche Berührungen
von
17 Zur Werbungsanalyse siehe Schmerl 1992
und Willems/Kautt 2000. Gegenständen.
Der Mann packt an, z.B. die Jägermeisterflasche,
und hält sie fest. Frauen deuten Berührungen
oft nur an. Statt des utilitären männlichen
Zugriffs zeichnen sie nur die Linien eines
Gegenstandes nach. Weibliche Selbstberührungen
sollen das Gefühl vermitteln, dass
der Körper etwas kostbares sei. Wenn
auf einem Bild Mann und Frau direkt zusammenarbeiten,
dann übernimmt der Mann die Leitung
der Aktivität. Man sieht den Herrn
Doktor eine Tabelle lesen und die Krankenschwester,
welche auch einen Blick von der Seite darauf
wirft. Frauen werden oft abgebildet, wie
sie Hilfe annehmen. Er hilft ihr aus einer
Schaukel heraus und läßt sie
von seinen Weintrauben abbeißen. Der
Mann bietet sicheren Halt. Häufig steht
die Frau an ihn gelehnt. Die Frau liegt
oft, Männer sind höher arrangiert.
Liegende Stellungen sind ein konventioneller
Ausdruck von Hilflosigkeit und sexueller
Verfügbarkeit. Erhöhte räumliche
Standorte symbolisieren höhere soziale
Ränge. Frauen werden auch oft in Schräghaltungen
gezeigt, Männer in geraden. Schräge
Kopfhaltungen vor allem gelten als Ausdruck
von Demut. Willems und Kautt (2000) haben
in der Tradition von Goffmans Dramatologie
und Bourdieus Konzept des Habitus eine qualitative
Analyse von ca. 3200 Werbeanzeigen, die
zwischen 1989 und 1997 geschaltet wurden,
durchgeführt. Mediengenres wie Werbung
gehört für sie zu den "Mega-Bühnen
(...), auf denen alltagskulturelle Sinnbestände
(re-)präsentiert werden" (2000:
349). Sie stellen sowohl die Frage nach
der kulturellen Reflexivität von Werbung
als auch die ihrer sozialisatorischen Produktivität.
Zunächst halten sie fest, dass die
Darstellung weiblicher Erotik (und der in
der Regel fehlende Produktbezug) nach wie
vor zu den universalen Werbestrategien gehört.
Die so häufig konstituierte Blickordnung
der Werbung mit der spärlich bekleideten
Frau im Zentrum des Bildes "potenziert
in gewisser Weise die alltägliche Blickpraxis,
indem sie die Limitierungen, denen der männliche
Blick in 'pragmatischen' Kontexten unterliegt,
eliminiert" (2000: 350). Die abgebildeten
Frauen wenden sich scheinbar an den sie
betrachtenden Mann, der zum unsichtbaren
Helden der Szenerie wird. In der Darstellung
von Frauen häufen sich symbolische
Impressionen von Zartheit, Zärtlichkeit
und Empfindlichkeit. Sie geraten ständig
in Euphorie über Kleinigkeiten, womit
das Schema des Kindes als Grundmodell bestätigt
wird. Der Mann hingegen wird affektgedämpft
und selbstkontrolliert gezeigt, somit die
Eltern-Seite der Folie repräsentierend.
Als weiteres Beispiel der Bestätigung
dieser nach wie vor dominanten Ausrichtung
der Werbung führe ich Radiowerbung
an, weil mir das ein Anknüpfen an meine
Ausführungen zur Prosodie und zur Stimme
erlaubt. Auch die Radiowerbung hyperritualisiert
sowohl Rollenverhalten als auch intonatorische
und stimmliche Sprechstile der Geschlechter
(Furnham/Schofield 1986, Kotthoff 1994b).
Wir finden einen der Bildwerbung sehr ähnlichen
Impressionismus vergeschlechtlichter Emotionalität.
Es gibt in der Radiowerbung verschiedene
Formen von Werbe-Spots, z.B. kurze Ansprachen
an die ZuhörerInnen, kurze Dialoge,
kurze Dialoge, kombiniert mit einer direkten
Ansprache, Songs, szenische Vorführungen
mit Geräuschen und Ausrufen, Anrufungen
in Marktschreierform u.a. Männerstimmen
dominieren in der Radiowerbung ganz generell.
Von den 50 Werbe-Spots, die ich 1994 aufgezeichnet
habe, bestehen etwa 55% aus Ansprachen.
Diese werden zu 95% von Männern gesprochen.
Etwa 45% der Werbung enthalten Dialoge,
davon wird 80% mit einer direkten Ansprache
(voice over) kombiniert. Diese voice overs
kommen zu 98 % aus männlichem Mund.
Sie verkörpern in der Regel die Stimme
der Autorität, welche abschließend
das Produkt empfiehlt. Thematisch ist die
Arbeitsteilung der Geschlechter in der Radiowerbung
hochgradig stereotyp. Bezugnahmen auf technische
Seiten eines Produkts kommen nur aus männlichem
Mund. Autos, Bier, Wissenschaft und Technik
werden nur von Männerstimmen angepriesen,
Mineralwasser, Versicherungen, Ladenketten,
Lebensmittel und Wohnungsinventare hautsächlich
aus männlichem Mund. Frauenstimmen
treten in der Werbung zur Hälfte singend
in Erscheinung. Sprechende Frauen spielen
hauptsächlich bei Kaffee, Unterhaltungszeitschriften,
Schokolade, Kosmetik, Katalogen, Reinigungsmitteln
und Reisen eine Rolle. Besteht der Spot
teilweise oder gänzlich aus einem Dialog
und ist dies ein Beratungsdialog, so findet
sich die Frau zu 95% in der Rolle der Fragenden.
Der Mann wird als der ratgebende und aufklärende
Experte inszeniert. Steht irgendein Mißgeschick
im Zentrum des Geschehens, so ist sie es,
die sich beunruhigt, Angst und Staunen zeigt,
bis er die klärenden Worte äußert,
welche das Produkt oder die Einrichtung
benennen, welche die Probleme lösen.
In der Radiowerbung findet sich insgesamt
eine Portraitierung der Geschlechter, welche
derjenigen in der Bildwerbung entspricht.
Über Dialogrollen, Stimmen und Intonation
wird dem Mann Autorität, Kompetenz
und Sachlichkeit zugeordnet und der Frau
Emotionalität, Hilflosigkeit und Instabilität.
5. Schluß: Habitualisierung –
Inszenierung - Rezipienz
Es ist völlig unbefriedigend, wie Schegloff
(1997) "doing gender" auf die
Ebene des expliziten Hinweisens auf Geschlechternormen
festlegen zu wollen. Diese Ebene ist lediglich
die am stärksten evidente, die dem
Bewußtsein am besten zugängliche.
Sie ist in der Etikette lebendig (Ebene
3). Die hier am Beispiel von Prosodie und
Stimme (Ebene 1) und stilistischer Status-Inszenierung
(Ebene 2) dargestellten Unterschiede nehmen
die meisten von uns in der Regel schlicht
als Persönlichkeitsunterschiede war
oder als Kompetenzunterschiede, d.h. gender
ist nicht im Vordergrund der Aktivität
– und das ist genau das Problem. Es
muß zumindest als anderer Typ von
"doing" gefaßt werden, wenn
man bei der Terminologie bleiben will. Es
ist die Aufgabe der Interaktionsforschung,
den hier subtil im Hintergrund liegenden
Genderismus aufzudecken. Für die Aktivitäten
der Ebene 1 und 2 scheint mir Bourdieus
Habitualisierungsbegriff geeigneter. Bourdieu
(1979) bezeichnet den Habitus als ein System
dauerhafter und übertragbarer Dispositionen
zu praktischem Handeln (dt. 1987: 98). Sein
Schlüsselkonzept bei der Genese des
Habitus ist das der Inkorporierung der Kultur,
der Geschichte, der Umwelt. Kollektive Dispositionen
werden von den Menschenkörpern einverleibt,
ohne in ihr Bewußtsein treten zu müssen.
Lebensbedingungen erzeugen den Habitus über
unmerkliches Vertrautwerden und spielerisches
Einüben in Praktiken jenseits von Erklärungen.
Explizite Überlieferungen treten hinzu.
Dazu kommen Genderismen, die die meisten
von uns nicht selbst erzeugen, z.B. solche
der Massenmedien (z.B. der Werbung), die
wir kontinuierlich rezipieren (Ebene 5).
Sinnvoll erscheint mir am Ansatz des "doing"
nach wie vor, dass er das Augenmerk auf
die Gemachtheit der Leitdifferenz lenkt.
Dabei bleibt er allerdings im Subjektivismus
befangen, da die Produktion der Distinktion
zu stark im individuellen Aktionsradius
angesiedelt wird. Die völlige Ausblendung
körperlicher Unterschiede zwischen
Frauen und Männern suggeriert eine
Instabilität der Geschlechternaturen,
als sei dieser unaufwendig umkodierbar.
Mit einem solchen Diskursidealismus ist
schlechterdings nicht zu erklären,
wieso Massenmedien unablässig mit der
Formung erotischer und sexueller Bedürfnisse
arbeiten. Die ganze historische Stabilität
der Verhältnisse lässt sich besser
verstehen, wenn man die Ankoppelbarkeit
des Kulturellen ans Natürliche in Rechnung
stellt (Tyrell 1989). Am stabilsten sind
Unterschiede, deren Natürlichkeit gut
plausibilisiert werden kann. Das heißt
nicht, dass die Natur der Kultur vorgängig
ist, eher umgekeht: die Kultur kann rückgebunden
werden an biologische Phänomene.Wir
müssen ja nicht nur die Variabilität
von Geschlechterverhältnissen erklären,
sondern auch ihre historische Stabilität.
Auf vielen Ebenen findet Wandel statt. Dieser
folgt aber keinem eindeutigen Trend. Es
gibt Relevanz-Zurückstufung von gender:
Frauen bedienen sich heute tieferer Stimmregister
als früher; Frauen setzen sich sogar
gegen die aktuelle Gruppendynamik als Expertinnen
durch; auch die Bedeutung von Geschlechteretikette
tritt in vielen sozialen Milieus in den
Hintergrund. Andrerseits bescheren uns Mode
und Massenmedien ein auf Schönheit
fixiertes Frauenbild und ein wesentlich
vielseitigeres Männerbild. Vermutlich
fungieren sie heute als einer der wichtigsten
konservativen Faktoren im Erhalt von Geschlechter-Asymmetrie.
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