Was ihr von mir wollt, das kotzt mich
an
Bulimie
als weibliche Überlebensstrategie
- eine Gratwanderung zwischen Verweigerung
und Anpassung
Joana Rivas
Seit
Mitte der 80er Jahre boomt in den westlichen
Industriemetropolen die Essstörung
Bulimie, die davor weder ein gesellschaftliches
noch in fachpsychologischen Diskussionen
ein nennenswertes Thema gewesen war. Die
Betroffenen sind zum großen Teil
Frauen und ihre Anzahl steigt mit zunehmender
Tendenz. Diese Form des gestörten
Essverhaltens steht im Kontext sich verändernder
Leitbilder und Anforderungen an Frauen.
Sie ist eine mögliche Überlebensstrategie
gegen Normierungsdruck und struktureller
(sexualisierter) Gewalt und sollte Konsequenzen
für linke Politik haben.
Der Begriff des Überlebens in der
feministischen Theorie und Praxis
In
der feministischen Theorie und Praxis
ist der Begriff des Überlebens eng
gekoppelt an das Weiterleben nach einem
Angriff auf die psychische und physische
Unversehrtheit durch sexualisierte Gewalt.
Für die neue Frauenbewegung der 70er
Jahre in Westeuropa und den USA war die
Auseinandersetzung mit und Thematisierung
von Gewalt gegen Frauen und Mädchen
ein konstituierendes Element. Dieser Diskurs
verlief ausgehend von der Analyse eigener
Betroffenheit hin zu dem Kampf um die
gesellschaftliche Verankerung des Wissens
über das Ausmaß und die Folgen
sexualisierter Gewalt. Der Begriff des
Überlebens meint in diesem Zusammenhang
konkret das Überleben von sexualisierter
Gewalt in der Kindheit (sexueller Missbrauch[1]);
Überlebensstrategien sind Bewältigungsmechanismen
solcher Übergriffe.
Sexualisierte
Gewalt ist in verschiedener Form und Ausprägung
aus Sozialisation und Lebensalltag nicht
wegzudenken. Jede Frau hat Erfahrungen
in diese Richtung gemacht – sei
es durch die sexualisierte Darstellung
von Frauenkörpern in den Medien,
die alltägliche Objektivierung auf
der Straße durch Blicke, Sprüche,
Antatschen oder durch verschiedene Formen
sexuellen Drucks, Vergewaltigung oder
das Erleben sexuellen Missbrauchs in der
Kindheit. All dies lässt sich als
ein Kontinuum von struktureller und sexualisierter
Gewalt gegen Frauen begreifen.
Untersuchungen
zur Häufigkeit sexualisierter Gewalt
kommen zu dem Ergebnis, dass jede 4. bis
7. Frau vergewaltigt und jedes 3. bis
4. Mädchen sexuell missbraucht wird[2].
Sexuelle Übergriffe bedeuten für
die Betroffenen das Erleben von Ohnmacht
und Hilflosigkeit, die Enteignung des
eigenen Körpers und somit die Erfahrung
kompletter Fremdbestimmtheit. Dadurch,
dass v.a. sexueller Missbrauch meist in
engen, eigentlich vertrauensvollen Beziehungen
passiert und dem Kind die Wahrnehmung
abgesprochen wird, dass etwas geschieht,
das nicht in Ordnung ist, sind häufige
Folgen Misstrauen, Wahrnehmungs- und Selbstzweifel,
Schuldgefühle und das Erleben des
eigenen Körpers als etwas nicht zu
sich Gehörendes und Abzulehnendes.
Überlebensstrategien
nach sexualisierter Gewalt in der Kindheit
Im
Zusammenhang mit solchen Traumatisierungen
werden verschiedene Formen von Bewältigungsmechanismen
entwickelt. Diese Überlebensstrategien
lassen sich grob als innerpsychisches
Erleben oder als Verhaltensweisen beschreiben,
die sich als funktional erweisen, mit
diesen Erfahrungen umzugehen und die Wucht
der sie begleitenden Gefühle und
Erinnerungen wegzudrängen bzw. ein
Ventil dafür zu finden.
So
wird mittlerweile von PraktikerInnen in
der Entstehungsgeschichte von Essstörungen,
selbstverletzendem Verhalten[3], dissoziativen
Störungen[4] sowie bei Drogenabhängigkeit
(speziell bei Polytoxikomanie[5]) von
der hohen Bedeutung traumatischer Erfahrungen
ausgegangen. Frauen-Sucht-Beratungsstellen
oder Therapieeinrichtungen berichten nach
langjährigen Erfahrungen davon, dass
kaum eine ihrer Klientinnen nicht Überlebende
von sexuellem Missbrauch ist. Gemeinsam
sind allen diesen „weiblichen“
Strategien der Verlust des Zuganges zu
sich, den eigenen Gefühlen, Bedürfnissen,
Wünschen und Grenzen, eine gestörte
Körperwahrnehmung (häufig sich
als viel zu dick und unförmig zu
erleben) oder das Gefühl, den Körper
gar nicht mehr zu spüren sowie diverse
Komponenten von Autoaggressivität
und des Kampfes gegen den eigenen Körper.
Essstörungen
als weibliche Bewältigungsstrategie
In
diagnostischen Leitlinien werden drei
Formen der Essstörung voneinander
unterschieden, die Adipositas (Fresssucht)[6],
die Anorexie (Magersucht) und die Bulimie
(Fress-Kotz-Sucht). Anorexie und Bulimie
beginnen meist in der Pubertät und
werden durch den „ganz normalen
Diätwahn“ ausgelöst, den
fast jede 13/14-Jährige kennt. Die
Mädchen erleben sich als zu dick
und fangen an, Essen zu reglementieren.
Schon die Betrachtung des typischen Beginns
macht deutlich, dass es simplifizierend
wäre, erlebte Traumatisierung als
einzigen Erklärungsansatz heranzuziehen.
Nicht jede bulimische oder anorektische
Frau ist Überlebende von sexualisierter,
psychischer oder physischer Gewalt –
aber alle Betroffenen führen mit
dieser Symptomatik eine Auseinandersetzung
um ihre weibliche Geschlechtsrolle. Gerade
in der Analyse von Essstörungen müssen
neben traumatischen Hintergründen
die gesellschaftliche Zuweisung und hierarchische
Bewertung von Geschlechterrollen, darüber
entstehende Idealbilder und Bewegungsräume
betrachtet werden.
Bei
der Magersucht wird die pubertäre
Diät zur dauernden Kontrolle und
Verweigerung der Nahrungsaufnahme und
führt zur lebensbedrohlichen Abmagerung
- mit dem gleichzeitigen, subjektiven
Gefühl, viel zu dick zu sein. Feministische
psychologische Interpretationen dieser
Essstörung sehen darin die Ablehnung
aller weiblichen Körperformen als
Ausdruck der Ablehnung der geschlechtlich
zugeschriebenen Rolle. Durch die absolute
Kontrolle der Nahrung erlangen die Frauen
das Gefühl von Autonomie und Stärke
– die ihnen anders nicht zugestanden
wird. Gleichzeitig wird in dem Abmagern
auch die innewohnende Ambivalenz deutlich:
während meist von den Betroffenen
Unabhängigkeit und Eigenständigkeit
betont werden, strahlt der Körper
Schutz- und Hilfsbedürftigkeit aus.
Im Abhungern jeglicher weiblichen Rundung
liegt eine Pseudosicherheit gegenüber
objektivierenden Sprüchen, Blicken
und Übergriffen.
Während
die Magersucht als Symptomatik seit langem
bekannt ist, tauchte die Bulimie in größerem
Ausmaß erst in den 80er Jahren mit
dem Wandel des Bildes von und der Anforderungen
an Frauen in westlichen Industrieländern
auf. Bulimie ist gekennzeichnet durch
regelmäßige Fressattacken,
in denen viel Nahrung nahezu verschlungen
und hinterher wieder erbrochen wird. Meist
als das Diätmittel schlechthin entdeckt,
verselbständigt sich die Symptomatik
zur Suchtstruktur, die das Leben der Betroffenen
bestimmt. Nicht selten erfolgen solche
Attacken mehrmals täglich, die Frauen
fühlen sich diesem Drang ausgeliefert
und können dem nichts mehr entgegensetzen.
Dies wird verheimlicht, oft weiß
nicht einmal das engste Umfeld Bescheid.
Auch äußerlich ist den Frauen
nichts anzusehen, da der Körper bulimischer
Frauen meist dem gängigen Schönheitsideal
entspricht. Die Betroffenen verkörpern
häufig das Ideal der „modernen
Frau von heute“ – attraktiv,
stark, unabhängig und erfolgreich.
Parallel dazu existiert ihre abhängige,
unkontrollierte und heimliche, ihre bulimische
Seite. Während einerseits die Anpassung
an geschlechtsspezifischen Normierungsdruck
im Vordergrund steht, erfolgt andererseits
die Rebellion dagegen, die aber in autoaggressiven
Verhaltensweisen verharrt und nicht nach
außen dringt – was wiederum
eine Form der Anpassung ist.
Die
anerkannte Frau ist heute beruflich erfolgreich,
durchsetzungsfähig, autonom und aktiv
– und gleichzeitig, je nachdem,
in welcher Rolle sie gerade gefragt ist,
ist sie beziehungs- und männerorientiert.
Diese Anforderungen sind teilweise extrem
widersprüchlich – und frau
geht immer das Risiko ein, falsch zu sein,
falsch zu handeln – was eine immense
innere Spannung erzeugen kann. Gemeinsamer
Bestandteil weiblicher Idealbilder ist,
dass frau sehr genau spüren soll,
was andere von ihr erwarten und sich daran
ausrichten soll. Sie soll ihren Wert über
die Anerkennung anderer, statt aus sich
und ihrem Tun heraus beziehen. Nach wie
vor steht und fällt diese Anerkennung
unabhängig von jeder Rolle für
Frauen mit ihrer körperlicher Attraktivität
und diese ist nahezu gleichgesetzt mit
Schlanksein. Das Schönheitsideal
für Frauen hat sich zu einem Idealkörper
entwickelt, der für kaum eine Frau
ohne Diät und Hungern – und
oftmals nur mit Hilfe von Saugapparaten
und Silikonimplantaten - erreichbar ist.
Dabei geht es nicht um einen natürlichen,
sondern um einen makellos straffen, gertenschlanken
und doch wohlgerundeten, letztendlich
künstlichen Body. Als Paradigma der
inzwischen unterschiedlichen Zivilisierungstechniken
steht nicht mehr der gekleidete, physisch
und unmittelbar durch das Korsett gehaltene,
sondern der nackte, durch Fitness, Disziplin
und Diät gezähmte Frauenkörper.
Die
bulimische Symptomatik ermöglicht,
optisch sowohl dem Schönheitsideal
als auch dem Bild der starken Frau zu
entsprechen und gleichzeitig eigene Bedürftigkeit,
den Wunsch nach Anlehnung und Sicherheit
über das Fressen ohne Ende zu stillen.
Durch das Erbrechen großer Nahrungsmengen
wird schließlich wiederum die Unabhängigkeit
von solchen Bedürfnissen gewahrt.
Das Erbrechen bringt eine innere Entspannung
von Widersprüchen, dient als Ventil
für geschluckte Wut und die Anpassung
nach außen wird wieder neu möglich.
Durch die Körperkontraktionen wird
der für viele nicht mehr fühlbare
Körper gespürt und wieder für
einen kurzen Moment als zu sich selbst
gehörend erlebt.
In
Familien von Bulimikerinnen taucht überdurchschnittlich
häufig sexueller Missbrauch auf.
Über die Konzentration auf Essen
und Erbrechen kann eine Betäubung,
Unterdrückung und Abspaltung negativer,
mit den sexuellen Übergriffen zusammenhängender
Gefühle wie Angst, Ohnmacht, Wut
und Schmerz erreicht werden. Das Erbrechen
kann als ein symbolischer Versuch gesehen
werden, sich von diesen Gewalterfahrungen
zu reinigen. Der Hass und die Aggression,
die eigentlich dem Täter gelten und
ihm gegenüber nicht ausgedrückt
werden dürfen, werden auf den eigenen
Körper gelenkt.
In
der Bewältigungsgeschichte ausgeprägter
Essstörungen spielt das Bedürfnis,
sich selbst jenseits des Normierungsdrucks
zu entdecken, eine zentrale Rolle. Eigene
Wünsche, Träume, Sehnsüchte,
Grenzen kennen und spüren zu lernen
– diese spontan nach außen
zu tragen und unabhängiger vom Urteil
anderer zu werden, ist für die allermeisten
wesentlich gewesen, die Symptomatik hinter
sich lassen zu können.
Essstörungen
lassen sich jedoch nicht ausschließlich
durch diagnostische Kategorien erfassen.
Sich dauernd zu sorgen, zu dick zu sein
und den eigenen Wert darüber zu bestimmen,
immer wieder nicht bis zum Sättigungsgefühl
zu essen, stolz darauf zu sein, in der
letzten Woche dreimal abends nichts gegessen
zu haben und sowieso seit Wochen auf Schokolade
zu verzichten, sich immer wieder an Kleidergröße
36 bis 38 zu messen und eine Krise zu
bekommen, wenn eine Hose nicht mehr passt
– all das ist Bestandteil des Lebensalltags
vieler, auch linker Frauen. Kaum eine
Frau ist frei davon. Es wäre aber
falsch, zu behaupten, dass essgestörtes
Verhalten und die Betroffenheit von komplexen
gesellschaftlichen Anforderungen und Schönheitsidealen
ein ausschließlich weibliches Problem
darstellen. Zunehmend verändert und
verstärkt sich auch für Männer
der körperbezogene Normierungsdruck.
Seit einigen Jahren nimmt auch die Zahl
bulimischer und magersüchtiger Männer
kontinuierlich zu. Gesellschaftliche Rollenerwartungen
sind auch für Männer nicht mehr
eindeutig und in sich konsistent, durch
Erwerbslosigkeit, einer neoliberalen Umstrukturierung
von Arbeits- und Lebensverhältnissen
entstehen neue Anforderungen und Verunsicherungen
– auch für Männer könnte
die Entwicklung einer manifesten Essstörung
zu einer Art der Bewältigung dessen
werden.
Offensichtlich
ist auch, dass Essstörungen fast
ausschließlich in reichen Ländern
vorkommen. Die historische und kulturelle
Voraussetzung dafür, Ernährung
als Konfliktlösungsstrategie einsetzen
zu können, Essen zu verweigern oder
dieses in großen Mengen zu verschlingen,
um es hinterher wieder zu erbrechen, ist
der materielle Überfluss und die
beliebige Verfügbarkeit von Nahrung.
Genauso benötigt ein bestimmter Körper-
und Fitnesskult gute ökonomische
Bedingungen. Falsch ist jedoch, in diesem
Zusammenhang durch moralisierende Argumentationen
die Betroffenen anzugreifen und damit
deren subjektives Leid abzuwerten, da
die bulimische Symptomatik eine Überlebensstrategie
vor dem Hintergrund massiver Konflikte
und teilweise Traumatisierungen –
eben in einer Wohlstandsgesellschaft –
darstellt.
Ausblick
auf eine mögliche linke Politik
In
linken Zusammenhängen werden Essstörungen
genauso wie andere psychische Konfliktlösungsstrategien
unterschätzt und tabuisiert. Besonders
für die bulimische Symptomatik, das
„Verschwenden von Essen“,
existiert kaum Verständnis. Die Trennung
von Öffentlichem und damit Politischem
und Privatem ist wieder rigider geworden.
Essstörungen werden als „psychische
Macken“ kategorisiert und im Privatbereich
verortet. Da die Heimlichkeit bei der
Bulimie ein Kennzeichen der Symptomatik
darstellt, besteht in einem solchen repressiven
und moralisierenden Klima die Gefahr,
dass die Spaltung in eine äußere
angepasste Fassade und das andere, „bulimische
Ich“ und damit die Isolation der
Betroffenen weiter verschärft wird.
Eine
Änderung dieser Situation kann jedoch
nur auf der Grundlage einer selbstverständlichen
und eindeutigen Positionierung zu jeder
Form struktureller Gewalt erfolgen und
dem Begreifen psychischer Symptomatiken
als einer Konsequenz und einer Strategie
des Überlebens solcher Erfahrungen.
Die gesamtgesellschaftliche Tendenz eines
modernisierten patriarchalen Backlash
schlägt sich aber auch in innerlinken
Diskussionen nieder: Frauen, die für
das emotionale Klima bei Diskussionen
scheinbar zufällig zuständig
werden, gesellschaftliche Analysen, die
uneindeutig gegenüber bis blind für
strukturell und konkret gewalttätige
gesellschaftliche Verhältnisse sind,
Meinungen, vor allem von Jüngeren,
wie „das Patriarchat gibt es nicht
mehr“, Positionen, die Argumente
wie „Missbrauch mit dem Missbrauch“
oder solche der „false-memory-bewegung[7]“
aus den USA aufgreifen[8], sind linke
Normalität. Auch körperlicher
Normierungsdruck spielt besonders in der
gemischtgeschlechtlichen Linken (wieder)
eine erstaunlich große Rolle: Körper-
und Fitnesskult nehmen zu, Sport hat für
viele nicht mehr in erster Linie die Spaß-,
sondern eher die Bodybuild-Funktion. Die
Ansprüche linker Subkulturen, sich
im Lebensstil und Verhalten von „den
anderen“ zu unterscheiden, sind
längst harter Realität gewichen
- schöne neue Linke: erfolgreich,
flexibel, reflektiert und optisch mit
den diversen Anforderungen kompatibel.
Die linke Frau ist alles andere als „ein
Weibchen“, hat einen frechen Spruch
auf der Lippe, macht Kampfsport und setzt
sich auf jeden Fall auch durch. Anerkennung
ist für alle, egal ob Mann oder Frau,
immens an äußere Attraktivität
gekoppelt.
Für
eine Linke, die eben nicht in individualistische
Zuschreibungen verfallen will, sondern
das strukturelle gewalttätige Moment
von Gesellschaft betont, ist es unumgänglich,
über die Existenz, Gründe und
Zusammenhänge von Bulimie zu diskutieren
und damit eine Atmosphäre der Normalität
zu prägen, die es den Betroffenen
möglich macht, über ihre Probleme
zu sprechen und sich Unterstützung
suchen zu können. Wichtig dafür
ist eine selbstverständliche und
eindeutige Positionierung zu jeder Form
von struktureller Gewalt und das Begreifen
von psychischen Symptomatiken als eine
Form von Überlebensstrategien bei
solchen Erfahrungen. Ein Ansatzpunkt könnte
sein, den Fokus auf das der Symptomatik
innewohnende Element der Rebellion zu
legen – und in engeren Kreisen mit
den Betroffenen gemeinsam Strategien zu
entwickeln, wie dieses Element nach außen
gelangen kann. In der persönlichen
Auseinandersetzung mit der eigenen Sozialisation
unter geschlechtsspezifischen, kulturellen
und ökonomischen Bedingungen, der
Analyse gesellschaftlicher Strukturen
und ihrer individuellen Verinnerlichung
liegen Chancen dafür, die Reproduktion
von Machtstrukturen zu verhindern. Da
diese immer subtiler zu Tage treten, wird
ein politischer Ansatz, der gesellschaftliche
Stereotypen offensiv angreift und im politischen
Alltag anders lebt, wie dies beispielsweise
schon in der Transgender-Bewegung versucht
wird, immer wichtiger.
Joanna
Rivas
--------------------------------------------------------------------------------
[1]
Der Begriff des sexuellen Missbrauchs
von Kindern ist grundsätzlich kritisch
dahingehend zu hinterfragen, da im wörtlichen
Sinne Missbrauch das Gegenteil von Gebrauch
bedeutet und deshalb im Zusammenhang mit
sexuellen Übergriffen auf Kinder
eigentlich falsch ist. Sexualität
von Älteren mit Kindern bedeutet
immer sexuelle Gewalt, da es keine positive
Sexualität mit Kindern gibt.
[2]
Auch viele Jungen sind betroffen von sexuellem
Missbrauch (jeder 10. bis 15. Junge).
Da dies ein Artikel über Essstörungen
als weiblicher Überlebensstrategie
ist (mehr als 90% der Betroffenen sind
Frauen) wird hier nicht explizit darauf
eingegangen.
[3]
Das Ritzen bis hin zum massiven Schneiden
und Brennen des eigenen Körpers dient
zum einen als Ventil, inneren Druck abzubauen.
Zum anderen gelingt es manchen, über
den Schmerz den nicht mehr fühlbaren
Körper wieder zu spüren.
[4]
Dissoziation ist das Gegenteil von Assoziation
bzw. beide bilden die Pole eines Kontinuums.
Die Dissoziation ist eine Störung
oder Veränderung der normalen integrativen
Funktionen von Gedächtnis, Identität,
Emotion und Bewusstsein. Die Änderung
kann plötzlich oder allmählich
auftreten und vorübergehend oder
chronisch (= dissozative Störungen)
sein. Chronisch wird sie dann, wenn die
Psyche verhindern muss, dass bestimmte
Verbindungen existieren. So bedeutet bspw.
Depersonalisation, sich selbst, dem Körper,
dem Handeln gegenüber immer wieder
fremd zu fühlen, gar nicht in sich
drin zu stecken. Eine weitere Form der
dissoziativen Störungen ist die sog.
multiple Persönlichkeit, bei der
voneinander unabhängige Identitäten
gebildet werden, die nichts voneinander
und demzufolge auch nichts über die
Erfahrungen der anderen wissen.
[5]
Polytoxikomanie bedeutet, alles und in
unterschiedlichsten Mischungen zu konsumieren,
um eine größtmöglichste
Distanz zur Realität zu schaffen.
[6]
Da es um „weibliche“ Überlebensstrategien
geht, werden hier die Anorexie und ausführlicher
die Bulimie dargestellt, die beide zu
über 90% bei Frauen auftreten, während
bei der Adipositas kein geschlechtsspezifischer
Unterschied feststellbar ist.
[7]
Diese Bewegung geht davon aus, dass der
Großteil von Erinnerung an sexuellen
Missbrauch oder den rituellen Missbrauch
in satanischen Kulten in der Therapie
durch die Therapeutin suggeriert würden
und ausschließlich darüber
die hohe Anzahl an Betroffenen zu erklären
sei.
[8]
Ein Beispiel hierfür ist der Artikel
von Ingo Way in der Zeitschrift Bahamas
(Nr. 34).
|
|