Die Infragestellung der rigiden binären
und zwangsheterosexuellen Geschlechterordnung
durch lesbischwule und feministische Theorie
und Praxis hat zumindest einen begrenzten
Rahmen für Sicht- und Existenzweisen
geschaffen, die den ge-schlechtlichen
und sexu-ellen Normen nicht gerecht werden
wollen. Trotzdem existiert bislang so
gut wie keinerlei Wahrnehmung, Wissen
oder gar bestätigende Aufmerksamkeit
für diejenigen, die eingespielte,
dominante "Wirklichkeiten" und
Wahrnehmungsraster verwirren.
Grenzen
der Wahrnehmung
Die
Verweigerung von Stimme und Sichtbarkeit
in den Medien oder in Buchpubikationen
verdoppelt die gesellschaftliche Ignoranz,
die Intersexuelle gegenüber ihren
Lebensre-alitäten erfahren. Wie ist
es zu erklären, dass die Medien diesem
Thema mit derartiger Abwehr begegnen?
Ist es deshalb so schwierig Öffentlichkeit
herzustellen, weil es nicht nur darum
geht, Akzeptanz für eine angebliche
"Andersheit" zu erlangen, sondern
weil Intersexuelle die "Normalität
des Normalen" fragwürdig machen?
Auch in feministischen Kontexten besteht
nur begrenzt die Bereitschaft, die eigenen
normativen Standards zu reflektieren,
und Intersexuelle als mögliche TeillnehmerInnen
feministischer Politik und Bewegungen
anzuerkennen. Zwar werden inzwischen weitgehend
einhellig Machtdifferenzen und Heterogenität
unter Frauen betont - und damit auf eine
vereinheitlichte Kategorie"Frau"
verzichtet. Wer aber "Nicht-Frau"
ist, scheit weiterhin klar zu sein. Eine
Verwischung der Grenze stellt nicht nur
für diejenigen Ansätze, die
Politik im Namen von Frauen zu machen
gedenken, sondern auch für diejenigen,
deren Analyse und Perspektive in einer
Geschlechter-differenz gründen, eine
Provokation dar. Doch selbst queerfeministische
Kontexte, denen zwangsheterosexuelle oder
sonstwie normierende Geschlechter- und
Sexualitätskonstrukte ein Dorn im
Auge sind, verstehen sich nicht unbedingt
als Forum für die Anliegen Intersexueller.
Deutlich ist jedenfalls, dass sich feministische
Medien für Genitalverstümmelungen
als alltäglicher medizinischer Praxis
in modernen westlichen Gesellschaften
nicht interessieren, während - häufig
rassistisch gefärbte - Beiträge
über "unzivilisierte" Praktiken
der Klitorisbeschneidung und Verstümmelung
in einigen afrikanischen Staaten durchaus
zum bewährten Repertoire zählen.
Dabei ließe die Aufmerksamkeit für
gewaltsame Geschlechtsvereindeutigungen
im Rahmen westlicher Medizin sowohl diese
ethnographischen Diskurse in anderem Licht
erscheinen, wie sie auch die Diskussionen
über sexuelle Misshandlungen von
Kindern um einen bedeutsamen Aspekt erweiterte.
Allerdings scheint der Blick auf die Gewaltförmigkeit
der Geschlechterverhältnisse augenblicklich
sowieso nicht gerade hoch im Kurs zu stehen.
Auch in feministischen Kreisen werden
die Thesen zur Konstruiertheit und historischen
Veränderung von Geschlecht häufig
so interpretiert, dass eine Zufälligkeit,
Freiwilligkeit und individuelle Definitionsmacht
hinsichtlich der Geschlechtsidentitäten
zu bestehen scheint. Geschlecht wird nicht
selten verhandelt als eine Frage von Geschmack
und Stil, die in veränderlichen Inszenierungen
auf der Gesellschaftlichen Bühne
zur Aufführung kommt. Einzig mangelnde
finanzielle und kulturelle Ressourcen
werden als (individuell) beschränkende
Faktoren anerkannt, während die psychischen
und körperlichen Spuren einer Lebensgeschichte
oder soziale bzw. materielle Sanktionierungen
bestimmter Existenzweisen scheinbar zu
vernachlässigen sind. Demgegenüber
lässt der Blick auf die medizinischen
und sozialen Gewaltmechanismen, mittels
derer Intersexuellen eine geschlechtliche
Eindeutigkeit im Rahmen der Binären
Ordnung aufgezwungen wird, die Rede von
Freiwilligkeit, Wahl und spielerischer
Veränderung zynisch erscheinen. Möglicherweise
liegt einer der Gründe für die
fortdauernde Ignoranz genau darin, dass
die Zurkenntnisnahme der gesellschftlichen
Praktiken gegenüber Intersexuellen,
das befreiende Versprechen einer weniger
schicksalshaften Bindung an die eigene
Geschlechtlichkeit sehr fragwürdig
machen würde.(2)
Eigentlich ist es absurd, dass aus queer-feministischer
Perspektive fortwährend postuliert
wird, dass Zweigeschlechtlichkeit weder
naturgegeben noch notwendig sei, und doch
diejenigen, die die gesellschftlichen
Methoden zur Herstellung geschlechtlicher
Eindeutigkeit am eigenen Leib erfahren,
übersehen werden. Die Auseinandersetzung
mit Intersexualität ermöglicht
es aufzuzeigen, wie mühselig es ist,
die scheinbar selbstverständliche
Auffassung, es gäbe zwei, genau zwei
Geschlechter und es sei "natürlich"
entweder "Mann" oder "Frau"
zu sein, mittels sozialer Technologien
immer wieder abzusichern. Daß nur
wenige die rigide geschlechtliche Norm
tatsächlich erfüllen, bleibt
ohne Bedeutung, denn es existiert ein
breites Spektrum an Interventionen, begonnen
bei selektiver Wahrnehmung bis hin zu
gewaltsamen medizinischen Praktiken, die
die Zweiheit als kulturelle Selbstverständlichkeit
sicherstellen. Deutlich wird, dass Geschlecht
nicht allein diskursiv oder psycho-sozial
hervorgebracht wird, sondern gleichermaßen
im direkten Zugriff auf die Körper.
Das
Heilungsgebot
Die
Pathologisierung von Intersexuellen ist
die Kehrseite der Medaille, dass welche
in der Illusion schwelgen, geschlechtlich
eindeutig zu sein und dem Normalitätsideal
zu entsprechen. Die Pathologisierung kann
somit als rhetorisch-praktischer Mechanismus
verstanden werden, der verhindert, dass
die binäre geschlechtliche Ordnung
in Frage gestellt wird. Indem das Phänomen
in den Begriffen von Krankheit und Fehlentwicklung
formuliert wird, bestätigt sich indirekt
die "Normalität", die via
"Heilung" angeblich zu erreichen
sei. Führt eine sich vor Augen, welch
immense soziale Ausgrenzungseffekte auch
die Krankheitszuschreibung und die Unterwerfung
unter das Heilungsgebot beinhalten, so
stellt sich die Frage, ob es nicht einfacher
wäre, Kinder Erwachsene würden
lernen, mit geschlechtlicher Uneindeutigkeit
zu leben. Insofern dies noch nicht einmal
als Denkmöglichkeit zugelassen ist,
drängt sich der Eindruck auf, dass
es bei den geschlechtlichen Regulierungen
keineswegs um die Interessen der Beteiligten
geht, sondern darum, die hierarchischen
Geschlechterverhältnisse abzusichern,
indem deren Verunsicherung verhindert
wird.
Im Zuge der politischen Organisierung
Intersexueller und der Kämpfe gegen
rigide Geschlechter- und Sexualitätsnormen
entstehen Sichtweisen, die das historisch
und kulturell veränderliche und gleichzeitig
doch zwanghafte Funktionieren von Geschlecht
und Sexualität als soziale Konstruktion
erklären. Das heißt auch, dass
sich Interpretationsraster hinsichtlich
dessen, wie Intersexualität verstanden
wird, berändern. Statt als Pathologie,
als eine krankhafte Abweichung, die in
die Zuständigkeit der Medizin fällt,
wird Intersexualität zu einem gesellschaftlichen
und politischen Phänomen: einer Existenzweise,
die mittels der binären Geschlechternorm
zugleich hervorgebracht und "verboten"
wird.
Welche Denk- und Lebensmöglichkeiten
eröffnen sich, wenn eine davon ausgeht,
dass Zweigeschlechtlichkeit ein gesellschaftliches
"Ideal" darstellt, das sowieso
nur wenige erfüllen, und dessen "Notwendigkeit"
gesellschaftlich definiert ist? Was heißt
das im Hinblick auf Möglichkeiten
und Grenzen von Veränderung der Geschlechterverhältnisse
und politische Strategien, die sich nicht
auf Parodie und Maskerade, aber auch nicht
auf eine toleranz-pluralistische Anerkennung
des "Anderen" beschränken?
Akzeptanz
oder Destabilisierung
Was Öffentlichkeitsstrategien betrifft,
so lassen sich zwei Herangehensweisen
unterscheiden: diejenige, die im Sinne
einer sogenannten Minderheitenpolitik
Anerkennung für Intersexuelle als
einer "eigenen", somit wie auch
immer bestimmbaren, gesellschaftlich unterdrückten
Gruppe fordert, und diejenige, die die
Aufmerksamkeit auf die Uneindeutigkeit,
Veränderlichkeit und Widersprüchlichkeit
geschlechtlicher und sexueller "Normalität"
zu lenken und die Idealkonstruktionen
zu destabilisieren versucht. Zwischen
beiden Strategien besteht eine Spannung
und eine gewisse Unvereinbarkeit, insofern
erstere wiederum eine Identitätskategorie
produziert, die zweitere als unhaltbare
Vereinheitlichung kritisiert. Trotzdem
macht es meiner Ansicht nach Sinn, beide
im öffentlichen Raum nebeneinander
zu inszenieren, statt sich um eine Entscheidung
oder eine Synthese zu bemühen. Zumindest
dann, wenn eine kein Interesse daran hat,
der Illusion einer "politischen Wahrheit"
hinterherzuhechten, sondern Politik als
fortwährende Auseinandersetzungen
versteht. Wohl aber ist es angebracht
darüber nachzudenken, welche unterschiedlichen
Effekte diese beiden Strategien erzielen,
welchen Interessen sie genügen, wen
sie ansprechen - um deren Differenz und
Spannung verständlich und nutzbar
zu machen.
Die
medizinisch-wissenschaftliche Aufspaltung
dessen, was zuvor als Hermaphroditismus
benannt wurde, in etliche verschiedene
Syndrome (vgl. Artikel von Birgit-Michel
Reiter in diesem Heft), löst Intersexuelle
als eigenständige Gruppe auf. Gemäß
dem Prinzip des "teile und herrsche"
verflüchtigen sich damit die Möglichkeiten,
die gemeinsamen Unterdrückungs- bzw.
Gewalterfahrungen und deren Systematik
wahrzunehmen. Demgegenüber macht
das identitätspolitische Agieren
unter einem gemeinsamen Namen eine "soziale
Gruppe" überhaupt sichtbar und
lässt sprechende Subjekte, statt
medizinischer Objekte, im Feld gesellschaftlicher
Machtverhältnisse auftauchen. Dann
wiederum aber greift eine Politik, die
Intersexuelle als eigene Gruppe meint
abgrenzen zu können, die Definition
über die dominanzgesellschaftlich
Abnormitätszuschreibung auf und setzt
Intersexualität als "das Besondere".
Es liegt allerdings ein Unterschied darin,
ob dies in form einer Selbstermächtigung
geschieht, die sich herausnimmt, Rechte
zu fordern, oder in Form einer Fremdzuschreibung,
die die Macht beansprucht, Rechte wahlweise
zu verweigern oder zu gewähren. Ein
Recht auf gesellschaftliche Anerkennung,
auf Integrität und Identität
zu fordern bzw. anders herum formuliert,
Verletzung und Gewalt anzuklagen, wie
dies aus marginalisierter Position heraus
geschieht, bedeutet nicht, dass diese
Forderungen universell, ahistorisch oder
kontextlos seien. Sie können durchaus
- und d.h. aus (relativ) dominanter Perspektive
- unterstützt werden, ohne gleichwohl
davon auszugehen, dass damit alle sich
diese Konzepte von Anerkennung, Integrität
und Identität zu eigen machen müssten.
Das
Privileg der Normalität
Wie
lässt sich aber darüber hinaus
gleichzeitig ein kritischer und veränderungswilliger
Blick auf die Funktionsweise der sogenannten
Normalität richten, statt sie als
Instanz zu bestätigen, die Recht
gewährt und an die Forderungen zu
richten sind? Die gesellschaftliche Ignoranz
gegenüber Intersexuellen verweist
auf anderes las nur Verlegenheit oder
Verunsicherung gegenüber der/dem
"Anderen", denn das andere als
"Anderes" lässt sich mittels
eines Toleranzkonzepts durchaus integrieren,
ohne die bestehende Ordnung ernsthaft
zu verwirren. Was aber ist, wenn deutlich
wird, dass die "Sicherheit"
der eigenen Identität auf der Ausgrenzung
anderer Identitäten beruht? Die Konfrontation
mit Intersexualität stellt die Stabilität
der eigenen binär verorteten Identität
in frage und rückt den Zwang zur
geschlechtlichen Vereindeutigung als Mittel
zur Aufrechterhaltung hierarchischer Geschlechterverhältnisse
in den Blick. Genau darin liegt die Bedrohung
für die Dominanzkultur. Vielleicht
aber auch die Chance, das Privileg der
Normalität zu problematisieren. Erst
dann kann über Koalitionsmöglichkeiten
(und Interessendifferenzen!) verhandelt
werden, die zwischen denjenigen, die sich
selbst mehr oder minder ungebrochen in
der binären Geschlechterdifferenz
verorten können und denjenigen, denen
dies nicht gelingt, bestehen. Intersexualität
als Produkt einer rigiden binären
Geschlechterordnung zu verstehen und es
gleichwohl in seiner konkreten, je spezifischen,
je individuellen Gelebtheit und als eine
historische Existenzwiese anzuerkennen,
bietet Anlaß für eine Infragestellung
und Widerständigkeit gegen die normative
Zweigeschlechtlichkeit.
Antke
Engel
Anmerkungen:
(*)
Ich danke Birgit-Michel Reiter für
ihren/seinen Artikel sowie die Gespräch,
die wir per Telefon und e-mail geführt
haben. Ohne diese Anregungen, Entgegnungen
und kommunikativen wie intellektuellen
Verwicklungen wäre ich nicht dazu
gekommen, mich der Auseinandersetzung
mit Intersexualität zu stellen, noch
hätte ich diesen Artikel schreiben
können. Viele meiner Gedanken knüpfen
direkt an Birgit-Michels Text an bzw.
greifen ihn wieder auf, weshalb es sich
empfiehlt, ihn vorweg zu lesen. Obwohl
ich mich seit mehreren Jahren denkend
und schreibend um eine Denaturalisierung
und Destabilisierung der rigiden Zweigeschlechterordnung
bemühe, hat sich etwas in mir geweigert,
mich mit der Gewaltförmigkeit der
Definitionsmacht und der medizinischen
Praktiken zu konfrontieren, die diejenigen
erfahren, deren zweigeschlechtliche Kategorisierung
nicht mit der üblichen unhinterfragten
Selbstverständlichkeit erfolgt ist.
Über die Veränderung meines
Blicks freu ich mich!
(1)
Geht eine von den juristischen Gegebenheiten
aus, so gibt es heutzutage schlichtweg
keine Hermaphroditen mehr. Eine geschlechtliche
Eindeutigkeit ist im Rahmen der bürgerlichen
Gesellschaftsordnungen zwingend notwendig:
mensch ist entweder Frau oder Mann - kein
Entkommen.
(2)
Was in ähnlicher Weise vielleicht
auch für das gegenwärtige Desinteresse
an Vergewaltigung, sexueller Mißhandlung
von Kindern, Pornographie oder der zunehmend
offeneren Gewalt gegen Lesben und Schwule
gilt, deren Bedeutung für die Konstituierung
von Geschlechtern und Sexualitäten
kaum diskutiert wird.