A.G.Gender-Killer
 
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|||||||||||||||||||||| Queer und Transgender  
   
Vorlesungsreihe "Verhältnisse durchque(e)ren"
Queer Patchwork

Glawion Scen/Janicke Cindy


Bei dieser Vorlesungsreihe handelt es sich um ein studentisches Projekt. Sie ist von Studierenden organisiert worden. Es reden Studierende, Promovierende, Habilitierende, Nicht-Studierende und eine Professorin. Sie eröffnet einen Raum für Theorie, politische Diskussionen und Performance. Sie wehrt sich damit gegen konstruierte Trennungen von Theorie und Alltag, akademischen Diskurs und straßenpolitischen Aktionen. Sie wehrt sich auch gegen verstaubte Hierarchien, welche das Rederecht an der Universität von einem akademischen Titel abhängig machen. Sie soll interessant, kontrovers, kreativ und kritisch sein.

Die Vorlesungsreihe ist aus dem Projekttutorium "Queere Texte", welches im Sommersemester 2001 und Wintersemester 2001/2002 stattfand, hervorgegangen. Im Zentrum des Tutoriums stand die Frage nach möglichen queeren Lesarten von Texten, besonders von Texten sogenannter lesbischer und schwuler Literatur. Stellt Queer Theory - so fragten wir uns - die lesBischwule Literaturwissenschaft vor neue Fragen? Was bedeutet "lesbisch", was bedeutet "schwul"? Was bedeutet "bisexuell", was bedeutet "heterosexuell"? Muss die analysierende und interpretierende Textarbeit in Bezug auf Codierungen geschlechtlicher Identität und sexueller Lust neue Fragestellungen entwickeln? Verändert ein neues Verständnis homosexueller Identität Rezeptionsbedingungen einer sogenannten lesbisch-schwulen Literatur? In welcher Weise fließen Identitätskonstruktionen in literarische Texte ein, welche Rolle spielen andererseits diese Texte bei der Konstruktion und Rekonstruktion "realer" Identitäten?
Das Tutorium erhielt den Preis für gute Lehre der Phil Fak III, mit dem die Finanzierung dieser Vorlesungsreihe möglich wurde. Heute möchten wir Ihnen und euch eine Collage präsentieren. Wir möchten Eindrücke aus dem Tutorium vermitteln, Texte sprechen lassen, Fragen aufwerfen und unsere Gedanken bei der Ausrichtung und Planung dieser Vorlesungsreihe darstellen.

Die Suche nach queeren Lesarten konfrontierte uns mit der Frage: Was ist queer? was könnte queer sein? Die Antworten im Tutorium waren sehr unterschiedlich. Sowohl die, die wir uns gaben, als auch die, die wir in Texten fanden.

lesbisch.schwul
Problemkind
Antinormativ
Identität ohne Identität
Ein Selbstwiderspruch
Beliebigkeit & Party-Koalition
Eingang & bequeme Möglichkeit für Heteras/Heteros eine Bewegung zu unterwandern
Integrativ
Internalisierung einer Beschimpfung
Mindfuck
Nur ein neuer Kanon
Eine Bewegung, die Verwirrung stiftet
Zwang zur Selbstreflexion
Ergebnis subjektkritischer & postmoderner Diskurse
Befreiung
Eine neue Eingrenzung

Queer wird im akademischen Diskurs oft mit Unsicherheiten, Ressentiments und Ignoranz begegnet.
Der Soziologe Steven Seidman versuchte 1996 in seinem Buch "Queer Sociology" seine Leserinnen und Lesern auf einen blinden Fleck innerhalb der soziologischen Forschung aufmerksam zu machen. Klasse, Ethnie und Geschlecht - so seine These - wäre von dem entzaubernden Blick der Soziologie in zunehmender Weise als soziokulturelle Konstruktion entlarvt worden. Ausgelassen worden wäre dabei Sexualität, die immer noch als "privat" bezeichnet und somit die akademischen Analysen nur beiläufig tangieren würde. Mit seinen Arbeiten gehört er zu den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die sich im Kontext der "Queer Theory" verorten und Sexualität als das veranschaulichen wollen, als was sie sich bei näherer Betrachtung darstellt: Als Feld der Macht.
Mit großer Begeisterung seitens der etablierten akademischen Institutionen konnten und können die Queer Denkenden nicht rechnen. Die Literaturwissenschaftlerin Eve Kosofsky Sedgwick löste - um ein Beispiel zu nennen - mit ihrem Essay von 1994 zur Bedeutung der Masturbation in Jane Austens "Sense and Sensibility" - eine Kontroverse aus, in der ihr Text immer als Beispiel für den verderbenden Einfluss genannt wurde, den Queer Theory auf anständige und seriöse Disziplinen hätte. Wo sollte das hinführen? Was sollte dieses demonstrative Hochheben der Bettdecke, dieses penetrante Reden über Sex?
Es ging und geht unserer Lesart nach in der Queer Theory nicht primär um Sex. Es geht vielmehr um Sexualität - als Zuschreibung und Instrument, als Struktur und Zeichen. Queer Theory betont - mal wieder - dass das Private politisch ist und stößt damit - immer noch - auf Widerstand. Das Reden über Sex ist völlig unspektakulär, weil alle ständig darüber reden - wie u.a. Michel Foucault mit seiner These von der "diskursiven Explosion" um den Sex eindrücklich verdeutlicht hat. Während quer durch alle Medien Sex exzessiv zur Schau gestellt wird, geht es darum zu fragen, wie dieses Reden über Sex die Wahrnehmung von Sexualität steuert und reguliert und wie darüber Subjekte konstituiert werden. Sexualität als Feld der Macht zu begreifen, bedeutet nach ihren Schnittstellen mit "Kultur" und Konstruktionen von "Rasse", Zweigeschlechtlichkeit und Heterosexismus, Visualisierungen von Körper, Fantasmen über "Natur", Kapital, Staat und Nation zu fragen, bedeutet auch, die "blinden Flecken" nicht als Zufall zu betrachten. Es geht also um das Verhältnis von Sexualität und Identität und der Überlagerung dieses Zusammenhang mit Identitäten, die entlang der Achsen von Geschlecht, Hautfarbe, sozialem Status, Alter, Religion etc. über Zuweisung und Identifizierung vermittelt werden.
(Rosa Rotlicht, in: "HUch! Im Paralleluniversum". Nr. 34. Hier leicht geändert)

Es genügte nicht, zusammen Frauen zu sein. Wir waren anders. Es genügte nicht, zusammen lesbische Frauen zu sein. Wir waren anders. Es genügte nicht, zusammen Schwarz zu sein. Wir waren anders. Es genügte nicht zusammen Schwarze Frauen zu sein. Wir waren anders. Es genügte nicht, zusammen Schwarze lesbische Frauen zu sein. Wir waren anders.
Jede von uns hatte eigene Bedürfnisse und Ziele und schloss viele verschiedene Bündnisse. Der Selbsterhaltungstrieb warnte einige von uns davor, uns auf einer einfachen Definition, einer Schmalspur-Bestimmung unseres Selbst auszuruhen. [...] Es dauerte eine Weile, bevor uns klar wurde, dass unser Ort das Haus des Andersseins selbst war und nicht die Sicherheit eines einzelnen Unterschieds.
(Audre Lorde: Zami. Ein Leben unter Frauen)

Wenn Lebensformen, Existenzweisen, soziale Zusammenhänge thematisiert werden, dann kann nicht darauf verzichtet werden, Differenzen wahrzunehmen. Einer der vorrangigen Ansprüche von verque(e)renden Perspektiven sollte es sein, die wechselseitigen Wirkungen rassistischer, heterosexistischer, antisemitischer Einflüsse in hegemoniale Konzepte von Familie, Staat und Nation zu untersuchen. Gleiche Rechte für alle entstehen nicht auf dem Weg der Addition definierter Gruppen. Eher durch die Verwischung der Grenzen zwischen ihnen, durch die klare Zurückweisung privilegierender & hierarchisierender Definitionen? Dazu bedarf es einer verstärkten Aufmerksamkeit gegenüber genau den normativen, d.h. ‚Mehrheiten', Regeln, Zugehörigkeiten schaffenden, Prozessen, in welchen Zustände wie Natur, Kultur, Zivilisation erst hergestellt werden. Wer sagt, was eine Familie sei? Wer bestimmt, welche Menschen das Recht auf Bewegung, auf Hiersein, auf Was-auch-immer haben? Und welche Bedingungen werden daran geknüpft?
(luka bernstein)

Was heißt ‚queer politics' im Kontext von Asyl und Migration? Was heißt ‚queer politics', wenn wir den geographisch-politischen Rahmen bei der Frage nach staatsbürgerlichen Rechten ins Zentrum unserer Perspektive rücken? Was heißt dies für die Repräsentation immigrierter, exilierter und in der Diaspora lebender Lesben, Schwuler, Bisexueller und Transsexueller? Warum findet die staatsbürgerliche Privilegiertheit mehrheitsdeutscher Frauen, Lesben oder Schwuler in der hiesigen Gleichstellungsdebatte kaum Erwähnung?
Irreversibel homosexuell: Der Einschluss in Form eines legalen Aufenthaltsstatus´ wird mit einem irreversiblen Ausschluss legitimiert! Die Normierung ist perfekt, schicksalhaft, unentrinnbar und irreversibel. Befreit von der Last des Beweises sind die Asylbewerberinnen nun beladen mit der Last der eindeutigen und irreversiblen sexuellen Identität. Wie stellt sich die Anrufung als ‚Lesbe' in diesem Kontext her? Inwieweit können die unterschiedlichen Herrschaftsverhältnisse, die hier zusammentreffen, mit dem Begriff der ‚Verwerfung' erfasst werden? Kann der Begriff der Verwerfung die Wirkungsmacht der staatlichen Anrufungspraxis benennen? Oder müssen wir nicht einen neuen Begriff schaffen für die vom Staat geschaffenen juridische und ‚unentrinnbare', also irreversible Identität der ‚Lesbe' im Kontext von Asyl- und Ausländerpolitik?
(Castro Varela/Gutiérrez Rodríguez: Queer politics im Exil und in der Migration)

In dieser Vorlesungsreihe soll es darum gehen, die unterschiedlichen Schnittstellen aufzuzeigen, an denen Queer thematisierbar wird. Dabei sollen auch Perspektiven eröffnet werden, die oft nicht mit dem Begriff "Queer" verbunden werden - Perspektiven auf Kindheit, Enthinderung, Einwanderungsgesetze, Neoliberalismus, Krieg.

Versucht mensch sich an der Uni mit Queer zu beschäftigen und Queer einzufordern, so wird oft die Frage gestellt, was daran denn so aufregend und neu wäre. Auch wir hatten manchmal den Eindruck mindestens eine literaturwissenschaftliche Revolution auslösen zu müssen, um Interesse wecken zu können.

Wir zitieren an dieser Stelle aus dem Zwischen und Abschlussbericht des Projekttutoriums:
"Die Frage nach der Neuheit erarbeiteter Erkenntnisse lässt sich gerade aufgrund des wissenschaftskritischen Hintergrunds der von uns besprochenen theoretischen Ansätze so nicht stellen. Anstelle eines kohärenten und als Fortschritt im Rahmen einer Entwicklungsgeschichte zu präsentierenden Erkenntnisgebäudes stand und steht für uns die Auseinandersetzung mit dem Begriff queer und seinen Anwendungsmöglichkeiten in der Beschäftigung mit (literarischen) Texten im Zentrum der Überlegungen. Daraus folgt eher eine Reibung an den Widersprüchen und der Ungreifbarkeit, die queer im sowohl theoretischen als auch politischen Kontext aufweist, als die Suche nach DER Definition bzw. daraus zu entwickelnden Fragestellung."
"Queere Lesarten verändern vielleicht nicht die Literaturwissenschaften, aber diejenigen, die mit ihnen (nicht nur in der Literaturwissenschaft) arbeiten."
(Bericht des Projekttutoriums "Queere Texte?")

Die allgemeinen Probleme in der Übersetzung einer Politik von einem Kontext in einen anderen spiegeln sich auch in konkreten Schwierigkeiten wider, bestimmte Begriffe zu übersetzen. "Queer" bedeutet unter anderem "fragwürdig", "sonderbar" oder "Falschgeld", dient aber hauptsächlich als Schimpfwort gegen alle, die den Normen geschlechtlicher und sexueller Identifikationen nicht entsprechen - und damit dient es genau zur Herstellung dieser Normen. Lässt sich eine Entsprechung zu diesem Wort finden, die eine ebenso reiche, vieldeutige Geschichte hat, wie Annamarie Jagose sie herausarbeitet, oder soll es importiert werden? Geht aber nicht mit der einfachen Übernahme in den deutschen Sprachgebrauch die politische Kraft des Begriffs verloren? Die Diskriminierung hat sich hier über Wörter wie "Lesbe" und "Schwuler" ausgedrückt, die ebenfalls in Akten der Selbstbehauptung angeeignet wurden. Werden sie zugunsten von queer aufgegeben, verschwindet "die andauernd drohende Erinnerung an die Verletzung". Wäre queer besser mit "pervers" zu übersetzen? Hier wird klar, wie viel Brisanz in dem Wort liegt. Wer sich einfach [diese Vorlesung unter dem Titel "Perversion - Verhältnisse pervertieren"] vorstellt, ahnt schon, dass die selbstbehauptende Aneignung von queer im englischsprachigen Raum weit über eine modische Zeitgeistgeste hinausgeht.
(Corinna Genschel, Caren Lay, Nancy Wagenknecht, Volker Woltersdorf: Vorwort zu Queer Theory v. Annamarie Jagose)

per/vers [verdreht]: andersartig veranlagt, empfindend; von der Norm abweichend, bes. in sexueller Hinsicht. Per/ver/si/on die: krankhafte Abweichung vom Normalen, bes. in sexueller Hinsicht. Per/ver/si/tät die: 1. (ohne Plural) das Perverssein. 2. (meist Plural) Erscheinungsform der Perversion; perverse Verhaltensweise. per/ver/tie/ren: 1. vom Normalen abweichen, entarten. 2. verdrehen, verfälschen; ins Abnormale verkehren. Per/ver/tie/rung die: 1. das Pervertieren, Verkehrung ins Abnormale. 2. das Pervertiertsein, Entartung.
(Duden. Das Fremdwörterbuch, 5. Auflage)

In einer Aneignung politischer Begriffe, die sich im Feld identitärer Zuschreibungen, Verwerfungen, Einordnungen bewegen, wie es queer pervers... tun, stellt sich nicht zuletzt immer die Frage, in wie weit diese Übernahme die Machtverhältnisse bestehen lässt, den ordnenden Zugriff der Kategorie untergräbt, dessen Inhalte aber nicht zu brechen vermag. Die alte Frage nach den Möglichkeiten ironischer Politik, nach der Macht von Gegendiskursen. Nicht nur queer, nicht nur pervers, auch punk, kanak & viele andere zeigen die wechselseitige Bewegung auf: verstörende, provokante, auf Assimilation & Toleranz der ‚Mehrheit' pfeifende Aneignung zum einen - die schillernde & ins interessiert bestaunte Nebenzimmer der anderen verschobene Vereinnahmung auf der anderen. Seien es Kaffeetanten, die Autowerbung mit drag queen, Pailletten-T-Shirts bestimmt nicht subversiver Bekleidungsketten auf denen ein 1-a-gesticktes punk leuchtet ... Beispiele gibt es mehr.
Der Widerspruch wird nicht auflösbar sein & folgende Erkenntnis ist wohl auch nicht allzu neu: der Kontext macht die "Verstörung" (wie auch die "Verletzung"): ‚we are here, we are queer, get used to it'; ‚Liebe Oma! Ich würde gern einige Tage mit meiner perversen Freundin bei dir auf dem Land verbringen.' (Antke Engel: Verqueeres Begehren); einem Lehrende, der sich als Sexualwissenschaftler - den armen Verstörten nur helfen wollend - gern mal mit weiblicher Perversion auseinandersetzt, wird so nicht unbedingt beizukommen sein. Es geht auch & vor allem darum, deutlich zu machen, dass die Norm eben nicht normal, dass sie das Ergebnis eines Prozesses ist & dass dieser Prozess v.a. damit arbeitet, qua definitionem das Andere auszuschließen. Indem es zu Seinsformen verpackt, genau umrissen, bewertet, festgelegt wird. Sich dieser Festlegung zu widersetzen, den ordnenden Blick zu irritieren & immer wieder auch das Licht auf die scheinbare Natur der Dinge zu werfen - darum geht es, wenn "gegen die Norm" nicht mehr fremddefinierte Anrufung sondern Ansatz & Motivation der eigenen Bewegung ist. Im Bewusstsein, dass es den machtfreien, den unschuldigen, den sicheren Raum der Selbstbestimmung nicht gibt.
(Luka Bernstein)

Vor ein paar Jahren schrieb ich eine Geschichte, kurz nachdem ich die Arbeiten von Donna Haraway das erste Mal gelesen hatte. In dieser Geschichte wollte ich Gedanken über das Immunsystem, Identität, Kyborgs, die Möglichkeit von Selbsterkenntnis, Vampire, Liebe und Tod miteinander verbinden.
Haraway hatte mich dazu inspiriert, die beiden Hauptfiguren nicht als autonome Entitäten zu beschreiben, sondern als reziprok miteinander und mit ihrer physischen Umwelt, mikroskopisch und makroskopisch. Versuchsweise beschloss ich, das Geschlecht der beiden Charaktere nicht zu erwähnen. Es gibt nur ein "Ich" und ein "Du", und die Körper der beiden werden geschlechtsneutral beschrieben. In den eher lyrischen Passagen klingt das dann so:
‚Laut Ärzten ist es ein Sack voller Organe. Laut Biologen ein paar Kübel voll Wasser und eine Handvoll Knochen. Laut Frauenmagazinen ist es etwas, wovon man unbedingt weniger haben sollte, auf keinen Fall mehr. Laut Werbung ist es die perfekt stilisierbare Verpackung. Für den Mann auf dem Barhocker ist es etwas, das man irgendwo parken und in das man hineinrennen kann. Für Kreationisten ein göttliches Wunder und beseelt, für Darwinisten die höchste Stufe der Evolution: Körper. Von Körpern weiß ich nichts mehr. Ich weiß nur, dass ein Trampolin in deine Tiefen führt. Ich weiß nur, dass Rücken gezählt und Haare in Finger getaucht werden können. Dass unsere Rippen sich verwickeln, sodass wir sie wieder lösen und in Form kämmen müssen. Ich weiß nur, dass Augen dazu da sind, daran hängen zu bleiben und darin zu versinken. Am besten sieht man sie von innen.
Dass Liebe die Perfektform von Leben ist, und umgekehrt, das weiß ich. Dass Körper nicht zählen, weil sie nur Erscheinung sind. Dass deiner alles ist, weil er die Liebe fühlbar und greifbar macht. Das weiß ich. Sonst nichts.'
Dass das Geschlecht der Charaktere aus der Erzählung nicht hervorgeht, ließ einem meiner Kritiker keine Ruhe. In seiner Rezension schrieb er: ‚Ich brauchte einige Zeit, bis mir klar war, dass das eine lesbische Geschichte ist. Das Trampolin war der Punkt.' Er hat die Geschichte nicht gelesen. Er hat sie nach Indizien abgesucht.
Ein Trampolin. Deshalb lesbisch. Wir sind uns des unausweichlichen und intrinsischen Zusammenhangs zwischen Sprungbrettern und Lesbianismus natürlich alle völlig bewusst.
Übrigens wussten Sie schon, dass man nie mir einem Kyborg schwimmen gehen sollte, denn dabei kann man sich verkühlen, und dann hat man eine kaufende Nase, was entweder unerotisch, homo oder hetero ist? Aber glücklicherweise ist der Unterschied zwischen männlichen und weiblichen Taschentüchern, mit Karos oder mit Spitzen, obsolet geworden, seit wir alle Papiertaschentücher verwenden. Zumindest diese Schlacht haben wir hinter uns.
(Karin Spaink: Kyborgs sind auch nur Menschen)


Der Aktivismus im Zusammenhang der HIV/Aids-Epidemie gilt als Entstehungskontext der Queer Politics, die sich mit der Queer Theory wechselseitig beeinflusst hat. Die paranoiden Diskurse um den Sex, die massenmediale Hetze gegen Schwule und das massiv-homophobe Auftreten christlicher FundamentalistInnen im Zusammenhang mit einem gesamtpolitisch konservativen backlash ließen die oft seperatistischen und liberalistischen Strategien der Homo-Bewegung in Sackgassen geraten. Dagegen bildete sich eine anti-assimilatorische und anti-integrative Bündnispolitik, in der die rassistischen und kapitalistischen Bedingungen der Gesundheits- und Sozialpolitik - wie HIV/Aids sie entblößt hatte - neu thematisiert wurden. Queer wurde damit zu einem Begriff des anti-normalen, zu einem Begriff, der - über homosexuelles Begehren hinausgehend - die heterogene Gemeinschaft derer bezeichnet(e), die entlang der Achsen von Geschlecht, Sexualität, Klasse, Ethnie, "Gesundheit" etc. marginalisiert und diskriminiert wurden und werden. In diesem Zusammenhang wurden und werden auch die Unterscheidungen von Mann und Frau, normal und pervers, homo- und heterosexuell problematisiert, welche die hegemoniale Herrschaft stützen, indem sie über die Konstruktion von Norm und Anti-Norm Minderheiten konstituieren und Hierarchien aufbauen.
(Rosa Rotlicht)

Dabei war es weniger eine Theorie, die Bewegung auslöste, sondern zunächst eine Bewegung, die Theorien hervorbrachte.
So beschäftigte sich der französische Historiker und Philosoph Michel Foucault vor dem Hintergrund seiner politischen Erfahrungen mit Sexualität, Wissen und Macht und ihren Verhältnissen zueinander.
Macht - so sagte er - ist komplexer als ein Kräfteverhältnis von Herrschenden und Beherrschten.
"Die Macht ist nicht etwas, was man erwirbt, wegnimmt, teilt, was man bewahrt oder verliert; die Macht ist etwas, was sich von unzähligen Punkten aus und im Spiel ungleicher und beweglicher Beziehungen vollzieht"(Foucault, Wille zum Wissen, S. 115).
Subjekte sind durch und durch von Macht durchzogen - indem was sie denken, fühlen, begehren und tun. Trübe Aussichten für eine sexuelle Revolution? Wie soll Widerstand zur bourgeoisen Moral gelebt werden, wenn auch der Sex immer in der Macht und nie außerhalb ist?
In seinen späteren Texten verschiebt Foucault seine Thesen über Macht ein wenig. Das Subjekt bleibt Einschreibfläche von Machtverhältnisse, doch nun prägt Foucault Begriffe wie "Existenzkünste" oder "Selbsttechniken" (Foucault, Gebrauch der Lüste, S. 18), die neue Widerstandsperspektiven eröffnen, indem sie das Handeln - und nun auch das selbstbestimmte Handeln - des Subjektes fokussieren.
Er beschreibt "Künste der Existenz" wie folgt: "Darunter sind gewusste und gewollte Praktiken zu verstehen, mit denen sich Menschen nicht nur die Regeln ihres Verhaltens festlegen, sondern sich selber zu transformieren, sich in ihrem besonderen Sein zu modifizieren und aus ihrem Leben ein Werk zu machen suchen, das gewisse ästhetische Werte trägt und gewisse Selbstkritiken entspricht" (Foucault, Gebrauch der Lüste, S. 18).
Im Zusammenhang mit dieser subjekttheoretischen Wende steht die Entwicklung eines neuen Machtmodells, das der "Pastoralmacht". Unter dieser versteht Foucault eine Machttechnik, die den christlichen Institutionen entstammt, und sich in einer Fürsorge äußert, die der Hirte (lat. pastor) jedem einzelnen Gemeindemitglied gegenüber ausübt. Diese Macht hat sich - nach Foucault - in den modernen, christlich geprägten Staat integriert und strukturiert die Handlungsmöglichkeiten der einzelnen BürgerInnen. Von der Pastoralmacht ausgehend, denkt Foucault das Verhältnis von Subjekt und Macht neu: "Abschließend könnte man sagen, dass das politische, ethische, soziale und philosophische Problem, das sich uns heute stellt, nicht darin liegt, das Individuum vom Staat und dessen Institutionen zu befreien, sondern uns sowohl vom Staat als auch vom Typ der Individualisierung, der mit ihm verbunden ist, zu befreien. Wir müssen neue Formen der Subjektivität zustandebringen, indem wir die Art von Individualität, die man uns jahrhundertelang auferlegt hat, zurückweisen" (Foucault, Das Subjekt und die Macht, S. 250).
So konnte er auch formulieren: "Wir müssen also darauf hinarbeiten, homosexuell zu werden, und dürfen uns nicht hartnäckig darauf versteifen, dass wir es schon sind"(Foucault, Von der Freundschaft, S. 86).
Mit eigenen Worten: Homosexualität - so wie wir sie verstehen - ist ein Konstrukt. Es vereinheitlicht die Vielfalt an Möglichkeiten, verknappt den Raum der Wahrnehmung und Handlungsoptionen und inkorporiert sich über eine Identität. Macht greift damit auf das Subjekt zu, indem diesem vorgeschrieben wird, mit welchen Worten es sein Handeln beschreibt und auf welche Referenzpunkte bezogen es seine bzw. ihre Identität begreift. Die Zielvorstellung "homosexuell zu werden" kann bedeuten, nach eigenen Ausdrucksformen, Wahrnehmungsmodellen und Lebensentwürfen bezüglich der eigenen Sexualität zu suchen.
Diese Chance haben aber - das sollte meiner Meinung nach nicht vergessen werden - leider nicht alle Menschen.
(Rosa Rotlicht)

Zurück zur Frage: Was ist queer? Was könnte queer sein?
Ein Definitionsansatz im Tutorium sah wie folgt aus:
1. Queer hat seine Wurzeln in schwul-lesbischer-bisexueller Bewegung.
2. Queer hat Wurzeln in einer antiassimilatorischen Politik.
3. Queer hat Wurzeln in der Identitätskritik.
4. Queer betont eine Vielfalt von Geschlecht und Begehren.
Eine Definition wie diese hat den Vorteil, deutlich zu machen, was Queer nicht ist: Queer ist demnach NICHT das Label integrativer Bürgerrechtsbewegungen, NICHT allein die Kopfgeburt weniger AkademikerInnen, NICHT allein eine bunte Party...aber das große NICHT zeigt schon das Problem der Definition: NICHT alle können dazugehören. Aber ist es wünschenswert, dass alle dazugehören? Ist es nicht wichtig zu betonen, dass Queer NICHT rassistisch, NICHT misogyn, NICHT kapitalistisch ist?
(Bericht des Projekttutoriums "Queere Texte?")

Manchmal möchte ich eine Pflanze sein, beispielsweise Löwenzahn, oder lesbisch.
(Irmtraud Morgner: Leben und Abenteuer der Trobadora Beatriz)

Und noch desselbigen Tages, nachdem er sich gewaschen und zwei Stullen gegessen hatte, ging Her Karsunke zum Haus der Familie Morfoß und läutete an der Tür.
Die Tante öffnete ihm.
"Karsunke", sagte der Müllmann mit einer Verbeugung.
"Maffrodit", stellte sich die Tante ihrerseits vor.
"Nun", sagte der Müllmann, "um ein Wort von Mann zu Mann zu reden..."
"Von Mann zu Frau", unterbrach ihn die Tante und zwirbelte ihren Schnurrbart.
"Entschuldigen Sie, Frau Maffrodit", sagte der Müllmann.
"Herr Maffrodit bitte", verbesserte die Tante.
"Also Herr Maffrodit", sagte der Müllmann, "von Mann zu Frau oder sagen wir vielleicht lieber: ganz unter uns zwei beiden, ich habe eine Beschwerde über ihr Fräulein Nichte vorzutragen."
"Kommen Sie nur ruhig herein", sagte die Tante. "Der Lehrer Pauli ist auch schon drin, es ist ein Abwasch."
(Peter Hacks: Meta Morfoß)

also, wer definiert, was den blick irritiert? die frage danach, wie ich einen menschen in der u-bahn zuordne, bei dem/der ich mir nicht ganz sicher bin, wo sie/er hingehören möchte, es fragt sich: wie wende ich irritierende erfahrungen mit der uneindeutigkeit von geschlecht bei eine/r/m selbst, bei der wahrnehmung anderer, ins konstruktive? ohne: den masstab der ohnehin nicht zu definierenden "normalität" zu vollstrecken. ich weiss nicht, wie es anderen geht: ich zumindest habe in der zeit der auseinandersetzung mit der frage nach der konstruktion von geschlecht (die phase dauert an!!!) meinen alltagsblick auf der strasse, meinen blick nach innen zu mir selbst und meinen blick auf mich und die menschen, mit denen ich in vielfältigster weise in beziehung stehe, sehr verändert. verandern müssen, nicht aufgrund von theorien, theoretischen moden, sondern weil mir der alltag plötzlich neu ins auge stach.
(katharina pühl, in: intersexualität und feministische perspektiven auf "geschlecht" - einige fragen und überlegungen)

Herr Karsunke folgte Herrn Maffrodit ins Wohnzimmer, und Frau und Herr Morfoß und Herr Dr. Pauli gaben ihm die Hand, Herr Morfoß brachte ein paar Flaschen Bier, und dann saßen sie alle um den Tisch herum und redeten über Meta.
"Ich weiß nicht, von wem sie das hat", sagte Frau Morfoß. "Geerbt kann sie es nicht haben; denn weder mein Mann noch ich haben jemals die mindeste Lust verspürt, uns in allerlei fremdes Zeug zu verwandeln. Beigebacht haben wir es ihr natürlich auch nicht."
"Kinder kommen eben manchmal auf Ideen", sagte Herr Morfoß.
"Ich muß bestätigen", erklärte Herr Dr. Pauli, "daß sie sich meist recht rücksichtsvoll verhält."
"Außer wenn sie ein Krokodil ist", rief Herr Karsunke.
"Zugegeben", sagte der Lehrer. "Das geht entschieden zu weit."
"Sie ist hässlich", sagte Herr Karsunke.
"Außer wenn sie ein Engel ist", widersprach Frau Morfoß.
"Wie?" fragte der Müllmann, "sie ist auch gelegentlich ein Engel?"
Frau Morfoß beteuerte es.
"Aber dann liegt der Fall ja noch schlimmer, als ich dachte," sagte der Müllmann. "Wenn sie stets ein Krokodil wäre, wüsste man wenigstens mit der Zeit, woran man ist. Ein Krokodil, das ist nicht das ärgste. Aber nun auch noch ein Engel!"
"Was haben Sie gegen Engel?" erkundigte sich der Lehrer.
"Gar nichts", sagte Herr Karsunke. "Im Gegenteil. Ich finde Engel ausgesprochen niedlich. Ich verlange nur eins: daß sie sich endlich entscheidet, wer sie sein will, damit man sich daran gewöhnen kann."
"Wir haben uns auch so daran gewöhnt", sagte Herr Morfoß.
"Es ist doch ganz klar, wer sie ist", sagte Frau Morfoß. "Sie ist doch die Meta."
Hier erhob sich Frau Maffrodit, die Tante. "Natürlich muß man verhindern, dass sie dumme Streiche macht", sagte sie. "Aber im übrigen glaube ich nicht, dass man viel an ihr ändern kann. Und wenn ich es zum Beispiel könnte, wüsste ich gar nicht, wo ich das Recht dazu hernehmen sollte."
(Peter Hacks: Meta Morfoß)

was ist normal? normalität ist eine gesellschaftliche konstruktion, die mit viel mühe, arbeit, schweiss, blut, tränen hergestellt wird und für manche tödlich endet. oder in judith butlers worten: auch diskurse können verletzen. es ist unklar, wie wir "normale geschlechter" werden können - oder warum wir das überhaupt sollten.
[‚intersexualität' legt als begriff das ‚zwischen' (eben zwischen den beiden dominanten geschlechtern) nahe; wo immer dieser metaphorische raum ist. er ist belebt, wie wir gehört haben. und so bleibt dann wohl vorläufig erst mal, sich um das genauso schwierige, wie notwendige abenteuer zu bemühen, dem zwang zur zweigeschlechtlichkeit ein schnippchen zu schlagen und verantwortlich, vorsichtig, aufmerksam und liebevoll zu schauen, wie andere als geschlecht existieren. natürlich mit der hoffnung, dass, bald, ganz bald, eine vielfalt von existenzweisen gleichberechtigt möglich ist.]
(katharina pühl, intersexualität und feministische perspektiven auf "geschlecht" - einige fragen und überlegungen)

Ebenfalls zur Diskussion stand für uns der Begriff "Text", sowie unser Erkenntnissinteresse. Grob skizziert kamen wir dabei immer wieder zu folgende Fragen zurück: Warum suchen wir nach queeren Lesarten? Was ist unser Bedürfnis und Erkenntnisinteresse? Welche Möglichkeiten sehen wir in Texten bzw. welche ergeben sich für uns über/durch Texte? Was ist ein Text? Wie begreift jedeR Einzelne ihr/sein Verhältnis zu Texten: Eröffnen sie Räume oder begrenzen sie Räume? Sind sie politisch / lassen sich politisch einsetzen?
Sehen wir im ‚Erlernen' literaturwissenschaftlicher Methoden einen Zuwachs an Möglichkeiten oder kritisieren wir diese & ihre Voraussetzungen eher als Blickverstellung?


EIN Versuch
Texte sind Orte der Einschreibung. Subjekte schreiben Texte und Texte schreiben Subjekte, da Subjekte aus Texten die Bilder zu ihrer Orientierung nehmen. Subjekte - als Ort der Einschreibung - sind ebenfalls Texte. Wenn Texte Orte der Einschreibung sind, dann schreiben sich auch Geschlechterverhältnisse, Identitätskonzepte und Begehrensmuster in ihnen ein. & sie schreiben diese fort, verändern sie, verschleiern sie, tanzen mit den Verhältnissen bis zum Schwindel.
Nach diesem Verständnis können queere Lesarten, welche die Hegemonien in Texten aufdecken und durchkreuzen, Wissenschaftskritik, Literaturkritik, Gesellschaftskritik, Selbstkritik...Gegendiskurs, Utopie, Spaß...sein.
(Bericht des Projekttutoriums "Queere Texte?")

Aber ist es nicht auch wichtig, Text und Subjekt unterscheiden zu können? Kritisiert wurde, dass "Alles ist Text" als Aussage "Alles ist alles" gleichkommt, was keinen Sinn ergibt. Dagegen wurde argumentiert, dass "Alles ist alles" nicht zu verwechseln sei mit "Alles hängt zusammen", auf das die obengenannte Definition eher zielen würde. Gegenrede: Es geht gar nicht darum, was Text ist, sondern was als solcher gesehen, gelesen, ernst genommen, interpretiert, eingeordnet wird; was ausgelassen, als schlecht befunden, wegdefiniert, untergeordnet wird. Und: Was ist kein Text? Was ist ursprünglich da, ohne erzählt, ‚diskursiv erzeugt' zu werden?
Als wichtig erschien uns auch, die Frage nach der UrheberInnenschaft eines Textes (hier im Sinne schriftlich fixierter Aussagen) nicht zu vernachlässigen. Ein Text ist zwar nicht das Produkt eines autonomen Subjektes, sondern eines Kontextes (der die Subjekte erst hervorbringt), dieser Sachverhalt hebt aber nicht die Notwendigkeit auf, das Subjekt, welches als Autor oder Autorin eines Textes erscheint, in einem Verhältnis von (politischer) Verantwortung zum Text zu begreifen.
Zentral wäre es also zu fragen "Wen kümmert`s? Wer spricht?". Diese Frage, die wir oft an die Texte (nicht nur die "literarischen") gerichtet haben, kann die Hegemonien, die durchque(e)rt werden sollen, zunächst als solche markieren.
(Bericht des Projekttutoriums "Queere Texte?")

German Psycho
Herr M. hat Angst. Angst um Deutschland. Nacht für Nacht liegt er in seinem Bett und wälzt sich. Er liebt sein Land. Und weil er sein Land liebt, sieht er, dass es immer schwächer wird. Immer anämischer. Deutschland blutet aus. Und nur weil seinen Töchtern und Söhnen der Saft abhanden gekommen ist. Irgendwie hat das deutsche Volk keine Lust mehr. Spaß schon, Spaß wie noch nie, aber recht eigentlich keine Lust auf nichts, das spürt Herr M. genau. Es herrscht kein Schwung mehr im deutschen Zeugungs- und Gebärgetriebe. Germanias Kinder tun nichts mehr, um Germania gesund zu halten. Nuckeln sich einfach an der Mutterbrust fest und saugen ihr, wenn keine Milch mehr fließt, eben das Blut aus.
Unruhig wirft Herr M. sich von der einen auf die andere Seite. Vor seinem brennenden Auge tauchen die Zahlen auf, die ihm seine Demographen letzte Woche vorgelegt haben. Schlimme Zahlen. Alarmierende Zahlen.
Herrn M. wird schwindelig. Er steht auf, tappt mit nackten Füssen zum Waschbecken und schenkt sich ein Glas Wasser ein. Eiskalt steht sie da vor ihm, die Wahrheit: Was fünfzig Jahre Demokratie nicht geschafft haben, der Demographie wird es gelingen: Die Deutschen sterben aus.
Panik erfasst Herrn M., er beginnt zu rechnen, immer schneller zu rechnen, die mitternacht ist länst vorbei, aber er muß weiterrechnen, die Zahlen gehen mit ihm durch. 300.000 junge - kranken-, renten- und sozialkasseneinzahlungswillige - Zuwanderer müssten jährlich ins Land kommen, um Deutschland zu retten. 300.000 jährlich! Das macht in zehn Jahren 3 Millionen und in hundert Jahren gar 30 Millionen Zuwanderer in Deutschland!
Herr M. schließt die Augen. Ein paar Tränen steigen in ihm auf. Wo soll das alles nur enden. Mit dem deutschen Reinheitsgebot und überhaupt. Ein Multikultisaft wird es werden, das deutsche Blut, ein wild gemixter Multikultisaft! Und nur, weil die Deutschen keine Lust mehr haben!
Herr M. wird zornig. Mutterkreuz! Denkt er, Lebensborn!, aber er weiß, dass er das nicht denken darf. Wie er überhaupt all das nicht denken darf, was jetzt weiterhelfen würde. Und dabei hat er es doch so klar erkannt, das deutsche Dilemma: Führer oder Unglück, den dritten Weg gibt es nicht.
Her M. zerwühlt sein immer müder werdendes Gehirn. Leitung? Leiten? Leiter? - Ja, das könnte gehen. Deutschland braucht einen neuen Leiter. - Nein, das hat noch nicht die nötige Stahlkraft. Klingt noch zu bürokratisch. Aber das mit dem Leit- ist prinzipiell nicht so schlecht. Leit-zins, Leit-hammel, Leit-wurst, Leit-wesen, Leit- - Herr M. fährt auf. In die Senkrechte geschleudert von der Wucht des soeben geborenen Begriffes: Leitkultur! Natürlich! Warum ist er da nicht sofort drauf gekommen! Das einzige Wort, das den Deutschen quasi aus der Seele geschnitten ist und das er dennoch getrost in den Mund nehmen darf: Kultur! Deutsche Leitkultur! Das ist es! Und damit keiner diesem wunderschönen, säuglingsfrischen Begriff etwas antun kann, beschließt Herr M. - nicht ohne ein Lächeln - ihm noch ein kleines ‚freiheitlich' als schützendes Tarnkäppchen überzustülpen. Freiheitliche deutsche Leitkultur! Zum ersten Mal seit Wochen schläft Herr M. selig ein.
(Thea Dorn: Ultima Ratio)

Zu fragen wäre, ob durch eine nichtidentitäre Theorie eine Politik gefunden werden kann, die den (heterosexuellen) Staat nicht mehr braucht.
(Faust)

Sicheln und Würgen
Was ist nur los in Deutschlands Familien, fragt sich manch einer besorgt. Nichts, was in Familien nicht schon immer los gewesen wäre. Familie und Verbrechen sind engste Verwandte seit Anbeginn. Der Begriff Familientragödie ist ein Pleonasmus. Familie ist Tragödie. Sie ist ein Irrenhaus, das manchmal zum Schlachthaus wird. Selbst die deutsche Justiz anerkennt, dass die Familie Menschen produziert, die nicht mehr voll zurechnungsfähig sind. "Das Gericht ist zu der Auffassung gelangt, dass der Angeklagte aufgrund der familiären Situation möglicherweise in seiner Schuldfähigkeit eingeschränkt war." - Ein Satz, den man im Zusammenhang mit Verbrechen im Kreis der Lieben auffällig oft hört.
Wer dem Verbrechen keine Chance mehr geben will, der sollte auch der Familie keine mehr geben. Familienauseinanderführung ist das wirksamste Mittel zur Verbrechensbekämpfung.
(Thea Dorn: Ultima Ratio)

Lexa ging Philo bis ans Ende der Laufplanke entgegen; sie küssten sich. Toshiro ließ ihnen einen Augenblick Zeit, sich wieder aneinander zu gewöhnen, bevor er sich ihnen anschloss. Als Philo Lexas Lebensgef(ährte). Nr. 2 näher kommen sah, trat er von seiner Frau zurück und nahm eine Ringerhaltung an. Toshiro ging mit einer entsprechenden Gegendrohgebärde auf das rituelle Spiel ein; dann stürmten die beiden Männer wie zwei um die Vorherrschaft kämpfende geile Primaten aufeinander los.
Vom männlichen Standpunkt aus ist der Haken an der Polyandrie nicht lediglich der Umstand, dass man mit derselben Frau im Bett liegt, sondern dass man auch miteinander im Bett liegt. Für Toshiro, der im Laufe seines Lebens in der New Yorker Stripperszene jede erdenkliche Metamorphose von Liebe und Lust mitgemacht hatte, war das eine ganz natürliche Sache, aber Philo hatte von Wesen und Zweck der Sexualität durch ein mennonititsches Handbuch für christliche Eheleute erfahren, und alte Hemmungen sind eben schwer totzukriegen. Also ging er mit seinem Problem - einem kaum nennenswerten Anflug von Homophobie - so um, dass er sich bei jedem ersten Wiedersehen ohne Vorwarnung auf Toshiro stürzte und ihn in ein freundschaftliches Gerangel verwickelte, das dem noch freundschaftlicheren, zu dem es im Laufe des Abends kommen würde, gewissermaßen die Spitze nahm.
‚Harrrr!' röhrte Philo, packte Toshiro an den Schultern und schüttelte ihn durcheinander. ‚Grrrrr!' röhrte Toshiro zurück und tat so, als wurde er sich ihm widersetzen, obwohl Philo ihn, wenn dies eine ernstgemeinte Konfrontation gewesen wäre, wie ein Stöckchen hätte entzweibrechen können. So aber stürzten sich die beiden ineinander verkrallt auf die Pier und wälzten sich in einem gespielten Kampf auf Leben und Tod. Lexa fand den Anblick amüsant - und nicht unerregend, besonders als Philo im Übereifer des Gefechts Toshiro das Sweatshirt vom Leib fetzte -, Seraphina hingegen war eher peinlich berührt. ‚Die afrikanischen Krieger haben sich andauernd gegenseitig gevögelt, Dad!' schrie sie. ‚Sei doch nicht so´n entsetzlicher Spießer!'
Asta Wills und Norma Eckland erschienen aus dem Niedergang und traten aufs Flugdeck. Norma in einem subtil im Chamäleonstil changierenden Abendkleid, Asta in einem konventionelleren Ensemble aus Rock und Bluse mit dazugehöriger Handtasche aus Känguruhlederimitat. ‚Da bahnt sich mal wieder eine kleine Männerbindung an, was?' sagte Asta. ‚Urgesellige Leute, diese Amis.'
Aber die Kämpfenden machten allmählich schlapp. Philo ließ sich völlig geschafft auf den Rücken plumpsen, während Toshiro als keuchendes Bündel quer auf Philos Schenkeln liegen blieb. Die windpockenfleckige Rabi nutzte die Gelegenheit aus, um loszurennen und auf den ungedeckten Bauch ihres Vaters zu springen; Lexa kniete sich neben Philos Kopf hin und gab ihm einen weiteren Kuss. Seraphina schlug sich alle Gedanken an arktische Eisbonbons zumindest lange genug aus dem Kopf, um sich an der Massenkarambolage zu beteiligen.
Norma stütze ihr Kinn auf Astas Schulter.
‚Geht doch wirklich nichts über die gute alte Kleinfamilie', sagte sie.
(Matt Ruff: G.A.S. Die Trilogie der Stadtwerke)

Erprobt haben wir Queere Lesarten an den verschiedensten Texten. An dieser Stelle möchten wir einige nennen.

Pieke Biermann: Herzrasen.
Samuel R. Delany: Trouble on Triton.
Jutta Osinski: Einführung in die feministische Literaturwissenschaft.
Kanak Attak: Kanak Attak und basta!
Audre Lorde: Vom Nutzen unseres Ärgers.
Marita Keilson-Lauritz: Maske und Signal. Textstrategien der Homoerotik.
Detlev Meyer: Mahlzeit.
Irmtraud Morgner: Leben und Abenteuer der Trobadora Beatriz nach Zeugnissen ihrer Spielfrau Laura.
Andreas Steinhöfel: Die Mitte der Welt.
am Film "Celluloid Closet"
Judith Butler: Auf kritische Weise queer.
Anonym: Das Nibelungenlied.
Andrea Weiss: Paris was a woman.
an Werbung
Feridun Zaimoglu: Koppstoff. Kanaka Sprak vom Rande der Gesellschaft
an uns
María delMar Castro Varela und Encarnación Gutiérrez Rodríguez: Queer Politics im Exil und in der Migration
Katharina Pühl und Nancy Wagenknecht: Wir stellen uns queer
am Film "Beautiful Thing"
Alice Walker: The Color Purple
Birgit Waberski: Die großen Veränderungen beginnen leise. Lesbenliteratur in der DDR und den neuen Bundesländern
Djuna Barnes: Nachtgewächs.

Wie immer bleiben Fragen. An Queer, an uns und an dieser Vorlesungsreihe.
Wird das Dynamische und Emanzipatorische, was Queer haben kann, nicht ständig repressiv verknappt oder sogar verhindert? Durch homophobe Herrschaftssstrukturen, aggressive Körpernormierungen und eine nicht - enthindernde Gesellschaft?
Sollte Queer überhaupt zu einem Thema an der Universität werden? Entsexualisiert Queer Theory nicht letztendlich Bewegungskontexte? Gibt es etwas unerotischeres als in einem Raum wie diesem hier über Queer zu sprechen?

Kann Queer dazu führen, dass ältere Lesben und Schwulen nach jahrelangen Emanzipationskämpfen nun von sich emanzipierenden Heteras und Heteros als "identitätspolitisch" beschimpft werden? Kann Queer zu einem Geschichtsverlust führen, feministische und homopolitische Diskussionen als erledigt betrachten und sogar die Aidslüge recyceln?
Löst Queer derzeit seinen herrschaftskritischen Ansatz ein? Hat Queer diesen überhaupt?

Ist Queer nicht bereits kommerzialisiert worden? Braucht es einen neuen Begriff? Zwingt uns unser Alltag nicht geradezu stabile Identitäten auf? Kann Queer entpolitisieren?

Diese Fragen haben uns im Tutorium beschäftigt, beschäftigen uns immer noch und werden uns hoffentlich auch in dieser Vorlesungsreihe beschäftigen.

Unser Dank für die geliehenen Worte geht an: Antke Engel, Audre Lorde, Caren Lay, Corinna Genschel, Der Duden, , Irmtraud Morgner, Karin Spaink, Katharina Pühl, Luka Bernstein, María delMar Castro Varela und Encarnación Gutiérrez Rodríguez, Matt Ruff, Michel Foucault, Nancy Wagenknecht, Peter Hacks, Rosa Rotlicht, Volker Woltersdorf / Lore Logorrhoe, Zeitschrift FAUST

Zitate:

Thea Dorn: German Psycho. In: Ultima Ratio. Erzählungen und Kolumnen. Hamburg 2001.

Diess.: Sicheln und Würgen. In: Ultima Ratio. Erzählungen und Kolumnen. Hamburg 2001.

Antke Engel: Verqueeres Begehren. In: Sabine Hark (Hg): Grenzen lesbischer Identitäten. Berlin 1996.

Duden, Fremdwörterbuch. 5. Auflage. Mannheim, Leipzig 1990.

FAUST, 2/97

Michel Foucault: Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit 1. Frankfurt am Main, 199810. (Original: 1976, dt. Erstveröffentlichung: 1977)

Michel Foucault: Das Subjekt und die Macht. In: Dreyfus, Hubert L.; Rabinow, Paul: "Michel Foucault. Jenseits von Strukturalismus und Hermeneutik". Weinheim, 19942. (Original: 1982, dt. Erstveröffentlichung: 1987)

Michel Foucault: Von der Freundschaft. Berlin, ohne Jahr.

Michel Foucault: Der Gebrauch der Lüste. Sexualität und Wahrheit 2. Frankfurt am Main, 20006. (Original: 1984, dt. Erstveröffentlichung: 1989)

Corinna Genschel, Caren Lay, Nancy Wagenknecht, Volker Woltersdorf: Vorwort zu "Queer Theory. Eine Einführung" von Annamarie Jagose. Berlin 2001.

Peter Hacks: Meta Morfoß. Berlin 1975.

Audre Lorde: Zami. Ein Leben unter Frauen. Frankfurt a.M. 1993.

Irmtraud Morgner: Leben und Abenteuer der Tobadora Beatriz nach Zeugnissen ihrer Spielfrau Laura

katharina pühl: intersexualität und feministische perspektiven auf "geschlecht" - einige fragen und überlegungen. In: it all makes perfect sense. Ein Beitrag über Geschlecht, Zwitter und Terror. Broschüre der AGGPG 2000.

Matt Ruff: G.A.S. Die Trilogie der Stadtwerke. München 2000.

Karin Spaink: Sprungbrett. Die Kyborg-Story V. In: [sic!] Forum für feministische Gangarten. Nr. 14, 1996.


Lesetipps zu "Queer Theory"

Genschel, Corinna: Fear of a Queer Planet. Dimensionen lesbisch-schwuler Gesellschaftskritik. In: "Das Argument 38". 4/216. 1996. S. 525-537.
Hark, Sabine: Queer Interventionen. In: "Feministische Studien". Nr. 2/93. S. 103-109.
Jagose, Annamarie: Queer Theory. Eine Einführung. Berlin, 2001. (Original: Melbourne, 1996)
Lay, Caren: Queer ain't here. In: "Jungle World". Nr. 12/01.
Pühl, Katharina; Wagenknecht, Nancy: Wir stellen uns queer. In: "Jungle World". Nr. 15/01.
Seidman, Steven: Queer Theory/Sociology. Cambridge, Oxford, 1996.
Warner, Michael: Fear of a Queer Planet. Queer Politics and Social Theory. Minneapolis, London, 1993.