Vorlesungsreihe
"Verhältnisse durchque(e)ren"
Queer Patchwork Glawion
Scen/Janicke Cindy
Bei dieser Vorlesungsreihe handelt es
sich um ein studentisches Projekt. Sie
ist von Studierenden organisiert worden.
Es reden Studierende, Promovierende, Habilitierende,
Nicht-Studierende und eine Professorin.
Sie eröffnet einen Raum für
Theorie, politische Diskussionen und Performance.
Sie wehrt sich damit gegen konstruierte
Trennungen von Theorie und Alltag, akademischen
Diskurs und straßenpolitischen Aktionen.
Sie wehrt sich auch gegen verstaubte Hierarchien,
welche das Rederecht an der Universität
von einem akademischen Titel abhängig
machen. Sie soll interessant, kontrovers,
kreativ und kritisch sein.
Die
Vorlesungsreihe ist aus dem Projekttutorium
"Queere Texte", welches im Sommersemester
2001 und Wintersemester 2001/2002 stattfand,
hervorgegangen. Im Zentrum des Tutoriums
stand die Frage nach möglichen queeren
Lesarten von Texten, besonders von Texten
sogenannter lesbischer und schwuler Literatur.
Stellt Queer Theory - so fragten wir uns
- die lesBischwule Literaturwissenschaft
vor neue Fragen? Was bedeutet "lesbisch",
was bedeutet "schwul"? Was bedeutet
"bisexuell", was bedeutet "heterosexuell"?
Muss die analysierende und interpretierende
Textarbeit in Bezug auf Codierungen geschlechtlicher
Identität und sexueller Lust neue
Fragestellungen entwickeln? Verändert
ein neues Verständnis homosexueller
Identität Rezeptionsbedingungen einer
sogenannten lesbisch-schwulen Literatur?
In welcher Weise fließen Identitätskonstruktionen
in literarische Texte ein, welche Rolle
spielen andererseits diese Texte bei der
Konstruktion und Rekonstruktion "realer"
Identitäten?
Das Tutorium erhielt den Preis für
gute Lehre der Phil Fak III, mit dem die
Finanzierung dieser Vorlesungsreihe möglich
wurde. Heute möchten wir Ihnen und
euch eine Collage präsentieren. Wir
möchten Eindrücke aus dem Tutorium
vermitteln, Texte sprechen lassen, Fragen
aufwerfen und unsere Gedanken bei der
Ausrichtung und Planung dieser Vorlesungsreihe
darstellen.
Die
Suche nach queeren Lesarten konfrontierte
uns mit der Frage: Was ist queer? was
könnte queer sein? Die Antworten
im Tutorium waren sehr unterschiedlich.
Sowohl die, die wir uns gaben, als auch
die, die wir in Texten fanden.
lesbisch.schwul
Problemkind
Antinormativ
Identität ohne Identität
Ein Selbstwiderspruch
Beliebigkeit & Party-Koalition
Eingang & bequeme Möglichkeit
für Heteras/Heteros eine Bewegung
zu unterwandern
Integrativ
Internalisierung einer Beschimpfung
Mindfuck
Nur ein neuer Kanon
Eine Bewegung, die Verwirrung stiftet
Zwang zur Selbstreflexion
Ergebnis subjektkritischer & postmoderner
Diskurse
Befreiung
Eine neue Eingrenzung
Queer
wird im akademischen Diskurs oft mit Unsicherheiten,
Ressentiments und Ignoranz begegnet.
Der Soziologe Steven Seidman versuchte
1996 in seinem Buch "Queer Sociology"
seine Leserinnen und Lesern auf einen
blinden Fleck innerhalb der soziologischen
Forschung aufmerksam zu machen. Klasse,
Ethnie und Geschlecht - so seine These
- wäre von dem entzaubernden Blick
der Soziologie in zunehmender Weise als
soziokulturelle Konstruktion entlarvt
worden. Ausgelassen worden wäre dabei
Sexualität, die immer noch als "privat"
bezeichnet und somit die akademischen
Analysen nur beiläufig tangieren
würde. Mit seinen Arbeiten gehört
er zu den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern,
die sich im Kontext der "Queer Theory"
verorten und Sexualität als das veranschaulichen
wollen, als was sie sich bei näherer
Betrachtung darstellt: Als Feld der Macht.
Mit großer Begeisterung seitens
der etablierten akademischen Institutionen
konnten und können die Queer Denkenden
nicht rechnen. Die Literaturwissenschaftlerin
Eve Kosofsky Sedgwick löste - um
ein Beispiel zu nennen - mit ihrem Essay
von 1994 zur Bedeutung der Masturbation
in Jane Austens "Sense and Sensibility"
- eine Kontroverse aus, in der ihr Text
immer als Beispiel für den verderbenden
Einfluss genannt wurde, den Queer Theory
auf anständige und seriöse Disziplinen
hätte. Wo sollte das hinführen?
Was sollte dieses demonstrative Hochheben
der Bettdecke, dieses penetrante Reden
über Sex?
Es ging und geht unserer Lesart nach in
der Queer Theory nicht primär um
Sex. Es geht vielmehr um Sexualität
- als Zuschreibung und Instrument, als
Struktur und Zeichen. Queer Theory betont
- mal wieder - dass das Private politisch
ist und stößt damit - immer
noch - auf Widerstand. Das Reden über
Sex ist völlig unspektakulär,
weil alle ständig darüber reden
- wie u.a. Michel Foucault mit seiner
These von der "diskursiven Explosion"
um den Sex eindrücklich verdeutlicht
hat. Während quer durch alle Medien
Sex exzessiv zur Schau gestellt wird,
geht es darum zu fragen, wie dieses Reden
über Sex die Wahrnehmung von Sexualität
steuert und reguliert und wie darüber
Subjekte konstituiert werden. Sexualität
als Feld der Macht zu begreifen, bedeutet
nach ihren Schnittstellen mit "Kultur"
und Konstruktionen von "Rasse",
Zweigeschlechtlichkeit und Heterosexismus,
Visualisierungen von Körper, Fantasmen
über "Natur", Kapital,
Staat und Nation zu fragen, bedeutet auch,
die "blinden Flecken" nicht
als Zufall zu betrachten. Es geht also
um das Verhältnis von Sexualität
und Identität und der Überlagerung
dieses Zusammenhang mit Identitäten,
die entlang der Achsen von Geschlecht,
Hautfarbe, sozialem Status, Alter, Religion
etc. über Zuweisung und Identifizierung
vermittelt werden.
(Rosa Rotlicht, in: "HUch! Im Paralleluniversum".
Nr. 34. Hier leicht geändert)
Es
genügte nicht, zusammen Frauen zu
sein. Wir waren anders. Es genügte
nicht, zusammen lesbische Frauen zu sein.
Wir waren anders. Es genügte nicht,
zusammen Schwarz zu sein. Wir waren anders.
Es genügte nicht zusammen Schwarze
Frauen zu sein. Wir waren anders. Es genügte
nicht, zusammen Schwarze lesbische Frauen
zu sein. Wir waren anders.
Jede von uns hatte eigene Bedürfnisse
und Ziele und schloss viele verschiedene
Bündnisse. Der Selbsterhaltungstrieb
warnte einige von uns davor, uns auf einer
einfachen Definition, einer Schmalspur-Bestimmung
unseres Selbst auszuruhen. [...] Es dauerte
eine Weile, bevor uns klar wurde, dass
unser Ort das Haus des Andersseins selbst
war und nicht die Sicherheit eines einzelnen
Unterschieds.
(Audre Lorde: Zami. Ein Leben unter Frauen)
Wenn
Lebensformen, Existenzweisen, soziale
Zusammenhänge thematisiert werden,
dann kann nicht darauf verzichtet werden,
Differenzen wahrzunehmen. Einer der vorrangigen
Ansprüche von verque(e)renden Perspektiven
sollte es sein, die wechselseitigen Wirkungen
rassistischer, heterosexistischer, antisemitischer
Einflüsse in hegemoniale Konzepte
von Familie, Staat und Nation zu untersuchen.
Gleiche Rechte für alle entstehen
nicht auf dem Weg der Addition definierter
Gruppen. Eher durch die Verwischung der
Grenzen zwischen ihnen, durch die klare
Zurückweisung privilegierender &
hierarchisierender Definitionen? Dazu
bedarf es einer verstärkten Aufmerksamkeit
gegenüber genau den normativen, d.h.
‚Mehrheiten', Regeln, Zugehörigkeiten
schaffenden, Prozessen, in welchen Zustände
wie Natur, Kultur, Zivilisation erst hergestellt
werden. Wer sagt, was eine Familie sei?
Wer bestimmt, welche Menschen das Recht
auf Bewegung, auf Hiersein, auf Was-auch-immer
haben? Und welche Bedingungen werden daran
geknüpft?
(luka bernstein)
Was
heißt ‚queer politics' im
Kontext von Asyl und Migration? Was heißt
‚queer politics', wenn wir den geographisch-politischen
Rahmen bei der Frage nach staatsbürgerlichen
Rechten ins Zentrum unserer Perspektive
rücken? Was heißt dies für
die Repräsentation immigrierter,
exilierter und in der Diaspora lebender
Lesben, Schwuler, Bisexueller und Transsexueller?
Warum findet die staatsbürgerliche
Privilegiertheit mehrheitsdeutscher Frauen,
Lesben oder Schwuler in der hiesigen Gleichstellungsdebatte
kaum Erwähnung?
Irreversibel homosexuell: Der Einschluss
in Form eines legalen Aufenthaltsstatus´
wird mit einem irreversiblen Ausschluss
legitimiert! Die Normierung ist perfekt,
schicksalhaft, unentrinnbar und irreversibel.
Befreit von der Last des Beweises sind
die Asylbewerberinnen nun beladen mit
der Last der eindeutigen und irreversiblen
sexuellen Identität. Wie stellt sich
die Anrufung als ‚Lesbe' in diesem
Kontext her? Inwieweit können die
unterschiedlichen Herrschaftsverhältnisse,
die hier zusammentreffen, mit dem Begriff
der ‚Verwerfung' erfasst werden?
Kann der Begriff der Verwerfung die Wirkungsmacht
der staatlichen Anrufungspraxis benennen?
Oder müssen wir nicht einen neuen
Begriff schaffen für die vom Staat
geschaffenen juridische und ‚unentrinnbare',
also irreversible Identität der ‚Lesbe'
im Kontext von Asyl- und Ausländerpolitik?
(Castro Varela/Gutiérrez Rodríguez:
Queer politics im Exil und in der Migration)
In
dieser Vorlesungsreihe soll es darum gehen,
die unterschiedlichen Schnittstellen aufzuzeigen,
an denen Queer thematisierbar wird. Dabei
sollen auch Perspektiven eröffnet
werden, die oft nicht mit dem Begriff
"Queer" verbunden werden - Perspektiven
auf Kindheit, Enthinderung, Einwanderungsgesetze,
Neoliberalismus, Krieg.
Versucht
mensch sich an der Uni mit Queer zu beschäftigen
und Queer einzufordern, so wird oft die
Frage gestellt, was daran denn so aufregend
und neu wäre. Auch wir hatten manchmal
den Eindruck mindestens eine literaturwissenschaftliche
Revolution auslösen zu müssen,
um Interesse wecken zu können.
Wir
zitieren an dieser Stelle aus dem Zwischen
und Abschlussbericht des Projekttutoriums:
"Die Frage nach der Neuheit erarbeiteter
Erkenntnisse lässt sich gerade aufgrund
des wissenschaftskritischen Hintergrunds
der von uns besprochenen theoretischen
Ansätze so nicht stellen. Anstelle
eines kohärenten und als Fortschritt
im Rahmen einer Entwicklungsgeschichte
zu präsentierenden Erkenntnisgebäudes
stand und steht für uns die Auseinandersetzung
mit dem Begriff queer und seinen Anwendungsmöglichkeiten
in der Beschäftigung mit (literarischen)
Texten im Zentrum der Überlegungen.
Daraus folgt eher eine Reibung an den
Widersprüchen und der Ungreifbarkeit,
die queer im sowohl theoretischen als
auch politischen Kontext aufweist, als
die Suche nach DER Definition bzw. daraus
zu entwickelnden Fragestellung."
"Queere Lesarten verändern vielleicht
nicht die Literaturwissenschaften, aber
diejenigen, die mit ihnen (nicht nur in
der Literaturwissenschaft) arbeiten."
(Bericht des Projekttutoriums "Queere
Texte?")
Die
allgemeinen Probleme in der Übersetzung
einer Politik von einem Kontext in einen
anderen spiegeln sich auch in konkreten
Schwierigkeiten wider, bestimmte Begriffe
zu übersetzen. "Queer"
bedeutet unter anderem "fragwürdig",
"sonderbar" oder "Falschgeld",
dient aber hauptsächlich als Schimpfwort
gegen alle, die den Normen geschlechtlicher
und sexueller Identifikationen nicht entsprechen
- und damit dient es genau zur Herstellung
dieser Normen. Lässt sich eine Entsprechung
zu diesem Wort finden, die eine ebenso
reiche, vieldeutige Geschichte hat, wie
Annamarie Jagose sie herausarbeitet, oder
soll es importiert werden? Geht aber nicht
mit der einfachen Übernahme in den
deutschen Sprachgebrauch die politische
Kraft des Begriffs verloren? Die Diskriminierung
hat sich hier über Wörter wie
"Lesbe" und "Schwuler"
ausgedrückt, die ebenfalls in Akten
der Selbstbehauptung angeeignet wurden.
Werden sie zugunsten von queer aufgegeben,
verschwindet "die andauernd drohende
Erinnerung an die Verletzung". Wäre
queer besser mit "pervers" zu
übersetzen? Hier wird klar, wie viel
Brisanz in dem Wort liegt. Wer sich einfach
[diese Vorlesung unter dem Titel "Perversion
- Verhältnisse pervertieren"]
vorstellt, ahnt schon, dass die selbstbehauptende
Aneignung von queer im englischsprachigen
Raum weit über eine modische Zeitgeistgeste
hinausgeht.
(Corinna Genschel, Caren Lay, Nancy Wagenknecht,
Volker Woltersdorf: Vorwort zu Queer Theory
v. Annamarie Jagose)
per/vers
[verdreht]: andersartig veranlagt, empfindend;
von der Norm abweichend, bes. in sexueller
Hinsicht. Per/ver/si/on die: krankhafte
Abweichung vom Normalen, bes. in sexueller
Hinsicht. Per/ver/si/tät die: 1.
(ohne Plural) das Perverssein. 2. (meist
Plural) Erscheinungsform der Perversion;
perverse Verhaltensweise. per/ver/tie/ren:
1. vom Normalen abweichen, entarten. 2.
verdrehen, verfälschen; ins Abnormale
verkehren. Per/ver/tie/rung die: 1. das
Pervertieren, Verkehrung ins Abnormale.
2. das Pervertiertsein, Entartung.
(Duden. Das Fremdwörterbuch, 5. Auflage)
In
einer Aneignung politischer Begriffe,
die sich im Feld identitärer Zuschreibungen,
Verwerfungen, Einordnungen bewegen, wie
es queer pervers... tun, stellt sich nicht
zuletzt immer die Frage, in wie weit diese
Übernahme die Machtverhältnisse
bestehen lässt, den ordnenden Zugriff
der Kategorie untergräbt, dessen
Inhalte aber nicht zu brechen vermag.
Die alte Frage nach den Möglichkeiten
ironischer Politik, nach der Macht von
Gegendiskursen. Nicht nur queer, nicht
nur pervers, auch punk, kanak & viele
andere zeigen die wechselseitige Bewegung
auf: verstörende, provokante, auf
Assimilation & Toleranz der ‚Mehrheit'
pfeifende Aneignung zum einen - die schillernde
& ins interessiert bestaunte Nebenzimmer
der anderen verschobene Vereinnahmung
auf der anderen. Seien es Kaffeetanten,
die Autowerbung mit drag queen, Pailletten-T-Shirts
bestimmt nicht subversiver Bekleidungsketten
auf denen ein 1-a-gesticktes punk leuchtet
... Beispiele gibt es mehr.
Der Widerspruch wird nicht auflösbar
sein & folgende Erkenntnis ist wohl
auch nicht allzu neu: der Kontext macht
die "Verstörung" (wie auch
die "Verletzung"): ‚we
are here, we are queer, get used to it';
‚Liebe Oma! Ich würde gern
einige Tage mit meiner perversen Freundin
bei dir auf dem Land verbringen.' (Antke
Engel: Verqueeres Begehren); einem Lehrende,
der sich als Sexualwissenschaftler - den
armen Verstörten nur helfen wollend
- gern mal mit weiblicher Perversion auseinandersetzt,
wird so nicht unbedingt beizukommen sein.
Es geht auch & vor allem darum, deutlich
zu machen, dass die Norm eben nicht normal,
dass sie das Ergebnis eines Prozesses
ist & dass dieser Prozess v.a. damit
arbeitet, qua definitionem das Andere
auszuschließen. Indem es zu Seinsformen
verpackt, genau umrissen, bewertet, festgelegt
wird. Sich dieser Festlegung zu widersetzen,
den ordnenden Blick zu irritieren &
immer wieder auch das Licht auf die scheinbare
Natur der Dinge zu werfen - darum geht
es, wenn "gegen die Norm" nicht
mehr fremddefinierte Anrufung sondern
Ansatz & Motivation der eigenen Bewegung
ist. Im Bewusstsein, dass es den machtfreien,
den unschuldigen, den sicheren Raum der
Selbstbestimmung nicht gibt.
(Luka Bernstein)
Vor
ein paar Jahren schrieb ich eine Geschichte,
kurz nachdem ich die Arbeiten von Donna
Haraway das erste Mal gelesen hatte. In
dieser Geschichte wollte ich Gedanken
über das Immunsystem, Identität,
Kyborgs, die Möglichkeit von Selbsterkenntnis,
Vampire, Liebe und Tod miteinander verbinden.
Haraway hatte mich dazu inspiriert, die
beiden Hauptfiguren nicht als autonome
Entitäten zu beschreiben, sondern
als reziprok miteinander und mit ihrer
physischen Umwelt, mikroskopisch und makroskopisch.
Versuchsweise beschloss ich, das Geschlecht
der beiden Charaktere nicht zu erwähnen.
Es gibt nur ein "Ich" und ein
"Du", und die Körper der
beiden werden geschlechtsneutral beschrieben.
In den eher lyrischen Passagen klingt
das dann so:
‚Laut Ärzten ist es ein Sack
voller Organe. Laut Biologen ein paar
Kübel voll Wasser und eine Handvoll
Knochen. Laut Frauenmagazinen ist es etwas,
wovon man unbedingt weniger haben sollte,
auf keinen Fall mehr. Laut Werbung ist
es die perfekt stilisierbare Verpackung.
Für den Mann auf dem Barhocker ist
es etwas, das man irgendwo parken und
in das man hineinrennen kann. Für
Kreationisten ein göttliches Wunder
und beseelt, für Darwinisten die
höchste Stufe der Evolution: Körper.
Von Körpern weiß ich nichts
mehr. Ich weiß nur, dass ein Trampolin
in deine Tiefen führt. Ich weiß
nur, dass Rücken gezählt und
Haare in Finger getaucht werden können.
Dass unsere Rippen sich verwickeln, sodass
wir sie wieder lösen und in Form
kämmen müssen. Ich weiß
nur, dass Augen dazu da sind, daran hängen
zu bleiben und darin zu versinken. Am
besten sieht man sie von innen.
Dass Liebe die Perfektform von Leben ist,
und umgekehrt, das weiß ich. Dass
Körper nicht zählen, weil sie
nur Erscheinung sind. Dass deiner alles
ist, weil er die Liebe fühlbar und
greifbar macht. Das weiß ich. Sonst
nichts.'
Dass das Geschlecht der Charaktere aus
der Erzählung nicht hervorgeht, ließ
einem meiner Kritiker keine Ruhe. In seiner
Rezension schrieb er: ‚Ich brauchte
einige Zeit, bis mir klar war, dass das
eine lesbische Geschichte ist. Das Trampolin
war der Punkt.' Er hat die Geschichte
nicht gelesen. Er hat sie nach Indizien
abgesucht.
Ein Trampolin. Deshalb lesbisch. Wir sind
uns des unausweichlichen und intrinsischen
Zusammenhangs zwischen Sprungbrettern
und Lesbianismus natürlich alle völlig
bewusst.
Übrigens wussten Sie schon, dass
man nie mir einem Kyborg schwimmen gehen
sollte, denn dabei kann man sich verkühlen,
und dann hat man eine kaufende Nase, was
entweder unerotisch, homo oder hetero
ist? Aber glücklicherweise ist der
Unterschied zwischen männlichen und
weiblichen Taschentüchern, mit Karos
oder mit Spitzen, obsolet geworden, seit
wir alle Papiertaschentücher verwenden.
Zumindest diese Schlacht haben wir hinter
uns.
(Karin Spaink: Kyborgs sind auch nur Menschen)
Der Aktivismus im Zusammenhang der HIV/Aids-Epidemie
gilt als Entstehungskontext der Queer
Politics, die sich mit der Queer Theory
wechselseitig beeinflusst hat. Die paranoiden
Diskurse um den Sex, die massenmediale
Hetze gegen Schwule und das massiv-homophobe
Auftreten christlicher FundamentalistInnen
im Zusammenhang mit einem gesamtpolitisch
konservativen backlash ließen die
oft seperatistischen und liberalistischen
Strategien der Homo-Bewegung in Sackgassen
geraten. Dagegen bildete sich eine anti-assimilatorische
und anti-integrative Bündnispolitik,
in der die rassistischen und kapitalistischen
Bedingungen der Gesundheits- und Sozialpolitik
- wie HIV/Aids sie entblößt
hatte - neu thematisiert wurden. Queer
wurde damit zu einem Begriff des anti-normalen,
zu einem Begriff, der - über homosexuelles
Begehren hinausgehend - die heterogene
Gemeinschaft derer bezeichnet(e), die
entlang der Achsen von Geschlecht, Sexualität,
Klasse, Ethnie, "Gesundheit"
etc. marginalisiert und diskriminiert
wurden und werden. In diesem Zusammenhang
wurden und werden auch die Unterscheidungen
von Mann und Frau, normal und pervers,
homo- und heterosexuell problematisiert,
welche die hegemoniale Herrschaft stützen,
indem sie über die Konstruktion von
Norm und Anti-Norm Minderheiten konstituieren
und Hierarchien aufbauen.
(Rosa Rotlicht)
Dabei
war es weniger eine Theorie, die Bewegung
auslöste, sondern zunächst eine
Bewegung, die Theorien hervorbrachte.
So beschäftigte sich der französische
Historiker und Philosoph Michel Foucault
vor dem Hintergrund seiner politischen
Erfahrungen mit Sexualität, Wissen
und Macht und ihren Verhältnissen
zueinander.
Macht - so sagte er - ist komplexer als
ein Kräfteverhältnis von Herrschenden
und Beherrschten.
"Die Macht ist nicht etwas, was man
erwirbt, wegnimmt, teilt, was man bewahrt
oder verliert; die Macht ist etwas, was
sich von unzähligen Punkten aus und
im Spiel ungleicher und beweglicher Beziehungen
vollzieht"(Foucault, Wille zum Wissen,
S. 115).
Subjekte sind durch und durch von Macht
durchzogen - indem was sie denken, fühlen,
begehren und tun. Trübe Aussichten
für eine sexuelle Revolution? Wie
soll Widerstand zur bourgeoisen Moral
gelebt werden, wenn auch der Sex immer
in der Macht und nie außerhalb ist?
In seinen späteren Texten verschiebt
Foucault seine Thesen über Macht
ein wenig. Das Subjekt bleibt Einschreibfläche
von Machtverhältnisse, doch nun prägt
Foucault Begriffe wie "Existenzkünste"
oder "Selbsttechniken" (Foucault,
Gebrauch der Lüste, S. 18), die neue
Widerstandsperspektiven eröffnen,
indem sie das Handeln - und nun auch das
selbstbestimmte Handeln - des Subjektes
fokussieren.
Er beschreibt "Künste der Existenz"
wie folgt: "Darunter sind gewusste
und gewollte Praktiken zu verstehen, mit
denen sich Menschen nicht nur die Regeln
ihres Verhaltens festlegen, sondern sich
selber zu transformieren, sich in ihrem
besonderen Sein zu modifizieren und aus
ihrem Leben ein Werk zu machen suchen,
das gewisse ästhetische Werte trägt
und gewisse Selbstkritiken entspricht"
(Foucault, Gebrauch der Lüste, S.
18).
Im Zusammenhang mit dieser subjekttheoretischen
Wende steht die Entwicklung eines neuen
Machtmodells, das der "Pastoralmacht".
Unter dieser versteht Foucault eine Machttechnik,
die den christlichen Institutionen entstammt,
und sich in einer Fürsorge äußert,
die der Hirte (lat. pastor) jedem einzelnen
Gemeindemitglied gegenüber ausübt.
Diese Macht hat sich - nach Foucault -
in den modernen, christlich geprägten
Staat integriert und strukturiert die
Handlungsmöglichkeiten der einzelnen
BürgerInnen. Von der Pastoralmacht
ausgehend, denkt Foucault das Verhältnis
von Subjekt und Macht neu: "Abschließend
könnte man sagen, dass das politische,
ethische, soziale und philosophische Problem,
das sich uns heute stellt, nicht darin
liegt, das Individuum vom Staat und dessen
Institutionen zu befreien, sondern uns
sowohl vom Staat als auch vom Typ der
Individualisierung, der mit ihm verbunden
ist, zu befreien. Wir müssen neue
Formen der Subjektivität zustandebringen,
indem wir die Art von Individualität,
die man uns jahrhundertelang auferlegt
hat, zurückweisen" (Foucault,
Das Subjekt und die Macht, S. 250).
So konnte er auch formulieren: "Wir
müssen also darauf hinarbeiten, homosexuell
zu werden, und dürfen uns nicht hartnäckig
darauf versteifen, dass wir es schon sind"(Foucault,
Von der Freundschaft, S. 86).
Mit eigenen Worten: Homosexualität
- so wie wir sie verstehen - ist ein Konstrukt.
Es vereinheitlicht die Vielfalt an Möglichkeiten,
verknappt den Raum der Wahrnehmung und
Handlungsoptionen und inkorporiert sich
über eine Identität. Macht greift
damit auf das Subjekt zu, indem diesem
vorgeschrieben wird, mit welchen Worten
es sein Handeln beschreibt und auf welche
Referenzpunkte bezogen es seine bzw. ihre
Identität begreift. Die Zielvorstellung
"homosexuell zu werden" kann
bedeuten, nach eigenen Ausdrucksformen,
Wahrnehmungsmodellen und Lebensentwürfen
bezüglich der eigenen Sexualität
zu suchen.
Diese Chance haben aber - das sollte meiner
Meinung nach nicht vergessen werden -
leider nicht alle Menschen.
(Rosa Rotlicht)
Zurück
zur Frage: Was ist queer? Was könnte
queer sein?
Ein Definitionsansatz im Tutorium sah
wie folgt aus:
1. Queer hat seine Wurzeln in schwul-lesbischer-bisexueller
Bewegung.
2. Queer hat Wurzeln in einer antiassimilatorischen
Politik.
3. Queer hat Wurzeln in der Identitätskritik.
4. Queer betont eine Vielfalt von Geschlecht
und Begehren.
Eine Definition wie diese hat den Vorteil,
deutlich zu machen, was Queer nicht ist:
Queer ist demnach NICHT das Label integrativer
Bürgerrechtsbewegungen, NICHT allein
die Kopfgeburt weniger AkademikerInnen,
NICHT allein eine bunte Party...aber das
große NICHT zeigt schon das Problem
der Definition: NICHT alle können
dazugehören. Aber ist es wünschenswert,
dass alle dazugehören? Ist es nicht
wichtig zu betonen, dass Queer NICHT rassistisch,
NICHT misogyn, NICHT kapitalistisch ist?
(Bericht des Projekttutoriums "Queere
Texte?")
Manchmal
möchte ich eine Pflanze sein, beispielsweise
Löwenzahn, oder lesbisch.
(Irmtraud Morgner: Leben und Abenteuer
der Trobadora Beatriz)
Und
noch desselbigen Tages, nachdem er sich
gewaschen und zwei Stullen gegessen hatte,
ging Her Karsunke zum Haus der Familie
Morfoß und läutete an der Tür.
Die Tante öffnete ihm.
"Karsunke", sagte der Müllmann
mit einer Verbeugung.
"Maffrodit", stellte sich die
Tante ihrerseits vor.
"Nun", sagte der Müllmann,
"um ein Wort von Mann zu Mann zu
reden..."
"Von Mann zu Frau", unterbrach
ihn die Tante und zwirbelte ihren Schnurrbart.
"Entschuldigen Sie, Frau Maffrodit",
sagte der Müllmann.
"Herr Maffrodit bitte", verbesserte
die Tante.
"Also Herr Maffrodit", sagte
der Müllmann, "von Mann zu Frau
oder sagen wir vielleicht lieber: ganz
unter uns zwei beiden, ich habe eine Beschwerde
über ihr Fräulein Nichte vorzutragen."
"Kommen Sie nur ruhig herein",
sagte die Tante. "Der Lehrer Pauli
ist auch schon drin, es ist ein Abwasch."
(Peter Hacks: Meta Morfoß)
also,
wer definiert, was den blick irritiert?
die frage danach, wie ich einen menschen
in der u-bahn zuordne, bei dem/der ich
mir nicht ganz sicher bin, wo sie/er hingehören
möchte, es fragt sich: wie wende
ich irritierende erfahrungen mit der uneindeutigkeit
von geschlecht bei eine/r/m selbst, bei
der wahrnehmung anderer, ins konstruktive?
ohne: den masstab der ohnehin nicht zu
definierenden "normalität"
zu vollstrecken. ich weiss nicht, wie
es anderen geht: ich zumindest habe in
der zeit der auseinandersetzung mit der
frage nach der konstruktion von geschlecht
(die phase dauert an!!!) meinen alltagsblick
auf der strasse, meinen blick nach innen
zu mir selbst und meinen blick auf mich
und die menschen, mit denen ich in vielfältigster
weise in beziehung stehe, sehr verändert.
verandern müssen, nicht aufgrund
von theorien, theoretischen moden, sondern
weil mir der alltag plötzlich neu
ins auge stach.
(katharina pühl, in: intersexualität
und feministische perspektiven auf "geschlecht"
- einige fragen und überlegungen)
Herr
Karsunke folgte Herrn Maffrodit ins Wohnzimmer,
und Frau und Herr Morfoß und Herr
Dr. Pauli gaben ihm die Hand, Herr Morfoß
brachte ein paar Flaschen Bier, und dann
saßen sie alle um den Tisch herum
und redeten über Meta.
"Ich weiß nicht, von wem sie
das hat", sagte Frau Morfoß.
"Geerbt kann sie es nicht haben;
denn weder mein Mann noch ich haben jemals
die mindeste Lust verspürt, uns in
allerlei fremdes Zeug zu verwandeln. Beigebacht
haben wir es ihr natürlich auch nicht."
"Kinder kommen eben manchmal auf
Ideen", sagte Herr Morfoß.
"Ich muß bestätigen",
erklärte Herr Dr. Pauli, "daß
sie sich meist recht rücksichtsvoll
verhält."
"Außer wenn sie ein Krokodil
ist", rief Herr Karsunke.
"Zugegeben", sagte der Lehrer.
"Das geht entschieden zu weit."
"Sie ist hässlich", sagte
Herr Karsunke.
"Außer wenn sie ein Engel ist",
widersprach Frau Morfoß.
"Wie?" fragte der Müllmann,
"sie ist auch gelegentlich ein Engel?"
Frau Morfoß beteuerte es.
"Aber dann liegt der Fall ja noch
schlimmer, als ich dachte," sagte
der Müllmann. "Wenn sie stets
ein Krokodil wäre, wüsste man
wenigstens mit der Zeit, woran man ist.
Ein Krokodil, das ist nicht das ärgste.
Aber nun auch noch ein Engel!"
"Was haben Sie gegen Engel?"
erkundigte sich der Lehrer.
"Gar nichts", sagte Herr Karsunke.
"Im Gegenteil. Ich finde Engel ausgesprochen
niedlich. Ich verlange nur eins: daß
sie sich endlich entscheidet, wer sie
sein will, damit man sich daran gewöhnen
kann."
"Wir haben uns auch so daran gewöhnt",
sagte Herr Morfoß.
"Es ist doch ganz klar, wer sie ist",
sagte Frau Morfoß. "Sie ist
doch die Meta."
Hier erhob sich Frau Maffrodit, die Tante.
"Natürlich muß man verhindern,
dass sie dumme Streiche macht", sagte
sie. "Aber im übrigen glaube
ich nicht, dass man viel an ihr ändern
kann. Und wenn ich es zum Beispiel könnte,
wüsste ich gar nicht, wo ich das
Recht dazu hernehmen sollte."
(Peter Hacks: Meta Morfoß)
was
ist normal? normalität ist eine gesellschaftliche
konstruktion, die mit viel mühe,
arbeit, schweiss, blut, tränen hergestellt
wird und für manche tödlich
endet. oder in judith butlers worten:
auch diskurse können verletzen. es
ist unklar, wie wir "normale geschlechter"
werden können - oder warum wir das
überhaupt sollten.
[‚intersexualität' legt als
begriff das ‚zwischen' (eben zwischen
den beiden dominanten geschlechtern) nahe;
wo immer dieser metaphorische raum ist.
er ist belebt, wie wir gehört haben.
und so bleibt dann wohl vorläufig
erst mal, sich um das genauso schwierige,
wie notwendige abenteuer zu bemühen,
dem zwang zur zweigeschlechtlichkeit ein
schnippchen zu schlagen und verantwortlich,
vorsichtig, aufmerksam und liebevoll zu
schauen, wie andere als geschlecht existieren.
natürlich mit der hoffnung, dass,
bald, ganz bald, eine vielfalt von existenzweisen
gleichberechtigt möglich ist.]
(katharina pühl, intersexualität
und feministische perspektiven auf "geschlecht"
- einige fragen und überlegungen)
Ebenfalls
zur Diskussion stand für uns der
Begriff "Text", sowie unser
Erkenntnissinteresse. Grob skizziert kamen
wir dabei immer wieder zu folgende Fragen
zurück: Warum suchen wir nach queeren
Lesarten? Was ist unser Bedürfnis
und Erkenntnisinteresse? Welche Möglichkeiten
sehen wir in Texten bzw. welche ergeben
sich für uns über/durch Texte?
Was ist ein Text? Wie begreift jedeR Einzelne
ihr/sein Verhältnis zu Texten: Eröffnen
sie Räume oder begrenzen sie Räume?
Sind sie politisch / lassen sich politisch
einsetzen?
Sehen wir im ‚Erlernen' literaturwissenschaftlicher
Methoden einen Zuwachs an Möglichkeiten
oder kritisieren wir diese & ihre
Voraussetzungen eher als Blickverstellung?
EIN Versuch
Texte sind Orte der Einschreibung. Subjekte
schreiben Texte und Texte schreiben Subjekte,
da Subjekte aus Texten die Bilder zu ihrer
Orientierung nehmen. Subjekte - als Ort
der Einschreibung - sind ebenfalls Texte.
Wenn Texte Orte der Einschreibung sind,
dann schreiben sich auch Geschlechterverhältnisse,
Identitätskonzepte und Begehrensmuster
in ihnen ein. & sie schreiben diese
fort, verändern sie, verschleiern
sie, tanzen mit den Verhältnissen
bis zum Schwindel.
Nach diesem Verständnis können
queere Lesarten, welche die Hegemonien
in Texten aufdecken und durchkreuzen,
Wissenschaftskritik, Literaturkritik,
Gesellschaftskritik, Selbstkritik...Gegendiskurs,
Utopie, Spaß...sein.
(Bericht des Projekttutoriums "Queere
Texte?")
Aber
ist es nicht auch wichtig, Text und Subjekt
unterscheiden zu können? Kritisiert
wurde, dass "Alles ist Text"
als Aussage "Alles ist alles"
gleichkommt, was keinen Sinn ergibt. Dagegen
wurde argumentiert, dass "Alles ist
alles" nicht zu verwechseln sei mit
"Alles hängt zusammen",
auf das die obengenannte Definition eher
zielen würde. Gegenrede: Es geht
gar nicht darum, was Text ist, sondern
was als solcher gesehen, gelesen, ernst
genommen, interpretiert, eingeordnet wird;
was ausgelassen, als schlecht befunden,
wegdefiniert, untergeordnet wird. Und:
Was ist kein Text? Was ist ursprünglich
da, ohne erzählt, ‚diskursiv
erzeugt' zu werden?
Als wichtig erschien uns auch, die Frage
nach der UrheberInnenschaft eines Textes
(hier im Sinne schriftlich fixierter Aussagen)
nicht zu vernachlässigen. Ein Text
ist zwar nicht das Produkt eines autonomen
Subjektes, sondern eines Kontextes (der
die Subjekte erst hervorbringt), dieser
Sachverhalt hebt aber nicht die Notwendigkeit
auf, das Subjekt, welches als Autor oder
Autorin eines Textes erscheint, in einem
Verhältnis von (politischer) Verantwortung
zum Text zu begreifen.
Zentral wäre es also zu fragen "Wen
kümmert`s? Wer spricht?". Diese
Frage, die wir oft an die Texte (nicht
nur die "literarischen") gerichtet
haben, kann die Hegemonien, die durchque(e)rt
werden sollen, zunächst als solche
markieren.
(Bericht des Projekttutoriums "Queere
Texte?")
German
Psycho
Herr M. hat Angst. Angst um Deutschland.
Nacht für Nacht liegt er in seinem
Bett und wälzt sich. Er liebt sein
Land. Und weil er sein Land liebt, sieht
er, dass es immer schwächer wird.
Immer anämischer. Deutschland blutet
aus. Und nur weil seinen Töchtern
und Söhnen der Saft abhanden gekommen
ist. Irgendwie hat das deutsche Volk keine
Lust mehr. Spaß schon, Spaß
wie noch nie, aber recht eigentlich keine
Lust auf nichts, das spürt Herr M.
genau. Es herrscht kein Schwung mehr im
deutschen Zeugungs- und Gebärgetriebe.
Germanias Kinder tun nichts mehr, um Germania
gesund zu halten. Nuckeln sich einfach
an der Mutterbrust fest und saugen ihr,
wenn keine Milch mehr fließt, eben
das Blut aus.
Unruhig wirft Herr M. sich von der einen
auf die andere Seite. Vor seinem brennenden
Auge tauchen die Zahlen auf, die ihm seine
Demographen letzte Woche vorgelegt haben.
Schlimme Zahlen. Alarmierende Zahlen.
Herrn M. wird schwindelig. Er steht auf,
tappt mit nackten Füssen zum Waschbecken
und schenkt sich ein Glas Wasser ein.
Eiskalt steht sie da vor ihm, die Wahrheit:
Was fünfzig Jahre Demokratie nicht
geschafft haben, der Demographie wird
es gelingen: Die Deutschen sterben aus.
Panik erfasst Herrn M., er beginnt zu
rechnen, immer schneller zu rechnen, die
mitternacht ist länst vorbei, aber
er muß weiterrechnen, die Zahlen
gehen mit ihm durch. 300.000 junge - kranken-,
renten- und sozialkasseneinzahlungswillige
- Zuwanderer müssten jährlich
ins Land kommen, um Deutschland zu retten.
300.000 jährlich! Das macht in zehn
Jahren 3 Millionen und in hundert Jahren
gar 30 Millionen Zuwanderer in Deutschland!
Herr M. schließt die Augen. Ein
paar Tränen steigen in ihm auf. Wo
soll das alles nur enden. Mit dem deutschen
Reinheitsgebot und überhaupt. Ein
Multikultisaft wird es werden, das deutsche
Blut, ein wild gemixter Multikultisaft!
Und nur, weil die Deutschen keine Lust
mehr haben!
Herr M. wird zornig. Mutterkreuz! Denkt
er, Lebensborn!, aber er weiß, dass
er das nicht denken darf. Wie er überhaupt
all das nicht denken darf, was jetzt weiterhelfen
würde. Und dabei hat er es doch so
klar erkannt, das deutsche Dilemma: Führer
oder Unglück, den dritten Weg gibt
es nicht.
Her M. zerwühlt sein immer müder
werdendes Gehirn. Leitung? Leiten? Leiter?
- Ja, das könnte gehen. Deutschland
braucht einen neuen Leiter. - Nein, das
hat noch nicht die nötige Stahlkraft.
Klingt noch zu bürokratisch. Aber
das mit dem Leit- ist prinzipiell nicht
so schlecht. Leit-zins, Leit-hammel, Leit-wurst,
Leit-wesen, Leit- - Herr M. fährt
auf. In die Senkrechte geschleudert von
der Wucht des soeben geborenen Begriffes:
Leitkultur! Natürlich! Warum ist
er da nicht sofort drauf gekommen! Das
einzige Wort, das den Deutschen quasi
aus der Seele geschnitten ist und das
er dennoch getrost in den Mund nehmen
darf: Kultur! Deutsche Leitkultur! Das
ist es! Und damit keiner diesem wunderschönen,
säuglingsfrischen Begriff etwas antun
kann, beschließt Herr M. - nicht
ohne ein Lächeln - ihm noch ein kleines
‚freiheitlich' als schützendes
Tarnkäppchen überzustülpen.
Freiheitliche deutsche Leitkultur! Zum
ersten Mal seit Wochen schläft Herr
M. selig ein.
(Thea Dorn: Ultima Ratio)
Zu
fragen wäre, ob durch eine nichtidentitäre
Theorie eine Politik gefunden werden kann,
die den (heterosexuellen) Staat nicht
mehr braucht.
(Faust)
Sicheln
und Würgen
Was ist nur los in Deutschlands Familien,
fragt sich manch einer besorgt. Nichts,
was in Familien nicht schon immer los
gewesen wäre. Familie und Verbrechen
sind engste Verwandte seit Anbeginn. Der
Begriff Familientragödie ist ein
Pleonasmus. Familie ist Tragödie.
Sie ist ein Irrenhaus, das manchmal zum
Schlachthaus wird. Selbst die deutsche
Justiz anerkennt, dass die Familie Menschen
produziert, die nicht mehr voll zurechnungsfähig
sind. "Das Gericht ist zu der Auffassung
gelangt, dass der Angeklagte aufgrund
der familiären Situation möglicherweise
in seiner Schuldfähigkeit eingeschränkt
war." - Ein Satz, den man im Zusammenhang
mit Verbrechen im Kreis der Lieben auffällig
oft hört.
Wer dem Verbrechen keine Chance mehr geben
will, der sollte auch der Familie keine
mehr geben. Familienauseinanderführung
ist das wirksamste Mittel zur Verbrechensbekämpfung.
(Thea Dorn: Ultima Ratio)
Lexa
ging Philo bis ans Ende der Laufplanke
entgegen; sie küssten sich. Toshiro
ließ ihnen einen Augenblick Zeit,
sich wieder aneinander zu gewöhnen,
bevor er sich ihnen anschloss. Als Philo
Lexas Lebensgef(ährte). Nr. 2 näher
kommen sah, trat er von seiner Frau zurück
und nahm eine Ringerhaltung an. Toshiro
ging mit einer entsprechenden Gegendrohgebärde
auf das rituelle Spiel ein; dann stürmten
die beiden Männer wie zwei um die
Vorherrschaft kämpfende geile Primaten
aufeinander los.
Vom männlichen Standpunkt aus ist
der Haken an der Polyandrie nicht lediglich
der Umstand, dass man mit derselben Frau
im Bett liegt, sondern dass man auch miteinander
im Bett liegt. Für Toshiro, der im
Laufe seines Lebens in der New Yorker
Stripperszene jede erdenkliche Metamorphose
von Liebe und Lust mitgemacht hatte, war
das eine ganz natürliche Sache, aber
Philo hatte von Wesen und Zweck der Sexualität
durch ein mennonititsches Handbuch für
christliche Eheleute erfahren, und alte
Hemmungen sind eben schwer totzukriegen.
Also ging er mit seinem Problem - einem
kaum nennenswerten Anflug von Homophobie
- so um, dass er sich bei jedem ersten
Wiedersehen ohne Vorwarnung auf Toshiro
stürzte und ihn in ein freundschaftliches
Gerangel verwickelte, das dem noch freundschaftlicheren,
zu dem es im Laufe des Abends kommen würde,
gewissermaßen die Spitze nahm.
‚Harrrr!' röhrte Philo, packte
Toshiro an den Schultern und schüttelte
ihn durcheinander. ‚Grrrrr!' röhrte
Toshiro zurück und tat so, als wurde
er sich ihm widersetzen, obwohl Philo
ihn, wenn dies eine ernstgemeinte Konfrontation
gewesen wäre, wie ein Stöckchen
hätte entzweibrechen können.
So aber stürzten sich die beiden
ineinander verkrallt auf die Pier und
wälzten sich in einem gespielten
Kampf auf Leben und Tod. Lexa fand den
Anblick amüsant - und nicht unerregend,
besonders als Philo im Übereifer
des Gefechts Toshiro das Sweatshirt vom
Leib fetzte -, Seraphina hingegen war
eher peinlich berührt. ‚Die
afrikanischen Krieger haben sich andauernd
gegenseitig gevögelt, Dad!' schrie
sie. ‚Sei doch nicht so´n
entsetzlicher Spießer!'
Asta Wills und Norma Eckland erschienen
aus dem Niedergang und traten aufs Flugdeck.
Norma in einem subtil im Chamäleonstil
changierenden Abendkleid, Asta in einem
konventionelleren Ensemble aus Rock und
Bluse mit dazugehöriger Handtasche
aus Känguruhlederimitat. ‚Da
bahnt sich mal wieder eine kleine Männerbindung
an, was?' sagte Asta. ‚Urgesellige
Leute, diese Amis.'
Aber die Kämpfenden machten allmählich
schlapp. Philo ließ sich völlig
geschafft auf den Rücken plumpsen,
während Toshiro als keuchendes Bündel
quer auf Philos Schenkeln liegen blieb.
Die windpockenfleckige Rabi nutzte die
Gelegenheit aus, um loszurennen und auf
den ungedeckten Bauch ihres Vaters zu
springen; Lexa kniete sich neben Philos
Kopf hin und gab ihm einen weiteren Kuss.
Seraphina schlug sich alle Gedanken an
arktische Eisbonbons zumindest lange genug
aus dem Kopf, um sich an der Massenkarambolage
zu beteiligen.
Norma stütze ihr Kinn auf Astas Schulter.
‚Geht doch wirklich nichts über
die gute alte Kleinfamilie', sagte sie.
(Matt Ruff: G.A.S. Die Trilogie der Stadtwerke)
Erprobt
haben wir Queere Lesarten an den verschiedensten
Texten. An dieser Stelle möchten
wir einige nennen.
Pieke
Biermann: Herzrasen.
Samuel R. Delany: Trouble on Triton.
Jutta Osinski: Einführung in die
feministische Literaturwissenschaft.
Kanak Attak: Kanak Attak und basta!
Audre Lorde: Vom Nutzen unseres Ärgers.
Marita Keilson-Lauritz: Maske und Signal.
Textstrategien der Homoerotik.
Detlev Meyer: Mahlzeit.
Irmtraud Morgner: Leben und Abenteuer
der Trobadora Beatriz nach Zeugnissen
ihrer Spielfrau Laura.
Andreas Steinhöfel: Die Mitte der
Welt.
am Film "Celluloid Closet"
Judith Butler: Auf kritische Weise queer.
Anonym: Das Nibelungenlied.
Andrea Weiss: Paris was a woman.
an Werbung
Feridun Zaimoglu: Koppstoff. Kanaka Sprak
vom Rande der Gesellschaft
an uns
María delMar Castro Varela und
Encarnación Gutiérrez Rodríguez:
Queer Politics im Exil und in der Migration
Katharina Pühl und Nancy Wagenknecht:
Wir stellen uns queer
am Film "Beautiful Thing"
Alice Walker: The Color Purple
Birgit Waberski: Die großen Veränderungen
beginnen leise. Lesbenliteratur in der
DDR und den neuen Bundesländern
Djuna Barnes: Nachtgewächs.
Wie
immer bleiben Fragen. An Queer, an uns
und an dieser Vorlesungsreihe.
Wird das Dynamische und Emanzipatorische,
was Queer haben kann, nicht ständig
repressiv verknappt oder sogar verhindert?
Durch homophobe Herrschaftssstrukturen,
aggressive Körpernormierungen und
eine nicht - enthindernde Gesellschaft?
Sollte Queer überhaupt zu einem Thema
an der Universität werden? Entsexualisiert
Queer Theory nicht letztendlich Bewegungskontexte?
Gibt es etwas unerotischeres als in einem
Raum wie diesem hier über Queer zu
sprechen?
Kann
Queer dazu führen, dass ältere
Lesben und Schwulen nach jahrelangen Emanzipationskämpfen
nun von sich emanzipierenden Heteras und
Heteros als "identitätspolitisch"
beschimpft werden? Kann Queer zu einem
Geschichtsverlust führen, feministische
und homopolitische Diskussionen als erledigt
betrachten und sogar die Aidslüge
recyceln?
Löst Queer derzeit seinen herrschaftskritischen
Ansatz ein? Hat Queer diesen überhaupt?
Ist
Queer nicht bereits kommerzialisiert worden?
Braucht es einen neuen Begriff? Zwingt
uns unser Alltag nicht geradezu stabile
Identitäten auf? Kann Queer entpolitisieren?
Diese
Fragen haben uns im Tutorium beschäftigt,
beschäftigen uns immer noch und werden
uns hoffentlich auch in dieser Vorlesungsreihe
beschäftigen.
Unser
Dank für die geliehenen Worte geht
an: Antke Engel, Audre Lorde, Caren Lay,
Corinna Genschel, Der Duden, , Irmtraud
Morgner, Karin Spaink, Katharina Pühl,
Luka Bernstein, María delMar Castro
Varela und Encarnación Gutiérrez
Rodríguez, Matt Ruff, Michel Foucault,
Nancy Wagenknecht, Peter Hacks, Rosa Rotlicht,
Volker Woltersdorf / Lore Logorrhoe, Zeitschrift
FAUST
Zitate:
Thea
Dorn: German Psycho. In: Ultima Ratio.
Erzählungen und Kolumnen. Hamburg
2001.
Diess.:
Sicheln und Würgen. In: Ultima Ratio.
Erzählungen und Kolumnen. Hamburg
2001.
Antke
Engel: Verqueeres Begehren. In: Sabine
Hark (Hg): Grenzen lesbischer Identitäten.
Berlin 1996.
Duden,
Fremdwörterbuch. 5. Auflage. Mannheim,
Leipzig 1990.
FAUST,
2/97
Michel
Foucault: Der Wille zum Wissen. Sexualität
und Wahrheit 1. Frankfurt am Main, 199810.
(Original: 1976, dt. Erstveröffentlichung:
1977)
Michel
Foucault: Das Subjekt und die Macht. In:
Dreyfus, Hubert L.; Rabinow, Paul: "Michel
Foucault. Jenseits von Strukturalismus
und Hermeneutik". Weinheim, 19942.
(Original: 1982, dt. Erstveröffentlichung:
1987)
Michel
Foucault: Von der Freundschaft. Berlin,
ohne Jahr.
Michel
Foucault: Der Gebrauch der Lüste.
Sexualität und Wahrheit 2. Frankfurt
am Main, 20006. (Original: 1984, dt. Erstveröffentlichung:
1989)
Corinna
Genschel, Caren Lay, Nancy Wagenknecht,
Volker Woltersdorf: Vorwort zu "Queer
Theory. Eine Einführung" von
Annamarie Jagose. Berlin 2001.
Peter
Hacks: Meta Morfoß. Berlin 1975.
Audre
Lorde: Zami. Ein Leben unter Frauen. Frankfurt
a.M. 1993.
Irmtraud
Morgner: Leben und Abenteuer der Tobadora
Beatriz nach Zeugnissen ihrer Spielfrau
Laura
katharina
pühl: intersexualität und feministische
perspektiven auf "geschlecht"
- einige fragen und überlegungen.
In: it all makes perfect sense. Ein Beitrag
über Geschlecht, Zwitter und Terror.
Broschüre der AGGPG 2000.
Matt
Ruff: G.A.S. Die Trilogie der Stadtwerke.
München 2000.
Karin
Spaink: Sprungbrett. Die Kyborg-Story
V. In: [sic!] Forum für feministische
Gangarten. Nr. 14, 1996.
Lesetipps zu "Queer Theory"
Genschel,
Corinna: Fear of a Queer Planet. Dimensionen
lesbisch-schwuler Gesellschaftskritik.
In: "Das Argument 38". 4/216.
1996. S. 525-537.
Hark, Sabine: Queer Interventionen. In:
"Feministische Studien". Nr.
2/93. S. 103-109.
Jagose, Annamarie: Queer Theory. Eine
Einführung. Berlin, 2001. (Original:
Melbourne, 1996)
Lay, Caren: Queer ain't here. In: "Jungle
World". Nr. 12/01.
Pühl, Katharina; Wagenknecht, Nancy:
Wir stellen uns queer. In: "Jungle
World". Nr. 15/01.
Seidman, Steven: Queer Theory/Sociology.
Cambridge, Oxford, 1996.
Warner, Michael: Fear of a Queer Planet.
Queer Politics and Social Theory. Minneapolis,
London, 1993.
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