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entweder oder und der rest
transsexualität und transgender
Ulle
Jäger/ Christian Sälzer
Jeder Mensch gehört natürlicherweise
dem einen oder dem anderen Geschlecht
an (Mann =| Frau). Ausschlaggebend für
die Geschlechtszugehörigkeit sind
die Genitalien (Schwanz = Mann, Klitoris
= Frau). Daraus folgt: Es sind weder Veränderungen
noch Zwischenstadien möglich, es
sei denn als Maskerade.
Soweit das kleine Einmaleins der heterosexuellen
Geschlechterordnung. Gemäß
dieser Regeln wird Geschlecht im Alltag
wahrgenommen. Man/frau ordnet sich in
der Begegnung wechselseitig ein, und auf
der Grundlage dieser Zuordnung werden
Pässe ausgestellt, Arbeitsplätze
vergeben, Sexpraktiken bestimmt und vieles
mehr. Nun finden sich im alltäglichen
Leben zahlreiche Phänomene, die der
Eindeutigkeit von Geschlechtlichkeit und
den entsprechenden physiologischen und
sozio-kulturellen Zuschreibungen widersprechen.
Die Evidenz der Geschlechterordnung ist
jedoch so tiefgreifend, daß auch
auffindbare Uneindeutigkeiten sie nicht
aus der Bahn werfen. Mag die Stimme eines
Mannes noch so hoch, der Bartwuchs auf
der Oberlippe einer Frau noch so stetig
sein, so werden diese lediglich als Abweichungen
einer dennoch gültigen Norm gedeutet.
Und trotz der Tatsache, daß sich
bei allen Kriterien zur Festlegung der
Geschlechtlichkeit einer Person auf körperlicher
Ebene statt einer binären Struktur
ein Spektrum abzeichnet, sei es nun in
Bezug auf Genitalien, Chromosomen, Hormone
oder sonstige biochemisch zu identifizierenden
Einheiten, wird an der Zweigeschlechtlichkeit
festgehalten. Dieses zwanghafte Festhalten
zeigt sich in besonders gravierender und
brutaler Form beim medizinischen Umgang
mit Abweichungen, so z.B. bei Intersexen,
auch Hermaphroditen genannt, also Menschen
mit uneindeutigen Geschlechtskörpern.
Die kulturelle Klassifizierung von Menschen
in zwei und nur zwei Geschlechter legitimiert
sich durch die Natur als Stifterin der
Binarität. Wenn nun dennoch Kinder
auf die Welt kommen, deren Geschlechtsmerkmale
uneindeutig sind, muß dies als Versagen,
Ausrutscher, Versehen der Natur gedeutet
werden. In diesem Fall erhebt sich die
Medizin zur Vollstreckerin der unterstellten
Eigentlichkeit einer binären Natur
und stellt diese durch chirurgische und
hormonelle Eingriffe wieder her.1 Ein
anderes Beispiel ist der Umgang mit Heranwachsenden,
bei denen geschlechtsrollenuntypische
Verhaltensweisen festzustellen sind. Solche
Jungs und Mädchen laufen z.B. in
den USA Gefahr, als unter einer gender
identity disorder in children leidend
diagnostiziert zu werden. Solchermaßen
identifizierte Kids werden durch Erziehungsmaßnahmen
geschleust, in denen Mädchen Begeisterung
für und Jungs Abscheu vor rosa und
Puppen andressiert wird. Die heterosexuelle
Ordnung ist also fintenreich und durchaus
brachial, wenn es darum geht, potentielle
Störungen ihrer Evidenz durch entsprechende
Umdeutungen, Dressuren oder gewaltsame
Eingriffe zu korrigieren und so zu wenden,
daß ihre Grundannahmen aufrechterhalten
und sogar bestätigt werden.2
transsexualität
Wie trotzdem an den Grundregeln von Geschlecht
gerüttelt wird, soll im folgenden
an dem sich verändernden Selbstverhältnis
und Selbstverständnis von Geschlechtswechslern
gezeigt werden. Körper- und Lebenspraxen
von Menschen, die sich im Übergang
von einem ins andere Geschlecht befinden,
uneindeutige körperliche Geschlechtsmerkmale
haben oder bei denen Geschlechtsrolle
und körperliches Geschlecht nicht
miteinander übereinstimmen - also
neben den Intersexen diejenigen, die landläufig
als Transsexuelle und Transvestiten bezeichnet
werden - beginnen mancherorts, die zweigeschlechtliche
Ordnung nicht nur leise zu unterwandern,
sondern laut und deutlich in Frage zu
stellen. Transsexuelle Menschen bedrohen
potentiell zwei der fundamentalen Regeln
von Zweigeschlechtlichkeit: Zum einen
das Kongruenzgebot, nach dem Körpergeschlecht
und Geschlechtsidentität deckungsgleich
sein müssen, zum anderen die Regel,
daß Geschlecht nicht veränderbar
ist - die einmal vorgenommene Geschlechtszuweisung
gilt lebenslänglich. Transsexuelle
stellen beide Gebote massiv in Frage.
Ihre Geschlechtsidentität weicht
von ihrem Körpergeschlecht ab, und
im Verlauf des Geschlechtswechsels findet
ein Übergang von einem Geschlecht
ins andere statt. Mit dieser Irritation
der zweigeschlechtlichen Ordnung wird
auf verschiedene Arten umgegangen. In
der BRD unterwerfen juristische Reglementierungen
und eine medzinisch-therapeutische Praxis
die Betroffenen Verfahren, die darauf
ausgerichtet sind, einen Geschlechtswechsel
ungeschehen zu machen und der Transsexualität
damit ihre potentiell subversive Wirkung
zu nehmen. Wo Transsexualität nicht
unterdrückt werden kann, wird sie
in die zweigeschlechtliche Ordnung "reintegriert".
Wie dies genau funktioniert, soll im folgenden
gezeigt werden. Juristisch ist der Umgang
mit Transsexualität in Deutschland
seit 1981 durch das "Transsexuellengesetz"
geregelt. Das Gesetz sieht dabei zwei
Varianten für einen angestrebten
Geschlechtswechsel vor: Die Vornamensänderung,
die sogenannte "kleine Lösung",
ist möglich, wenn zwei GutachterInnen
unabhängig voneinander bescheinigen,
daß es sich bei der Antragstellerin
bzw. dem Antragsteller um eine transsexuelle
Person handelt, die seit mindestens drei
Jahren unter dem "Zwang" steht,
ihren Vorstellungen entsprechend zu leben
und bei der sich mit hoher Wahrscheinlichkeit
das Geschlechtszugehörigkeitsempfinden
nicht mehr ändern wird. Die sogenannte
"große Lösung", die
Änderung des Personenstandes, kann
erfolgen, wenn die betreffende Person
zusätzlich nicht verheiratet und
dauernd fortpflanzungsunfähig ist,
wodurch verhindert wird, daß der
zum Mann gewordene Transsexuelle Kinder
bekommen kann. Zusätzlich muß
sie sich "einem die äußeren
Geschlechtsmerkmale verändernden
operativen Eingriff unterzogen" haben,
"durch den eine deutliche Annäherung
an das Erscheinungsbild des anderen Geschlechts
erreicht worden ist" (§8). Indem
der Gesetzgeber die Angleichung des Körpers
an die gewünschte Geschlechtsrolle
verbindlich festschreibt, erzwingt er
die Gültigkeit der Übereinstimmung
von Körpergeschlecht und Geschlechtsidentität.3
Dieser gesetzliche Rahmen wird in seiner
Funktion, die zweigeschlechtliche Ordnung
aufrecht zu erhalten, durch die Medizin
ergänzt. Diese ist nicht nur durch
die vom Gesetzgeber vorgeschriebene Begutachtung
an der Regulierung des Geschlechtswechsels
beteiligt. Viele Transsexuelle wenden
sich an Ärzte, weil diese in Form
von Hormonen und operativen Veränderungen
des Körpers über Mittel verfügen,
die den Geschlechtswechsel erheblich erleichtern.
Der medizinische Umgang mit Transsexualität
ist seit 1997 durch die "Standards
der Behandlung und Begutachtung von Transsexuellen
der Deutschen Gesellschaft für Sexualforschung,
der Akademie für Sexualmedizin und
der Gesellschaft für Sexualwissenschaft"
geregelt, die zwar nicht verpflichtend
sind, aber die vorherrschende medizinische
Meinung ausdrücken. Festzuhalten
ist dabei, daß diese Standards ohne
Beteiligung von Selbsthilfegruppen oder
sonstigen Transsexuellenorganisationen
entstanden sind. Die Standards beinhalten
die traditionelle Definition, nach der
von Transsexualität nur dann zu sprechen
ist, wenn dabei auch eine Geschlechtsumwandlung
stattfindet. Diese Definition ist insofern
folgenschwer, da sie die operative Veränderung
des Körpers als klares Ziel der Geschlechtsumwandlung
vorschreibt. Sie tut dies, obgleich es
in der Geschichte von Transsexualität
eine Reihe von Belegen dafür gibt,
daß es durchaus möglich ist,
überzeugend in der gewünschten
Geschlechtsrolle zu leben, ohne den Körper
entsprechend anzupassen (zum Beispiel
zeigte sich 1989 erst nach dem Tod des
Jazzmusiker Bill Tiptons, daß er
einen weiblichen Körper hatte). Das
Operationsgebot errichtet nicht nur eine
enorme Hürde, sondern schafft auch
immanente Zwänge: Da es sich bei
geschlechtsumwandelnden Operationen um
nicht rückgängig zu machende
körperliche Eingriffe handelt, wird
große Sorgfalt auf die "richtige"
Diagnostizierung von Transsexualität
gelegt. Hierbei ist es nicht etwa Sache
der Selbsteinschätzung der Betroffenen
- eine Selbstdiagnose wird explizit abgelehnt
-, sondern es bleibt dem medizinisch-therapeutischen
Sachverstand überlassen, die "Ernsthaftigkeit"
und "Stimmigkeit" des transsexuellen
Begehrens zu überprüfen. Die
Diagnose muß zweifach bestätigt
werden: Zum einen in einem therapeutischen
Gutachten, zum anderen durch den sogenannten
Alltagstest. Bei diesem muß die
betroffene Person in der Öffentlichkeit,
auf der Arbeit, im Freundeskreis etc.
die angeblich gewünschte Geschlechtsrolle
einnehmen. In dieser "Testphase"
soll sich nach der Logik der Standards
herausstellen, wie ernst der Wunsch nach
einer Geschlechtsveränderung ist.
Therapie und Alltagstest sind nicht nur
Voraussetzung für die Zulassung zur
Operation, sondern sie sind auch allen
somatischen Therapiemaßnahmen, d.h.
etwa der Vergabe von Hormonen, vorangestellt.
Bevor mit der Hormonvergabe begonnen werden
kann, muß eine einjährige Therapie
nachgewiesen werden. Die Therapie hat
nicht nur die Ausgangsdiagnose zu bestätigen,
sondern sie hat ebenfalls den Nachweis
zu erbringen, daß die betroffene
Person sich eigentlich "schon immer",
spätestens jedoch seit dem Abschluß
ihrer psycho-sexuellen Entwicklung dem
anderen Geschlecht zugehörig gefühlt
hat. Statt eines Wechsels im Sinne der
Entwicklung von und Entscheidung zu etwas
Neuem liegt den Standards also die Vorstellung
einer "inneren Stimmigkeit und Konstanz
des Identitätsgeschlechts" (Becker
et al. 1997: 150, u.H.) zugrunde. Durch
diese Definition wird die Tatsache eines
Geschlechtswechsels geleugnet. Statt dessen
wird unterstellt, Mann oder Frau seien
zuvor irgendwie in den falschen Körper
geraten, weswegen die Medizin durch eine
Anpassung an eine bereits zuvor vorliegende
Identität eine nachträgliche
Richtigstellung vornimmt. Und schwupps
behauptet sich selbst bei einer Geschlechtsumwandlung
das Diktum, wonach Geschlecht nicht manipulierbar
oder Ergebnis gelebter Erfahrungen ist,
sondern unverrückbares Schicksal.
Die Standards widersprechen damit einer
Vorstellung von Geschlechtsidentität,
die sich erst durch das Leben in einem
bestimmten Geschlecht langsam herausbildet
und konsolidiert. Statt dessen machen
sie mit dem geforderten Nachweis der Konstanz
des Identitätsgeschlechts etwas zur
Voraussetzung, was eigentlich Ergebnis
eines erfolgreichen Geschlechtswechsels
und eines Lebens in der neuen Geschlechtsrolle
ist.4
transgender
Die deutschen Standards sind insgesamt
so gestaltet, daß sowohl Kongruenz-
als auch Unveränderlichkeitsgebot
durch den Geschlechtswechsel Transsexueller
nicht in Frage gestellt werden. Zwangstherapie
und Zwangsoperation schließen ein
auf Lebenssituation, Biographie und Phantasie
der betroffenen Person aufbauendes Auffinden
individueller Lösungen aus. Daß
es aber genau um das Auffinden solcher
individueller Lösungen geht, wird
durch die Transgenderbewegung deutlich,
die in den USA seit Beginn der 90er Jahre
Unruhe in die zweigeschlechtliche Ordnung
bringt. Der Begriff "Transgender"
steht dabei für verschiedene Arten
des unkonventionellen Umgangs mit Körper
und Geschlechtsidentität. Im Gegensatz
zu Begriffen wie Transsexualität,
Transvestismus, Hermaphroditismus oder
Geschlechtsidentitätsstörung
stammt er nicht aus der Medizin, sondern
aus der politischen Bewegung und verspricht,
frei von pathologisierenden Konnotationen
zu sein. Die Tatsache, daß sich
bislang noch keine eindeutige Bedeutung
des Begriffs Transgender durchgesetzt
hat, wird von den Transgenderisten als
positiv bewertet. Durch seine Offenheit
ermöglicht er eine Identitätspolitik,
die ohne feste Zuschreibungen auskommt.
Im weitesten Sinne geht es um alle, die
nicht eindeutig in die Kategorien von
Mann oder Frau einzuordnen sind: prä-,
post- und überhaupt nicht operierte
Transsexuelle - und zwar sowohl von Frau-zu-Mann
als auch umgekehrt -, Transvestiten, Cross-
dresser, Personen mit uneindeutigen Genitalien,
auch Intersexen genannt, und jene, die
uneindeutige Geschlechtsdarstellungen
im Alltag leben. Insgesamt wird mit dem
Ausdruck Transgender die Eindeutigkeit
geschlechtlicher Identifikation aufgegeben
und anstelle eines zweigeschlechtlichen
Systems mit klar zuzuordnenden Geschlechtskörpern
und -rollen eine Bandbreite von Möglichkeiten,
Geschlecht und Körper zu leben, eröffnet.
Als kleinster gemeinsamen Nenner der verschiedenen
Verwendungen kann der mit dem Begriff
verbundene politische Anspruch bezeichnet
werden. Immer geht es darum, das Recht
auf abweichende und damit potentiell subversive
Arten, Geschlecht und Körper zu leben,
durchzusetzen. Dieses neue Verständnis
von Geschlecht wird an verschiedenen Orten
sichtbar. Mitte der 90er Jahre entstand
die International Bill of Gender Rights5,
die das Recht auf die Selbstbestimmung
körperlicher Veränderungen und
auf eine Geschlechtsidentität unabhängig
von Chromosomen, Genitalien, Geschlechtszu-weisung
bei der Geburt oder ursprünglicher
Ge- schlechtsrolle einklagt. Zur selben
Zeit wurden die sogenannten "Health
Law Standards of Care for Transsexualism"
entworfen, die ebenfalls von einem Selbstbestimmungsrecht
der geschlechtlichen Identität und
der körperlichen Veränderungen
ausgehen. Im Zuge dessen ist eine Fülle
an Organisationen, politischen Zusammenschlüssen,
Selbsthilfeorganisationen entstanden (so
zum Beispiel der American Educational
Gender Information Service AEGIS, die
Inter- national Foundation of Gender Education,
die Intersex Society of North America
oder Press for Change aus England, um
nur einige zu nennen), und an den Universitäten
verbreiten sich transgender-studies. Auffällig
ist, daß unter dem Label Transgender
ein veränderter Umgang mit der eigenen
(Transgender-) Biographie stattfindet.
Bislang dominierte zumindest in der öffentlichen
Wahrnehmung die Praxis von Transsexuellen,
den eigenen Geschlechtswechsel möglichst
unsichtbar zu machen und damit umso natürlicher
in der neuen Geschlechtsrolle aufzugehen.
Transsexualität verschwand mit neuem
Gewand und neuem Körper. Neben die
bislang öffentlich vorherrschenden
Geschichten von den Männern, die
schon als kleine Jungs am liebsten mit
Puppen spielten, sich heimlich die Kleider
ihrer Mütter anzogen und in der Operation
das Erreichen all ihrer sehnlichsten Wünsche
sahen, treten nicht nur Darstellungen
des Übergangs in die andere Richtung6,
sondern auch solche, die geschlechtliche
Ambiguität gegenüber Eigentlichkeit
im Sinne eines "eigentlich war ich
schon immer ..." stark machen.7 Das
trans bleibt nicht länger auf die
Phase des Übergangs von einem zum
anderen Geschlecht beschränkt, es
wird zu einer eigenen (Identitäts-)Kategorie,
in die Differenz und Diskontinuität
von Anfang an eingeschrieben sind. Gegen
eine naturalistische Fundierung von Geschlecht
wird versucht, sich der eindeutigen und
dauerhaften Zuordnung nach dem Raster
der Hetero- bzw. Homosexualität zu
entziehen. Das politische coming out der
Transgenderisten in den USA hat zu einer
Reihe von Veränderungen geführt,
die mitunter gar als gender revolution
bezeichnet werden. Als ein erster Erfolg
der politischen Transgenderbewegung kann
die erfolgreiche Einmischung in die Überarbeitung
der US-amerikanischen Behand- lungsstandards
von Transsexualität, den sogenannten
"Standards of Care" von 1998
gewertet werden. In der reformulierten
Fassung sind Zwangstherapie und Zwangsoperation
abgeschafft, wodurch die zwei zentralen
Säulen der zweigeschlechtlichen Ordnung
- Kongruenz und Unveränderlichkeit
- untergraben werden. Die Standards tragen
der Tatsache Rechnung, daß es ein
Kontinuum von Geschlechtern gibt, in dem
es auch zu ungewohnten Kombinationen von
Genitalien und Geschlechtsidentität
kommt.
trans
camp
Welches Durcheinander Trans in gängige
Identitätsmuster zu bringen vermag,
läßt sich am Beispiel des Michigan
Womyn's Music Festival, dem größten
vorwiegend lesbischen Frauenfestival der
USA, zeigen. Seit 1991 Transsexuellen
der Zugang zu diesem Festival verweigert
wurde, gab es beständige Auseinandersetzungen
um die Frage, wer wann wie "eine
richtige Frau" ist und damit Zugang
zum Festival hat. Aus Protest gegen ihren
Ausschluß organisierten Transgenderisten
1995 ein Camp Trans vor den Eingangstoren
des Festivals, auf dem sich vehement gegen
eine "womyn-born-womyn-only"-Türpolitik
ausgesprochen wurde. Sehr schnell verliefen
die Konfrontationslinien nicht mehr nur
zwischen Festivalteilnehmerinnen und Camp-Aktivistinnen,
sondern brachten auch die Spannungen zwischen
verschiedenen Varianten des Frau-Seins
zu Tage. So solidarisierten sich beispielsweise
stone butches mit den transgenderists,
da ihre Geschlechtsdarstellungen ebenfalls
mit einer auf "Weiblichkeit"
basierenden Türpolitik kollidierte.
Auch mit der modifizierten offiziellen
Grenzdefinition von "no penises on
the land" waren die Auseinandersetzungen
nicht beigelegt. So fragte ein Transsexueller,
der sowohl mit männlichen als auch
weiblichen Genitalien geboren worden war,
ob denn zumindest die Hälfte von
ihm/ihr herein dürfe. In der Geschichtsschreibung
der Transgenderbewegung ist das Trans
Camp längst als "stonewall for
the rest of us" gedeutet worden.
Das Paradigma der zweigeschlechtlichen
Ordnung wird durch Lebenspraxen und po-
litische Forderungen von Transgenderisten
in Frage gestellt. Andere Möglichkeiten
der Geschlechtsidentität werden somit
denkbar: als Frau mit Penis zu leben,
das Geschlecht mehrere Male zu wechseln
oder auch, die Fruchtbarkeit im Ausgangsgeschlecht
nicht aufzugeben und so vielleicht als
Mann mit Gebärmutter und Eierstöcken
gebährfähig zu sein. Im Zentrum
der Forderungen und Lebenspraxen steht
der Wunsch, die eigene Geschlechtsidentität
nicht länger dem "normalen"
Verständnis von Mann- und/oder Frausein
unterordnen zu müssen. In Deutschland
sieht es in puncto Transgenderbewegung
dagegen mau aus. Hier gibt es nur wenige
Zusammenhänge, in denen Transgenderisten
ihre Kritik an der Zweigeschlechtlichkeit
artikulieren. Auch die Eigenwahrnehmung
vieler Transsexueller ist nach wie vor
von der Idee des "falschen Körpers"
dominiert, den es auf jeden Fall zu korrigieren
gilt. Das zeigt sich u.a. auch daran,
daß die Reaktion der Betroffenen
auf die in den deutschen Standards festgeschriebene
Operation und Therapie bestenfalls verhaltene
Kritik, schlechtestenfalls offene Zustimmung
war.8 Die Zwangsoperation wird kaum in
Frage gestellt, und auch gegen eine Pathologisierung
durch die Zwangstherapie sprechen sich
bislang nur wenige Betroffene aus. Die
deutschsprachigen Webpages zum Thema Transsexualität
sind dominiert von Tips und Tricks für
einen erfolgreichen Geschlechtswechsel
- erfolgreich im Sinne von im Nachhinein
unsichtbar.9 Auch hier wäre es an
der Zeit, daß es zu einem Brüchigwerden
der binären Ordnung kommt. Und dies
nicht nur in Subkultur und medizinischem
Diskurs, wie in den USA, sondern auch
im alltäglichen Leben von jederman,
-frau oder was auch immer. Daß all
das nicht nur eine Frage eines kleinen
Kreises "Betroffener" ist, wird
spätestens dann klar, wenn frau/man
sich fragt: Wer wäre ich, wenn nicht
immer schon an mir in die eine oder andere
Richtung rumgefrickelt worden wäre,
wenn ich niemals in Geschlechtsrollen
hineingezerrt oder gelockt worden wäre;
wenn ich nie gesehen hätte, wie andere
für entsprechendes Danebenbenehmen
gestraft wurden; wenn ich selber nie an
all dem beteiligt gewesen wäre?10
x
1 x Bei diesen Eingriffen, die je nach
zugewiesenem Geschlecht Penisaufbauplastiken,
Harnröhrenverlegungen, Einpflanzungen
von Hoden aus Silikon oder Konstruktion
einer Scheide, Verkürzung oder Amputation
des Penis/der Klitoris beinhalten, wird
in 90% der Fälle aus einem uneindeutigen
Geschlecht ein weibliches gemacht. Dies
hat damit zu tun, daß es nach wie
vor schwieriger ist, einen "funktionstüchtigen"
Penis herzustellen als eine Vagina und
Klitoris, die zumindest visuell überzeugend
ist, mag dabei auch das sexuelle Lustempfinden
beeinträchtigt werden. Laut Birgit
Michel Reiter erfährt in Deutschland
etwa jedes 2000ste Neugeborene medikalisierte
Zuweisungen. ("it's easier to build
a hole than to build a pole" in 17°,
Nr. 17, 1999).
x 2 x Der Zusammenhang zwischen zweigeschlechtlicher
und hetero-sexueller Ordnung wird besonders
beim sogenannten "sissi boy syndrom"
deutlich. Die therapeutische Behandlung
der sissy boys soll vor allem verhindern,
daß aus femininen Jungs homosexuelle
Männer werden. Siehe Gordene Olga
MacKenzie: Transgender Nation, Bowling
Green, Ohio: Bowling Green University
Popular Press 1994.
x 3 x Auch wird die Ehe zwischen gleichgeschlechtlichen
Partnern ausgeschlossen - Transsexuelle
müssen sich für die Änderung
ihres Personenstandes auch dann scheiden
lassen, wenn ihre PartnerInnen nach dem
Geschlechtswechsel weiterhin mit ihnen
zusammenleben möchten.
x 4 x Diese Regelung diskriminiert zudem
diejenigen, deren körperliches Erscheinungsbild
relativ weit von den gängigen Vorstellungen
von ihrem Identitätsgeschlecht entfernt
ist, da Hormone das Erscheinungsbild weitaus
tiefgreifender verändern als die
Operation. Indem sie Stimme, Haut, Körperfettverteilung
und Muskeln verändern und für
ein stimmiges Gefühl im Identitätsgeschlecht
sorgen, erleichtern sie den Geschlechtswechsel
erheblich.
x 5 x [www.altsex.org] Die IBGR wurde
auf der International Conference on Transgender
Law and Employment Policy im Juni 1995
verabschiedet. Sie hat nicht den Status
eines Gesetzes, sondern drückt die
politische Position dieser Organisation
aus.
x 6 x Leslie Feinberg, Stone Butch Blues,
New York: Firebrand Books 1993.
x 7 x Kate Bornstein, Gender Outlaw: On
Men, Women And The Rest Of Us, London:
Routledge 1994.
x 8 x Siehe Zeitschrift für Sexualforschung
Jg.10, Heft 4.
x 9 x Eine Ausnahme bildet die Seite [www.transsexuell.de].
x 10 x Vgl.: Pat Califia: Sex Changes.
The Politics of Transgenderism, San Francisco:
Cleis Press 1997.
txt:
-Becker, Sophinette et al. 1997: "Standards
der Behandlung und Begutachtung von Transsexuellen
der Deutschen Gesellschaft für Sexualforschung,
der Akademie für Sozialmedizin und
der Gesellschaft für Sexualwissenschaft"
in Zeitschrift für Sexualforschung
10/97: 147-156.
- Denny, Dallas (Hg.) 1998: Current Concepts
in Transgender Identity, New York, London:
Garland Publishing.
- Feinberg, Leslie 1992: Transgender Liberation.
A Movement Whose Time has Come. New York:
World View Forum.
- GLQ - A Journal of Lesbian and Gay Studies:
The Transgender Issue. Vol. 4, Nr. 2,
1998.
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