| Performing
the Gap - Queere Gestalten und geschlechtliche
Aneignung
Steffen Kitty Herrmann, erschienen in
leicht veränderter Form in: arranca!
Nr.28
Was
kann es heißen, sich seinen eigenen
Körper anzueignen? Ich habe meinen
Körper doch schon, warum sollte ich
ihn mir also noch zu eigen machen? Weil
er mir fremd ist, also quasi entfremdet
ist? Ist die Aneignung meines Körpers
also eine Rückkehr, ein zurück
zu einem Zustand in dem mein Körper
mir noch "näher" war als
er es jetzt ist? Oder ist die Aneignung
meines Körpers vielleicht gar kein
Schritt zurück, sondern ein Schritt
nach vorn? Vielleicht sogar ein Schritt
ins Unbekannte? Was, wenn beim Aneignen
gar nicht immer so genau feststeht, was
überhaupt angeeignet wird - wenn
es sich also um einen offenen und unabgeschlossenen
Prozess des Experiments handelt? Schließlich:
Was, wenn die Aneignung meines Körpers
letztlich ein politischer Einsatz ist?
Rechtschreib
und Grammatikprüfung: Update 2oo3
Um die Illusion zweier sauber geschiedener
Geschlechter aufrecht zu erhalten, kennt
unsere Sprache nur die zwei Artikel "sie"
und "er", sowie die zwei darauf
bezogenen Wortendungen, zumeist das weibliche
"...in" und das männliche
"...er". Alles was außerhalb
dieser Ordnung liegt wird fortwährend
verleugnet, denn der Vorstellungshorizont
unserer Sprache ist auf eine binäre
Struktur eingegrenzt. Dagegen möchte
ich einen anderen Ort von Geschlechtlichkeit
setzen, einen Ort den es zu erforschen
gilt und um den wir kämpfen sollten,
er sieht so aus: _. Damit ist der Platz
markiert, den unsere Sprache nicht zulässt,
ein Raum spielerischer und erotisch-lüsterner
Geschlechtlichkeit, den es in unserer
Geschlechterordnung nicht geben darf .
Genderbending wird nicht allein in unserer
alltäglichen Praxis immer wieder
zensiert und gewaltsam unterdrückt,
darüber hinaus bildet auch seine
sprachlichen Repräsentation eine
Unmöglichkeit. Alle die sich nicht
unter die beiden Pole hegemonialer Geschlechtlichkeit
subsumieren lassen wollen und können,
werden entweder aus diesem Repräsentationssystem
ausgeschlossen oder von ihm vereinnahmt
- ein eigener Ort bleibt uns verwehrt.
Es ist der _ in Leser_in, Freund_in, Liebhaber_in
der genau diesen Raum bilden soll. Zwischen
die Grenzen einer rigiden Geschlechterordnung
gesetzt, ist er die Verräumlichung
des Unsichtbaren, die permanente Möglichkeit
des Unmöglichen. Mit dieser Sichtbarmachung
wird die Achse des zweigeschlechtlichen
Imaginären auf jenen Punkt hin dezentriert,
der ihr das sichere Gefühl der Normalität
versagt: auf den Ort abweichender, perverser
Geschlechtlichkeit. Solange dieser Ort
im Verborgenen bleibt und in die Nicht-Existenz
gezwungen wird, verbürgt er als das
nicht markierte Andere der heterosexuellen
Matrix ihre selbstursprüngliche Originalität.
Transgender-people und Gender-Outlaws
stellen jene "Abweichungen"
von Geschlecht dar, durch die sich unsere
Geschlechterordnung ihrer Normalität
versichern kann. Diese Konstruktion verliert
ein gutes Stück ihrer Schlüssigkeit
in jenem Moment, indem wir diesen Ort
in die Sprache eintreten lassen: _. Die
Grenze mit ihrer unsichtbaren Bevölkerung
wird zum Ort, indem die beengenden Schranken
der Zweigeschlechtlichkeit - du Leser
auf der einen und du Leserin auf der anderen
– auseinander geschoben werden um
dem verleugneten Anderen Platz zu machen:
du Leser_in nimmst diesen Platz ein.
Die gesetzte Marke eröffnet so einen
erotischen Raum in dem sich Gendermigrant_inen
aller Couleur tummeln können. Dabei
handelt es sich natürlich nicht nur
darum, allein einen Raum für Intersexuelle,
also Leute mit zwei Geschlechtsmerkmalen,
zu öffnen. Damit wäre der Raum
wieder auf eine Ableitung reduziert, die
Ableitung des Geschlechtsidentität
aus einem scheinbar determinierenden Körper.
Auch handelt es sich nicht ausschließlich
um einen Raum für diejenigen von
uns, die sich von "innen" heraus
"anders" fühlen, damit
wäre die Geschlechtidentität
wieder auf einen Raum dubioser Innerlichkeit
reduziert den der postmoderne Feminismus
zur genüge dekonstruiert hat. Beides
würde den politischen Charakter von
queer nicht einholen, denn mit der gesetzten
Marke _ ist auch ein politischer Raum
widerständiger Praktiken eröffnet,
der keine Voraussetzungen macht. Queer
kann nicht "echt" sein, es gibt
nichts was die Authentizität von
queer legitimiert, queer heißt einzig
und allein "performing the gap",
den _ zu leben.
Damit soll nicht der queere Körper
per se zum Politikum gemacht werden, wie
Suzanna Danuta Walters zurecht kritisiert
hat . Daher wurde auch immer wieder versucht
Abgrenzungen zum "normalen"
queer hervorzuheben: als queerrrr, kwerrr
oder queer politics. Die Einverleibung
von "Queer Rebels" in den Medienmainstream
scheint diese Abgrenzungen zu rechtfertigen.
Denn mit der repressiven Integration queerer
Figuren wurde der riot längst nicht
global, lediglich bekam so auch die Queer-Queen
ihren exotischen, bei Bedarf abrufbaren
Platz im Kuriositätenkabinett kapitalistischer
Bildproduktion. Die Aneignung queerer
Lebensweisen muss daher weiterhin mit
einer linksradikalen Position verknüpft
bleiben, wenn sie eine radikale Gesellschaftskritik
sein möchte. Doch zunächst muss
klar sein, was es überhaupt bedeutet
sich ein queere Position zu eigen zu machen.
Ich kehre daher zur thematisch zentralen
Frage zurück um zu fragen: Was kann
es heißen, sich diesen _ anzueignen?
Trans...?
Der Überblick im Park neuer Subjektivitäten
kann einem schnell verloren gehen, denn
Attribute wie transsexuell, transidentitär
oder transgender werden gerne und oft
als wechselseitig austauschbare Begriffe
benutzt. Mir gehr es nicht darum, dieses
Spiel still zu stellen oder durch Definitionen
einzugrenzen, ich möchte lediglich
die hegemoniale Konstruktion transsexueller
Positionen etwas näher betrachten.
Transsexuelle haben in Frage gestellt,
dass unser Körper auf ewig einem
Geschlecht angehören muss. Körper
sind für sie nicht länger jene
festen und immergleichen Materialitäten
mit denen wir geboren werden, sondern
form- und dehnbare Einheiten die durch
Crossdressing, Hormone und Operationen
angeeignet werden können. Statt jedoch
die daraus entstehenden Geschlechtlichkeiten
zuzulassen, zwingen medizinische und juristische
Standards zu binärer Eindeutigkeit,
gegen den Willen vieler Transsexueller,
die gerne darauf verzichten würden
ihren Körper dem je gewünschten
Geschlecht anzupassen. Als Transsexuell
gelten nach herrschender Definition aber
nur diejenigen die eine vollkommene Umwandlung
von female to male (ftm) oder male to
female (mtf) vornehmen. Der Signifikant
dieser Vollkommenheit kann in einer heteronormativen
Gesellschaft natürlich nur das Genital
sein. Vagina und Penis werden einmal mehr
als jene Merkmale aufgeladen die Frau-
oder Mann-Sein ausmachen. Warum dabei
eine mtf-Transsexuelle, die schon längst
als Frau durchgeht, erst nach dem operativen
Eingriff eine amtlich "echte"
Frau ist, bleibt dabei hinter einem Berg
bürokratischer Maßnahmen und
Regelungen verborgen.
Das widerständige Potential dieser
Aneignungsform ist daher sehr begrenzt,
sie führt zwar einen Bruch in die
Logik natürlicher Körper ein,
indem sie lebenslange Kohärenz hinterfragt,
vermag deren Strukturierung aber nicht
zu überwinden. Der Raum, den wir
oben versucht haben einzuführen,
existiert für Transsexuelle nur als
ein Transitraum. Es ist für sie nicht
möglich sich zwischen den Grenzen
hegemonialer Geschlechtlichkeit niederzulassen,
stattdessen geht es gezwungenermaßen
darum, diese Grenzen möglichst sauber
und unauffällig zu überwinden.
Die konstruierte Transsexuelle ist eine
TransITsexuelle, sie durchquert oder kreuzt
den _ zwischen den Polen hegemonialer
Geschlechtlichkeit ohne die Möglichkeit
diesen Raum dauerhaft zu besetzen.
Cyborg-Szenarien
und queere Lüste
In einer queeren Perspektive geht es aber
genau darum, in diesen Raum zu floaten
und dort zu verweilen, sich die dort liegenden
Geschlechtsmöglichkeiten zu eigen
zu machen und sich darin zu räkeln
und auszutoben. Aneignung bedeutet hier
einen Raum der Lust, des Unbekannten und
des experimentellen Spiels zu durchstreifen;
sich einer Veränderung hinzugeben
deren Ende unbestimmt ist. Queer oder
transig zu sein heißt nicht mehr
in die traditionellen Konzepte von Körper,
Geschlecht und Begehren zu passen; es
heißt traditionelle Bilder zu entgrenzen.
Eine Vorstellung, die Donna Haraway mit
der berühmten Metapher der Cyborg
belegt hat. Die Cyborg ist das Geschöpf
einer Post-Gender-Welt, Hybrid aus Mensch
und Maschine welche die Grenzen zwischen
natürlich/künstlich, innen/außen,
normal/pervers oder männlich/weiblich
zusammenbrechen lässt. Als Grenzgängerin
verwischt die Cyborg diese scheinbaren
Gegensätze, denn sie befindet sich
in einem Zustand, der jenseits dieser
Dichotomien liegt. Sie ist damit die Paradefigur
des oben eröffneten _, denn anstatt
"nur" eine Störung zu sein,
kündigt die Cyborg das Heraufziehen
von neuen Körpersubjektivitäten
an. An den Anfang setzt Haraway dann auch
die Frage: "Warum sollte unser Körper
an unserer Haut enden?" Ich will
mich auf die Spur dieser Frage begeben
und drei verschiedene Cyborg-Szenarien
– Körper, Geschlecht und Sexualität
- betrachten:
Alles
was wahr ist...
Warum sollten nur die Praxen die "unter
die Haut" gehen - das Einnehmen von
Hormonen oder kosmetisch-operative Eingriffe
- unseren Geschlechtskörper verändern?
Eine solche Position würde gänzlich
den gesellschaftlich-phantasmatischen
Anteil an unserem Körper verkennen.
Denken wir beispielsweise an die Gummipimmel
und Gummibrüste wie sie von Crossdresser_Innen
gerne getragen werden, warum sollten sie
nicht Teil des Körpers sein? Weil
sie sich nicht echt anfühlen? Aber
was soll denn bitte "echt anfühlen"
heißen? Fühlen sich die abgebundenen
Brüste einer butch etwa echter an
als meine Gummibrüste? Ich fühle
sie sehr wohl, ich spüre sie als
Teil meines Körpers, es erregt mich
wenn meine Freund_in daran herumfummelt
und das sie nicht Teil meines Körpers
sein sollten, auf diese Idee würde
ich nicht kommen. Ich kann vielleicht
keinen Brustkrebs bekommen, noch kann
ich mein Baby stillen, aber sollen das
etwas die Merkmale sein, die darüber
entscheiden ob meine Brüste ein Teil
meines Körpers sind oder nicht?
Den Begriff des Geschlechtskörpers
gänzlich davon abzukoppeln, wie er
auf der einen Seite von den Einzelnen
gefühlt und auf der anderen Seite
von anderen rezipiert wird, heißt
die Vorstellung davon, was ein Körper
ist und sein kann, auf eine seltsame Weise
zu versperren. Und indem wir diese gesellschaftlich-phantasmatische
Dimension unseres Körpers anerkennen,
eröffnen sich uns neben den altbekannten
Möglichkeiten eine Reihe neuer Körpersubjektivitäten,
die auszuprobieren wir eingeladen sind.
Die Trennung von sex und gender hält
diesem Spiel nur insofern stand als sie
die "unhintergehbare Faktizität"
unseres sex hinter sich lässt und
anerkennt, dass unser Biogeschlecht immer
auch ein soziales ist. Eines dem wir uns
auf verschiedenste Weise bemächtigen
können, das wir de- und rekonfigurieren
können um neue Kombinationen zwischen
den verschiedenen "Geschlechtsmerkmalen"
herzustellen.
Dieser Diskurs "primärer",
"sekundärer" und "phantasmatischer"
Körpermerkmale ist jedoch selbst
wieder zu hinterfragen, denn die Aneignung
verqueerer Geschlechtspositionen besteht
längst nicht ausschließlich
darin, körperliche Kohärenzvorstellungen
zwischen Vagina, Brüsten und Penis
neu zu ordnen - auch wenn darin lustvolle
und verführerische Möglichkeiten
liegen.
...ist
das was war...
Unser Geschlecht ist noch auf eine ganz
andere Weise in unseren Körper verstrickt
, denn insofern unser Körper auch
immer ein wissender Körper ist, Speicher
einer Unzahl von gesellschaftlich normierten
Handlungs- und Verhaltensweisen, kann
die Aneignung des _ auch etwas ganz anderes
bedeuten als die Aneignung von "primären"
oder "sekundären" Geschlechtsmerkmalen.
Einen Körper zu haben heißt
aus dieser Perspektive ein Set an Inszenierungspraktiken
zu beherrschen, das jederzeit abrufbar
und einsetzbar ist. Praktiken die wir
nicht bewusst ausführen oder ausüben,
sondern die vielmehr in unseren Körper
auf scheinbar "natürliche"
Weise eingelagert sind. Wie kennen es
zur genüge: Jungs sitzen gern breitbeinig
und spielen gern mit Autos wohingegen
Mädels mehr auf 'backe backe Kuchen'
und die keusch verkreuzten Beinchen stehen...
Was unseren Körper zu einem geschlechtlich
bestimmbaren macht ist eine spezifische
Art zu Sein, sein Habitus. Dieser besteht
aus einem Bündel von Alltagspraxen,
das vom wohl geschulten Augenaufschlag
bis zum gekonnten Hüftschwung, vom
lässigen Gang bis zum selbstsicheren
Ton in der Stimme reicht. Ein Knäuel
aus kosmetischen, gestischen und sprachlichen
Verhaltensweisen verdichtet sich hier
zu dem, was unserem Körper sein Geschlecht
erteilt. Was aber, wenn diese Codes neu
zugeordnet werden, wenn boyz beginnen
sich aufzutakeln und ihren body sexy durch
die Straßen schwingen oder wenn
grrrls breit und rotzig daherstampfen?
Dann verändert sich nicht nur einfach
eine Repräsentation oder Inszenierung,
sondern ein Verhältnis zum eigenen
Körper, ein Gefühl was es heißt
dieser Körper zu sein und er sein
zu wollen. Was nun, wenn diese Neucodierung
subtiler und vielachsiger verläuft?
Wenn sie sich nicht einfach an den gängigen
Geschlechtergrenzen orientiert um deren
Stereotype zu invertieren? Welche Körper
werden wir dann sein? Der Punkt ist, dass
unsere Verhaltensweisen nicht auf unseren
Körper aufgesetzt sind, sondern ihn
erst zu einem Körper machen, der
sich auf eine bestimmte Weise anfühlt
und der auf eine bestimmte Weise wahrgenommen
wird, kurz: der ist.
Beispielhaft möchte ich hier die
maskuline Lesbe, die butch, anführen.
In ihrer Geschlechterinszenierung eignet
sie sich verschiedene Codes von Maskulinität
an, die es ihr erlauben jenen souveränen
Status anzunehmen der sonst dem männlichen
Subjekt vorbehalten bleibt. Dieser Prozess
der Selbstermächtigung ist das Einsetzen
eines neuen Geschlechtskörpers. Die
durch Umarbeitung hinterlassenen überstehenden
Ränder und Überlappungen machen
aus der butch nicht einfach einen Mann
- der sie auch gar nicht sein will. Vielmehr
machen sie ihre Aneignungsbewegungen zu
jener erotische Gestalt die sich im _
zwischen den Geschlechter eingerichtet
hat.
...nicht
mehr wahr ist.
"Queer sex is great!" ist an
Kreuzberger Häuserwänden zu
lesen – und es stimmt, queere Sexualität
ist sexy. Das sich hier neue und aufregende
Konfigurationen verbergen, das hat auch
die Pornobranche für sich entdeckt
und so dürfen nun auch Transpeople
- oder besser gesagt "big dicked
shemales" - für die Kamera blasen,
ficken und abspritzen. Was damit in Frage
gestellt wird, ist die Vorstellung einer
ausschließlich heterosexuellen Lust,
denn die traditionellen Begriffe greifen
hier längst nicht mehr. An was ergötzt
sich denn die Zuschauer_innen hier, wenn
Frau oder Mann mit Trans_mann oder Trans_frau
fickt und bläst? Schwul ist das nicht,
lesbisch auch nicht und hetero schon gar
nicht, aber was dann? Diese Art der Irritationen
ist dann jedoch auch schon alles was uns
der Queer-Porno an "subversiven Potential"
zu bieten hat, denn unangetastet wird
hier das Primat genitaler Lust mitsamt
seines patriarchal-sexistischen Gehalts
übernommen. Übergangen wird
so das Voyeurismus, Fetischismus und S/M
auch auf andere Art und Weise als in einer
aggressiv-männlichen Sexualität
in unsere Sexspiele eingehen können.
Es bestätigt sich deshalb, was oben
schon einmal gesagt wurde, der queere
Körper ist kein emanzipatives Politikum
per se, fortschrittlich ist er nur im
Verbund mit einer linksradikalen Perspektive.
Queere Sexualität lässt den
genital-patriarchalen Sex zugunsten eines
'perversen Begehrens' hinter sich, das
haben verschiedene Queertheoretiker_innen
zu zeigen versucht. Perverses Begehren,
das gemeinhin ab dem Moment als pervers
gilt, wo es von seiner reproduktiven Funktion
abgekoppelt ist, ist für sie Teil
einer postgenitalen Erotik die sich am
Fetisch orientiert. Damit ist eine Erotik
gemeint, die sich nicht mehr über
die Härte des männlichen Sex
definiert, sondern die eine neue Sprache
des Körpers entdeckt. Die Phantasie
spielt bei dieser Neubesetzung eine entscheidende
Rolle, denn die Zonen der Lust und des
Begehrens werden über sie an Fetischobjekte
vermittelt, die nicht mehr der an jene
Zonen traditioneller Heteroerotik gebunden
sind. Die so zugelassenen vielfältigen
repräsentationalen Besetzungen erlauben
eine Re-/Erotisierung von Bereichen die
unter dem Primat heterosexueller Lust
unzugänglich waren.
Teresa de Lauretis, ein der bekanntesten
Queertheoretikerinnen sieht das perverse
Begehren in der lesbischen Beziehung zwischen
butch und femme am Werk. Zentrales Element
des gegenseitigen Begehrens bilden hier
nicht einfach die traditionell erotisierten
Gebiete des Körpers, sondern einzelne,
phantasmatisch durchsetzte, Elemente der
Erscheinung oder Selbstdarstellung sowie
die Präsentation physischer, intellektueller
oder emotionaler Eigenschaften. Gerade
weil sich die Erotik auf solche Zeichen
verschiebt, die an eine begehrliche Phantasie
gebunden sind, spielt die Maskerade in
der butch/femme Beziehungen eine so wichtige
Rolle. Gegenseitiges Begehren ist hier
vor allem ein gegenseitig geteiltes Phantasieszenarium.
Die Reproduktion rigider Geschlechtsstereotype
in der butch/femme Beziehung lässt
jedoch auch die Frage aufkommen, wie emanzipativ
das perverse Begehren in dieser Beziehungsform
ist. Entscheidend bleibt jedoch die eröffnete
Abkehr von einer genital fixierten Körperlichkeit
zugunsten einer Hingabe an Codes und Zeichen,
welche die Gesamtheit des Körpers
neu zu besetzen vermögen.
Aneignung
Revisited
Die angeführten Szenarien zeigen,
welche neuen Konfigurationen von Körper
und Geschlecht uns offen stehen. Die Aneignung
eines Raumes "in between", des
_, verändert was als Erfahrung von
Geschlecht und Körper möglich
ist und war. Daher ist es Zeit anzuerkennen,
dass diese verschiedenen Ausdrucksformen
nicht allein einem kuriosen Begehren gerecht
werden, das es zu tolerieren gilt, sondern
dass diese Praktiken ein politisches Potential
besitzen, das eine Linke nicht unterschätzen
sollte.
Die Aneignungsbewegungen, die wir betrachtet
haben, erlauben uns nun den Begriff geschlechtlicher
Aneignung etwas genauer zu fassen. Zunächst
einmal zeigt sich, das Aneignung immer
eine praktische Tätigkeit im Verhältnis
zur Welt bedeutet, eine Tätigkeit
die mehr ist als einfaches Besitzergreifen
. Denn sich etwas zu eigen machen ist
mehr als nur etwas äußerlich
zu 'haben', Aneignung ist vielmehr mit
Durchdringung und Hingabe verbunden, denn
anders als beim 'Kaufen' oder 'in Besitz
nehmen' ist das 'zu eigen machen' ein
offener Prozess dessen Ende nicht klar
zu bestimmen ist. Das sollte bei der Betrachtung
der verschiedenen Cyborg-Szenarien klar
geworden sein, hier handelt es sich nicht
um das einfache Ablaufen eines vorkalkulierbaren
Prozesses oder das souverän-überschauende
Handeln eines männlichen Subjektes,
vielmehr geht es darum sich auf etwas
Einzulassen, oder besser: sich von etwas
verführen zu lassen von dem wir nicht
im vorhinein wissen was es ist. Geschlechtliche
Aneignung ist eine Praxis, eine Praxis
welche durch Offenheit gekennzeichnet
ist. Damit ist sie eine Praxis für
neugierige, nicht-souveräne und antipatriarchale
Subjekte.
Auf diese Weise ist auch ein grundlegender
Unterschied zu einem marxistischen Aneignungsbegriff
benannt, denn es gilt nicht etwas verlorenes,
ursprünglich eigenes wieder anzugeignen.
Hier wird nicht aus der Perspektive der
Entfremdung gesprochen, sondern aus der
Perspektive lustvoller und ungewisser
Neugier. Aneignung bedeutet hier keine
Rückkehr, kein Zurück zu einem
Zustand der jetzt schon zu benennen wäre,
vielmehr ist dieser Prozess durch seine
Ungewissheit gekennzeichnet wie sie eine
undogmatisch-emanzipatorisch Linke besitzen
sollte.
Eine Politik der Aneignung zeichnet sich
daher auch durch ihren positiven und ermöglichenden
Charakter aus. Grenzen, Schranken und
Barrieren werden nicht dadurch sichtbar
gemacht, dass sie zum Mittelpunkt der
Aufmerksamkeit von aufklärerischen
Aktionen gemacht werden. Attackiert werden
sie vielmehr dadurch, dass sie überschritten
werden und dass ein Bandbreite an verlockenden
Möglichkeiten aufgezeigt wird, die
wir uns nehmen können und sollten.
Diese Politik ist nicht mehr durch jene
Defensivität gekennzeichnet, wie
sie viele von uns kennen, sondern durch
eine offensive Politik der Überschreitung
und der Leidenschaft. Das hat auch die
Betrachtung verschiedener geschlechtlicher
Aneignungsformen gezeigt, ohne Zweifel
eine Praxis die auf Hindernisse trifft
und die mit schmerzlichen Erfahrungen
verbunden ist, da wo sie auf Widerstände,
die scharfen Kanten und stumpfen Grenzen
des Systems trifft, die jedoch einen grundlegend
positiven und lustvollen Charakter hat.
Im Gegensatz zum frustrierenden "Aufklärungsalltag"
liegt hier ein Potential linker Praxis
das mit Spaß, Lust und Erotik verbunden
ist.
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