| Fürsorgliche
Belagerung
Georg Klauda
Seit
Ende des 19. Jahrhunderts interessiert
sich die Sexualmedizin für Menschen
ohne eindeutiges Körpergeschlecht.
In den 50er Jahren wurde schließlich
mit ihrer Elimination begonnen.
Wenn wir, wie ich das im Folgenden will,
über die Verstümmelung von Hermaphroditen
sprechen, ist es zuerst sinnvoll, sich
die Gefahr der Projektion vor Augen zu
führen. Wir neigen dazu, Dinge einzig
in einem uns vertrauten Koordinatensystem
wahrzunehmen und Probleme auf einen Gegenstand
zu projizieren, die nicht die des Gegenstandes
selber sind. Wenn wir dann beginnen, über
das Thema zu schreiben, sei es als JournalistInnen,
AkademikerInnen oder politische AktivistInnen,
besteht die Gefahr, dass die von uns konstruierte
Problematik die Stimmen derjenigen überlagert,
die aus erster Hand über ihre Erfahrungen
berichten.
Solche Formen der Projektion finden seit
einigen Jahren beim Thema Genitalverstümmelungen
an Hermaphroditen statt. Zum Beispiel
ist auffällig, dass die von Intersex-AktivistInnen
ins Zentrum gerückte Gewaltproblematik
anders als in den USA in deutschen Zeitungen
und im Fernsehen kaum aufgegriffen wird.
Stattdessen
überwiegt die Neugier über das
Wiederauftauchen einer Gruppe, die seit
einigen Jahrzehnten aufgrund medizinischer
Eingriffe von der Bildfläche verschwunden
schien und sich nun wieder als "Problem"
zu Wort meldet. Das Scheitern unserer
symbolischen Ordnung der zwei Geschlechter
an einer wesentlich komplexeren Wirklichkeit
löst Suchbewegungen aus, mit denen
wir bemüht sind, unser idealisiertes
Bild von Mann und Frau wieder mit der
Realität in Einklang zu bringen.
Unser Hauptinteresse ist daher Schadensbegrenzung.
Dabei
wendet sich die Öffentlichkeit ausgerechnet
denjenigen als ExpertInnen zu, die durch
ihre Verstümmelungspraxis überhaupt
Anlass dazu gegeben haben, über dieses
Thema zu sprechen: den Ärzten. Ihr
Modell der Pathologisierung, das darin
besteht, Intersexualität als Entwicklungsstörung
zu definieren, schien bisher die perfekte
Lösung für unser Problem zu
sein, das binär angelegte Geschlechtersystem
mit einer chaotischen Realität zu
versöhnen. Wenn alles, was im System
der zwei Geschlechter nicht aufgeht, als
Krankheit definiert wird, dann kann dieses
System sich weiter unbefleckt als ideale
Repräsentation der Wirklichkeit darstellen.
Dieses
Krankheitsmodell steht jedoch neuerdings
in Konkurrenz zu einem anderen, wie ich
finde nicht minder dümmlichen Modell,
das gleichfalls dazu geeignet ist, unser
Bild der zwei Geschlechter gegen alle
Fakten zu sichern. Dieses Modell ist abgeschaut
von der gesellschaftlichen Einordnung
der Homosexuellen als Minderheit. Es besteht
darin, eine klar abgegrenzte Gruppe von
Personen zu definieren, denen die Abweichung
von der Norm als ihre besondere Eigenschaft
zukommt. Diese Gruppe wird als das Andere
konstruiert und trägt so dazu bei,
die Norm zu befestigen, indem deren Übertretung
auf eine quasi-ethnische Minderheit beschränkt
bleibt.
Was
also die Aufmerksamkeit der Medien gefangen
hält, ist nicht der Gewaltdiskurs
von Intersex-AktivistInnen, sondern die
Konkurrenz zweier äußerst primitiver
Modelle, die beide die Stabilisierung
unseres Wissens über männlich
und weiblich zum Gegenstand haben: das
Krankheitsmodell versus das Minderheitenmodell.
Zur Inszenierung dieses Streits im Fernsehen
werden auf der einen Seite Ärzte
eingeladen, die versprechen, die Normabweichung
durch medizinische Eingriffe zu heilen
und den Leuten dadurch ein "normales"
Leben zu ermöglichen. Dagegen tritt,
jedenfalls in der von den Medien gewünschten
Dramaturgie, eine Gruppe an, die gesellschaftlich
ihr Recht auf Anderssein einfordert.
Ich
denke, dass Hermaphroditen sich in diesem
Szenario nur entfernt wiederfinden, weil
es ihnen nicht um ihre Selbstdefinition,
sondern um das Ende einer invasiven Medizin
geht. Oft sind es daher nicht sie selbst,
sondern Transsexuelle sowie Lesben und
Schwule, die auf der Bühne diese
Rolle für sie übernehmen. Dass
sich gerade sie dieses Themas annehmen,
liegt an einem Überschuss von Projektion.
Sie sehen nicht, dass ihre Problematik,
d. h. die Problematik von Coming-out und
gesellschaftlicher Anerkennung, nicht
die von Hermaphroditen ist. Sie sehen
nicht, dass die ungefragte Adoption von
Hermaphroditen durch die Lesben-, Schwulen-
und Transenbewegung einer Überrumpelung
und Kolonialisierung gleichkommt und moralisch
unzulässig ist, weil sie das eigentliche
Anliegen von Menschen mit medizinischer
Gewalterfahrung überdeckt.
Ja
die meisten Hermaphroditen kämen
gar nicht auf die Idee, sich als Minderheit
zu definieren oder sich eine eigene Identität
zuzulegen. Was von der Medizin nämlich
als Intersexualität definiert wird,
hat gar keine einheitliche Substanz. Es
ist geradezu absurd, aus den zahlreichen
Geschlechtsuneindeutigkeiten, die von
der Medizin als Krankheiten und Missbildungen
verunglimpft werden, ein zusammenhängendes
Phänomen zu basteln: "Turner-Syndrom",
"Klinefelter-Syndrom", "Androgenitales
Syndrom" sowie "Androgenresistenz-Syndrom"
sind nicht miteinander verwandt, sondern
haben vollständig andere biologische
Hintergründe. Das Einzige, was Personen
verbindet, die mit dem Kunstwort Intersexualität
bezeichnet werden, ist vielmehr die Erfahrung
von Pathologisierung, Verrat der Eltern
und körperlicher Verstümmelung.
Wir
werden uns deshalb daran gewöhnen
müssen, Hermaphroditen nicht als
Angehörige einer Minderheit anzusprechen,
sondern, ihrer eigenen Einschätzung
gemäß, als medizinische Folteropfer.
Und wir werden nicht darum herumkommen,
unser Zweigeschlechtermodell gründlich
zu revidieren, statt es durch das Minderheitenmodell
zu reparieren.
Ich
sage das, weil es ein Phänomen gibt,
Hermaphroditen unter solche neueren Zeichen
wie Queer und Transgender zu subsumieren.
Eine solche Entdifferenzierung kommt nur
der Medizin entgegen, weil dadurch einerseits
die je spezifische Problematik verdeckt
wird und weil andererseits damit das von
der Sexualmedizin begründete Konzept
des Dritten Geschlechts aus der Anfangszeit
des 20. Jahrhunderts neu aufgelegt wird.
Gelingt es der Medizin, einen solchen
dritten Geschlechtssektor zu okkupieren
und unterschiedslos Transsexuelle, Homosexuelle
und Hermaphroditen darunter zu fassen,
haben auch Lesben und Schwule eine pathologische
Medizin wieder am Hals. Beispielsweise
ist bereits jetzt an der Universitätsklinik
Hamburg-Eppendorf sowie an der Universität
Lübeck ein millionenschweres Forschungsprojekt
mit dem Titel "Störungen der
körpergeschlechtlichen Entwicklung
und Intersexualität" angelaufen,
und als erster Schritt wird mit Hilfe
eines Umfragebogens ein Daten-Profiling
nicht nur von Hermaphroditen, sondern
auch von Transsexuellen sowie Lesben und
Schwulen durchgeführt.
Durch
die Queer- und Transgender-Modelle entstehen
darüber hinaus Kolonialisierungskaskaden:
Lesben und Schwule kolonialisieren Transsexuelle,
und diese wiederum kolonialisieren Hermaphroditen.
So haben etwa in der Berliner Partyszene
die Tunten den Begriff Transgender für
sich okkupiert und verneinen damit die
Differenz, die zwischen ihnen besteht
und Leuten, die die leidvolle Erfahrung
machen müssen, dass ihre Einbildungskraft
ihnen die Zugehörigkeit zu einem
anderen Körper aufgibt als den, den
sie besitzen. Gleichzeitig beginnen Transsexuelle
für Hermaphroditen zu sprechen, sich
unter Umständen sogar selbst als
intersexuell zu bezeichnen. Aber damit
verleugnen sie die Tatsache, dass genau
die Operationen, die ihnen den Geschlechtsübergang
erleichtern sollen, unter Umständen
an der Verstümmelung von Hermaphroditen
entwickelt wurden. Und vergessen Lesben
und Schwule, wenn sie die Konstruiertheit
von Geschlecht hervorheben, nicht allzu
leicht, dass diese Formulierung für
Hermaphroditen einen bitteren Beigeschmack
hat? Denn an ihnen wurde versucht, ein
Geschlecht zu konstruieren, und das mit
katastrophalem Ausgang.
Meistens
wird als gemeinsames Merkmal dieser Gruppen
der Kampf um Anerkennung einer abweichenden
Sexualität oder eines abweichenden
Geschlechts herausgestellt bzw. in einer
radikaleren Perspektive die Infragestellung
der Norm, die Abweichungen produziert.
Das Anerkennungsmodell, das von Lesben
und Schwulen in einem falschen Analogieschluss
über die Erfahrungen von Hermaphroditen
gelegt wird, ist jedoch aus historischen
Gründen deplaziert. Denn das ständische
Zweigeschlechtermodell erkannte, auch
wenn es Hermaphroditen aus dem Symbolischen
ausschloss, ihre Existenz an und stellte
ihnen frei, ihren Platz im gesellschaftlichen
Gefüge zu wählen. Eine Verwerfung
von Hermaphroditen aufgrund ihres Körpers
war mit dem christliche Diskurs der Sünde
wie mit dem bürgerlichen des Verbrechens
unvereinbar, setzen diese doch eine freie
Willenshandlung voraus. Deshalb räumte
das Allgemeine Preußische Landrecht
Hermaphroditen ausdrücklich die Möglichkeit
ein, sich bei ihrer Volljährigkeit
zwischen einer Zugehörigkeit zum
männlichen und einer zum weiblichen
Geschlecht zu entscheiden.
Dieses
Privileg endete im ausgehenden 19. Jahrhunderte
durch die Formierung des medizinischen
Apparats, der für sich in Anspruch
nahm, das authentische Geschlecht von
Hermaphroditen anhand der Gonaden zu bestimmen.
Entsprechend prägte die Sexualmedizin
erstmals den Begriff des Pseudohermaphroditen,
dessen wahres Geschlecht durch die Zunft
der Ärzte anhand eines willkürlich
gesetzten Kriteriums, nämlich dem
der Keimdrüsen, offenbart werden
konnte. Wie traumatisch dieser Einschnitt
für diejenigen war, die aufgrund
einer medizinischen Untersuchung einfach
einem ihnen fremden Geschlecht zugewiesen
wurden, zeigt die Autobiographie von Herculine
Barbin, die, durch die ärztliche
Entscheidung zum Mann gemacht und aus
ihrem angestammten Leben vertrieben, ihrem
Unglück schließlich durch Selbstmord
ein Ende setzte.
Die
zweite Phase der Medikalisierung von Hermaphroditen
begann Anfang des 20. Jahrhunderts durch
den Diskurs der Degeneration. Hermaphroditen
wurden als monströs und missgebildet
beschrieben und im Rahmen der medizinischen
Fotografie als Kuriosität zur Schau
gestellt.
Eine
dritte Phase setzte schließlich
in den 50er Jahren ein, als die Heilung
von Hermaphroditen durch chirurgische
und hormonelle Intervention propagiert
wurde. Die Operationen umfassten die Entfernung
der inneren und äußeren Genitalien
im Kleinkindalter sowie die Herstellung
eines künstlichen Penis oder in der
Mehrzahl der Fälle einer Neovagina,
die nichts anderes war als eine tief klaffenden
Wunde im Unterleib. Dabei wurde in Kauf
genommen, dass bei den eingesetzten Techniken
Kinder auf dem Operationstisch verstarben.
Die Ergebnisse waren freilich nicht nur
ästhetisch unbefriedigend, sie töteten
in der Regel auch jedes sexuelle Empfindungsvermögen
ab. Hinzu kam die Praxis der Massenbegutachtung
durch Ärzte und Medizinstudenten,
die Ablichtung auf "Verbrecherfotos"
und die jahrelange Bougierung, d. h. Dehnung
der künstlich hergestellten Scheide,
eine Praxis, die rückwirkend von
vielen als Vergewaltigung bezeichnet wird.
Darüber hinaus wurden die Personen,
denen dies widerfuhr, jahrelang belogen,
indem man ihnen die Hintergründe
ihrer vermeintlichen Krankheit verheimlichte.
Dies führte bei vielen, die hinter
ihr Geheimnis kamen, zum Gefühl,
von den Eltern verraten worden zu sein.
Rückblickende Forschungen beweisen
außerdem, dass sich die Geschlechtsidentität
der Personen weitgehend unabhängig
von der medizinischen Zuweisung und der
Sozialisation entwickelt hat. Viele Hermaphroditen
endeten in einer Borderline-Karriere oder
wurden transsexuell, d. h. sie versuchten,
sich durch weitere Operationen ihrem vorenthaltenen
Körper wieder anzunähern.
Dabei
hatte John Money, der Begründer dieser
Zwangszuweisungen, in seiner Dissertation
nachweisen können, dass unverstümmelte
Hermaphroditen keine pathologischen Persönlichkeiten
entwickelten, sondern sich zu starken
Charakteren ausformten. Doch er ließ
seine Doktorarbeit in einem Universitätsarchiv
vermodern und entschied sich für
den profitableren Weg, Hermaphroditen
zu operieren. Im völligen Kontrast
zu Moneys Befunden an unverstümmtelten
Hermaphroditen zeigen jüngere Schätzungen,
dass die Selbstmordquote von chirurgisch
zugewiesenen Personen bei mindestens 30
Prozent liegt. Mit anderen Worten, jeder
Dritte überlebt diese traumatisierenden
Operationen, die an fast jedem 500. Kind
vorgenommen werden, nicht.
Ich
habe außerdem versucht darzustellen,
dass die Medizin hierbei nicht eine bereits
gängige Praxis von Ausgrenzung verlängert,
sondern dass sie diese aktiv herbeigeführt
hat. Es handelt sich um einen Belagerungszustand,
der seit Ende des 19. Jahrhunderts andauert
und sich über den bekannten deutschen
Dreischritt: Identifizierung, Ausgrenzung
und Vernichtung entwickelt hat. Erst muss
festgelegt werden, wer und was Hermaphroditen
sind, d. h. eine Definition des Gegenstandes.
Dann wird die solcherart definierte Gruppe
als krank, missgebildet und monströs
dargestellt, um ihr die Unterstützung
der Bevölkerung zu nehmen. Und schließlich
wird ihre praktische Elimination ins Werk
gesetzt.
Die
Agenda der KritikerInnen dieser Praxis
muss also heute lauten: Erstens, wie können
wir diese Operationen beenden? Zweitens,
wie können wir die beteiligten MedizinerInnen
zur Verantwortung ziehen? Drittens, welche
Reparationen muss der Staat an die Überlebenden
zahlen? Viertens, wie können wir
erreichen, dass die Lehr- und Schulbücher,
die Hermaphroditen pathologisieren und
als missgebildete Monster darstellen,
vom Markt genommen werden? Fünftens,
welche Konsequenzen müssen wir für
das u.a. im Personenstandsrecht kodifizierte
Wissen über Geschlecht ziehen, wenn
die Annahme, dass es nur zwei Geschlechter
gibt, nicht mehr haltbar ist? Sechstens,
wie kann die Praxis der Medizin wieder
einer demokratischen Kontrolle unterworfen
werden?
Georg
Klauda
Dies ist die leicht bearbeitete Fassung
eines Vortrags, der am 31. Oktober 2002
im Rahmen der "Republikanischen Vesper"
der Humanistischen Union, der Internationalen
Liga für Menschenrechte und der Redaktion
Ossietzky im Berliner Haus der Demokratie
und Menschenrechte gehalten wurde. Weitere
Infos unter http://www.postgender.de.
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