A.G.Gender-Killer
 
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|||||||||||||||||||||| Queer und Transgender  
   

Change my body, not my mind!
Georg Klauda, Fabian Krämer

"The Phallus Pallace" von Dean Kotula ist eines der ersten Handbücher, das sich an Frau-zu-Mann-Transsexuelle richtet. Doch Kotulas Affirmation der Medizin birgt eine grundsätzliche Gefahr
Die letzten beiden Dekaden sahen die Dämmerung einer neuen Minderheit. Transidentifzierte Menschen hat es zwar schon immer gegeben. Doch schwerlich waren sie bis in die 80er Jahre hinein als Gruppe mit eigenständiger Agenda zu entdecken. Mit circa zehn Jahren Verspätung taucht gegenüber der Selbstorganisation von transsexuellen Frauen nun auch das Phänomen der Transmänner auf. Denn das "Passing", das Durchgehen als Mitglied des anderen Geschlechts, ist für sie oft einfacher zu bewerkstelligen gewesen. Therapeutische Institutionen wurden seltener aufgesucht, und auch der soziale Abstieg war nicht immer sofort die logische Folge ihres Schrittes, sich als Mann zu outen.
Unsichtbarkeit hat jedoch nicht nur Vorteile, sondern verzögert auch erheblich den gesellschaftlichen Anerkennungsprozess. Deshalb ist Dean Kotulas Kompendium über transsexuelle Männer, vor wenigen Monaten bei Alyson erschienen, noch immer ein Novum. Erstmals werden Biographien, Interviews, Short Stories, wissenschaftliche Aufsätze, Gedichte und Fotografien, die sich mit diesem Thema beschäftigen, zu einer umfassenden Collage zusammenmontiert. Peinlich fällt am Ende nur das Fehlen jeder politischen Perspektive auf.

Vergeblich wird man etwa nach einem Hinweis auf das Werk von Leslie Feinberg suchen, dem auch hierzulande bekanntesten männlichen Transgender-Aktivisten. Zu radikal, zu links und zu ambig scheint sein Denken für den Herausgeber zu sein. Kronzeugen liefert stattdessen die geschlechtsvereindeutigende Chirurgie. Schon der Titel des Buches "The Phallus Pallace" ist eine Hommage an eine technische Konstruktion in der Phalloplastie.

Doch auch sonst wendet sich Kotula in jeder Hinsicht ratsuchend an die Medizin. Das gilt nicht zuletzt für die grundlegende Ebene der Ideologie, auf welcher die Existenz von Transsexuellen erklärt und gerechtfertigt werden soll. Dort wird die alte, schon immer etwas esoterisch klingende Formel, Transmänner seien männliche Seelen, die im Körper einer Frau gefangen seien, durch die Aussage ersetzt, ihr Gehirn sei unter dem Einfluss von Hormonen auf eine ihrer Anatomie entgegengesetzte Geschlechtsidentität geprägt worden.

Grundlage dafür sind die Behauptungen des hawaianischen Anatomie-Professors Milton Diamond, der in "Phallus Pallace" ausführlich zu Wort kommt. In einem Interview am Buchanfang erklärt er den Lesern sein Konzept von einem "brain sex", also einer im Gehirn eingeschriebenen Geschlechtsidentität. Diese gebe zwar nicht unbedingt schon stereotype Geschlechterrollen vor, aber immerhin ein Gefühl von "Gleichheit und Differenz".

Diamond wurde bekannt, nachdem er aufgedeckt hatte, dass die jahrzehntelang als Standardbeleg konstruktivistischer Theorien angeführte Geschlechtsneuzuweisung an einem zweijährigen Jungen aus Kanada in Bausch und Bogen gescheitert war. Der Junge, der bei einer Vorhautbeschneidung seinen Penis verloren hatte und deshalb chirurgisch und hormonell zum Mädchen umgewandelt wurde, war nicht nur extrem verhaltensauffällig, sondern rebellierte seine gesamte Kindheit hindurch gegen das ihm ansozialisierte weibliche Geschlecht. Mit 14 Jahren verließ er es schließlich, um sein Leben künftig als Mann zu bestreiten.

Doch ist das wirklich ein Beleg für Diamonds biologistische Theorien? Als ein solcher kann diese Biographie nur dann dienen, wenn Faktoren ausgeklammert werden, die ebenfalls Einfluss auf die Entwicklung der Geschlechtsidentität des als Junge zur Welt gekommenen Mädchens gehabt haben könnten. Jahrelang war es z. B. von MitschülerInnen als "Gorilla" verspottet worden und sah sich nicht in der Lage, seine phänomenale Leiblichkeit mit seinem Geschlecht in Einklang zu bringen.

Der Fall "John/Joan", wie er in der Literatur bekannt wurde, ist also nicht geeignet, den Prozess geschlechtlicher Identifizierung in seinem Wesen aufzuklären. Auch für Transsexuelle kommen neben der mit wenig Überzeugung ausgestatteten Brain-Sex-These ebenso gut tiefenpsychologische Annahmen über die libidinöse Identifikation von Kindern in Betracht. Doch letztlich müssen auch PsychoanalytikerInnen wie Nina Williams eingestehen, "dass wir weder wissen noch wahrscheinlich jemals wissen werden, wie Körper, Kultur und Einbildungskraft einem Individuum ein Geschlecht auferlegen".

Angebrachter erscheint es von daher, sich einer Diskursanalyse zuzuwenden, die mit Theorien über Geschlechtsidentität strikt negativ verfährt und ihre Ausschlüsse, Konstitutionsbedingungen und blinde Stellen analysiert. Es geht also um die Untersuchung der Effekte dessen, was gerade als Geschlecht definiert ist, nicht um die Letztbeantwortung metaphysischer Wesensfragen.

Gerade an der Päpstin der in den 90er Jahren entstandenen Gender Studies, Judith Butler, kann deutlich gemacht werden, was passiert, wenn der ideologiekritische Tenor postmoderner Arbeiten von einem schier unerträglichen Willen zum Wissen überflügelt wird. Nicht nur wurden feministische Analysen geschlechtsspezifischer Herrschaftsverhältnisse von ihr konsequent abgewickelt. Mit Butler wurden erstmals auch humanwissenschaftliche Problemstellungen in das Feld eingeführt, Fragen wie: "Was ist Geschlecht?", "Wie entsteht Geschlechtsidentität?", "Was ist der Anteil der Anatomie daran?"

Diese Herangehensweise impliziert keine Kritik an sozialen Machtverhältnissen mehr, sondern verlangt lediglich eine positivistische Antwort. Nach einer weitestgehenden Widerlegung des Konstruktivismus anhand des John/Joan-Falles gipfelt diese Form der Problematisierung nun konträr zu Butlers Intentionen in einer fundamentalen Rebiologisierung des von ihr eröffneten Feldes.

Daran, so ließe sich argumentieren, hatte Judith Butler insofern Anteil, als sie ein positives Wissen, eine "Theorie" über Geschlechtsidentität propagierte, die in ihrer Behauptung, Geschlecht sei eine performative Leistung und nichts weiter, prinzipiell falsifizierbar war. Und falsifiziert wurde sie von Anfang an durch die Existenz von Transsexuellen, welche ihre phantasmatische Geschlechtsidentität konträr zu ihrer Sozialisation entwickelten und sie gegen alle gesellschaftlichen Konventionen durchzuboxen bereit waren.

Dass einige Transsexuelle sich nun dem Trend zur Rebiologisierung anschließen, ist verständlich. Denn ihre Praxis wurde von "queeren" Aktivisten ohnehin stets als konservatives, diskursstabilisierendes Phänomen denunziert. Dabei taten diese gerade so, als handle es sich bei der performativen Geschlechtertheorie nicht um eine widerlegbare Behauptung über die Ordnung der Dinge, sondern um ein religiöses Glaubensbekenntnis, dem widerspruchslos Gefolgschaft zu leisten sei.

Im Gegenzug jedoch die Medizin anzurufen und für ein neues Himmelreich zu halten, grenzt an Wahnsinn, selbst wenn sie die Erfüllung des sehnlichsten Wunsches verspricht, den Körper an die eigene Identität anzupassen. Einige jüngere Entwicklungen machen dies deutlich.

So ist angesichts der Theorien von Milton Diamond ein neuer Schwerpunkt der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) entstanden, der die Ursachen von Geschlechtsidentität mit zahlreichen Experimenten eruieren soll, die, wenn man die These vom "brain sex" ernstnimmt, wohl vor allem am Gehirn stattfinden werden.

Eine Entscheidung des Bundessozialgerichts vom 19. März schränkt gleichzeitig die Kostenübernahme für den Off-label-Use von Medikamenten durch die Krankenkassen ein, das heißt ihren Gebrauch außerhalb des Bereichs, für den sie zugelassen wurden. Dies trifft auch auf die "zweckfremde" Verschreibung von Hormonpräparaten an Transsexuelle zu. Um sie weiterhin kostenlos zu beziehen, sind diese jetzt wieder auf den psychologischen Apparat angewiesen, von dem sie sich eine Geistesstörung attestieren lassen müssen.

Wer sich ideologisch auf den medizinischen Diskurs einlässt, hat es also schwer, jemals deren pathologisierendem Modell zu entkommen. Dafür, dass nach dem offiziellen Diagnoseschlüssel "ICD" eine von der Anatomie abweichende Geschlechtsidentität noch immer als psychische Krankheit definiert ist, sind viele Transsexuelle sogar dankbar, weil es die Vorbedingung ist, eine Geschlechtsangleichung überhaupt von den Kassen bezahlt zu bekommen.

Von der Forderung nach einem klientenorientierten Dienstleistungsverhältnis zwischen Arzt und Patient scheint die Debatte also entfernter denn je. Da wäre es dann vielleicht doch besser, in der deutschen Übersetzung von Dean Kotulas "Phallus Pallace" das Interview mit Milton Diamond zu streichen und durch einen Nachholkurs in Feminismus, kritischer Diskursanalyse und Medizinkritik zu ersetzen.

 


Dean Kotula, The Phallus Pallace. Female to Male Transsexuals. Alyson: Los Angeles 2002.