| Queer
Theory und Queer Politics
Volker Woltersdorf
(20.10.2003) Überarbeitete Fassung
eines Beitrages auf dem workshop der RLS:
Queer zwischen Theorie und Praxis.
Der geschichtliche und politische Ausgangspunkt
Die Entstehungsbedingungen von queer als
politischer Bewegung und theoretischem
Denkansatz liegen in den USA der späten
Achtzigerjahre. Der Hintergrund, aus dem
sich das Queer Movement ableitet, ist
sehr vielfältig: Die Schwulen-, Lesben-,
und Frauenbewegung hatten separatistische
Politiken mit im Einzelnen sehr unterschiedlicher
Ausrichtung verfolgt, die die Entstehung
von homogenisierten Ghettos unterstützte.
Im kapitalistischen Verwertungsprozess
hatte sich die pink economy zu einem eigenständigen
Marktsegment gemausert (vgl. Gluckman
1997). Die fortschreitende Institutionalisierung
der Lesben-, Schwulen- und Frauenbewegung
leitete eine Hinwendung ihrer Funktionäre
zur Lobby-Politik ein, die auch ihr Stück
vom Kuchen abhaben wollte. Führende
schwule Aktivisten versuchten, Schwule
und Lesben als »ethnische Identität«
zu verkaufen und damit in die us-amerikanische
Verteilungspolitik zu integrieren (vgl.
Epstein 1987). Sie stellten Schwule als
assimilationswillige großstädtische
Einkommenselite dar, die sich nach Anerkennung
durch den Mainstream sehnt. Ein Ergebnis
dieser Ausrichtung war die Kommerzialisierung
und Entpolitisierung der CSD-Paraden.
All dies förderte eine homogenisierte
Darstellung nichtheterosexueller Lebensformen,
die stillschweigend ihre weißen,
mittelständischen und männlichen
Vertreter zur Norm machte. Die lesbisch-feministische
Szene formulierte einen sexuellen Verhaltenskodex,
der von vielen Frauen ebenfalls zunehmend
als beengend und normativ erlebt wurde.
Die Auseinandersetzungen, die sich vor
allem um Pornografie, Bisexualität,
Promiskuität, Penetration und Sadomasochismus
drehten, waren so heftig, dass sie als
sex wars bezeichnet wurden (vgl. Duggan
1995). Diese Entwicklungen führten
dazu, dass sich viele Lesben und Schwule
nicht mehr in diesen Bewegungen repräsentiert
sahen.
Zeitgleich
mobilisierte die Neue Rechte gegen die
bescheidenen Errungenschaften der Bürgerrechtsbewegungen
der Sechziger- und Siebzigerjahre. Der
Kampf gegen Abtreibung und Homosexualität
stand dabei ganz oben auf der Agenda.
Ein
weiterer zentraler Beweggrund für
die Entstehung von queer politics waren
die sozialen Folgen der Aids-Epidemie.
Vor allem zu Beginn wurden über Aids
massiv homophobe Vorurteile geschürt:
Das Gerede von Risikogruppen grenzte die
Zahl der »Betroffenen« auf
die Randgruppen der moral majority ein:
Schwarze, Schwule, Prostituierte und Junkies.
Diese Gruppen waren aus Sicht eben dieser
moral majority für ihre Krankheit
auf Grund ihrer riskanten Lebensweise
selbst Schuld. Die Verbindung von Homosexualität
und Krankheit wurde neu aufgewärmt.
Obwohl weitaus weniger durch HIV gefährdet,
hatten Lesben unter diesem wachsenden
homophoben Klima fast genauso zu leiden.
Von der Reagan-Administration wurden die
Erkrankten und Infizierten völlig
alleingelassen, Aids als Problem ignoriert
und keine Gelder für Pflege und Forschung
bereitgestellt. Da es in den USA keine
gesetzliche Krankenversicherung gibt,
konnten sich viele die teuren Therapien
nicht leisten, verloren bald ihre Erwerbsfähigkeit
und rutschten unter die Armutsgrenze.
Nicht-weiße Menschen, die traditionell
den ärmeren Schichten angehören,
waren davon besonders betroffen.
Queer
politics
Vor dem Hintergrund dieser verschiedenen
Krisen und Konflikte entwickelte sich
eine aggressive Politik der Wut. Queer
politics versuchten, die randständigen
Positionen der offiziellen Identitätspolitik
ins Zentrum zu rücken. Queer entstand
also als eine neue Form der Bündnispolitik
von sehr unterschiedlichen gesellschaftlichen
Außenseiterinnen und Außenseitern,
die deshalb auch als »Regenbogenkoalition
« bezeichnet und symbolisiert wurde.
Die Bezeichnung »queer« wurde
gewählt, weil dieses Schimpfwort
im Englischen ziemlich unbestimmt alle
diejenigen meint, die nicht in die Wertvorstellungen
der moral majority passen. Die Selbstbezeichnung
als »queer« hatte, ähnlich
wie bei den Wörtern »Schwuler«,
»Tunte«, »Lesbe«,
»Krüppel«, »Kanake«,
»Irrer«, einen provokanten,
kämpferischen Charakter. Es verstörte
das Publikum, wenn sich die Diffamierten
selbst so nannten, und es nahm der Verletzung
die Schärfe und kehrte den Spieß
um in die Richtung, aus der er kam.
Da
in den USA die heterosexuelle Kleinfamilie
als Keimzelle der Nation gilt, die deren
Reproduktion und Reinheit sichert, gab
sich eine aktivistische Neugründung
1990 den Namen »Queer Nation«
als bewusste, aber nicht unproblematische
Provokation dieses Nationenbegriffs. Queer
Nation verbreitete sich in kürzester
Zeit in allen größeren Städten
der USA. Die Organisation bevorzugte als
Instrument der Politik schrilles Auftreten
und theatralische Performances wie kiss
inns und die inns an stark frequentierten
Orten wie Verkehrsknotenpunkten, Fußgängerzonen
und Einkaufszentren. 1992 entstanden die
Lesbian Avengers (dt. »Lesbische
Rächerinnen«), die ähnlich
öffentlichkeitswirksame Auftritte
machten. 1
Im
Umfeld von queer politics, aber auch in
Abgrenzung davon sind im Verlauf der Neunzigerjahre
weitere Initiativen und Bewegungen entstanden.
Transsexuelle und transgender-Menschen
haben sich selbstständig in eigenen
Gruppen organisiert wie z. B. Transsexual
Menace, unter anderem deshalb, weil für
sie das Etikett queer zu sehr von Schwulen
und Lesben und von der Privilegierung
von Belangen der Sexualität gegenüber
solchen des Geschlechts geprägt wird.
Intersexuelle Menschen (landläufig
»Zwitter«) haben das Intersex
Movement angestoßen.
Die
politischen Stoßrichtungen dieser
verschiedenen queeren Kämpfe überkreuzen
sich an vielen Punkten, führen aber
auch zu sehr kontroversen Einschätzungen.2
Parallel
zu diesen politischen Entwicklungen, teils
als Reflex darauf, teils unabhängig
davon, entstand queer im universitären
Bereich der Gay and Lesbian Studies als
Sammelbegriff für einen neuen kritisch-theoretischen
Zugang zum Feld nicht-normgerechter Sexualitäten.
Teresa de Lauretis war die erste, die
1991 queer in diesem Sinne anlässlich
einer Schwerpunkt-Nummer der feministischen
Zeitschrift differences verwendete, die
sich mit lesbischen und schwulen Sexualitäten
beschäftigte (de Lauretis 1991).
Der
poststrukturalistische Hintergrund von
queer theory
Mindestens genauso wichtig wie queer politics
war für das Entstehen von queer theory
allerdings das poststrukturalistische
Denken. Der Poststrukturalismus versteht
sich – grob gesagt – als eine
Kritik an der Überheblichkeit des
Subjekts der Aufklärung und seinem
Erkenntnisanspruch. Poststrukturalistische
Denker haben grundsätzliche Skepsis
gegenüber groß angelegten Theoriegebäuden
angemeldet, die behaupten, die Welt als
ganze beschreiben zu können. Sie
ziehen die Erkenntnisfähigkeit und
den Fortschrittsoptimismus des aufklärerischen
Rationalismus grundsätzlich in Zweifel.
Im Zentrum poststrukturalistischer Kritik
steht die Vorstellung vom autonomen, in
sich ruhenden Subjekt. Schon Sigmund Freud
hatte behauptet, dass das Ich nicht Herr
im eigenen Hause sei. Während die
bürgerliche Aufklärung im Subjekt
den gefährlichsten Gegner von subalterner
Ideologiegläubigkeit hatte sehen
wollen, interpretierte der marxistische
Philosoph Louis Althusser das Subjekt
gerade umgekehrt als das Produkt der Unterwerfung
unter eine Ideologie (Althusser 1977).
Um diese kühne Behauptung zu illustrieren,
wählte er das Beispiel eines Polizisten,
der auf der Straße ruft: »He,
Sie da!« Der Passant oder die Passantin,
die sich daraufhin umdreht, erkennt damit
erst die Macht des Polizisten, Leute anrufen
und zum Stehen bringen zu können,
an und macht sich auch damit erst zum
Subjekt einer Staatsbürgerin.
Der
Poststrukturalismus radikalisiert nun
diese Kritik am Subjekt. Aus seinen Angeln
heben wollen es seine Gegner, indem sie
ihm sein Herrschaftsinstrument unbrauchbar
machen, nämlich die Sprache. Der
französische Philosoph Jacques Derrida
hat zu zeigen versucht, dass Sprache ihrem
Anspruch, die Wirklichkeit eins zu eins
abzubilden, nie gerecht werden kann und
notwendig auf Mehrdeutigkeit von Bedeutungen
angewiesen ist. Es sei das Wesen der Sprache,
begriffliche Grenzziehungen beständig
zu unterlaufen und Ordnung zu verunreinigen.
Den methodischen Nachweis dieser systematischen
Subversion von Herrschaft durch begriffliche
Ordnung nennt er »Dekonstruktion.«
Identität
als Ordnungsprinzip wird damit fragwürdig.
Jeder Versuch, das unveränderliche
Wesen einer Identität zu bestimmen,
wird anrüchig, weil es als ideologische
Verkürzung der Wirklichkeit erscheint.
Diese theoretische Position nennt man
auch »Anti-Essenzialismus. «
Der Poststrukturalismus verzichtet damit
ausdrücklich auf einen letztgültigen
Wahrheitsanspruch. Da er sich sträubt,
Aussagen über das »wahre«
Wesen der Dinge zu treffen, kritisiert
er ebenfalls die Vorstellung, dass es
so etwas wie Authentizität überhaupt
geben könne. Eine Konsequenz daraus
ist die Dekonstruktion des Gegensatzpaares
von Original und Kopie. Jedes Original,
so versuchen poststrukturalistische Analysen
nachzuweisen, ist bereits eine Kopie.
Jede Kopie ist bereits ein Original. Man
merkt, dass der Poststrukturalismus eine
Denkbewegung ist, die versucht, radikal
Hierarchien abzubauen.
Identität,
Authentizität, Natürlichkeit,
Originalität – das sind alles
Begriffe, die für das Selbstverständnis
von lesbischen und schwulen Emanzipationspolitiken
von enormer Bedeutung sind. Wenn sie fragwürdig
werden, kann das eine produktive Krise
auslösen. Bestimmte altgediente politische
Waffen können dadurch abstumpfen,
aber es können auch emanzipative
neue Strategien entwickelt werden. Zum
Beispiel lässt sich die Hierarchie
einer eigentlichen, wahren, authentischen
Hetero-Sexualität und einer verirrten,
falschen, unnatürlichen Homo-Sexualität
vor dem Hintergrund poststrukturalistischen
Denkens nicht mehr aufrechterhalten. Auf
der anderen Seite kann dann aber auch
keine sexuelle Identität für
sich in Anspruch nehmen, die richtige
zu sein, auch die nicht, die sich selbst
für die progressivste oder revolutionärste
hält.
Queer
theory: Das Wichtigste in Kürze
Seit Mitte der Achtzigerjahre haben sich
feministische Theoretikerinnen bemüht,
die Geschlechtsblindheit des Poststrukturalismus
zu beenden und die Kategorie Geschlecht
in poststrukturalistische Theoriebildung
einzuschreiben. In Anknüpfung an
Foucaults Entzauberung der sexuellen Befreiungsbewegungen
hat Judith Butler Anfang der Neunziger
den Feminismus entzaubert, indem sie die
Kategorie »Frau« als Subjekt
des Feminismus dekonstruiert hat. In ihrem
Buch Gender Trouble von 1990 (dt. »Das
Unbehagen der Geschlechter«), so
einer Art »Bibel« der Queer
Theory, versuchte Butler nämlich
nachzuweisen, dass der Feminismus gegen
seine ausdrücklichen Ziele arbeiten
würde, wenn er am Subjekt »Frau«
als seiner unhinterfragten Grundlage festhalten
würde. Dieser Provokation schickte
sie eine Analyse der Geschlechterordnung
voraus, mit der sie eine grundsätzliche
Verunsicherung bzw. Verflüssigung
der Kategorie »Geschlecht«
bezweckt, also eben: »Gender Trouble«.
Butler
liefert dazu eine Theorie, mit der sich
Stabilisierungs- und Destabilisierungsprozesse
sexueller und geschlechtlicher Identitätsbildung
beschreiben und erklären lassen.
3 Dazu führt sie den Begriff der
»heterosexuellen Matrix« ein.
Sie bezeichnet damit eine soziale und
kulturelle Anordnung, mit Foucault gesprochen:
ein »diskursives Dispositiv«,
das aus den drei Dimensionen von erstens
anatomischem Geschlechtskörper (sex),
zweitens sozialer Geschlechterrolle (gender)
und drittens erotischem Begehren (desire)
besteht. Diese drei Kategorien sind jeweils
wechselseitig aufeinander bezogen. Mal
leitet sich das Begehren aus dem Geschlecht
ab, mal wird über das Begehren Geschlecht
erst verankert. Mal folgt aus dem Körper
eine bestimmte soziale Rolle, mal erzeugt
eine bestimmte Rolle ein bestimmtes Begehren
usw. Die heterosexuelle Matrix zeichnet
sich nun dadurch aus, dass sie dieses
Dreigestirn normativ einrichtet sowie
ihre Deckungsgleichheit erzwingt. Sie
teilt die Menschen in genau zwei und nur
zwei, deutlich voneinander zu unterscheidende
Geschlechter. Dadurch entsteht der »anatomische
Geschlechtskörper« nicht als
etwas rein Natürliches, sondern außerdem
als ein kulturelles Produkt, das eine
bestimmte Funktion in einem ideologischen
System ausübt. Dem Geschlechtskörper
wird dann nach dieser Logik nämlich
eine ganz bestimmte soziale Rolle und
Identität und ein heterosexuelles
Begehren zugewiesen. Geschlecht wird deshalb
fast immer sexualisiert und zwar hetero-sexualisiert
wahrgenommen. Diese Organisationsform
ist nicht nur die vorherrschende, sondern
nimmt für sich auch in Anspruch,
die naturgemäße zu sein. Heterosexualität
kann mit Hilfe des Begriffs der heterosexuellen
Matrix also als ein Herrschaftssystem
dargestellt werden, das Körper und
ihr Verhältnis zueinander normiert
und diese aufgezwungene Ordnung als natürlichen
Grundzustand legitimiert. Die Kategorie
»Frau« ist also immer eingebunden
in die heterosexuelle Matrix und trägt
deshalb immer normative Effekte im Gepäck
mit sich herum. Sie erscheint so betrachtet
als machtdurchwirktes, interessegeleitetes
»diskursives Konstrukt« und
nicht als unhintergehbare biologische
Gegebenheit.
Die
Abtrennung der drei Kategorien Sex/Gender/Begehren
ist nicht erst Butlers Leistung. Diese
konzeptuelle Differenzierung war bereits
in den Siebziger- und Achtzigerjahren
ein bewusster Eingriff feministischer
Theoriebildung gewesen, mit dem die vermeintliche
Einheitlichkeit der Triade unterwandert
werden sollte und Biologie nicht mehr
als unabwendbares soziales Schicksal begriffen
werden musste. Butlers Neuerung bestand
nun darin, dass sie ihre Kritik nun außerdem
auf die Kategorien der Triade selbst richtet.
Ihre Dekonstruktion der heterosexuellen
Matrix zielt darauf ab, einen Blick auf
den Geschlechteralltag zu werfen, der
Widersprüche, Brüche und Alternativen
zu dieser Matrix sichtbar werden lässt.
Sex/Gender/ Begehren erscheinen so nicht
als selbstevidente und essenzielle Gegebenheiten.
Vielmehr begreift sie Butler nun als performative
Effekte. Performative Effekte entstehen
erst im Prozess der Herstellung. Man könnte
das auf die Formel bringen: es gibt kein
Geschlecht, außer man tut es. In
der Soziologie ist deshalb das Schlagwort
des »Doing Gender« geprägt
worden. Geschlecht gilt hier nicht mehr
als eine Form des Seins, sondern des Handelns.
Da Handeln sich erst in der Zeit realisieren
kann, ist es ständig im Fluss. Die
Kategorie »Geschlecht« kann
so als Produkt eines fortlaufenden Konstruktionsprozesses
betrachtet werden. Zum Selbsterhalt ist
die Konstruktion von Geschlecht auf identische
Wiederholungen angewiesen. Eine solche
Struktur ist automatisch instabil. Sie
produziert nämlich beständig
Unfälle und Abweichungen. Butler
interessiert sich nun gerade für
die Brüche bei der Reproduktion der
heterosexuellen Matrix und rückt
sie damit von der Peripherie ins Zentrum
der Analyse von Geschlecht. Die Analyse
misslungener Realisierungen der heterosexuellen
Matrix erlaubt ihr einen Einblick in die
allgemeine Funktionsweise der Geschlechter-
und Sexualitätenordnung.
Butler
interpretiert Geschlecht als eine Norm,
ein gesellschaftliches Ideal, dem alle
versuchen nachzueifern, entweder als Mann
oder als Frau. Alle wollen authentisch
Mann oder Frau sein, und es gelingt ihnen
doch nie. Entweder es stimmt am Körper
etwas nicht oder das Verhalten passt nicht
in die erwarteten Rollenvorstellungen
oder die Wahl der geliebten Person entspricht
nicht der Norm. Immer steht etwas quer
beziehungsweise queer. Der Trick daran,
dass solche uneinholbaren Normen überhaupt
Beachtung finden und nicht alle einfach
auf sie pfeifen, ist ihre disziplinierende
Wirkung. Die normative Geschlechterordnung
ist ein Zwangsregime. Wer der Norm mehr
entspricht als andere, genießt Privilegien.
Das macht es so erstrebenswert, in der
Norm zu sein. Wer ihr nicht entspricht,
fühlt sich schuldig oder mangelhaft
und hat mit mehr oder weniger massiven
Sanktionen zu rechnen.
Es
wird schon deutlich, dass eine solche
Betrachtungsweise Koalitionen möglich
macht, die quer zu den üblichen Identitätsgrenzen
verlaufen. Butlers erklärtes politisches
Ziel ist die Subversion der gültigen
Geschlechternormen. In Gender Trouble,
aber auch in ihren späteren Büchern
beschäftigt sie sich immer wieder
mit Strategien, die es möglich machen,
Risse in der Norm aufklaffen zu lassen
und die damit die Autorität der Norm
angreifen (Butler 1991, 1995, 1998, 2001
a,b). Ein berühmt gewordenes Beispiel
ist ihre Analyse der Geschlechterparodie
bei der Travestie. Sie befasst sich aber
auch mit transsexuellen und intersexuellen
Lebenswelten, mit alternativen Lebens-
und Fürsorgegemeinschaften, mit queer
politics, mit der Uneindeutigkeit von
ethnischen Identitäten und schließlich
mit der Verschränkung verschiedener
sexueller, geschlechtlicher, ethnischer,
kultureller und sozialer Identitäten.
Sie geht dabei nicht von der Vorstellung
aus, dass man die Norm mit einem gezielten
Schlag zu Fall bringen könnte. Eine
Perspektive der Veränderung sieht
sie nur in der Arbeit an der Norm. Dabei
macht sie sich ihre theoretische Einsicht
zu Nutze, dass die Norm nicht einmal in
die Welt gesetzt wird und dann ein für
allemal fortbesteht, sondern fortwährend
reproduziert werden muss und dabei offen
für Veränderungen ist. Als ein
Beispiel für die Veränderbarkeit
von Normen führt sie die Geschichte
des Begriffes »queer« an.
Dadurch, dass sich politische Aktivisten
und Aktivistinnen dieses Schimpfwort angeeignet
haben, ist seine diffamierende Bedeutung
mit neuen Bedeutungsinhalten konfrontiert
worden. Die Macht des Begriffes zu verletzen
ist angegriffen worden. Butler nennt das
eine performative Praxis der subversiven
Resignifizierung. Das heißt, es
geht um eine Neubestimmung der kulturellen
Muster von Geschlecht und Sexualität,
die mit der bestehenden Ordnung bricht.
Rezeption
in Deutschland
Die Neunzigerjahre haben einen beeindruckenden
Boom der wissenschaftlichen Arbeiten und
Forschung zu queeren Themen erlebt. Besonders
die auffälligen Formen der Transgression
von Geschlechternormen, wie drag kings
und queens, butch/femme und transgender,
standen im Zentrum des Interesses. In
den Kultur- und Geschichtswissenschaften
unternahmen zahlreiche Studien eine Historisierung
der Geschlechterordnung und versuchten
damit, die Veränderlichkeit von normativen
Geschlechterwelten unter Beweis zu stellen.
4
In
der Bundesrepublik kristallisierte sich
die Auseinandersetzung um queer theory
an der Person und dem Werk von Judith
Butler, weil sie hier zu Lande einfach
deren bekannteste Vertreterin ist. Das
deutschsprachige Erscheinen von Gender
Trouble entfachte in der Nummer 2 der
Feministischen Studien von 1993 einen
Sturm der Entrüstung, der sich zu
einem feministischen Generationenkonflikt
entwickelte. Zur Debatte stand vor allem
ihre Dekonstruktion des feministischen
Subjekts »Frau« und des anatomischen
Geschlechtskörpers. Ihre Heterosexualitätskritik
wurde fast gar nicht rezipiert. Lesbische
und schwule Wissenschaftlerinnen haben
sich dagegen durchaus positiv auf queer
theory bezogen, um homosexuelle Identitäten
zu dekonstruieren und zu historisieren
(vgl. Kraß 2003). Ob queer theory
einen festen institutionellen Platz an
bundesdeutschen Universitäten bekommen
wird, ist allerdings eher unwahrscheinlich.
An mehreren Unis gibt es Forschungsprogramme
für Geschlechterforschung. Sexualität
wird dabei nicht ausdrücklich erwähnt.
Nur in Hamburg ist in diesem Jahr eine
eigene Professur zu queer theory eingerichtet
worden.
Außerhalb
des universitären Rahmens war das
Echo auf queer etwas verhaltener. Das
hängt sicherlich damit zusammen,
dass die politische Situation in der BRD
eine in weiten Teilen andere war als in
den USA. Die Schwulen- und Lesbenbewegung
blickt auf eine andere Geschichte zurück.
Das Sozialstaatssystem dämpfte die
Folgen der Aids-Krise ab. Das Wiedererstarken
nationalistischer Diskurse geschah in
Deutschland nicht so sehr über das
Phantasma sexueller, sondern vor allem
völkischer und kultureller Reinheit
und führte so anstelle von homophoben
zu fremdenfeindlichen und rassistischen
Kampagnen. Deshalb hatten die im vereinigten
Deutschland unter dem Label queer gegründeten
Gruppen vor allem eine antifaschistische
und antirassistische Ausrichtung. Von
einigen wenigen Versuchen abgesehen, hat
sich in Deutschland kaum eine eigenständige
Queer- Bewegung gebildet. Dieses Ungleichgewicht
zwischen einem großen Interesse
für die Theorie und einer vergleichsweise
geringen politischen Praxis hat dazu geführt,
dass queer hier mehr als in englischsprachigen
Ländern der schlechte Ruch des Akademischen,
Abgehobenen, Weltfremden anhaftet, das
sich nicht in die Praxis umsetzen lässt.
Außerdem gibt es oft Schwierigkeiten
mit dem sehr hohen Komplexitätsgrad
queer-theoretischer Analysen. (Und ich
weiß nicht, ob meine Ausführungen
daran etwas ändern können).
Anders
als in den USA haben hiesige lesbische
und schwule Szenen ihre separatistische
Ausrichtung erst in den Neunzigerjahren
aufgegeben und sich auf lesbisch-schwul
orientiert, als man in den USA längst
Erfahrungen damit gesammelt hatte und
an die Grenzen auch dieser Form der Identitätspolitik
gestoßen war. Vielleicht bot sich
für die BRD dagegen der Begriff »Queer«
an, um diese neue Form der Zusammenarbeit
zu dokumentieren. Die politische Agenda,
die darunter verhandelt wird, ist aber
sehr oft eine auf Integration und Assimilation
zielende Lobby- und Bürgerrechtspolitik.
Außerdem sind diese Organisationen
erfahrungsgemäß sehr schwulendominiert,
wie beispielsweise der »Lesben-
und Schwulenverband in Deutschland«,
LSVD, aber auch die AG Queer in der PDS.
Inzwischen
nimmt dagegen die Bereitschaft für
eine Wahrnehmung von queer zu, die über
den Nenner von »lesbisch-schwul«
hinausgeht. Das beweisen die Diskussionen
um eine Anerkennung von trans- und intersexuellen
Lebensweisen. Diese Auseinandersetzungen
sind aber lange noch nicht zu Ende geführt.
Die Teilhabe transsexueller Frauen an
Frauen- und Lesbenräumen ist ein
unausgestandenes Reizthema, das immer
wieder hochkocht, z. B. auf der Lesbenwoche
1997 in Berlin. Gerade in der lesbischen
Szene, wo traditionell eine hohe Sensibilität
für eigene Minderheiten besteht,
ist aber die Aufmerksamkeit für das
Thema transgender gewachsen. In der Schwulenszene
werden dagegen Tunten und transsexuelle
Männer nach wie vor marginalisiert.
Perspektiven
für die Politisierung von queer theory
Abschließend möchte ich einige
Vorschläge machen, welche Chancen
für eine lebendige Praxis von queer
theory und queer politics bestehen könnten.
Dabei bin ich natürlich vor allem
auf die Erfahrungen aus der politischen
Arbeit angewiesen.
Zunächst
müssen wir uns in diesem Zusammenhang
die Frage stellen, ob queer heute überhaupt
noch ein politisches Potenzial entfalten
kann, wo Defizite und Sollbruchstellen
queerer Gesellschaftsanalyse liegen. Heute,
über zehn Jahre nach der Entstehung
von queer, hat sich manche Euphorie gelegt
und man kann bereits eine erste kritische
Bilanz seiner Effekte ziehen.
Eine
Kritik an queer theory beläuft sich
z. B. darauf, dass sich queer zu sehr
in der Nähe von Kommerz und Spaßkultur
bewegen würde. Queer diene dann nur
noch als Distinktionsmerkmal für
eine junge konsumorientierte Generation
von Schwulen und Lesben, die mit dem moralischen
Rigorismus ihrer Vorläufergeneration
nichts mehr zu tun haben wollen. All das,
zusammen mit der absichtlichen Unschärfe
des Begriffes queer würde zur Beliebigkeit
dieser Kategorie beitragen. Außerdem
würde queer Sexualität überbetonen
und andere Achsen der Herrschaft vernachlässigen.
Dieser Vorwurf verbindet sich meistens
mit der Feststellung, dass queer eine
kulturalistische und damit idealistische
Politik betreiben würde. Es gehe
nur um Fragen der kulturellen Anerkennung
und nicht um Fragen der Verteilung von
gesellschaftlichem Wohlstand. Schließlich
wurden queere Politikstrategien kritisch
ins Visier genommen: Angekreidet wurde
eine einseitige Bejahung von Öffentlichkeit
und outness. Zum einen würde queer
dadurch im Bannstrahl des Medienmarktes
stehen, zum anderen könne der Gang
in die Öffentlichkeit gerade für
illegalisierte Menschen sehr gefährlich
sein. Queer politics seien darüber
hinaus zu sehr auf den Einzelnen/die Einzelne
bezogen und damit nicht in der Lage, Kollektivität
zu denken und nachhaltig zu organisieren.
Queer theory würde die Illusion wecken,
die Geschlechterordnung ließe sich
durch individuelles Handeln verändern.
Die queere Theorie von der Performativität
des Geschlechts würde allzu oft so
verstanden, dass sich Geschlecht nach
Gusto frei wählen lässt. Sexuelle
und geschlechtliche Identität würden
auf diese Weise warenförmig verdinglicht.
Geschlecht sei aber vielmehr ein sehr
stabile Kategorie gesellschaftlicher Hierarchiebildung,
die sich nicht willentlich verändern
oder ablegen lässt. All diese Kritikpunkte
hauen in die gleiche Kerbe: sie überprüfen,
wo queer in ein affirmatives Verhältnis
zu neoliberalen Ideologien und Umstrukturierungsprozessen
gerät. Hier ist in der Tat Vorsicht
geboten.
Wenn
man aber das kritische Potenzial von Queer
ernst nimmt und für die Zukunft lebendig
halten möchte, müsste dass heißen,
das Feld der Politik so zu begreifen,
dass Sexualität an allen Stellen
eingeschlossen ist: sozusagen eine Art
»Sexuality Mainstreaming«
(wenn auch der Begriff des »Gender
Mainstreaming« schon unerträglich
abgenutzt und realpolitisch diskreditiert
ist). Ich möchte zum Schluss einige
Arbeitsfelder hierfür aufmachen und
Fragen formulieren, an denen angesetzt
werden könnte (vgl. Genschel/Lay/
Wagenknecht/Woltersdorff 2001).
Erstens:
Eine Kritik an Heteronormativität:
Wissenschaftlich liegt das Potenzial von
Queer vor allem darin, zu zeigen, dass
Heterosexualität als »Heteronormativität«
elementaren Gesellschaftskonzepten zu
Grunde liegt. Heterosexualität wird
demgemäß als Grundbedingung
und Urform aller sozialen Beziehungen
betrachtet. Es gehört zum diskreten
Charme heterosexueller Herrschaft, dass
sie Bereiche durchzieht, die auf den ersten
Blick nichts miteinander und schon gar
nichts mit Sexualität zu tun haben:
Privatheit und Öffentlichkeit, »Nation«
und »Rasse«, Wahrheit und
Lüge, Original und Kopie, Geheimnis
und Evidenz, Frau und Mann, Aktivität
und Passivität, Männlichkeit
und Weiblichkeit, Mutter und Kind, Spaß
und Ernst. Heteronormativität ist
als gesellschaftlicher Zwang in den Staat
und seine Institutionen (Schule, Militär,
Ehe) eingelagert. Der von queer eingeleitete
Perspektivenwechsel müsste also fortgesetzt
werden: weg von der Fokussierung auf Minderheiten
hin zum Blick aufs Zentrum und zur Entprivilegierung
der normierten Heterosexualität.
Nicht nur lesbische und schwule Identitäten
gehören also dekonstruiert, sondern
ebenso auch heterosexuelle Identitäten.
Dabei geht es darum, Widersprüche
und Brüche in der Heterosexualität
zu benennen und zu verstärken. Doch
es fällt offensichtlich noch schwer,
Normalisierung als Herrschaftsprinzip
zu begreifen.
Zweitens:
Eine Kritik an einem biologistischen Verständnis
von Verwandtschaft und am Ideal biologischer
binärer Elternschaft. Queer-theoretische
Forscher und Forscherinnen, allen voran
Judith Butler, haben in jüngster
Zeit den Begriff der Verwandtschaft einer
queer-theoretischen Kritik unterzogen
(Butler 2001, Bernstein/Reimann 2001)
und eine Erweiterung angesichts der Vielfalt
gegenwärtig gelebter Fürsorgemodelle.
Die Neuverhandlung und politische Regulierung
des Familienbegriffes wird aber, wie der
letzte Bundestagswahlkampf bereits ahnen
ließ, auch ein praktisches Politikfeld
von zunehmender Bedeutung werden, da die
Familie im Zuge des neoliberalen Sozialabbaus
wieder wichtiger wird. Alternative Lebensformen
werden vor allem dann von der Politik
wahrgenommen und anerkannt, wenn sich
an sie vormals staatliche Aufgaben abschieben
lassen.
Drittens:
Eine Kritik an Zweigeschlechtlichkeit:
Das war zwar von Anfang an Bestandteil
queerer Kritik, der Fokus lag aber auf
den spektakulären Formen von Transgression
und Subversion. Kaum ein Interesse gab
es bisher für die weniger glamourösen
Alltagspraxen. Gerade dem Wunsch nach
Kohärenz und dem Einklagen von geschlechtlicher
Authentizität bei Transsexuellen
wurde wenig Respekt entgegengebracht.
Viertens:
Eine Analyse des Verhältnisses von
Rassismus und Sexualität, die die
Verwobenheit von Sexualität mit anderen
Achsen gesellschaftlicher Hierarchiebildung
aufzeigt. Wie werden migrantische Communities
marginalisiert und als homogen konstruiert?
Welche Rolle spielt Sexualität bei
diesen Differenzierungsoperationen? Welche
Form von Sexualität wird auf die
Figur des Ausländers/ der Ausländerin
projiziert und mit ihr aus der Mehrheitsgesellschaft
ausgeschlossen?
Fünftens:
Und zuletzt: eine Analyse des Verhältnisses
von Kapitalismus und Sexualität,
die leider immer noch als eine Lücke
in queeren Untersuchungen klafft: Wie
wird Sexualität in kapitalistischen
Verhältnissen geprägt? Wie werden
sexuelle Bedürfnisse reguliert und
vermarktet? Welche Klassenpositionen sind
in den so geformten »Ikonen des
Begehrens« enthalten? Der Neoliberalismus
erlaubt eine Enttraditionalisierung und
Flexibilisierung der Geschlechterund Sexualitätenordnung.
Zugleich verdinglicht und verwertet aber
gerade diese Identitätsvielfalt.
Er erkennt sexuelles und geschlechtliches
Abweichlertum an, weil er es als produktive
Ressource ausbeuten kann. Der Abbau staatlicher
Solidarsysteme führt außerdem
zu einer Reprivatisierung von Reproduktionsarbeit
und bürdet die Reproduktion damit
wieder den sozial Schwachen – Frauen,
Migrantinnen und Migranten, Softies –
auf. Schließlich würde zu so
einer Analyse aber auch gehören,
die Klassenwidersprüche innerhalb
der lesbischen, schwulen und transgender
Communities, die sich mit der wachsenden
Kommerzialisierung der Szenen verstärken,
zu erkennen und zuzuspitzen.
--------------------------------------------------------------------------------
Volker Woltersdorff alias Lore Logorrhöe
– Jg. 1971, Wissenschaftlicher Mitarbeiter,
Studium der deutschen, französischen
und italienischen Literaturwissenschaft
in München, Pisa und Paris; zeitweise
Redakteur der Tuntentinte und des Internet-Magazins
www.etuxx.com; laufende Promotion zu »Coming
out als Technologie des schwulen Selbst«
am Institut für Allgemeine und Vergleichende
Literaturwissenschaft der FU Berlin; seit
1999 Mitarbeiter am Sonderforschungsbereich
»Kulturen des Performativen «
im Teilprojekt »Erzähltes Geschlecht«;
seit 2002 Arbeit am Verlängerungsprojekt
»Rebellieren mit Stil: zur Theorie
performativer Strategien in Subkulturen.«
Veröffentlichungen u. a.: In and
out: Thesen zu schwulen Coming-out-Erzählungen,
in: Forum Homosexualität und Literatur
33 (1998); Wie male ich einen Schwulen?
Wege und Umwege der Schwulenbewegung,
in: S. Haunss, M. Mohr, K. Viehmann (Hg.):
Vorwärts bis zum nieder mit. 30 Jahre
Plakate unkontrollierter Bewegungen, Berlin
2001; Stiefkinder des Marxismus, in: UNITAT
4 (2002); zusammen mit G. Mattenklott:
Eintrag zum Stichwort ›Homosexualität‹
im Historisch- Kritischen Wörterbuch
des Marxismus, erscheint Ende 2003.
Überarbeitete
Fassung eines Beitrages auf dem workshop
der Rosa-Luxemburg-Stiftung Queer zwischen
Theorie und Praxis. Multiplikatorinnentraining
für »queer, Lebensweise und
Identität« vom 23.-25. Mai
2003 in Oberursel (b. Frankfurt/Main)
1
Die Gruppe der von HIV-Infizierten oder
besonders Gefährdeten wurde durch
das offizielle Selbstbild der lesbischen
und schwulen Communities nicht repräsentiert.
Plötzlich saßen sie alle im
selben Boot: reiche weiße Mittelstandsschwule,
lesbische Latzhosen-Feministinnen, Stricher,
Huren, Fixer und Fixerinnen, Arme, Nicht-Weiße
und Familienväter, die in Parks und
Klappen anonymen sexuellen Kontakten mit
anderen Männern nachgingen. Das Virus
machte keinen Unterschied, ob jemand »out
and proud« oder versteckt lebte,
ob jemand ein politisches Identitätsbewusstsein
besaß oder nicht.
2
Zum Beispiel demonstrierten die Lesbian
Avengers vor Schulen gegen das Totschweigen
von Homosexualität im Lehrplan und
fragten die Schulkinder, was sie denn
im Unterricht über Lesben gelernt
hätten. Bereits 1987 war Act up (»Aids
Coalition To Unleash Power «) gegründet
worden, das mit seinen spektakulären
und medienwirksamen Aktionen auf die Situation
der Menschen mit HIV und Aids aufmerksam
machte: Zum Beispiel stürmten Aktivisten
und Aktivistinnen den Nachrichtensender
NTV oder besetzten die New Yorker Börse,
wo sie ein Transparent entrollten, das
die Verwertung des Schicksals von HIV-Positiven
durch die Pharmakonzerne angriff. Um die
Präventionsbotschaft von safer sex
sinnvoll zu vermitteln, mussten die bisherigen
Identitätsvorstellungen infrage gestellt
werden. Außerdem war es dazu nötig,
haarklein über Sexualpraktiken zu
sprechen, und das waren oft Dinge, die
der moral majority die Schamesröte
ins Gesicht trieben. Und schließlich
mussten nicht-eheliche soziale Bindungen
gegen eine Gesellschaft verteidigt werden,
die die Trauer und die Rechte der Angehörigen
nicht anerkannte. Ganz ausdrücklich
mit der Kritik herrschender Vorstellungen
über sexuelle Identität hat
sich aus dem Kreis des Poststrukturalismus
der französische Historiker und Philosoph
Michel Foucault in seiner dreibändigen
»Geschichte der Sexualität«
befasst (Foucault 1983-86). Er hebt darin
hervor, dass Sexualität keine persönliche
Eigenschaft, sondern eine gesellschaftliche
Größe ist, die durch Macht
hervorgebracht und nicht einfach von ihr
unterdrückt wird. Damit hat er den
Befreiungsdiskurs der sexuellen Revolution
entzaubert und der Sexualität jeden
romantischen Restbestand ausgetrieben.
Denn er setzt alles daran, die Hoffnung
zu entkräften, dass mit der Benennung
bisher geleugneter und zum Schweigen gebrachter
lesbischer und schwuler Identitäten
und Sexualitäten der Macht die Stirn
geboten werden könnte. Foucault versteht
Macht nicht mehr nur repressiv, sondern
produktiv. Foucaults Machtverständnis
ist für die queer theory von zentraler
Bedeutung. Seiner Meinung nach kann man
nämlich nicht fein säuberlich
in mächtige Täter einerseits
und ohnmächtige Opfer andererseits
trennen, womöglich noch schön
marxistisch geordnet nach herrschender
und beherrschter Klasse. Macht ist für
ihn überall, und wir sind alle irgendwie
in Macht eingebunden, Täter und Opfer
zugleich, wenn auch in je sehr unterschiedlicher
Zusammensetzung. Foucaults Denken hat
in den sexuellen Emanzipationsbewegungen
zu enormer Verunsicherung und Sinnkrisen
geführt. Es hat aber auch geholfen,
die Komplexität der Möglichkeiten
und Grenzen politischen Handelns im spätmodernen
Kapitalismus besser zu begreifen. Mittlerweile
ist Foucault sogar so eine Art Säulenheiliger
der queer theory geworden. Sicherlich
hängt das auch damit zusammen, dass
er sich als selbstbewusster schwuler Mann
zu erkennen gab. David Halperin hat diesen
Umstand ironisiert und sein Buch über
den Einfluss von Foucault auf queer theory
dann auch Saint Foucault – A Hagiography
(»Foucault – Eine Heiligengeschichte")
genannt.
3
Butlers Beschreibung der Funktionsweise
von Geschlecht und Sexualität ist
zeitgemäß. Sie wäre sonst
wohl nicht so erfolgreich gewesen. Ihre
Analyse ist nur denkbar vor dem Hintergrund
unserer aktuellen Erfahrung von Geschlecht
und Sexualität: Bio- und Reproduktionstechnologien
haben eine Entkopplung von Sexualität
und Fortpflanzung ermöglicht. Sexualität
ohne Zeugung und Zeugung ohne Sexualität
sind dadurch alltäglich geworden.
Die kosmetische und plastische Chirurgie
erlauben neue Veränderungen der Geschlechtskörper,
wie z. B. die Geschlechtsangleichung bei
Transsexuellen. Es ist dadurch einfacher
geworden, den Körper den eigenen
bzw. den gesellschaftlichen Erwartungen
anzupassen. Die Sexualmoral ist liberaler
geworden. Verschiedene Emanzipationsbewegungen
haben Geschlechterhierarchien und -normen
angegriffen und Alternativen der geschlechtlichen
und sexuellen Lebensgestaltung erkämpft.
Das dreigeteilte Modell von sex/gender/desire
ist also als ein Wissen über Geschlecht
und Identität bis zu einem gewissen
Grad ›normalisiert‹.
4
In den Neunzigerjahren haben sich in den
alten und neuen Bundesländern viele
Gruppen, Medien und Organisationen das
Label queer zugelegt – darunter
eben auch die AG Queer in der PDS. Mich
würde nun interessieren, welches
Konzept von Queer bei so einer Namensgebung
im Hintergrund stand. Wenn queer als Begriffsimport
hierzulande verwendet wird, meint er meistens
nur dasselbe wie »schwullesbisch.«
Nur dass queer vielleicht interessanter
und moderner klingt und nicht gleich verrät,
was sich Schmutziges dahinter verbirgt.
Die Schockwirkung, die Queer für
das Englische besitzt, wird dann gerade
nicht transportiert. Ins Deutsche ließe
sich Queer vielleicht am ehesten mit »pervers«
übersetzen. Nur dass hier niemand
auf die Idee käme, von »perverser
Theorie« oder »perverser Politik«
zu sprechen. Schade vielleicht! Einen
politisch-kritischen Unterton besitzt
der Begriff queer, wenn er in der Subkultur
auftaucht, nämlich nur selten.
Literatur
Louis
Althusser (1977): Ideologie und ideologische
Staatsapparate. Aufsätze zur marxistischen
Theorie, Hamburg/Westberlin.
Mary Bernstein, Renate Reimann (2001):
Queer Families, Queer Politics. Challenging
Culture and the State, New York.
Judith Butler (1991): Das Unbehagen der
Geschlechter, Frankfurt a. M.
Dies. (1995): Körper von Gewicht.
Die diskursiven Grenzen des Geschlechts,
Berlin.
Dies. (1998): Hass spricht. Zur Politik
des Performativen, Berlin.
Dies. (2001a): Antigones Verlangen: Verwandtschaft
zwischen Leben und Tod, Frankfurt a. M.
Dies. (2001b): »Jemandem gerecht
werden. Geschlechtsangleichung und Allegorien
der Transsexualität « in: Das
Argument 242, S. 671-684.
Lisa Duggan, Nan D. Hunter (1995): Sex
Wars. Sexual Dissent and Political Culture,
New York/ London.
Steven Epstein (1987), »Gay Politics,
Ethnic Identity: The Limits of Social
Constructionism« in: Socialist Review
17.3/4, S. 9-54
Michel Foucault (1983-86): Sexualität
und Wahrheit, 3 Bde, Frankfurt a. M.
Corinna Genschel, Caren Lay, Peter Wagenknecht,
Volker Woltersdorff (2001): »Anschlüsse«,
in: Annamarie Jagose: Queer Theory. Eine
Einführung, Berlin, S. 167-194.
Amy Gluckman, Betsy Reed (1997): Homo
Economics, Capitalism, Community, and
Lesbian and Gay Life, New York/London.
David Halperin (1995): Saint Foucault.
Towards a Gay Hagiography, New York/Oxford.
Andreas Kraß (2003): Queer Denken.
Gegen die Ordnung der Sexualität
(Queer Studies), Frankfurt a. M.
Teresa De Lauretis (1991): »Queer
Theory: Lesbian and Gay Sexualities. An
Introduction« in: differences: A
Journal of Feminist Cultural Studies,
3.2, iii-xviii.
in: UTOPIE kreativ, H. 156 (Oktober 2003),
S. 914-923
aus
dem Inhalt
Essay PETER BIRKE »Wir sind die
Sozialdemokratie des 21. Jahrhunderts«.
Rechtsparteien in Dänemark.>Geschlechterverhältnisse
FRIGGA HAUG Gender – Karriere eines
Begriffs und was dahinter steckt. VOLKER
WOLTERSDORFF Queer Theory und Queer Politics.
Gesellschaft – Analysen & Alternativen
ARMIN BERNHARD Bildung als Bearbeitung
von Humanressourcen. Die menschlichen
Wesenskräfte in einer sich globalisierenden
Gesellschaft. WIELAND ZADEMACH Leistungsdenken
oder soziale Gerechtigkeit. Haben die
Kirchen ihre soziale Sprache verloren?
Linkes Denken MEINHARD CREYDT Adornismus.
Motive eines Überganges. Bücher
& Zeitschriften Jürgen John (Hrsg.):
Thüringen 1989/90 (Quellen zur Geschichte
Thüringens. Bd. 17/I u. 17/II) Wolfgang
Schluchter, Peter H. Quint (Hrsg.): Der
Vereinigungsschock. Vergleichende Betrachtungen
zehn Jahre danach (STEFAN BOLLINGER).
Frieder O. Wolf: Radikale Philosophie.
Aufklärung und Befreiung in der neuen
Zeit Volker Caysa und Wilhelm Schmid (Hrsg.):
Reinhold Messners Philosophie: Sinn machen
in einer Welt ohne Sinn (JOCHEN WEICHOLD).
Götz Aly: Rasse und Klasse. Nachforschungen
zum deutschen Wesen (JÜRGEN MEIER).
Wolfgang Kersting: Kritik der Gleichheit
John Rawls: Gerechtigkeit als Fairneß.
Ein Neuentwurf (ULRICH BUSCH). Beatrix
Bouvier: Die DDR – ein Sozialstaat?
Sozialpolitik in der Ära Honecker
(KLAUS MELLE)
(20.10.2003) © 2004. Alle Rechte
liegen bei den AutorInnen bzw. bei den
Publikationen/Verlagen
|
|