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Queere
Politiken im Neoliberalismus?
Katharina
Pühl
Die
Diskussion um das Verhältnis von
queeren Politiken und Ökonomie wird
oft in eine unheilvolle Gegenüberstellung
gebracht: queere Politiken seien “nur”
eine Intervention in kulturelle Codes
und Identitäts-bezogene Politikmuster
der Kritik von Heterosexualität,
sagen manche KritikerInnen. Die postmoderne,
angeblich vor allem sprachbezogene Kritik
des Subjekts verbleibe auf einer Diskursebene,
die den ihnen zugrundeliegenden politisch-ökonomischen
Verhältnissen äußerlich
bleibt oder sogar zu deren Entpolitisierung,
gerade gegenwärtig, in der neoliberalen
beliebigen Bezugnahme auf verwertbare
Identitätsmuster, beitrage. Umgekehrt
resultiert aus einer Ökonomie-zentrierten
Kritik gesellschaftlicher Verhältnisse
nur zu leicht eine “Ableitung”
sozialer Kämpfe in der Sphäre
von Kultur, die ihren “wahren”
Widerspruch doch eigentlich im Verhältnis
von Kapital und Arbeit hätten. Von
manchen wird queerer Aktivismus als lediglich
individuell-private Identitätspolitik
als Antwort auf die Zweigeschlechternorm
gelesen, die die strukturellen Widersprüche
kapitalistischer Vergesellschaftung verkennt
und ein subversives Außen suggeriert,
das es nicht geben kann.
Ich
möchte gegenüber diesen verkürzenden
und meiner Ansicht nach irreführenden
analytischen und begrifflichen Deutungen
eine andere Sicht entgegenstellen: Queere
Politiken, Praktiken und Kritik blenden
nicht zwangsläufig aus, dass sexuelle
Identitäten, Begehren und Gender-Konstruktionen
ihren materiellen Kern in der jeweils
historisch aktuellen Konstellation von
vergeschlechtlichter Arbeitsteilung und
kapitalistischer Reproduktion und Regulation
haben. Eine Lesart von “queer”
ist die, dass es sich um eine Antwort
auf die Dilemmata identitätspolitischer
Politiken der schwul-lesbischen Communities
und ihres Kampfes gegen Diskriminierung
und für Anerkennung jenseits heterosexueller
gesellschaftlicher Normen vor allem in
den 1970er und 1980er Jahren in den USA
und später auch hierzulande handelt.
Damit ist aber nicht allein die Entwicklung
bestimmter gegenkultureller sozialer Handlungsweisen
und Selbstidentifikationen gemeint, sondern
auch, dass “queer” mit Verschiebungen
heterosexueller gesellschaftlicher Anordnungen
zu tun hat. Wird nun durch das Entstehen
von queeren Bewegungen eine Krise heterosexueller
gesellschaftlicher Strukturen deutlich?
Kann man queere soziale Handlungsformen
als zunehmende Flexibilisierung des kapitalistischen
GenderRegimes lesen, das gleichwohl seine
dominante Heteronormativität wahren
kann? Ich verstehe einen kritischen Umgang
mit queeren Perspektiven im Gegenteil,
bezogen auf die Dynamik sozialer Bewegungen,
als eine neuere, radikalere Form von Kritik,
die aus den jüngsten Entwicklungen
der Einbindung und Integration der Perspektiven
sozialer Bewegungen in das gegenwärtige
kapitalistische Herrschaftsprojekt zu
lernen versucht und deren Vereinnahmung
in herrschaftsförmige MittäterInnenschaft
reflektieren und damit umgehen will. Ich
möchte an dieser Stelle vorsichtig
anmerken, dass nicht schon das Markieren
der Ausschlusslogik von Anerkennungskämpfen
ein widerständiger Akt sein muss
- “queer” also nicht automatisch
“subversiver” als schwul-lesbische
Identitätspolitik kodiert sein muss.
Kapitalismus ohne Heterosexualität?
Rosemary
Hennessy hat die provokante Behauptung
aufgestellt, dass der Kapitalismus in
seiner gegenwärtigen Form auch ohne
Heterosexualität oder eine sexuelle
Gesellschaftsordnung auskommen könnte
(2), nicht aber ohne asymmetrische gesellschaftliche
Arbeitsteilung und damit verbundene soziale
Hierarchien. Im Klartext: Sie widerspricht
der Hoffnung, mit einer Veränderung
heterosexueller Normen sei an sich schon
eine Dezentrierung kapitalistischer Vergesellschaftungsgrundlagen
(wie der heterosexuellen Kleinfamilie)
verbunden – ein umstreitbarer Punkt.
Im Gegenteil analysiert sie für die
Gegenwart, dass der neoliberal gewendete
Kapitalismus so flexibel ist, auch Praktiken
seiner KritikerInnen und den Angriff auf
Zweigeschlechtlichkeit produktiv zu wenden.
Sie nennt als Beispiel die Konsumbezogenheit
vorwiegend von Schwulen aus der amerikanischen
Mittelschicht, die als solvente Kunden
ins Licht von Werbung, Marketing und warenbezogener
Repräsentation rücken, neue
Märkte mit erschließen und
vergleichsweise individuell und kaufkräftig
sind. Für sie ist Konsum gleichsam
Bedingung ihrer Selbstdarstellung –
und -verhältnisse. Dabei wird aber
auch klar, wer und welche in diesen Bildern
nicht mitgemeint ist und dass es gilt,
Klassenverhältnisse quer zu hetero-homosexuellen
Identitätengegensätzen zu thematisieren,
um deren jeweilige Artikulationsformen
verstehen zu können.
Könnte man dieses Beispiel als Kooptationsversuch
einer dominant heterosexuell organisierten
Konsum- und Warenwelt und darauf bezogener
Praktiken interpretieren, als Versuch
der Inklusion dessen, was in die Logik
dieser Warenwelt integrierbar ist, so
beleuchtet Hennessy mit einem weiteren
Beispiel das Verstricktsein queeren kritischen,
versuchsweise subversiven Aktivismus´
in die Anerkennungs- und Aufmerksamkeitsökonomie
gegenwärtiger kapitalistischer Konsumformen
und sozialer Bezüge. Hennessy beschreibt
Aktionen queer-aktivistischer Gruppen
in den USA in den 1990er Jahren, die shopping
malls als Feld ihrer Sichtbarmachungspolitik
und Substitut von Partizipationsmöglichkeiten
in demokratischen Öffentlichkeiten
wählten. Versucht wurde, sich mit
Körper-Inszenierungen wie offen gezeigtem
sexuellen Begehren in dieser Öffentlichkeit
mit Gegen-Bildern und -praktiken zu behaupten
und ein Problembewusstsein dafür
zu schaffen, dass nicht-heterosexuelle
Lebensweisen von dieser Konsum-Öffentlichkeit
ausgeschlossen sind.
Hier,
sagt Hennessy, kommt es auf den wichtigen
Unterschied an zwischen dem Sicht- und
dem Sehbaren. Sexuelle und geschlechterbezogene
Politiken und Wahrnehmungen auf das Sichtbare
einzuschränken, auf Text, Style und
Performativität, verdient nach ihr
die Kritik des “nur” auf Repräsentationen,
Oberflächenphänomene und sichtbare
Positionen verkürzten Blicks. Die
Betonung des Sehbaren, hier bezieht sie
sich auf Marx, ist dagegen analytisch
auf das gegenwärtig nicht Sichtbare
gerichtet und versucht, systematisch und
in gesellschaftlich dominanten Kräfteverhältnissen
Ausgeschlossenes (Klassenverhältnisse,
ethnische und GenderStrukturen) einzubeziehen.
In diesem Sinne geht es mit Hennessy nicht
um pure Ideologiekritik heterosexueller
Vergesellschaftungsmuster oder allein
um die Effekte diskursiver und kultureller
Praktiken, sondern um kritische Interventionen
in Heterosexualität als herrschendem
Ordnungsmuster, als regulativem Apparat,
der die Organisation des sozialen Lebens
in kapitalistischen Gesellschaften mit
anderen sozialen Verhältnissen (Ethnisierung,
Rassismus, Sexismus) verkoppelt.
In
diesem Zusammenhang möchte ich -
im Gegensatz zum verkürzten bashing
gegenüber Konsumgewohnheiten auch
schwuler und lesbischer Menschen, das
darin schon etwas naiv das Angekommensein
in der Heterowelt sehen mag und ein bisschen
“politisch korrekt” daher
kommt - mit Hennessy für die Umdrehung
der Perspektive plädieren. Die Politisierung
der zunehmenden Kommodifizierung des sozialen
Lebens und damit die Verschiebung von
Artikulationsverhältnissen durch
neoliberale Umstrukturierungen bringt
das komplexe Geflecht von Identität,
Subjektivität, Begehren und Enteignung/Aneignung
klarer in den Vordergrund – und
rückt damit jede Artikulation von
Subjektivität in Bezug zu kapitalistischen
Ausbeutungsverhältnissen. Der weiße
heterosexuelle Mann und der schwule Manager
stehen sowohl in der sozialen Aufmerksamkeit
als auch in Hinsicht auf soziale Repräsentation
in einem anderen Licht, werden anders
kodiert als die heterosexuelle oder lesbische
Migrantin, der homosexuelle Migrant. Ohne
erneut bestimmte “Positionen”
festschreiben oder verleugnen zu wollen,
geht es hier um das Beziehungsgeflecht
sozialer Positionen untereinander, das
von Hierarchien, Aberkennungsverhältnissen,
Unterdrückung, Dominanz von einigen
über die ökonomischen und kulturellen
Ressourcen von anderen erheblich durchzogen
ist. Und: die Konstitutionsbedingungen
dieser Subjektivitätsformen hängen
miteinander zusammen(3) . Deshalb, und
das zeigt eine queere Perspektive, reicht
es nicht, Inklusionspolitiken zu betreiben,
weil “Inklusion” in die bestehenden
Zerklüftungen sozialer Ungleichheit
stets soziale Differenzen neu hervorbringt
und bestätigt. Und es reicht nicht,
differenzierte, nebeneinanderstehende
Identitätspolitiken zu verfolgen,
in denen jede Positionierung repräsentiert
würde. Statt dessen kommt es darauf
an, den Entstehungszusammenhang, die Artikulationsbedingungen
dieser unterschiedlichen sozialen Positionierungen
in den Vordergrund zu rücken, die
so eben nicht nur eine Frage subkultureller
Politiken sind, sondern die Herstellung
des Bezugs zur Reproduktion gesellschaftlicher
Macht- und Herrschaftsverhältnisse
im Ganzen erfordern. Eine einfache Politik
der Koalitionen bliebe demgegenüber
an der Oberfläche der Phänomene.
Hier wird für mich der Angriffspunkt
queerer Perspektiven gegen institutionalisierte
Formen von Heteronormativität und
heterosexuellem Geschlechterregime deutlich,
die die bereits genannte Verflochtenheit
als Artikulationsbedingung des eigenen
Positioniertseins sicht- und kritisierbar
machen.
Um
es klarer zu formulieren: Es geht um die
analytischen Aspekte einer queeren Perspektive
als Kritik an Heterosexualität als
normativer Identität, deren “Stabilität”
durch die Ausgrenzung anderer Identitäten
garantiert wird (die damit auch hervorgebracht
werden). Sie hat sich, als Resultat von
Kämpfen, modernisiert, und eine immer
noch zweigeschlechtliche, wenn auch flexiblere
GenderHierarchie etabliert. “Heteronormativität
behauptet eine ‘natürliche’
Entsprechung zwischen biologischem und
sozialem Geschlecht und es regiert Begehren
entlang einer vergeschlechtlichten Asymmetrie
zwischen sexuellem Subjekt (z.B. männlich)
und Objektwahl (z.B. weiblich). Gleichzeitig
verdinglichen Heteronormen Homosexualität
– indem sie das menschliche Vermögen
für Empfindungen und soziale Beziehungen
(social intercourse) in eine Identität
definieren und disziplinieren, die mit
den heteronormativen Logiken von Geschlecht
(gender) und Begehren, wenn auch pervertiert,
zusammenfallen.” (4)
An
dieser Stelle wird klar, warum subversive
Politik, die Heteronormativität angreifen
will, nicht einfach als “Gegen”standpunkt
artikulierbar ist. Die Ökonomie des
heteronormativen Begehrens ordnet in den
herrschenden Verhältnissen ihr Anderes
mit an. Queere Strategien setzen deshalb
an dieser Stelle an. Aber was heißt
dies für die Frage des Übergangs
von analytischer Kritik zu Praxis? Schaut
man sich einige Vorschläge aus dem
Umfeld der queer studies an, so werden
verschiedene Strategien formuliert:
Disidentifikation
Nach
Rosemary Hennessy benötigt der Prozess,
kollektive Subjekte für sozialen
Wandel zu organisieren, “Bewegung”
auf vielen Ebenen, die Formen kollektiven
Bewusstseins erfordern. Dieser Prozess
arbeite mit/an affektiven Investitionen,
die Menschen in die Identitäten,
die sie annehmen und leben, leisten. Eine
der Voraussetzungen dieses Prozesses ist
Disidentifikation - für Hennessy
eine Praxis, kritisch nachzuvollziehen,
wie wir Identifizierungen, die uns angesonnen
werden, annehmen und durch sie leben.
Ein befreiendes Potential sieht sie darin,
die Folgen und Zwänge historischer
Identitäts-Voraussetzungen, die Leiden
an bestimmten Lebensformen auslösen,
“wegzulernen” (5) . Nach Hennessy
setzt dies voraus, neu zu fassen, wie
wir Identitäten in einem nicht verkürzenden
historischen Rahmen situieren können,
der es erlaubt, auch dieses Leiden als
Ergebnis einer Produktionsweise zu sehen,
die eine Reihe menschlicher Bedürfnisse
leugnet.
Denormalisierung, Enthierarchisierung
und Veruneindeutigung
Mit
Denormalisierung und Enthierarchisierung
verbindet Antke Engel die Möglichkeit,
verschiedene Durchsetzungsformen kapitalistisch-heteronormativer
Vergesellschaftung sichtbar zu machen
und ihnen entgegenzuwirken: die vereindeutigende
und oft gewaltsame durchgesetzte Zurichtung
von KörperSubjektivitäten für
eine rigide zweigeschlechtliche Gesellschaftsordnung;
die normalisierende Integration auserwählter
sexueller und geschlechtlicher Subjektivitäten
und Lebensweisen (qua Markt oder Staat);
die diversen sozialen Differenzierungen
und Hierarchisierungen, die wahlweise
mittels gruppenklassifizierender Kriterien
wie sexuellen Vorlieben und Praktiken,
Fitness, Gesundheit, Stil oder körperlichen
Selbstverhältnissen durchgesetzt
werden (6). Sie bezieht die beiden Strategien
auf rechtliche, ökonomische, soziale
und kulturelle Diskriminierungen und Ungleichheitsrelationen,
über die unterschiedliche Diskurse
und Praktiken miteinander verschränkt
sind.
“Enthierarchisierung
kann hierbei sowohl als Entprivilegierung
normativer Heterosexualität als auch
als Anerkennung bislang diskriminierter
oder verworfener KörperSubjektivitäten,
Praktiken oder Existenzweisen erfolgen.
Denormalisierung kann als Anfechtung der
sozialen Integrationsnorm bzw. eines assimilatorischen
Inklusionsideals vonstatten gehen, aber
auch als Abbau struktureller und institutionell
abgesicherter sozialer Hierarchien.”
(7)
Veruneindeutigung
ist nach Engel der Versuch, den Raum zu
schaffen, den es bislang für verworfene
Identitäten nicht gibt, und sie statuiert
das Recht, Mehrdeutigkeit und Vieldeutigkeit
zu leben. “Damit ist VerUneindeutigung
eine Strategie, die nicht in der Alternative
Identitätspolitik oder Neutralisierung
der Differenz gefangen bleibt, sondern
geschlechtliche und sexuelle Unterschiedlichkeit
als prozessual, kontextuell und konstituiert
in Machtverhältnissen, als relationale
Singularität oder als différance
darstellt.” (8)- Es fragt sich allerdings,
wie Engels bewusst sehr abstrakt und offen
gehaltene Strategie implementiert werden
kann in bedeutungsschreibende Prozesse
sozialen Handelns, wenn sie diesen Begriff
nicht als beschreibend, sondern konzeptuell
entwirft und gleichzeitig als soziale
Praxis der Dekonstruktion versteht. Hier
könnten Diskussionen ansetzen.
Entprivilegierung
Die
Strategie der Entprivilegierung, wie sie
Corinna Genschel u.a. (2001) vorschlagen,
folgt einem ähnlichen Gedanken, das
mehr oder weniger sichtbare Gerüst
sozialer Privilegierung von Heteronormativität
und Zweigeschlechtlichkeit zu unterlaufen.
Sie fordern den Perspektivenwechsel weg
von einer Fokussierung auf Minderheiten
hin zu einer Entprivilegierung der normierten
Heterosexualität als einer weitgehend
unausgesprochenen Norm, wofür es
das permanente Durcharbeiten, “verqueeren”
gesellschaftlicher Herrschafts- und Machtverhältnisse
braucht. (9)
Allen Strategien ist gemeinsam, dass sie
eine analytische Vorgabe entwerfen und
gleichzeitig auf die Praxis bezogene Überlegungen
anstellen, die einen Prozess, eine neu
zu verstehende und zu entwerfende Praxis
gegenüber einer Gegen-Identität
betonen. Hier stellt sich die Frage nach
der Beteiligung veränderter Subjektivitäten
und Subjektivierungsformen bei der Transformation
gegenwärtiger hegemonialer Macht-
und Herrschaftsverhältnisse. Sind
diese Strategien zu eng auf Subjektivierungsprozesse
gerichtet und versuchen davon ausgehend,
den Gesamtzusammenhang widersprüchlicher
gesellschaftlicher Interessen, Institutionen
und Kräfteverhältnisse abzubilden?
Sicher wäre dies eine Verkürzung,
mit der unreflektiert vorausgesetzt würde,
dass die Veränderung von Subjektivitäten
und Subjektivierungsweisen – auch
als widerständige – lediglich
Mechanismen der jeweiligen Herrschaftsverhältnisse
sind, in deren Rahmen sie entstehen. (10)
Überlegungen zu queeren Praxen
Die
Frage ist, wie Selbst- und Fremdverhältnisse
sich verändern, verändert werden.
Dabei verschränken sich zwei Tendenzen
auf paradoxe Weise ineinander: Aus sozialen
Bewegungen wie der schwul-lesbischen entsteht
auf Grund der Einsicht, dass homogenisierende
Identitätspolitiken Ausschlüsse
produzieren, differenziertes, queeres
Wissen über die Variation, Beweglichkeit
und Unabgeschlossenheit von Gender-Identitäten.
Gleichzeitig erodieren kollektive Identitäten
unter dem neoliberalen Druck zugunsten
von Individualisierung, Leistungsdruck
und Verwertbarkeit und scheinen mehr und
mehr unverbunden nebeneinander zu stehen.
Vielleicht
liegt hierin nicht nur ein Problem, sondern
auch der Ansatzpunkt für praktische
Überlegungen, in welchen sozialen
Beziehungen und Räumen Platz für
Neuentwürfe und Ausprobieren genannter
und anderer Strategien ist. Einerseits
haben dies politische Praxisformen wie
das Summercamp-Projekt oder auch Pink
Silver als bewegungsorientierte Intervention
aus queerer Sicht versucht (11). Andererseits
gibt es langjährig etablierte kollektive
Formen, die eigene Identität und
Identitätszumutungen von außen
erneut spielerisch, ironisch und als Wieder-
bzw. Neubesetzung von identitätspolitischen
Zuschreibungen umzuarbeiten. Ein gutes
Beispiel, um es mit Nancy Wagenknecht
(2002) zu sagen, ist der Kreuzberger Gegen-CSD,
der aus Protest gegen die zunehmend kommerzialisierte
und normierte Ablaufform des CSD in Berlin
entstanden ist: Die dissidenten CSD-Organisierungen
der vergangenen Jahre zielen auf zivilgesellschaftliche
Auseinandersetzungen, die eine Kritik
des Staates einschließen und Widerspruchsverhältnisse
in den Blick nehmen, die (auch) die gesellschaftliche
Formierung von Sexualitäten durchziehen.
Der Kreuzberger CSD repräsentiert
in der sichtbaren Vielfalt der Anwesenden
und in den Verweisen auf Verhältnisse,
die ihre Subjekte als verschiedene hervorbringen,
kein von Vornherein einheitliches Subjekt.“
Die Herstellung dieser Gemeinsamkeiten
wiederum hängt ab von herrschenden
Kräftekonstellationen und deren politischer
Deutung — also von politischen Orientierungen
und Utopien genauso wie von den Möglichkeiten,
diese zu leben." (12)
Schließlich
aber geht es nicht nur um öffentliche,
subversive Inszenierungen, sondern z.B.
auch um das Terrain von Freundschaften
als politischer, nicht nur privater Ressource.
Nancy Wagenknecht und ich haben in diesem
Sinne dafür plädiert, Netzwerke
zu entwickeln, die der aneignenden, formierten
Form affektiver Bedürfnisse einen
anderen Raum eröffnen. Jenseits der
Gretchenfrage: “und wo gehörst
Du hin?” sollte es unseres Erachtens
darum gehen, eine Praxis zu entwickeln,
in der nicht nur die identitätspolitischen
Effekte heteronormativer Subjektivitäten
erfühlt, besprochen, weggelernt und
auf neue Weise erfunden werden können,
sondern auch Praxen entstehen, die nicht
mehr nur das “Nicht” als Basis
haben.
Vielleicht
kann man es zum vorläufigen Abschluss
so sagen: Kritiken an neoliberalen Veränderungen
von identitätspolitisch überformten
Vergesellschaftungsformen auch von sexuellen
und GenderIdentitäten können
nicht nur als Abwehrkämpfe gegen
bestehende herrschaftsförmige Ent-
und Aneignungen von Gefühlen, Bedürfnissen
und körperlichen Befindlichkeiten
gefasst werden, weil sie kraftzehrend
und letztlich auch destruktiv verlaufen.
Es geht immer zeitgleich um die Neuerfindung
einer Praxis, die in der minimalen Gemeinsamkeit
nach der Suche neuer kollektiver Formen
solidarisch über diese Zwänge
hinwegzukommen versucht.
Literatur
Engel,
Antke (2002): Wider die Eindeutigkeit.
Sexualität und Geschlecht im Fokus
queerer Politik der Repräsentation.
Frankfurt/M./New York.
Genschel,
Corinna (1997): Fear of a Queer Planet.
In: Das Argument, 214.
Genschel,
Corinna u.a. (2001): Anschlüsse.
Nachwort der HerausgeberInnen. In: Annemarie
Jagose: Queer Theory. Ein Einführung.
Hg. von Corinna Genschel u.a., Berlin,
167-194.
Gutíerrez
Rodriguéz, Encarnación (1999):
Intellektuelle Migrantinnen – Subjektivitäten
im Zeitalter von Globalisierung. Eine
postkoloniale dekonstruktive Analyse von
Biographien im Spannungsverhältnis
von Ethnisierung und Vergeschlechtlichung.
Opladen.
Hennessy,
Rosemary (2000): Profit and Pleasure.
Sexual Identities in Late Capitalism.
New York.
Wagenknecht,
Nancy (2003): Queer gegen rechts? Differenzierende
Herrschaft und sexuelle Politiken in der
Zivilgesellschaft. In: Jörg Fischer
(Hg.): “Phänomen” Neonazi.
Aschaffenburg. Im Erscheinen.
(1)
Dieser Text ist ein überarbeiteter
zweite Teil eines gemeinsamen Vortrags
mit Nancy Wagenknecht, Berlin, an der
Universität Frankfurt/M. am 4. November
2002 im Rahmen der Reihe “Ökonomien
des Begehrens”, die von Heike Raab
zusammen mit dem Rosa Luxemburg Forum,
Hessen, veranstaltet wird. Im ersten Teil
wurde von uns der Versuch unternommen,
den Zusammenhang eines revidierten Begehrensbegriffs
aus ökonomiekritischer Perspektive
herzuleiten und anschließend Fragen
und Perspektiven für queere Perspektiven
und Politiken vorzuschlagen. Diese Arbeit
ist work in progress, also noch nicht
fertig gedacht, und soll später vertiefend
ausgearbeitet, diskutiert und veröffentlicht
werden.
(2)
Hennessy 2000: 205.
(3)
vgl. Gutierrez Rodriguez 1999.
(4)
Hennessy 2000: 100.
(5)
Eine Idee, die bereits postkoloniale KritikerInnen
wie etwa G. Spivak in Hinsicht auf ethnische
Markierungen entwickelt haben.
(6)
Engel 2002: 205
(7)
ebd.
(8)
ebd.: 224.
(9)
ebd.: 194.
(10)
Engel 2002: 58.
(11)
An dieser Stelle können die Widersprüche,
Streits und Auseinandersetzungen um diese
Projekte nicht ausführlich erläutert
werden...
(12)
Genschel 1997: 95.
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