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décadence
naturelle
bini
adamczak + bine flick
rassismus / sexismus / antisemitismus
oder die perversen ränder des hegemonialen
körpers
01.
Während das verhältnis von rassimus
und sexismus seit den interventionen von
women of colour häufig diskutiert
wurde und politische effekte bis in die
theorien des dekonstruktivistischen feminismus
und die debatten der antirassitischen
grenzcamps gezeitigt hat, sind die geschlechterkonstruktionen
antisemitischer diskurse wenig erforscht
oder haben zumindest in den linken debatten
zu antisemitismus keinerlei relevanz.
Während sich die feministische debatte
seit anfang der achtziger hauptsächlich
auf die täterinnenschaft von frauen
konzentriert hat, also eher die geschlechlichkeit
der antisemitischen subjekte denn die
der antisemitischen bilder untersucht
hat, gibt es eine breitere jüdische
debatte, die sich hauptsächlich mit
dem geschlechterverhältnis im judentum
selbst auseinandersetzt. Texte, die an
der schnittstelle der beiden debatten
operieren, neigen nicht selten dazu, die
geschlechterkonstruktion im judentum mit
jener antisemitischer diskurse zu vermengen,
was häufig die unbeabsichtigte konsequenz
zeitigt, dass der antisemitismus an die
jüdinnen rückgekoppelt wird.
Entgegen solcher erklärungsversuche,
beharrt der vorliegende text auf der antirassistischen
erkenntnis, dass beide ebenen strikt zu
trennen sind: Mit den jüdinnen hat
das antisemitische ressentiment nichts
zu tun.
Im folgenden soll sich weder vornehmlich
mit dem antisemitismus von frauen beschäftigt
werden noch mit den geschlechterverhältnissen
in »dem« judentum, das im
singular sowieso nicht existiert. Thema
wird vielmehr sein, welche bilder von
geschlecht und sexualität antisemitische
diskurse produzieren und zirkulieren lassen
und wie diese bilder in beziehung bzw.
im kontrast zu jenen stehen, die rassistische
diskurse erzeugen. Dabei kann es freilich
nicht darum gehen, die diskurse in ihrer
widersprüchlichen komplexität
und historischen wandelbarkeit umfassend
zu rekonstruieren. Der versuch besteht
eher darin, mit einer feministisch-perversen
taschenlampe die spotlights so zu setzen,
dass sich die rassistischen und antisemitischen
bilder von geschlecht und sexualität
nachzeichnen und ihre logiken entziffern
lassen.
02.
Einem ehemaligen anführer der black
panther, eldridge cleaver, zufolge, weist
der rassistische diskurs den von ihm hervorgebrachten
subjekten geschlechtlichkeit auf folgender
achse zu: ultramaskuliner schwarzer mann,
maskuliner bis effeminierter weißer
mann, maskulinisierte, virile schwarze
frau, ultraweibliche weiße frau.
Der weiße mann sichere sich seine
überlegenheit, schütze seine
– gekränkte – männlichkeit,
durch die ihm über seine stellung
im produktionsprozess zufallende kontrolle.
Kontrolle der schwarzen sexualität.
Während der weiße mann nämlich
sowohl mit der maskulinen, weil als offensiv
sexualisierten schwarzen frau und mit
der ultraweiblichen weißen frau
sexuelle beziehungen eingehen darf, ist
die verbindung von schwarzem mann und
weißer frau tabu. Jene verbindung
wird infolge des tabus aber in besonderem
maße exotisiert. Und zwar sowohl
für schwarze männer, als auch
für weiße männer, deren
angst darin besteht, die schwarzen männer
könnten die reinheit ihrer weißen
frauen beschädigen, genauer ihnen
ihre männlichkeit, ihren rang streitig
machen. (meinecke 2001: 50)
Dazu passt, dass die überwiegende
mehrzahl der in der us-amerikanischen
pornosparte »interracial sex«
vorfindbaren darstellungen, schwarze männer
mit weißen frauen zeigt. Im gegensatz
zur als möglicherweise ultraultrafeminin
konstruierten asiatischen frau, die häufig
mit muskulösen westlichen / us-amerikanischen,
weißen männern gezeigt wird1,
scheint sich die verbindung schwarze (maskuline)
frau – weißer mann nicht so
recht in den mainstream des pornographischen
diskurses einzupassen, der als halböffentlicher
gerade (auch) die funktion hat, tabuisiertes
begehren zu artikulieren.
Der rassistische diskurs erscheint hier
als ein männlicher, als einer, der
das konkurrenzverhältnis von weißen
und schwarzen heterosexuellen männern
verhandelt. In dieser hetero- und androzentrischen
perspektive sind frauen eine der waren,
deren ungleiche allokation, verteilung
rassistisch organisiert wird. Aber freilich
ist auch weibliches begehren rassistisch
überdeterminiert, was sich nicht
nur am zunehmen jener sextourismusangebote
zeigt, die sich an weiße frauen
richten, sondern auch an kontaktanzeigen,
die nicht selten besonders männliche
männlichkeit als schwarze, migrantische
benennen. Gleichzeitig findet sich die
tabuisierung von interracial begehren
auch in schwulen / queeren zusammenhängen.
Bezeichnungen wie snow queen für
schwarze drag queens welche weiße
partner bevorzugen und dinge (slang dreckig,
schmutzig) queen für solche mit heller
hautfarbe und bevorzugt dunkelhäutigen
partnern haben nicht nur eine allgemein
diskriminierende bedeutung, sie schreiben
auch eine rassistische hierarchie fest.
Bestätigen ließe sich die oben
aufgemachte these, dass der rassistische
diskurs geschlechtlichkeit entlang einer
achse anordnet, auf der schwarzer mann
und weiße frau die äußeren
pole bilden, möglicherweise auch
an der von butler und hooks am film paris
is burning diskutierten beobachtung, dass
rassifizierte drag-queens ein ideal weißer
weiblichkeit impersonieren. Die attribute
weiß und feminin sind also verknüpft
und scheinen einander zu verstärken.
Auf der anderen seite lässt sich
feststellen, dass professionelle bodybuilder,
wie sie auf den sportkanälen und
in einigen spezialzeitschriften zu bewundern
sind, zumeist ein ideal muskulöser
schwarzer männlichkeit verkörpern.
Aufgrund der in diesem genre üblichen,
exzessiven solariumbestrahlung lassen
sich rassische zuordnungen kaum noch vor-nehmen,
gleichzeitig schrumpft die geschlechtliche
differenz vermittelt über testerongestützten
muskel-aufbau auf einen rosastreifen zusammen,
den einige bodybuilder über den brustwarzen
tragen.
03.
Ebenso wie die rassistischen bildproduktionen
schwarzen eine überbordende sexualität
zuschreiben, weist auch der antisemitische
diskurs den jüdinnen oder juden eine
anstandslose begierde, geilheit zu. Die
konstruktion von geschlecht und sexualität
verläuft im antisemitischen diskurs
aber anders als im rassistischen. Im gegensatz
zur schwarzen frau, macht die promiskuität
der jüdischen frau diese keineswegs
zu einem begehrenswerten, wenngleich schmutzigen
objekt, sondern wird ihr als männliche
eigenschaft attributiert. Ebenso geht
das unstillbare verlangen des jüdischen
mannes nicht mit einer gesteigerten männlichkeit
einher, wie für den schwarzen mann
beschrieben. Vielmehr wird der jude als
wenig potent bis impotent konstruiert.
Die paradoxe gleichzeitigkeit von permanenter
geilheit und geringer sexueller potenz,
mangelhafter »manneskraft«
ist paradigmatisch für den antisemitischen
diskurs. Dies lässt sich beispielsweise
auch an walsers roman »tod eines
juden«zeigen, dessen jüdische
hauptfigur, andré ehrl-könig,
zwar jede konversation, jeden smalltalk
mit beständigen anzüglichkeiten
spickt und keine literaturkritik ohne
schmutzigen witze verlaufen lässt
gleichzeitig aber aufgrund seiner vorschnellen
ejakulation die »nullbefriedigung
schlechthin« ist, weswegen er sich
vornehmlich für junge mädchen
interessiert.
Im antisemitischen diskurs mangelt es
dem jüdischen mann nicht nur an manneskraft,
sondern an männlichkeit allgemein.
Zentrum dieses diskurses um beschädigte
männlichkeit ist die beschneidung
des männlichen genitals. Die beschnittene
vorhaut führt in der antisemitischen
vorstellung zu einem verkrüppelten,
verkürzten penis, welcher als symbol
für eine verkrüppelte männlichkeit
gelesen wird.
Das zusammenwirken von genital und anderen
körperteilen, vor allem dem gehirn
aber auch ohren oder nase ist eine blüte,
die der antisemitische medizinische und
anthropologische diskurs, vorwiegend in
den studien zur physiognomie der jahrhundertwende,
treibt. Diese so genannte reflextheorie
basiert auf der annahme einer korrelation
verschieder organe und spezifiziert hier
insbesondere den nexus zwischen genital
/ geschlechtsorgan und anderen körperteilen
oder beschwerden. Analog zu den studien
über hysterie, deren ursprung in
den eierstöcken und der klitoris
(»masturbationsschwachsinn«)
gesehen wurde - zum zwecke der heilung
entfernte »man« selbige –,
galt die krumme jüdische nase als
indiz für das beschädigte männliche
glied.(hödl 1997: 164 - 222) Im medizinischen
diskurs des 19. und beginnenden 20. jahrhunderts
rückte der beschnittene und somit
verkrüppelte penis in die nähe
des weiblichen genitals. Ebenso wie frauen
war der jude diesen deutungen zufolge
seines intakten geschlechtsteils beraubt,
kastriert. Es sollte nicht überraschen,
dass zu lebzeiten sigmund freuds auch
von der klitoris als »der jud«
gesprochen wurde. Freud selber vermutete
in der sich in diesen bildern niederschlagenden
kastrationsangst die wurzel des antisemitismus.
Im antisemitischen diskurs ist der körper
des jüdischen mannes also ein weiblicher.
Er gilt als besonders anfällig für
alle modernen nervenkrankheiten, so eben
auch die hysterie, sei von kleinem, schwächlichen
wuchs, habe einen den frauen vergleichbaren
brustumfang und ähnlich schmale schultern.
Selbst die stimme verrät einen weiblichen
charakter. Es ist eine »sich bis
zum überschlagen steigernde stimme«
– so walsers beschreibung des ehrl-könig
– eine fistelstimme. Der jüdische
ethnologe adolf jellinek meinte sogar
die weiblichkeit des jüdischen volkes
mit der stimme beweisen zu können:
bassstimmlage gebe es bei juden viel seltener
als bariton. (gilman 1994: 75)
Da im rassistischen antisemitismus des
frühen zwanzigsten jahrhunderts der
»sozialcharakter« aus der
»biologie« physiognomisch
abgeleitet wird, verweist das jüdische
körpergeschlecht auch auf ein entsprechendes
soziales geschlecht. Paradigmatisch lässt
sich diese antisemitische sex / gender
verknüpfung am folgenden zitat des
wiener professoren für anthropologie
robert stigler aufzeigen: »Die somatischen
geschlechtsmerkmale [sind] bei juden auffallend
häufig verwischt. Es finden sich
bei juden anscheinend besonders häufig
frauen mit relativ schmalen becken und
relativ breiten schultern und männer
mit breiten hüften und schmalen schultern.
Sehr wichtig ist das bei juden bestehende
bestreben, unter verkennung der bedeutung
der wichtigkeit der sekundären geschlechtsmerkmale,
welche beim normalen menschen instinktiv
beibehalten und gefördert werden,
die sozialen und beruflichen unterschiede
zwischen mann und weib auszugleichen.«
(gilman 1994: 241f.)
Das jüdische geschlechterverhältnis
ist somit als spiegelbild heteronormer
zweigeschlechtlichkeit konstruiert. Der
jüdische mann ist nicht nur weder
in der lage eine frau angemessen zu befriedigen
noch sie angemessen zu unterdrücken,
sondern lässt sich im gegenteil von
jener beherrschen und zur verrichtung
weiblicher tätigkeiten zwingen. Die
jüdin wird in diesen bildern als
»mannsweib« konstruiert: Sie
opfert ihre weiblichkeit ihrer emanzipation,
ist dominant und auf die befriedigung
ihrer sexuellen lust aus. Sie stellt damit
eine bedrohung der patriarchalen ordnung
und der privilegien der braven deutschen
frau dar, eine »kampfemanze«,
welche die deutsche frauenbewegung gleichzeitig
anheizt und korrumpiert. Der sozialist
und antisemit eugen dühring meinte
etwa, jüdinnen hätten die frauenbewegung
zu einer »geschäftsagitation
niedrigster sorte verkehrt« und
damit die »besseren frauen«
abgeschreckt. Infolgedessen habe sich
die frauenbewegung einem aggressiven egalitarismus
zugewendet, »äffe« also
lediglich die fehler der männer nach.
(jakubowski 1995: 203)
04.
Wie die konstruktion biologischer zweigeschlechtlichkeit
körperteile, z. b. die so genannten
genitalien vergeschlechtlicht und zu zeichen
macht, die gleichzeitig als identifikationscode
funktionieren und auf das ganze des geschlechts
verweisen, an denen sich die »wahrheit«
des geschlechts entziffern lässt,
so sezieren auch der rassistische antisemitismus
und der koloniale rassimus den körper
und schneiden teile aus, aus denen sie
zeichen formen. Hintern, haare (rassismus)
(hooks 1994, 83 ff), nase, vorhaut (antisemitismus).
Ein breiter diskurs anfang des zwanzigsten
jahrhunderts meint zum beispiel, an der
form der weiblichen brust, ließe
sich die »rassenzugehörigkeit«
ablesen. (gilman 1998: 67)
Indem die körper zerlegt werden,
lassen sie sich nach maßgabe der
rassistischen und antisemitischen prämissen
neu zusammensetzen. Die produktion einzelner
körperteile als zeichen erlaubt die
stereotype identifizierung und hierarchisierende
kategorisierung der körper. Die verschränkung
der verschiedenen zeichenebenen macht
es dabei möglich, die vom rassistischen
/ antisemitschen diskurs konstruierten
körper auf einer geschlechtlichen
achse anzuordnen. Von männlich nach
weiblich gelesen, ergibt sich dabei folgende
anordnung: schwarzer mann – jüdische
frau – schwarze frau – asiatischer
mann – jüdischer mann –
(weiße) frau – asiatische
frau.
Weil weiße männlichkeit das
ideal, die unmarkierte norm ist, um welches
sich die anderen zuschreibungen zentrieren,
als dessen abweichung sie konstruiert
sind, fehlt der weiße mann in dieser
aufzählung (achse). Weiß ist
ebenso wenig eine farbe, wie männlich
ein geschlecht ist: anders sind immer
die anderen.
Dabei verhindert schon die vielschichtigkeit
von geschlechtlichkeit die eben vorgenommen
eindimensionale anordnung der körper.
Es geht nicht nur um mehr oder weniger
weiblich / männlich, sondern eher
um unterschiedliche weiblichkeiten / männlichkeiten.
Die schwarze weiblichkeit ist als potente,
sexualisierte auch aktive konstruiert,
während die asiatische eher eine
kindliche, passive, lolitahafte weiblichkeit
meint. Gleichzeitig geht auch der rassistische
diskurs nicht in der konstruktion der
dichotomie schwarz / weiß auf, sondern
produziert eine vielzahl ethnisierender
zuschreibungen, die in komplexen (inneren)
wechselverhältnissen zueinander stehen.
Die terminologische verkürzung von
rassismen auf rassimus dient hier der
besseren kontrastierung zu geschlechterkonstruktion
in antisemitischen diskursen, deren besonderheit
herausgearbeitet werden soll.
In dieser perspektive scheinen »die
schwarzen« die vorstellung der bürgerlichen
gesellschaft über ihre eigenen ursprünge,
das wilde, naturhafte zu repräsentieren,
während jüdinnen eher für
das unnatürliche, entartete stehen.
in diesem sinne lässt sich auch die
unterschiedliche geschlechterkonstruktion
entziffern, die im rassistischen diskurs
mit rohheit, animalischer körperlichkeit,
ursprünglicher triebhaftigkeit und
unzivilisierter patriarchalität operiert.
Dies lässt sich belegen auch am antiarabischen
rassismus, der sich im zeichen des kopftuchs
der fortschrittlichkeit des westens gegenüber
dem patriarchalen, rückständigen
orient versichert. Demgegenüber verweist
die ungehemmte sexualität, die jüd
/ innen zugeschrieben wird, weniger auf
deren behaupteten nähe zur natur,
auf ein fehlen von zivilisation, als vielmehr
auf ein zuviel an jener. Das geschlechterverhältnis
im antisemitischen diskurs wird nämlich
gerade als dekadent, entnatürlicht,
pervers, modern beschrieben. Der berühmte
sexualforscher richard von krafft-ebing
vertrat etwa in seiner »psychopathia
sexualis« die these, dass die zivilisation
»durch gesteigerte inanspruchnahme
des nervensystems immer wieder entartete
formen der sexualität zum vorschein«
(gilman 1994: 196) bringe. Jüd/innen,
»deren krankhaft gesteigerte sinnlichkeit
und sexuelle erregung« nach krafft-ebing
»zu ätiologisch bedeutungsvollen
geschlechtlichen verirrungen« führe,
gelten dabei als verkörperung genau
jener als verwerflich erfahrenen effekte
der kapitalistischen modernisierung: als
kosmopolitane, intellektuelle stadtmenschen,
heimatvergessen und wurzellos, lediglich
ihrem individuellen gewinnstreben, dem
»geldscheffeln« verpflichtet.
Diesen komplex aus materialismus, individualismus
und perverser sexualität hat der
sexualforscher auguste forel bündig
in dem begriff »amerikanismus«
gefasst. Interessanterweise taucht dieser
komplex unter anderen gesellschaftlichen
und historischen bedingungen auch bei
dem islamistischen antisemiten sayyid
qutb wieder auf, der juden für die
»doktrin des atheistischen materialismus«,
für die »zerstörung der
familie« und für die »doktrin
der animalistischen sexuali-tät«
verantwortlich macht. (jungle world 48
/ 2002: d2) Daraus wird erkennbar, dass
die »animalische« und perverse
sexualität, die jüd/innen zugeschrieben
wird, zumeist gerade nicht mit deren besonderen
naturhaftigkeit, sondern mit derem gegenteil,
der hypermodernen dekadenz begründet
wird. Die umkehrung, pervertierung der
heteronormativen zweigeschlechtlichkeit,
die jüd/innen zugeschriebene grenz-
und zwischengeschlechtlichkeit (transgender)
unterwandert dabei ebenso wie »die
relative häufigkeit der homosexualität
bei juden.« (der psychater alexander
pilcz, gilman 1994: 241) die natürliche
ordnung von patriarchat und familie. Als
angeblich queere figuren stellen jüd/innen
keine unzivilisierte nähe zur natur,
sondern eine bedrohung für jene dar
und damit für all die legitimatorischen
und herrschaftsstabilisierenden effekte,
die mit dem konstrukt der natur verbunden
sind.
05.
Aber selbst durch die brüche hindurch
ist diese scheidelinie zu sauber gezogen.
Denn der antisemitismus ist sich nicht
selbst identisch, er ist nicht der ewige,
gegen ort und zeit indifferente antisemitismus,
auch wenn er als solcher erscheinen mag.
Antisemitische diskurse sind ebenso wie
rassistische widersprüchlich und
wandelbar. Und gerade auch darin liegt
ihre gefährlichkeit, die von schnellen
und letzten antworten warnen lässt.
So muss eine genauere betrachtung der
geschlechterkonstruktionen antisemitischer
diskurse, die nicht vorschnell eine logik,
gar eine innere rationalität identifizieren
will, beispielsweise in den blick nehmen,
dass das bild der maskulinen jüdin,
des feministischen mannsweibs nicht die
einzige, wenn auch die dominanteste konstruktion
»jüdischer weiblichkeit«
ist. Neben ihr existieren bilder von der
jüdin als schöne, sexuell begehrenswerte
oder auch gefährliche frau, die denen
rassisierter weiblichkeit streckenweise
nicht unähnlich erscheinen. Die »klassische«
konstruktion der »schejnen jiddin«
lässt sich dabei relativ genau auf
die progressiv konnotierten/kontextualisierten
diskurse der »judenemanzipation«
begrenzen. die schöne jüdin,
ist zumeist als ein junges, naives aber
durchaus intelligentes mädchen gezeichnet,
das mit einem christlichen mann ein liebesverhältnis
eingeht und sich bereitwillig missionieren
und aus der patriarchalen enge der jüdischen
religion befreien lässt. Als ein
auf die judenemanzipation begrenzter verschwindet
dieser diskurs gegen ende des 19. jahrhunderts.
Dies möglicherweise auch, weil er
mit der zunehmenden effeminierung des
jüdischen mannes konfligierte und
weil sich die charakterisierung der schejnen
jiddin als sexuell keineswegs enthaltsame
zum hegemonialen ideal »natürlicher
weiblichkeit« entwickelte. (von
braun 1995: 191). Das hierzulande vor
allem aus dem antiarabischen rassismus
bekannte stereotyp von der besonderen
patriarchalität des judentums, das
in den diskursen um die schejne jiddin
auch schon mitschwingt, ist hartnäckiger.
Es findet sich beispielsweise bei den
schüler/innen des mutterrechtlers
bachofen (der auch von friedrich engels
rezipiert wurde), die das jüdische
nicht für die verweich- und verweiblichung
der modernen gesellschaft, sondern für
den niedergang des mutterechts verantwortlich
machten, ohne sich unbedingt im widerspruch
zur nationalsozialistischen ideologie
zu wähnen. Es findet sich auch bei
georg groddeck, einem der führenden
nichtjüdischen vorläufer der
psychoanalyse, der eine interpretation
der beschneidung lieferte, die der oben
beschrieben hegemonialen genau entgegengesetz
war: »Wenn [die juden] die vorhaut
abschneiden«, schreibt er, »so
beseitigen sie damit die zwiegeschlechtlichkeit
des mannes, sie nehmen das weibliche an
dem männlichen fort.« Folgerichtig
gibt es für groddeck »kein
volk auf erden, das so ausgeprägt
männlich ist, wie das jüdische.«
(gilman 1994: 128) Ein gespenstisches
fortleben finden diese stereotype in den
theorien so mancher christlich-feministischer
theologinnen, in denen der weibliche jesus
dem vaterzentrierten judentum gegenübergestellt
wird und »die juden« zu den
erfindern des patriarchats gemacht werden;
eine trope, die sehr deutsche wellen schlägt,
wenn gleichzeitig noch das patriarchat
zur ursache des nationalsozialismus, also
zur judenvernichtung, erklärt wird.
In einem theologisch-feministischen text
von 1986 heißt es: »wir erleben
am schicksal des ›auserwählten
volkes‹, wohin der weg des menschen
führt, der aggressionen abspaltet
und die ordnungen der großen herrin
des lebens verlässt. Israel hat sich
auf das geschäft mit der macht eingelassen.
Dafür wird es ›verwüstet‹
am tage der bestrafung.« (ziege
1995: 191)
Eine deutliche und ahistorische unterscheidung
der geschlechtliche logiken von antisemitismus
und rassimus wird schwierig auch dadurch,
dass die konstruktion jüdischsein
am anfang des 20. jahrhunderts und vor
allem im nationalsozialistischen antisemitismus
eine rassische ist. Juden werden darin
nicht nur mit frauen, sondern auch mit
schwarzen analogisiert. Im medizinischen
diskurs anfang des zwanzigsten jahrhunderst
wird als beleg für die ähnlichkeit
von schwarzen und jüd/innen und ihre
gleiche entartung, abweichung von der
deutschen norm, beispielsweise die geringere
anzahl von uteruskrebs und selbstmorden
bei jenen angeführt. Die »fleischigen
lippen« der juden gelten als überbleibsel
ihrer »negroiden einflüsse«.
Noch im 19. jahrhundert galt den antisemitischen
diskursen als das zentrale körperliche
zeichen nicht die »jüdische
nase«, sondern die »jüdische
schwärze«. Jene war ausdruck
von krankheit im allgemeinen und syphilis
im besonderen, was wiederum auf die perverse
sexualität verwies. Die gleichung,
die sich dabei also ergab war jüdisch
= schwarz = pervers.
Gleichzeitig ist auch die rassistische
geschlechterkonstruktion keineswegs homogen
und historisch unverändert, auch
dann nicht, wenn sich bei der betrachtung
auf die konstruktion schwarzer männlichkeit/weiblichkeit
beschränkt wird. Schwarze frauen
repräsentieren keineswegs nur das
bild exotisierter sexualität und
gefährlicher anziehungskraft, sie
werden auch als abstoßend und hässlich
beschrieben, insofern sie dem ideal weißer,
blonder weiblichkeit nie entsprechen können.
Das bild der schwarzen mammy, das zu einem
der populärsten und vielleicht auch
ältesten gehört, fällt
aus diesem rahmen ohnehin raus. Aber auch
die schwarze männlichkeit ist keineswegs
so eindeutig hypermaskulin, wie sie eingangs
gezeichnet wurde. Denn von der hegemonialen,
bürgerlichen männlichkeit, die
gekennzeichnet ist durch autonomie und
macht, sind rassisierte männer infolge
der rassistische arbeitsteilung, die weitgehend
mit der geistiger und körperlicher
arbeit in eins fällt, ausgeschlossen.
Da in der konstruktion des männlichen
autonomen subjekts fremdbeherrschung und
selbstbeherrschung ineinander verschränkt
sind, geht mit der unfähigkeit, qua
sozialer stellung macht auszuüben
auch die unfähigkeit einher, sich
selbst zu kontrollieren, triebverzicht
zu leisten. Insofern ist die unkontrollierte
sexualität und aggressivität,
die schwarzen männern im rassistischen
diskurs zugewiesen wird, als abweichung
vom ideal autonomer männlichkeit
zu lesen. Die körperlichkeit, potenz
des schwarzen mannes kompensiert den mangel
an sozialer macht und bringt gleichzeitig
eine effeminierungseffekt hervor, da den
eigenen körper zum objekt zu machen,
für den blick des anderen herzurichten,
weiblich konnotiert ist.
06.
Lässt sich also keine klarheit in
das komplexe gewirr sich widersprechender
und einander überlappender zuschreibungen
bringen? Oder ist vielleicht schon der
anspruch pervers, licht in eine sache
bringen zu wollen, die per definitionem
düster ist? Muss eine kritik, die
aus dem vorurteil eine logik herausschälen
will, sich nicht vorwerfen lassen, einem
naiven aufklärungsbegriff aufzusitzen?
Schließlich handelt es sich bei
rassismus und antismitismus selbst dann,
wenn sie sich zu verwissenschaftlichen
versuchen, nicht um gewöhnliche »theorien«.
Verwissenschaftlicht können Sie zwar
an ihren inneren widersprüchen der
unwahrheit überführt, aber dadurch
noch lange nicht ihrer wirkmächtigkeit
beraubt werden.
Vielleicht muss der versuch einer erklärung,
statt die überschüssigen oder
minoritären diskurse vereinfachend
abzuschneiden, an genau dieser widersprüchlichkeit
ansetzen. Ist sie nicht möglicherweise
ein notwendiges konstitutiv für das
funktionieren antisemitischer und rassitischer
diskurse? Wie lässt sich dann die
flexibilität konkreter zuschreibungen
bei gleichzeitiger starrheit der diskriminierenden
signifizierung an sich beschreiben und
erklären?
Warum können schwarze männer
gleichzeitig feminin und ultramaskulin,
jüdinnen gleichzeitig an der entstehung
des patriarchats und an dessen niedergang
schuld sein? Und warum kämen dennoch
rassistinnen nie auf die idee, ihre bis
an die grenze der beliebigkeit ausgedehnten
zuschreibungen auch auf weiße auszudehnen?
Warum bleibt die konstruktion schwarz
und die hierarchie, in der sie zur konstruktion
weiß steht, unangetastet?
Gerade die ambivalenz, die unsinnige widersprüchlichkeit
der stereotype lässt die option,
dass die auseinanderstrebenden zuschreibungen
von den schwarzen, den jüd/innen
selbst zusammengehalten würden, dass
sie der referent seien, der die identität
der diskurse garantierte, ausscheiden.
Die rassistischen / antisemitischen bilder
sind keine abbilder, denn es gibt schlechterdings
keinen menschen, der solch entgegengesetzte
eigenschaften in sich vereint. Dass die
markierten subjekte nicht die referenz
der bildproduktion stellen, dass sie bei
beim zeichenprozess buchstäblich
abwesend sind, lässt sich auch daran
erkennen, dass es einen antisemitismus
ohne jüdinnen gibt und dass der rassismus
häufig dort besonders hoch ist, wo
der migrantinnenanteil besonders niedrig
ist: in ostdeutschen dörfern oder
in us-amerikanischen vorstädten beispielsweise.
Wenn also die widersprüchlichen zuschreibungen
überhaupt von subjekten zusammengehalten
werden, von subjekten ihre identität
garantiert bekommen sollten, dann nicht
von den bezeichneten, den rassifizierten
und als jüdinnen identifizierten,
sondern von den bezeichnenden, von den
antisemitinnen und rassistinnen. So gesehen
spiegeln die klischees, zuschreibungen
und stereotype keine eigenschaften schwarzer
oder jüdinnen, sondern subjektanteile
der hegemonialen subjektivität –
allerdings solche, die bei der konstruktion
der hegemonialen (in der regel also: weißen,
heterosexuellenn, männlichen, bürgerlichen)
identität ausgeschlossen, verworfen
werden müssen. Dieses verworfene,
was das subjekt durch die permanente gefahr
seine wiederkehr bedroht, wird von dem
unerwünschten eigenen, zu dem anderen,
zu den anderen transformiert. Die ontologische
differenz, die zwischen dem bereinigten
subjekt und seinem anderen installiert
wird, die unüberbrückbare kluft
zwischen schwarz und weiß beispielsweise,
verspricht sicherheit. Je ontologischer,
umso sicherer.
Die widersprüchlichkeit, ambivalenz
der zuschreibungen verweist somit auf
eine notwendigkeit für das funktionieren
der diskurse hin. Die stereotype müssen
offen sein, damit sich möglichst
viel in sie hineinpacken lässt, damit
so ziemlich alles, was irgendwie stört
dort seinen platz findet, wo es sicher
vor heimkehr verwahrt und bekämpfbar
ist. Die widersprüchlichkeit und
vielfältigkeit dessen, was ausgeschlossen
werden muss (die überbordende lust
ebenso wie die impotenz) spiegelt sich
in den bildern über die ausgeschlossenen
wieder. Dass es sich bei den bildern der
antisemitischen und rassistischen diskurse
um verworfene (und in sich widersprüchliche)
anteile des hegemonialen subjekts handelt,
erklärt nicht nur die innere widersprüchlichkeit
der stereotype, sondern auch die ambivalenz
des hegemonialen subjekts bezüglich
seiner produktionen. Das verworfene eigene,
ist gleichzeitig das verachtenswerte,
hässliche fremde und das anziehende,
erotische, geheimnisvolle, von dem das
subjekt nie gänzlich loskommen kann.
Handelt es sich bei rassimus und antisemitismus,
bei der mörderischen gewalt jener
vergesellschaftungsformationen also eigentlich
um ein »pseudo-psychoanalytisches
drama des subjekts« (zizek 2002:
19) Sind »die schwarze« oder
»der jude« doch nur kontingente
füllungen eines eigentlich leeren
signifikantens, austauschbar gegeneinander
und prinzipiell mit allem zu-, vollzuschreiben?
Nein, denn die relative festigkeit der
diskurse verhindert ein austauschen der
signifikanten schwarz und jüdisch.
Sie verweist auf unterschiedliche tradierungen
und institutionalisierungen historischer
erzählungen, in der die geschichte
des kolonialismus als eine gänzlich
andere als die des antijudaismus aufgehoben
ist. Die bedrohung, die der rassismus
imaginiert, kommt eher von außen,
von vorne, während die des antisemitismus
von innen, von hinten kommt. Dass rassistinnen
schwarze wahlweise für den niedergang
des patriarchats oder für dessen
entstehung verantwortlich machen, ist
ebenso wenig vorstellbar, wie dass ihnen
die schuld an den weltkriegen, den finanzcrashs,
der außenpolitik der usa zugeschrieben
wird. Die relative festigkeit der diskurse
verweist somit auch auf eine unterschiedliche
(nichtinstrumentelle, nichtintentionale)
funktionalität, die den antisemitischen
diskursen anders als den rassistischen
unter den bedingungen kapitalistischer
warenproduktion zukommt. Aus dieser perspektive
richtet sich der rassismus eher nach unten,
in die vergangenheit, während der
anti-semitismus in einer systemstabilisierenden
geste eher nach oben, in die zukunft weist.
#1 Asiatische männer tauchen hier
fast nie auf. Und wenn doch, dann sind
sie zumeist als »schwul«,
als »memmen« oder beides konstuiert.
Auf der ebene des mainstreammediendiskurses
lassen sich ähnliche konstruktionen
finden. Besonders nett kann man den memmen-
asiaten anhand der serien startrek oder
voyager beobachten. Aber auch jackie chan
stellt als figur – zwar angesichts
des bösen durchaus wehrhaft –
eher einen unterwürfigen, schüchternen
samariter dar, als einen male fighter
a la bruce willis.
Literatur:
*.*
borderline: wie die nase eines mannes,
so seine menstruation. zur geschlechterkonstruktion
in antisemitischen diskursen, in: sinistra!,
1 / 2003.
*.* braun, christina von 1995: antisemitische
stereotype und sexual-phantasien, in:
jüdisches museum der stadt wien (hg.),
die macht der bilder, wien
*.* gilman, sander l. 1994: freud, identität
und geschlecht, frankfurt/m
*.* ders. (hg.) 1998: »der shejne
jid« – das bild des jüdischen
körpers in mythos und ritual, wien
*.* ders.1998: »die rasse ist nicht
schön« – »nein,
wir juden sind keine hübsche rasse«,
in: ders. (hg.): »der shejne jid«
– das bild des jüdischen körpers
in mythos und ritual, wien
*.* hödl, klaus 1997: die pathologisierung
des jüdischen körpers, wien
*.* hooks, bell 1994: black looks, berlin
*.* jakubowski, jeanette 1995: »die
jüdin«, in schoeps / schloer:
antisemitismus. Vorurteile und mythen,
münchen
*.* meinecke, thomas 2001: hellblau, frankfurt
/ m
*.* ziege, eva-maria 1995: die »mörder
der göttinnen«, in schoeps
/ schloer: antisemitismus. Vorurteile
und mythen, münchen
*.* zizek, slavoj 2002: die revolution
steht bevor: dreizehn versuche über
lenin, frankfurt / m
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