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Zur
Bedeutung der Sexualbilder im Antisemitismus
Christina
von Braun
Wir
wissen heute sehr viel mehr über
die Psyche der Opfer des Nationalsozialismus
und über die Folgen, die die traumatischen
Erfahrungen gehabt haben, als über
die Psyche der Täter. Das hängt
damit zusammen, daß sich die Opfer
- anders als die Täter - in Behandlung
begeben haben und begeben mussten, während
sich die Täter zumeist ferngehalten
haben von der Couch oder anderen Möglichkeiten,
über sich zu sprechen. Gewiss, was
sich in den Tätern abgespielt hat,
taucht manchmal in den Verhaltensmustern
ihrer Kinder auf, wie Peter Sichrowksy
mit seinem Buch und Film „Schuldig
geboren“ oder Daniel Bar-On mit
seiner Untersuchung “Legacy of Silence“
gezeigt haben. Aber auch diese Untersuchungen
beschreiben eher den Zustand danach: das
Verstummen, das die Täter überkam,
als sie sich nicht mehr auf der “Siegerseite“
befanden. Um zu begreifen, was vorher
war, worin die Anziehungskraft der Bilder
des Nationalsozialismus bestanden haben
mag, die so viele Menschen in ihren Bann
nahmen, wissen wir tatsächlich sehr
wenig. Eine der Erklärungen liegt
auf der Hand: Es erscheint nach Auschwitz
unmöglich, sich mit diesen Bildern
und dem Denken, für die sie stehen,
zu “identifizieren“. Denn
diese Bilder begreifen, heißt ja
auch, sich auf sie einlassen, um sie von
“innen heraus“ zu verstehen,
in Worte fassbar zu machen, vergleichbar
der Aufgabe, der sich der Analytiker im
psychoanalytischen Prozess stellt. Es
bedurfte eines gewissen Abstandes, um
sich auf diese Bilder einzulassen: und
wenn sie heute analysierbar erscheinen
so nicht deshalb, weil eine neue Generation
herangewachsen ist, die sich nicht mehr
“betroffen“ fühlt vom
Verbrechen (ich glaube, daß auch
die Generation der heute Vierzehn- oder
Fünfzehnjährigen durchaus weiß,
daß der Nationalsozialismus einen
wichtigen Teil ihrer Erbschaft ausmacht:
und wenn es viele auch nur unbewusst wissen),
sondern aus einem anderen Grund: Die kulturellen
Muster jeder Epoche werden erst mit zeitlichem
Abstand entzifferbar. Solange die Bilder
des “kollektiven Imaginären“
als solche nicht erkennbar sind, sondern
für das Spiegelbild der Wirk1ichkeit
gehalten werden, entziehen sie sich einer
Interpretation. Wenn sie jedoch nicht
mehr als eine Selbstverständlichkeit
erscheinen werden sie als das erkennbar,
was Benjamin “Wunschbilder“
genannt hat, “die erst nach einer
bestimmten Zeit ihrer Lesbarkeit zugeführt
werden können“. Das Bild des
“Juden“ hat eine lange Vorgeschichte
in der deutschen Religions- und Geistesgeschichte
- und gerade weil sie so lang ist, sind
viele dieser Bilder auch weiterhin wirksam.
Aber ich denke doch, daß einige
Grundmuster erkennbar geworden sind, die
zur Anziehungskraft dieser Bilder beigetragen
haben, und dazu gehören vor allem
die Sexualbilder im Antisemitismus und
deren Wandel im Prozess der Säkularisierung.
Mit der Beschreibung der Geschichte dieser
Grundmuster ist freilich noch nichts darüber
gesagt, wie es zur Umsetzung der Bilder
oder des kollektiven Imaginären in
die Wirklichkeit, wie es also zur “Endlösung“
kommen konnte. Viele der Bilder spielten
auch in anderen europäischen Ländern
eine wichtige Rolle, ohne zu ähnlichen
Konsequenzen zu führen; in Deutschland
selbst gab es Antisemiten, die Juden geholfen
haben, den Nationalsozialisten zu entkommen,
während einer der Hauptorganisatoren
der Vernichtungsmaschine, Adolf Eichmann,
sich vorher nie als leidenschaftlicher
Antisemit zu erkennen gab. Die folgenden
Ausführungen behandeln also nicht
die Verlagerung von der Ebene des Imaginären
zur Wirklichkeit, sie versuchen nur, einige
Aspekte des Bildes vom “Juden“
zu analysieren und der Frage nachzugehen,
welche Auswirkungen diese kollektiven
Bilder auf die Wahrnehmung des einzelnen
gehabt haben mögen.
Stereotypen
des Anderen
“Es
bereitet jedem, der über beide, über
das Weib und über den Juden nachgedacht
hat, eine eigentümliche Überraschung,
wenn er wahrnimmt, in we1chem Maße
gerade das Judentum durchtränkt scheint
von jener Weiblichkeit, deren Wesen einstweilen
nur im Gegensatze zu allem Männlichen
ohne Unterschied zu erforschen getrachtet
wurde. Er könnte hier überaus
leicht geneigt sein dem Juden einen größeren
Anteil an Weiblichkeit zuzuschreiben als
dem Arier, ja am Ende eine platonische
Metexis (= Teilhabe, CvB) auch des männlichsten
Juden am Weibe anzunehmen sich bewogen
fühlen.“ [1] Diese Worte schrieb
ein jüdischer Student der Philosophie
im Jahre 1903. Otto Weininger war dreiundzwanzig
Jahre alt, als sein Buch „Geschlecht
und Charakter“ erschien. Es erregte
großes Aufsehen - vor allem nach
Weiningers Freitod. Wenige Monate nach
dem Erscheinen des Werks nahm er sich
das Leben - im Sterbehaus des großen
Deutschen“ Beethoven in Wien. Wegen
dieses Selbstmordes sollte Adolf Hitler
später von Weininger als dem “einzigen
anständigen Juden“ sprechen.Das
Geheimnis des Erfolgs von Weiningers Buch
ist in verschiedenen Ursachen zu suchen,
denen bei näherer Betrachtung jedoch
eines gemeinsam ist: Sein Werk verkündet
eine neue Erlösungstheorie, die sowohl
den Ansprüchen eines säkularen
Zeitalters als auch den tradierten Metaphern
des Christentums gerecht zu werden scheint.
Der Mensch, so verheißt Weininger,
werde die Erlösung finden, wenn er
alles Weibliche und alles Jüdische
in sich überwunden und abgelegt habe.
Frau und Jude werden bei ihm zum Maßstab
der Selbstdefinition, das “Nicht-ich“,
an dem sich das Ich misst, oder, wie es
bei Weininger heißt: „...der
Abgrund, über dem das Christentum
aufgerichtet ist.“ [2] Weininger
gehört zu den ganz wenigen Antisemiten,
die darauf hinweisen, wie sehr das Christentum
des Judentums zur Selbstdefinition bedarf.
Während fast alle anderen Judenfeinde
eine Abhängigkeit des Judentums vom
Christentum zu etablieren versuchen, schreibt
Weininger:„Das Christentum ist die
absolute Negation des Judentums; aber
es hat zu diesem dasselbe Verhältnis,
welches alle Dinge mit ihren Gegenteilen,
jede Position mit der Negation verbindet,
welche durch sie überwunden ist.
Noch mehr als Frömmigkeit und Judentum
sind Christentum und Judentum nur aneinander,
und durch ihre wechselseitige Ausschließung
zu definieren.“ [3] So versucht
Weininger auch nicht - anders als viele
andere Antisemiten seiner Zeit (Chamberlain
zum Beispiel) - Christus aus seinem jüdischen
Kontext herauszulösen. Im Gegenteil:
Für ihn stellt das Judentum die glücklich
überwundene Versuchung dar, die Jesus
erst seine Größe verleihe.
Er schreibt:“Christus war ein Jude,
aber, um das Judentum in sich am vollständigsten
zu überwinden, denn wer über
den mächtigsten Zweifel gesiegt,
der ist der g1äubigste, wer über
ödste Negation ich erhoben hat, der
positivste Bejaher.“ [4] Vielleicht,
so sagt er schließlich, muss deshalb
der nächste Religionsstifter erst
durch das Judentum hindurchgehen. Es soll
hier nicht der Frage nachgegangen werden,
ob Weininger sich selbst damit gemeint
hat - worauf sein Selbstmord, sein “Opfertod“
verweisen könnte. Wichtig an seinem
Werk, in dem er von den vierzehn Kapiteln
nur eines dem Unterschied zwischen dem
Arier und dem Juden, alle anderen aber
der Unterscheidung zwischen den Geschlechtern
gewidmet hat, ist die Frage nach dem Ursprung
oder dem Sinn der Sexualbilder im Antisemitismus.
Dazu sollen hier einige Thesen formuliert
werden, um die Parallelen - aber eben
auch die Unterschiede - zwischen zwei
Stereotypen des “Anderen“
zu umreißen: Stereotypen, denen
zunächst gemeinsam ist, daß
sie in starkem Maße vorn Bild eines
“internen Anderen“ bestimmt
werden, daß es sich also beim “Juden“
wie bei der “Frau“, um abgespaltene
Imagines des Selbst handelt. Das unterscheidet
sie wiederum von anderen Vorstellungen
über den “Anderen“.Beides,
Frauenfeindlichkeit und Judenfeindlichkeit,
tauchen bei Weininger mit ungewöhnlicher
Deutlichkeit auf: Vielleicht hat er gerade
als Jude die antisemitischen Projektionen
besonders genau zu erfassen vermocht.
Dass sich bei ihm aber auch eine starke
Identifikation mit dem Weiblichen beobachten
lässt, ist nicht überraschend.
Sein Werk, aber auch sein ‘Selbstopfer“
entsprachen durchaus dem Geist des “decadent“
des 19. Jahrhunderts, der sich gerne mit
den Symptomen und dem Namen der “Frauenkrankheit“
Hysterie schmückte [5] und der damit
die Bereitschaft signalisierte, das Bild
eines säkular und weiblich gewordenen
christlichen “Opfertodes“
dem männlichen Körper einzuschreiben.
Bei Weininger dürfte die Identifizierung
mit dem Weiblichen aber auch mit der Zuweisung
von weiblichen Eigenschaften an den “Juden“
zusammenhängen. Seine Aneignung “arischer“
Projektionen auf den Juden ist nicht durch
Zufall mit den Schriften von Frauen vergleichbar,
an denen sich die Weiblichkeitskonstruktionen
des 19. Jahrhunderts oft besonders deutlich
ablesen lassen. [6] In Weiningers Erlösungstheorie
gehen die alten Feinde des Christentums
- weibliche Fleischlichkeit und das, was
er selbst als jüdische “Vieldeutigkeit“
[7] bezeichnet hat - eine neue Ehe ein.
Er liefert eine neue Definition des jüdischen
und des weiblichen “Nicht-ichs“,
das sich im Verlauf des 19. Jahrhunderts
- wie das „Ich“ selbst - von
einer religiösen auf eine säkulare
Ebene verlagerte.
Zweifel und Fleischlichkeit
Der
“Jude“ hatte immer schon die
christlichen Glaubenszweifel verkörpert,
und er war eben deshalb verfolgt worden.
Das hing zum Teil mit der jüdischen
Religion selbst zusammen, die sich auch
als eine „Kultur des Zweifels“
(oder der Übung in geduldiger Erwartung)
definieren ließe - im Gegensatz
zur christlichen, die sich als eine Religion
der “Erfüllung“ versteht.
Es hing aber auch mit der Tatsache zusammen,
daß der Christ die eigenen Glaubenszweifel
an den Juden verwies, indem er ihn zur
irdischen Verkörperung des Anti-Christ
erklärte.Für Weininger verkörpert
“der Jude“ den Zweifel schlechthin
- und es ist nicht unwichtig, an dieser
Stelle daran zu erinnern, daß sich
das Wort “Zweifel“ in allen
indoeuropäischen Sprachen von der
Zahl „Zwei“ ableitet, von
einem Begriff also, der die Voraussetzung
dafür darstellt, den “Anderen“
überhaupt zu denken. Weininger sieht
im Juden“ den deutlichsten Gegensatz
zur arischen Eindeutigkeit oder „Einfalt“,
wie er selber sagt. Dabei wird bei ihm
aus dem geistigen oder religiösen
Juden eine Gestalt aus Fleisch und Blut,
die ihre Definition in einer fiktiven
‘Rasse‘ findet. Das ist einer
der Schlüssel zur Frage, warum im
rassistischen Antisemitismus die Sexualbilder
eine solche Rolle spielen: Indem dem “Juden“
weibliche Elemente zugewiesen werden,
wird das, was ihn vom Christen - beziehungsweise
vom Arier, sozusagen: dem biologischen
Christen - unterscheidet, zu einem physiologischen,
d.h. sichtbaren Unterschied. Nicht nur
weil die Frau biologisch “anders“
ist, sondern auch deshalb, weil sie im
Christentum (wie schon in der aristotelischen
Antike) das “Fleisch“, die
“Materie“ verkörpert,
der die männliche Idealität,
Geistigkeit gegenübergestellt wird.
Durch die Zuschreibung von Weiblichkeit
wird nun auch der “Jude“ zu
einer Gestalt aus Fleisch und Blut. So
weisen die Gedanken Weiningers über
den jüdischen Mann eine bemerkenswerte
Ähnlichkeit mit den christlichen
Vorstellungen über die Frau auf.
Ist im Hexenhammer von der “Unersättlichkeit
der fleischlichen Begierde“ beim
Weibe die Rede, so heißt es bei
Weininger:“Männer, die kuppeln,
haben immer Judentum in sich; und damit
ist der Punkt der stärksten Übereinstimmung
zwischen Weiblichkeit und Judentum erreicht.
Der Jude ist stets lüsterner, geiler,
wenn auch merkwürdigerweise, vielleicht
im Zusammenhange mit seiner eigentlich
antimoralischen Natur, sexuell weniger
potent, und sicherlich aller großen
Lust weniger fähig als der arische
Mann.“ [8] Dass der Jude mit der
Frau gleichgesetzt wurde, hing u.a. mit
der Beschneidung zusammen, die in den
“wissenschaftlichen“ Theorien
des 19. Jahrhunderts oft mit der Kastration
verglichen wurde: Als “Beschnittener“
galt der Jude in dieser Theoriebildung
als “unvollständiger Mann“,
mithin als weiblich. So war im Wien der
Jahrhundertwende “Jude“
ein gängiger Name für die Klitoris.
[9] Aber die Bilder, die die christliche
Gesellschaft mit der Beschneidung verband,
waren noch nicht das Entscheidende.Die
Gleichsetzung Jude und Frau ist einer
der Gründe dafür, dass die Sexualbilder
des rassistischen Antisemitismus eine
solche Widersprüchlichkeit aufweisen:
Mal wird der Jude als impotent dargestellt,
dann ist er wieder der Sexualtriebtäter,
der die Vorstellungen dieses Zeitalters
über extreme Männlichkeit kennzeichnet
- Vorstellungen, die in den Aussagen des
NS-Rassen-Ideologen Hans F.K. Günther
ihren beredten Ausdruck finden sollten:
“Es liegt ... im Wesen des Mannes,
daß er vergewaltigen will: es liegt
auch ... im Wesen des Weibes, daß
es vergewaltigt sein will. Das gilt weit
über das Geschlechtliche hinaus.“
[10] Die widersprüchlichen Vorstellungen
vom Juden verweisen auf einen grundlegenden
Unterschied zwischen dem rassistischen
Antisemitismus und allen anderen Formen
von Rassismus - auf einen Unterschied,
der schon in der Tatsache seinen Ausdruck
findet, daß alle anderen Formen
des Rassismus mit dem Verschwinden des
Unterschieds zurückgehen, der antisemitische
Rassismus aber mit der Assimilation der
Juden zunahm. Doch es gibt noch weitere
Unterschiede: Nicht anders als dem Antisemiten
der “Jude“ gilt dem Rassisten
der Schwarze oder der Araber als sexuell
unersättlich; letztere werden aber
immer als männlich potent gesehen.
Der “Jude“ hingegen wird als
zugleich “lüstern“, “geil“
und als unmännlich beschrieben. Tatsächlich
wird ihm eine Sexualität zugewiesen,
die nur mit den widersprüchlichen
Vorstellungen des späten 19. Jahrhunderts
über die ‘Frau“ zu vergleichen
ist. Für die einen Theoretiker -
so etwa für den deutschen Psychiater
Richard von Krafft-Ebing – war “das
Weib, welches dem Geschlechtsgenuss, nachgeht
eine „abnorme Erscheinung“
[11] . Für den englischen Sexualforscher
Havelock Ellis hingegen stellte der ganze
weibliche Körper ein erogenes Gebilde
dar. Verglichen mit dem “umfangreichen
Geschlechtsapparat des Weibes“,
so Ellis, sei der männliche “geradezu
verkümmert“; und der Wissenschaftler
fügt hinzu, daß man deshalb
auch in vielen Ländern auf die Amputation
der Klitoris verzichtet habe: Wegen der
erogenen Veranlagung des gesamten weiblichen
Körpers habe sie sich als sinnlos
erwiesen. [12] Diese theoretischen Positionen
über die weibliche Sexualität
erscheinen völlig unvereinbar und
haben dennoch um die Jahrhundertwende
beide hohen Kurs. Tatsächlich erweist
sich aber bei näherem Hinsehen, daß
beide Theorien letztlich in eine Vorstellung
einmünden: Die Frau hat keine Libido,
sondern sie ist die Libido. So auch bei
Weininger, der die Sexualität der
beiden Geschlechter folgendermaßen
vergleicht:„Die Frau ist nur sexuell,
der Mann ist auch sexuell: ... Darum weiß
der Mann um seine Sexualität, während
die Frau sich ihrer Sexualität schon
darum nicht bewusst werden und sie somit
in gutem Glauben in Abrede stellen kann,
weil sie nichts ist als Sexualität,
weil sie die Sexualität selbst ist.
... Grob ausgedrückt: der Mann hat
den Penis, aber die Vagina hat die Frau.“
[13] Aus dieser Beschaffenheit der Frau
leitet Weininger wiederum die Tatsache
ab, daß das „absolute Weib“
kein Ich habe. Dasselbe sagte er aber
auch vom Juden: “Der echte Jude
hat wie das Weib kein Ich und darum auch
keinen Eigenwert“. [14] Hier taucht
aber erneut ein Widerspruch auf. Weininger
erklärt die Ich-losigkeit der Frau
mit der Tatsache, daß “den
Frauen, weil sie nur sexuell sind, die
zum Bemerken der Sexualität wie zu
allem Bemerken notwendige Zweiheit“
fehle. [15] Die des Juden aber erklärt
er genau andersherum:“Des Juden
psychische Inhalte sind sämtlich
mit einer gewissen Zweiheit oder Mehrheit
behaftet; über diese Ambiguität,
diese Duplizität, ja Multiplizit.
kommt er nie hinaus. ... Diese innere
Vieldeutigkeit, diesen Mangel an unmittelbarer
innerer Realität irgend eines psychischen
Geschehens, die Armut an jenem An- und
Für-sich-Sein, aus welchem allein
höchste Schöpferkraft fließen
kann, glaube ich als Definition dessen
betrachten zu müssen, was ich das
Jüdische als Idee genannt habe. Es
ist wie ein Zustand vor dem Sein, ein
ewiges Irren draußen vor dem Tor
der Realität. ... Innerliche Vieldeutigkeit,
ich möchte es wiederholen, ist das
absolut Jüdische, Einfalt das absolut
Unjüdische.“ [16] Die Frau
verfügt also über kein Bewusstsein,
weil sie sich nicht von sich selbst distanzieren,
in die Zweiheit Betrachterin und Betrachtete
spalten kann. Der Jude aber ist ich-los,
weil seine Psyche aus eben dieser Zweiheit
besteht.Auch dieser Widerspruch - ähnlich
dem über die weibliche Sexualität
- löst sich teilweise, begreift man
“die Frau“ und “den
Juden als Gegensatzpaar ein und derselben
Gedankenkonstruktion, die sich etwa folgendermaßen
umreißen ließe: Während
Weininger bzw. sein Zeitalter Zweifel
an der Wirklichkeit der Frau oder des
Fleisches zu entwickeln beginnen - das
Bild der Frau “entleibt“ sich
gleichsam vor ihren Augen, und diese „Entleibung“
schlägt sich einerseits in den neuen
Theorien über den mangelnden Geschlechtstrieb
der „normalen“ Frau nieder,
andererseits aber auch in der Entstehung
eines neuen Weiblichkeitsentwurfes, der
in Carmen, Judith oder Salome seinen Ausdruck
findet [17] ; es ist ein Frauenbild, das
(wie Athene aus dem Haupt des Zeus) in
Männerköpfen geboren wird und
ein mit dem Ich identisches “Du“
(oder ein Phantasma männlicher Weiblichkeit)
darstellt [18] - während sich also
Zweifel an der Realität weiblicher
Andersartigkeit ausbreiten, wird der Jude
in der Phantasie des Ariers zur Inkarnation
des Zweifels: zu einer “sichtbaren“
und damit „Wirklichkeit“ gewordenen
Zweiheit, die biologisch bestimmt ist,
aus Blut und Rasse besteht. Die Glaubenszweifel,
die er einst symbolisierte, nehmen nun
in seinem Körper irdische Gestalt
an.Diese fleischliche Zuweisung an den
geistigen Juden lässt sich auf vielen
Ebenen beobachten. Sie zeigt sich natürlich
besonders deutlich an den antisemitischen
Rassentheorien. Dass sich hinter diesen
Rassentheorien aber letztlich die Angst
vor dem “geistigen Juden“
verbirgt, verraten viele Erscheinungsformen
des rassistischen Judenhasses. So ist
der Begriff der “Entartung‘
zwar dem Wortschatz der Biologen entnommen,
aber er bezeichnet und diffamiert eine
Geisteshaltung. Ein bekannter nationalsozialistischer
Kalendervers offenbart, welche:„Hinfort
mit diesem Wort, dem Bösen / Mit
seinem jüdisch-grellen Schein!Nie
kann ein Mann von deutschem Wesen / Ein
Intellektueller sein.“Die Begriffe
“semitisch“ und “germanisch“
selbst sind symptomatisch für diesen
Vorgang, bei dem Abstracta und Metaphern
zu Kategorien von „Fleisch“
und „Blut“ werden: Beide Begriffe
bezeichnen einen Sprachraum, also bestenfalls
eine Kultur. Bei den rassistischen Antisemiten
aber werden aus diesen Kulturbegriffen
Rassenbegriffe. Aus dem geistigen Gegensatz
“Jude“ wird also ein leiblicher
„Anderer“, indem ihm die Weiblichkeit,
d.h. weibliche “Fleischlichkeit“
und die biologische “Andersheit
der Frau, zugewiesen wird. Aber das allein
genügt noch nicht als Antwort auf
die Frage, warum die Sexualbilder im rassistischen
Antisemitismus eine derartig wichtige
Rolle spielen.
Die
Verweltlichung des “Opfers“
Die
Säkularisierung brachte der europäischen
Gesellschaft unter anderem die Befreiung
vom christlichen Ideal der Askese. Dieses
Ideal hat die jüdische Religion nie
gekannt: Während ein katholischer
Priester nicht heiraten darf und auch
für den christlichen Laien der sexuelle
Verzicht einen höheren Stellenwert
einnimmt als die geschlechtliche Befriedigung,
ist ein unverheirateter Rabbiner eher
die Ausnahme. (Auch die Idealisierung
der Jungfräulichkeit bleibt der christlichen
Religion vorbehalten.)Mit der Säkularisierung
und der “Emanzipation des Fleisches“
erhebt nun aber auch der Nicht-Jude Anspruch
auf Befriedigung und Lust. Das gilt nicht
nur für die, die aufhören, in
die Kirche zu gehen. Im Christentum selbst
vollzieht sich schon seit der Reformation
ein Wandel, der es dem Gläubigen
erlaubt, die “sexuelle Erlösung“
einzufordern.Der Prozess hat zur Folge,
daß eine weltliche, sinnliche Vorstellung
vom “verklärten Leib“
entsteht [19] - und dieser “verklärte
Leib“ nimmt zunehmend weibliche
Züge an. Um etwa 1800 tauchen in
der abendländischen Malerei und Literatur
eine Fülle von Frauengestalten auf,die
sich mit dem von Elisabeth Bronfen so
gut gewählten Begriff der “Schönen
Leiche“ umschreiben lassen. [20]
Es sind Frauengestalten, die durch ihren
Tod dem Geliebten oder der Menschheit
die Erlösung bringen. Betrachtet
man die Darstellungen dieser schönen
Leichen näher, so weisen sie eine
bemerkenswerte Ähnlichkeit mit den
Darstellungen des christlichen Heilands
auf. Die Säkularisierung wird zumeist
als Überwindung des Christentums
definiert: sie lässt sich aber auch
als Verweltlichung der christlicher Heilsbotschaft
umschreiben. Die “schönen Leichen“
offenbaren wiederum, daß sich dieser
Prozess der Verweltlichung als eine Verweiblichung
des christlichen Opfertodes vollzieht
- ein Opfertod, der in der Literatur und
Kunst auf metaphorischer, in der Konzeption
der sozialen Geschlechterrollen auf psychisch-symbolischer
und schließlich auch auf realer
Ebene stattfindet.Der Wandel spiegelt
sich auch in den säkularen Bildern
des rassistischen Antisemitismus wider,
die an die Traditionen des christlichen
Antijudaismus anknüpfen: etwa den
Ritualmordbeschuldigungen, bei denen Juden
die Ermordung eines christlichen Opfers
und das Trinken seines Blutes unterstellt
wurde. War nun in den mittelalterlichen
Legenden ausschließlich von ermordeten
Knaben die Rede, so sind in den Ritualmordbeschuldigungen,
die gegen Ende des 19. Jahrhunderts Europa
epidemisch überziehen, zumeist junge
Frauen die “Opfer“. So etwa
in den beide berühmtesten Ritualmordprozessen:
dem von Tisza-Eszlar in Ungarn (1882)
und dem von Polna in Böhmen (1899).
[21] Die Ritualmordbeschuldigungen offenbaren
ein grundlegendes Paradoxon, das Christentum
wie rassistischem Antisemitismus eigen
ist: In beiden Religionen - der christlichen
wie der arischen [22] - ist der Opfertod
zentraler Bestandteil der Heilsbotschaft.
Ohne dieses Opfer gibt es keine “Erlösung“.
Aber, wie im Neuen Testament die Kreuzigung
des Herrn, so wird auch der “Tod“
der Frau zur “Schuld‘ des
Juden erklärt. D.h. die Verweltlichung
und Verweiblichung des christlichen Opfertodes
vollzieht sich durch eine projektive Zuweisung
an den Juden, dem die Rolle zuteil wird,
den „erlösenden“ Tod
der weltlichen und weiblichen Christusgestalt
herbeizuführen. Von diesem Paradoxon
leitet sich wiederum die seltsame Doppelbedeutung
des Wortes “Opfer“ ab, die
der deutschen Sprache vorbehalten bleibt:
Mal “opfert“ der Herr seinen
Sohn zur Erlösung der Menschheit;
das andere Mal ist der Heiland das “Opfer“
eines „jüdischen Verbrechens“.Dass
der Vorwurf des „Frauenmordes“
eine zentrale Rolle im Antisemitismus
spielt, zeigt sich nicht nur an den Ritualmordbeschuldigungen,
sondern noch deutlicher an der Unterstellung,
daß “der Jude“ christliche
- sprich: arische - Frauen vergewaltige
oder Mädchenhandel betreibe. Warum?
Die These in wenigen Worten: Mit der Säkularisierung
tritt an die Stelle der Kreuzigungsmetapher
das “Sexualverbrechen“ oder
die “Rassenschande“ - und
hier liegt der eigentliche Schlüssel
zur Bedeutung der Sexualbilder im rassistischen
Antisemitismus. Aus dem “Corpus
dei“ wird der “Volkskörper“,
und dessen symbolische Trägerin ist
die einzelne Frau. Dem Juden aber wird
- wie in der Passionsgeschichte - die
Rolle zuteil, das “Opfer“
der “Rassenschande“ auszusetzen
und damit zu “kreuzigen“.
Exkurs
über die Aktualität der Opferrolle
Die
Opfer- und Erlöserrolle, die der
Frau seit der Säkularisierung zugewiesen
wurde, zeigt sich auf vielen Ebenen, und
sie zeigt sich nicht nur in Deutschland.
So tritt sie im Ideal der aufopfernden
Mutter zutage, von der das Heil des Kindes
abhängt. Die Rolle prägte das
Schönheitsideal der “zerbrechlichen“
Frau: das Ideal eines ätherischen,
schwindsüchtigen Frauenkörpers,
der sich auch in den Definitionen der
“weiblichen Rolle“ widerspiegelt:
passiv, schweigsam, hilflos sind allesamt
Synonyma für “tot“. Schließlich
hat diese Rol1e auch einen Wandel des
Selbstbildes und Begehrens vieler Frauen
hervorgebracht, die ihre Liebeserfüllung
und sexuelle Befriedigung in der “Opferrolle“
suchten oder suchen. Dieser Wandel des
Begehrens ist am Ursprung des Gefallens,
den viele Frauen an der Begegnung mit
dem Unheilvollen oder sogar dem Gewalttätigen
in einer Liebesbeziehung finden, und der
Muster, die sie für ihre weibliche
“Identität“ entwerfen.
Im Nationalsozialismus zeigte sich diese
Vorstellung einer “Selbstverwirklichung“
durch “Selbstopfer“ sehr deutlich
an Frauen wie Lydia Gotschewski, die für
die „Rechte der Frauen“ kämpfte
und dabei erbittert (wenn auch vergebens)
gegen das Keuschheitsideal der Männerbünde
zu Felde zog. [23] Gotschewski umschrieb
die Rolle der Frau unter dem Hakenkreuz
mit Worten, die deutlich an das “Selbstopfer“
des Heilands erinnern: Das entscheidende
Merkmal dieser Frauen ist ihre Opferbereitschaft
für das Ganze, eine aus der Kraft
des neuen Glaubens erzeugte Fähigkeit
zur unaufhörlichen Pflichterfüllung.“
Auf diese Weise, so schreibt sie weiter,
kommen Frauen zu „einem sehr leisen,
sehr stillen und unbetonten Herrschen,
dessen Sinn immer und immer das Dienen
bleibt. Und das sich dort am schönsten
verwirklicht, wo das Ich zurücktritt
hinter dem Du und dem Wir, wo es sich
hingibt und verschwendet an ein Größeres:
an Kind, Familie und Volk.“ [24]
Das Konzept des “Selbstopfers“
unterscheidet die christliche von allen
anderen Religionen. Im säkularen
Kontext, wo die Frau als “Erlöserin“
in Erscheinung tritt, mag eben diese Zuweisung,
die mythische Überhöhung “des
Weibes“ die Begeisterung erklären,
die viele Frauen dem Nationalsozialismus
entgegenbrachten. So scheint mir die eigentliche
Antwort auf die vieldiskutierte Frage
nach der weiblichen “Mittäterschaft“
am Nationalsozialismus [25] vor allem
in der Erotisierung des weiblichen “Selbstopfers“
zu suchen sein: Durch ihre Annahme der
“Erlöserrolle“, durch
ihre Bemühung um eine “Selbstverwirklichung“
durch das „Selbstopfer“ trugen
Frauen selber erheblich dazu bei, daß
sich die Verweltlichung der Kreuzigungsmetapher
vollziehen konnte - ein Prozess, der seinerseits
das Kernstück des rassistischen Antisemitismus
bildete. Diese Erkenntnis scheint mir
nicht nur für den Nationalsozialismus
von Bedeutung. Die Opfer- und Erlöserrolle,
die mit der Moderne der Frau zugewiesen
wurde, hat eine Form von weiblicher Libido
und Emotionalität hervorgebracht,
die nichts mit einer biologischen Eigenart
von Frauen zu tun hat, wohl aber als Hinweis
darauf gewertet werden kann, wie tief
die individuellen - auch geschlechtlichen
- “Triebe“ von den Gesetzen
eines kollektiven Imaginären, den
Gesetzen der Geschichte gesteuert werden.
Es sind Gesetze, die nicht nur das Verhältnis
der Geschlechter in jeder Epoche neu definieren,
sondern auch die Sexualtriebe in den Dienst
des Politischen nehmen. Dieselben Gesetze,
die den „Opfertod“ zum Teil
der „weiblichen Identität“
und des „weiblichen Begehrens“
werden ließen, bestimmten auch über
die Gefühle, die dem „Juden“
entgegengebracht wurden. (Gerade weil
die Opfer-Rolle von den Frauen selbst
so libidinös besetzt ist, ist es
für die einzelne Frau auch schwer,
sie analytisch zu erfassen: Diese Rolle
in Frage zu stellen heißt, sich
von der eigenen Libido zu distanzieren.)
Die Verweltlichung der “Reinheit“
Die
Zuweisung der Opfer- und Erlöserrolle
an Frauen taucht mit der Säkularisierung
in der Mythenbildung aller europäischen
Länder auf. Als Beispiel für
Frankreich sei hier auf Chateaubriands
“René“ und “Attala“
verwiesen. Die Literatur der englischen
Romantik ist ebenfalls durchsetzt von
solchen Vorstellungen. In der deutschen
Mythenbildung kommt zu dieser Idealisierung
des weiblichen Opfers aber noch ein anderes
Element hinzu, das in der Mythenbildung
anderer Länder eine weniger große
Rolle spielte und das ebenfalls eng mit
christlichen Traditionen zusammenhängt.
Es ist eines von vielen Symptomen dafür,
daß der Säkularisierungsprozess
in Deutschland weniger in einer Sakralisierung
des Weltlichen als in einer Verweltlichung
des Religiösen bestanden hat. Das
zeigt sich deutlich am Begriff der “Reinheit“,
der im deutschen Antisemitismus eine zentrale
Rolle spielt.Das christliche Opfer- und
Erlösungsideal steht in enger Beziehung
zum Ideal der “Reinheit“.
Ich möchte in diesem Zusammenhang
auf eine Passage aus der Dreieinigkeitslehre
von Augustinus hinweisen, die nicht nur
den Zusammenhang zwischen Opferkult und
Reinheitsideal sondern auch den zwischen
Reinheitskult und Sexualität verdeutlicht.
Um etwa 400 u.Z. schreibt Augustinus,
daß nur ein Opfer, das der “Materie
derer entnommen wurde, für die es
dargebracht“ wird, zur “Reinigung
der Befleckten“ dienen könne:“Und
was wäre angemessener, von der Menschheit
genommen, um für sie dargebracht
zu werden, als Menschenfleisch? Was ist
so geeignet für die Opferung wie
sterbliches Fleisch? Und welches Fleisch
ist so rein, die Befleckung der Sterblichen
zu reinigen, wie jenes, das ohne Befleckung
durch fleischliche Begierde gezeugt und
geboren wurde im Schoße und aus
dem Schoße einer Jungfrau? Kurz:
Welches Opfer könnte in so willkommener
Weise dargebracht und angenommen werden
wie unser Fleisch, das der Leib unseres
Priesters ist?“ [26] Das Blut Christi,
dessen Opfer die Erlösung bringt,
ist also rein, weil Jesus in Keuschheit
gezeugt wurde. Dieses Keuschheits- und
Erlösungsideal des Christentums verwandelt
sich mit der Säkularisierung - und
zwar besonders im deutschsprachigen Raum
- in ein weltliches Ideal, das ebenfalls
die Reinheit des Blutes zum höchsten
Gesetz erhebt, nun aber auf den Geschlechtsverkehr
selbst überträgt. Theodor Fritsch
bezeichnete in seinem “Antisemiten-Katechismus
“von 1887 das Verbot des Sexualverkehrs
mit Juden als das wichtigste der Zehn
deutschen Gebote:“Erstes Gebot:
Du sollst Dein Blut reinhalten. - Erachte
es als ein Verbrechen, Deines Volkes edle
arische Art durch Juden-Art zu verderben.
Denn wisse, das jüdische Blut ist
unverwüstlich und formt Leib und
Seele nach Juden-Art bis in die spätesten
Geschlechter.“ [27] Das „reine
Blut“ wurde nicht mehr durch Keuschheit
erzeugt , durch einen göttlichen
Zeugungsakt - sondern durch das “Untereinanderbleiben“
und die damit einhergehende Ausgrenzung
eines – fiktiven - “fremden“
oder “unreinen“ Blutes: dem
Blut des Juden. Die Säkularisierung
des Reinheitsbegriffs zeigte sich besonders
deutlich an der Umdeutung des Begriff
der “Blutschande“. Hatte diese
einst die “Sünde“, mit
dem eigenen Blut zu verkehren, bezeichnet
- also den Inzest - so findet im deutschen
Sprachraum im Verlauf des 19. Jahrhunderts
eine genaue Umkehrung statt, die aus der
“Blutschande“ die “Sünde“
des Verkehrs mit dem anderen, dem fremden,
Blut werden lässt. Wo aber der Begriff
der “Blutschande“ in diesem
Sinne auftaucht, ist mit dem “fremden“
Blut immer das jüdische gemeint.Parallel
zur Abgrenzung gegen das fremde Blut des
Juden fand eine Aufwertung des eigenen
Blutes statt, die sich - auch das spiegelt
die Geschichte des Begriffs der “Blutschande“
wider - in einer Aufweichung des Inzestverbots,
ja mehr noch: in einer Idealisierung des
Geschlechtsverkehrs mit den Frauen “des
eigenen Blutes“ niederschlug. Das
verdeutlicht ein literarischer Topos,
der ab etwa 1800, vor allem im deutschsprachigen
Raum, immer häufiger auftaucht: das
Motiv einer Liebesbeziehung zwischen Bruder
und Schwester. Der Topos erscheint in
vielen Variationen [28] - und fast immer
werden die Geschwister als „Erwählte“
beschrieben, was schon einen deutlichen
Hinweis auf die christliche Erbschaft
gibt und an das traditionelle Streben
des Christentums erinnert, das jüdische
Volk als “erwählte Gemeinde“
abzulösen. Den säkularen Judenfeinden
geht es nun aber nicht darum, eine “erwählte
Glaubensgemeinde“ zu bilden, sondern
das erwählte Volk“ zu verkörpern.Bei
Richard Wagner ist die religiöse
Dimension des Bruder-Schwester-Inzests
unübersehbar: Wenn das Geschwisterpaar
Siegmund und Sieglinde miteinander Siegfried
zeugt, so soll auf diese Weise der “unbefleckte“
Ursprung dieser “deutschen Christusfigur“,
die Reinheit des Blutes, die Siegfried
zum Auserwählten, ja Gottessohn macht,
bewiesen werden. Bei anderen Autoren ist
das Motiv irdischer. Dennoch bleibt auch
dort die religiöse Dimension deutlich
spürbar. Ganz offenkundig ist dies
in Thomas Manns Roman “Der Erwählte“,
deutlich aber auch in Robert Musils “Mann
ohne Eigenschaften“, wo das Geschwisterpaar
Ulrich und Agathe von ihrer Liebesbeziehung
die “unio mystica“ oder “den
anderen Zustand“ der Mystiker erhoffen,
den Ulrich zuvor vergeblich in der Religion
und in der Mathematik gesucht hat. In
dem Trivialroman von Frank Thiess “Die
Verdammten“ taucht das Motiv in
ganz ähnlicher Weise auf: Erst die
Vereinigung der Geschwister, so heißt
es an einer Stelle, ermögliche es
den Menschen, “auserwählt“
und “Gott ganz nahe zu sein“.
[29] Wie eng dieses Reinheitsideal wiederum
mit Judenhass und den Traditionen des
Christentums zusammenhängt, das zeigt
sich nicht nur daran, dass in den literarischen
Werken Juden sehr oft als Gegenfiguren
zu den “erwählten“ Geschwistern
auftauchen; der Zusammenhang von “Reinheit“
und Judenfeindlichkeit zeigt sich auch
an den vielen Bildern, in denen die Eindeutigkeit
- und das heißt die Befreiung von
der Vieldeutigkeit und vom Zweifel - als
“Reinheit“ beschrieben wird:
“Durch Reinheit zur Einheit“
war eines der Schlagworte des altdeutschen
Antisemiten Georg von Schönerer.Die
religiöse Dimension des Inzest-Topos
zeigt sich aber auch an der Bedeutung,
die in den literarischen Werken dem „Opfer“
beigemessen wird. Die Liebesbeziehungen
in den Romanen und Novellen enden zumeist
tragisch; und fast immer beinhaltet die
Tragödie (die zugleich die “Erfüllung“
darstellt), daß die Geliebte/Schwester
ihr Leben lässt; oder ihr “Ich“
auf dem Altar des “Wirs“,
der Gemeinsamkeit opfert. Da ihr Blut
makellos ist, weil es keine Vermischung
mit “fremdem“ Blut erfahren
hat, ist durch ihren Tod die Erlösung
gesichert. So kommt im Inzestmotiv auch
das Ideal eines verweltlichten Menschenopfers
zum Ausdruck: “Die Sünde wider
Blut und Rasse,“ so sagte Hitler,
“ist die Erbsünde dieser Welt
und das Ende einer sich ihr ergebenden
Menschheit. [30] “ Durch eine Liebesbeziehung,
die den eigenen Untergang beinhaltet,
reinigt die Schwester den Bruder/Geliebten
von dieser “Erbsünde“.
Mit der Säkularisierung vollzieht
sich also ein Wandel, bei dem die christlichen
Reinheitsvorstellungen in Vorstellungen
einer weltlichen Reinheit - oder Reinlichkeit
- übergehen und bei dem aus der christlichen
Forderung nach Keuschheit die Forderung
nach Geschlechtsverkehr mit dem eigenen
Blut wird. Das Jungfräulichkeitsideal
verlagert sich auf das Ideal einer reinen
Beziehung zur Schwester. Paradoxerweise
findet bei dieser Verweltlichung aber
eine Annäherung an die Gesetze der
jüdischen Religion statt, der das
Askese-Ideal schon deshalb fremd ist,
weil sich - zumindest traditionell - als
Jude definiert, wer eine Jüdin zur
Mutter hat. Indem nun der Arier den “Volkskörper“
sakralisiert und die Frau zur Symbolträgerin
dieses Volkskörpers erhebt, versucht
er, auch die christliche “Glaubensgemeinschaft“
in eine erbliche oder völkische Gemeinschaft
zu überführen, so daß
(wie in der jüdischen Tradition [31]
) Religions- und Volkszugehörigkeit
miteinander einhergehen.
Die
zweifache „Assimilation“
Im
Allgemeinen wird unter “Assimilation“
die enorme Anpassungsleistung der Juden
an die deutsche Gesellschaft verstanden.
Tatsächlich fand aber - gerade durch
den Vorgang der Verweltlichung - auch
eine “Assimilation“ der christlichen
Religion an die Gesetze der jüdischen
statt: eine Angleichung, die die Rivalität
der nicht durch Zufall sich selbst als
“völkisch“ bezeichnenden
arischen Religion mit dem jüdischen
Volk um die ‘Erwähltheit“
um vieles steigerte.In demselben Zeitraum
fand aber auch eine Assimilation der Geschlechter
statt, für die das Ideal der Geschwisterliebe
nur ein Ausdruck ist. Die Assimilation
zeigte sich nicht nur an der so oft beschworenen
“Vermännlichung“ der
Frau, sondern auch - und vielleicht in
größerem Maße - an den
Ansprüchen des männlichen Geschlechts
auf „Weiblichkeit“, wie es
sich nicht nur am Beispiel Weiningers
darstellen ließe. [32] Dieser Aspekt
der Assimilation, der auch als Aneignung
von jüdischer oder weiblicher Identität
zu umschreiben wäre, mag erklären,
weshalb sich sowohl Juden als auch Frauen
- trotz Emanzipation - als “Fremdkörper“
im deutschen Volk empfanden. Die Parallelen
in dieser Hinsicht sind auffallend: Viele
Sätze aus den Erinnerungen von Jakob
Wassermann “Mein Weg als Deutscher
und Jude“ [33] könnten auch
in den Texten von Frauen stehen, die Anfang
dieses Jahrhunderts um das Stimmrecht,
um das Recht auf Bildung oder um die Anerkennung
als Anwältinnen, Ärztinnen,
Staatsbürgerinnen kämpften.
(Die deutschen Universitäten gehörten
zu den letzten in Europa. die Frauen zum
Studium zuließen). Ich will nur
einige Beispiele dafür anführen,
wie leicht das Wort “Jude“
in Wassermanns Schrift durch das Wort
“Frau“ zu ersetzen wäre.
Er zitiert zum Beispiel Fontane, der sagt:
“Ich liebe die Juden, aber regieren
will ich mich nicht von ihnen lassen.“
(“Ich liebe Frauen, aber regieren
will ich mich nicht von ihnen lassen ...“).
Auch wenn Wassermann berichtet, daß
er “die Seele der deutschen Welt“
nie ganz zu überzeugen vermochte,
erinnert das an die vergeblichen Kämpfe
von Frauen, die Vorurteile gegen das weibliche
Geschlecht zu überwinden:“Ich
musste sie von Leistung zu Leistung von
mir und meiner Sache überzeugen,
ich musste die glühendste Überredung,
die äußerste Anstrengung aufwenden,
wo andere sich mit einem “seht her“
begnügen durften. ... Sie konnten
gelegentlich auf den Kredit hin lässig
werden; ich musste mich stets wieder legitimieren,
stets mit meinem ganzen Vermögen
einstehen wie einer, dem es nicht erlaubt
ist, sässig zu sein und auf erworbenem
Grund zu ackern und zu ernten.“Wenn
Wassermann wiederum von „jenem in
den Volkskörper gedrungenen dumpfen,
starren, fast sprachlosen Hass“
spricht, von dem “der Name Antisemitismus
fast nichts aussagt, weil er weder die
Art, noch die Quelle noch die Tiefe, noch
das Ziel zu erkennen gibt“, so erinnert
dieser Hass an die Gefühle, die frühere
Jahrhunderte weiblicher Andersartigkeit
entgegengebracht hatten:“Gier und
Neugier sind in ihm, Blutdurst, Angst
verführt zu werden, Lust am Geheimnis
und Niedrigkeit der Selbsteinschätzung.
Er ist in solcher Verquickung und Hintergründigkeit
ein besonderes deutsches Phänomen.
Es ist ein deutscher Hass.“Am deutlichsten
- und vielleicht am aufschlussreichsten
für die Moderne - wird für mich
die Parallele aber da, wo Wassermann von
seiner inneren Gespaltenheit in den Jugendjahren
spricht und die Reaktionen seiner Psyche
auf die Gewalt beschreibt, der er sich
ohnmächtig ausgesetzt fühlte:
“Ich hatte den Forderungen, mit
denen man meine Natur vergewaltigen wollte,
nur Trotz entgegenzusetzen, schweigenden
Trotz, schweigendes Anderssein.“
In den Jahrzehnten der “Assimilation“
entstand in den Industrieländen eine
neue “Frauenkrankheit“, die
diesem “schweigenden Trotz“
sehr ähnelt: die Magersucht, die
Symptombildung des “Unsichtbar-Werdens“
und des „schweigenden Anders-Seins“
die ihrerseits als Versuch umschrieben
werden kann, sich der gewaltsamen Aufdrängung
einer fremden “Natur“ zu entziehen.
[34]
Weibliche
und jüdische “Fremdkörper“
Mit
der “Assimilation“ wuchs -
bei Juden wie bei Frauen - die Empfindung,
ein “Fremdkörper“ zu
sein: kein Fremdkörper für die
anderen, sondern ein dem Ich entfremdeter
Körper. Dieses Gefühl entsprach
den Zuschreibungen an beide. Denn in dem
Maße, in dem Christen den Juden
zu gleichen und Männer sich mit Frauen
zu identifizieren begannen, nahm auch
das Bedürfnis zu, Frauen und Juden
als “Andere“ neu zu definieren:
als das Nicht-ich, das dem Ich Abgrenzung
und damit die notwendige Seinsbestätigung
liefert. Was die Frau betrifft, geschieht
diese Aufdrängung einer neuen Andersheit
einerseits durch die Auferlegung der „Opferrolle“
- der “Tod“ als das “Andere“
schlechthin - andererseits aber auch durch
die Fabrikation eines imaginären
Frauenbildes, das Leidenschaft und Fleischeslust
bedeutet: eines Frauenbildes, das hundert
Jahre zuvor noch als Rechtfertigung für
die Hinrichtung von Frauen auf den Scheiterhaufen
gedient hatte. Nunmehr umgibt dieses Bild
einer triebhaften “weiblichen Natur“
die Aura der “Lebendigkeit“.
Es entstehen die Carmens, Judiths und
Salomes: Frauengestalten, die im 20. Jahrhundert
zur Norm “echter Weiblichkeit“
werden sollten - einer Weiblichkeit, die
von vielen Frauen wiederum als der “Fremdkörper“
erfahren wird, auf dessen “Fleischeslust“
sie mit dem Aushungern oder Erbrechen
ihres Körpers reagieren.Das jüdische
“Nicht-ich“ entstand durch
die Fabrikation eines Bildes vom “Anderen“,
das nicht minder libidinös besetzt
war als die Gestalt der Carmen, das aber
von Gefühlen des Hasses bestimmt
wurde. Auch dieses Bild des “Anderen“
stützte sich (wie bei Carmen) auf
“Natur-Theorien“ eines “rassigen
Körpers“ und eines “heißen
Blutes“. (So kann es auch nicht
als Zufall betrachtet werden, daß
Prosper Mérimées “Carmen“
im Jahre 1845 erschien, also fast zeitgleich
mit dem ersten Text des rassistischen
Antisemitismus: Richard Wagners Schrift
„Das Judentum in der Musik“).
Das neue Feindbild des „Juden“
bildete sich nach demselben Muster der
projektiven Umkehrung, das auch dem christlichen
Antijudaismus eigen war: Wurde in den
christlichen Ritualmordbeschuldigungen
den Juden unterstellt, christliches Blut
zu trinken, so gehörte im rassistischen
Antisemitismus gerade der Inzest zu den
typischen Vorwürfen gegen die Juden:
so bei Wilhelm Marr, dem Erfinder des
Wortes “Antisemitismus“; [35]
so aber auch bei Houston Stewart Chamberlain,
der paradoxerweise sowohl die “Vermischung“
mit anderen Völkern als auch die
“Inzucht“ für die “Degeneration“
der jüdischen Rasse verantwortlich
macht; [36] ähnlich auch bei Arthur
Dinter, dem Verfasser des ersten Rassenromans
“Die Sünde wider das Blut“.
[37] Der “Völkische Beobachter“
schließlich bezeichnete den Inzest
als zur “Natur des Juden“
gehörig und begründete damit
die Notwendigkeit der “Rassengesetze“.
[38] Die Stereotypen jüdischer “Andersheit“
sollten die Assimilation - sowohl die
uneingestandene der Christen als auch
die eingestandene der Juden - rückgängig
machen und “den Juden“ als
“Anderen“ wieder “sichtbar“
werden lassen. Die physische Verfolgung
führte dieses Phantasma der Sichtbarmachung
weiter: Durch die Verfolgung hoffte der
Antisemit, den imaginären “Ewigen
Juden“ seiner Phantasie in eine
Gestalt aus Fleisch und Blut zu verwandeln.
Die physische Bedrohung der Juden sollte
den “Gefühlen“ beweisen,
daß der “Jude“ seiner
Phantasiewelt tatsächlich existierte.
Für den Arier wurde der Tod zum einzigen
sicheren, weil realen Mittel der Unterscheidung
wischen sich und dem Juden: Die Gewissheit,
daß “der Jude“ verschieden
ist, hatte der Arier erst dann, wenn alle
Juden endgültig verschieden - also
verstorben - waren. [39] Hier trifft sich
aber im rassistischen Antisemitismus das
Bild des Juden auf seltsame Weise erneut
mit dem der Frau, der mit der Säkularisierung
des Christentums die Rolle zugeschrieben
worden war, das “Opfer des Todes“
zu bringen. Vom Untergang der Frau wie
von dem des Juden erhoffte sich der Arier
die “Erlösung“ - allerdings
eine sehr unterschiedliche Art der Erlösung.
Im Opfertod der Frau verwirklichten sich
die Phantasien der Säkularisierung:
in der Verfolgung des “Juden“
aber offenbarte sich der Schrecken vor
der Säkularisierung, die Angst vor
dem Untergang Gottes, des “Anderen“,
der dem Ich die Seinsbestätigung
liefert. Während der Opfertod der
Frau, oder das Verschwinden ihrer Andersartigkeit
auf dem Altar des “Wirs“,
das “Ewige Leben‘ der weltlichen
Gemeinschaft zu garantieren hatte, sollte
der Tod des Juden den Arier vor dem Untergang
der eigenen Identität bewahren: vor
der “Assimilation“ - dem Unsichtbarwerden
des Juden und damit auch des Christen.
Eben deshalb ergänzten sich aber
auch diese beiden Vorstellungen von “Erlösung“:Die
Verwirklichung der Säkularisierungsphantasien
fiel umso leichter, als der Arier den
Juden zum Todbringer der Frau erklären
und ihm gleichsam den Auftrag erteilen
konnte, die “Kreuzigung“ herbeizuführen:
in Form von “Rassenschande“.
Dieses “Verbrechen“ diente
dem Arier wiederum als Rechtfertigung
für die Verfolgung des Juden:Durch
sie sollte der Jude wieder zum „Anderen“
werden und den Arier seiner Identität
vergewissern - eine Identität, die
der Christ immer und vor allem in der
Abgrenzung gegen den Juden gesucht hatte.
--------------------------------------------------------------------------------
[1]
Otto Weininger. Geschlecht und Charakter.
Wien und Leipzig 1917 (16.Aufl.), S. 415
f. (Ersterscheinen 1903).
[2]
Ebd., S. 449 f.
[3]
Ebd., S. 449.
[4]
Ebd., S. 450.
[5]
Vgl. Christina von Braun. Männliche
Hysterie - Weibliche Askese. Zum Paradigmenwechsel
der Geschlechterrollen. In: Dies., Die
schamlose Schönheit des Vergangenen.
Zum Verhältnis von Geschlecht und
Geschichte. Frankfurt a.M. 1989, S. 51
ff.
[6]
So taucht die Frauen zugewiesene Opfer-
und Erlöserrolle, auf die ich noch
zu sprechen komme, fast sofort mit der
Entstehung dieser Zuschreibungen um 1800
auch in den von Frauen geschriebenen Texten
auf: in Deutschland bei Karoline von Günderode;
in England bei den Bronte-Schwestern,
um nur diese Beispiele zu nennen. In beiden
Fällen ging die literarische Umsetzung
des Opfer- Motivs auch einher mit einer
Faszination für den realen Tod. Karoline
von Günderode nahm sich mit 26 Jahren
das Leben, und die Pastorentochter Emily
Bronte starb dreißigjährig
“mit fast selbstmörderischer
Entschlossenheit an Tuberkulose“,
wie zwei ihrer Biographinnen geschrieben
haben. Vgl. Elsemarje Maletzke und Christel
Schütz (Fig.), Die Schwestern Bronte,
Leben und Werk in Texten und Bildern.
Frankfurt a.M. 1985. S. 17.
[7]
Otto Weininger, a.a.O S. 423.
[8]
Ebd., S. 423.
[9]
vgl. Sander L. Gilman. Freud, race and
gender. Princetori. N.J. 1993. Gilman
ist ausführlich auf den Zusammenhang
Beschneidung, Weiblichkeit und Antisemitismus
eingegangen
[10]
Hans F.K. Günther. Ritter, Tod und
Teufel. Der heldische Gedanke. München
1924 (2. Aufl.). S. 68.
[11]
Richard von Krafft-Ebing. Psychopathia
Sexualis. München 1984 (Reprint),
S. 12 f. (Ersterscheinen 1886).
[12]
Havelock Ellis. The mechanism of detumescence.
Studies in the psychology of sex. Vol.
V. Kingsport, Tenn. 1942, S. 132 (Ersterscheinung
1906).
[13]
Otto Weininger, a.a.O., S. 114 ff.
[14]
Ebd., S. 418.
[15]
Ebd., S. 116.
[16]
Ebd., S. 442 f.
[17]
Nicht durch Zufall handelt es sich oft
um Frauengestalten aus dem Alten Testament:
In diesem Frauentypus spiegelt sich das
stereotype Frauenbild der “Schönen
Jüdin wider, das im 19. Jahrhundert
eine wichtige Rolle spielt, nach 1900
aber fast völlig verschwindet. Ich
vermute, es verschwand aus verschiedenen
Gründen: 1. weil im antisemitischen
Zusammenhang “der Jude‘ an
sich schon zunehmend “feminisiert“,
mit Weiblichkeit gleichgesetzt wurde,
eine Zuschreibung, die mit dem Bild der
“Schönen Jüdin“
in Konflikt geraten musste; 2. weil das
Bild der Carmen oder der ‘Schönen
Jüdin‘ um etwa 1900 bestimmend
werden sollten für die Vorstellung
“ echter Weiblichkeit. Diese Idealisierung
der Jüdin musste wiederum in Konflikt
mit den zeitgenössischen Vorurteilen
gegen den Juden geraten.
[18]
Vgl. Christina von Braun. Von Liebeskunst
zur Kunst-Liebe. Don Juan und Carmen.
In: Dies., Die schamlose Schönheit
des Vergangenen. A.a.O., S. 37 ff.
[19]
Der Prozess ist eine genaue Umkehrung
der “Erotisierung“ der Askese,
die für das Mittelalter bezeichnend
war. Nunmehr wird aber die Erotik selbst
“verklärt“, indem sie
Gesetzen der Askese und der “Reinheit“
unterworfen wird. Von dieser weltlichen
“Reinheit“ wird noch die Rede
sein.
[20]
Elisabeth Bronfen. Die schöne Leiche.
In: Renate Berger und Inge Steph: (Hg.),
Weiblichkeit und Tod in der Literatur.
Köln und Wien 1987: s. a. Dies.,
Over her dead bodv. Death feminity and
the aesthetic. Manchester1992.
[21]
Vgl. Christina von Braun und Ludger Heid
(Hg.). Der Ewige Judenhaß. Bonn
und
Stuttgart 1990, S. 169 ff.
[22]
Eric Voegelin hat als einer der ersten
den Nationalsozialismus als „politische
Religion“ bezeichnet. Folgt man
der Verweltlichung der christlichen Metaphern
in der arischen Heilslehre, so scheint
es gerechtfertigt von einer „arischen
Religion“ zu sprechen. Dieses religiöse
Element erklärt m.E. auch die Anziehungskraft,
die die ansehe Heilslehre auf viele Menschen
ausgeübt hat. Vgl. Eric Voegelin.
Die politischen Religionen. München
1992. (Ersterscheinen 1938).
[23]
Lydia Gottschewski. Männerbund und
Frauenfrage. Die Frau im neuen Staat.
München 1934, S. 41 f. (Den Hinweis
auf diesen Text verdanke ich Edith Watts).
[24]
Ebd., S. 37 f.
[25]
Vgl. z.B. Lerke Gravenhorst und Carmen
Tatschmurat (Hg.). TöchterFragen
NS-FrauenGeschichte. Freiburg i.Br. 1990.
[26]
Aurelius Augustinus. Über die Dreifaltigkeit.
IV. Buch, II. Teil, 4. Abschnitt: XIV,
19.
[27]
Theodor Fritsch. Antisemiten-Katechismus
Eine Zusammenstellung des wichtigsten
Materials zum Verständnis der Judenfrage.
Leipzig 1887, S. 313
[28]
Vgl. Christina von Braun. Die “Blutschande“.
Wandlungen eines Begriffs: Vom Inzesttabu
zu den Rassegesetzen. In: Dies. Die schamlose
Schönheit des Vergangenen; a.a.O.,
S 81.
[29]
Frank Thiess. Die Verdammten; Berlin o.J.
(1922), S. 410 f.
[30]
Adolf Hitler. Mein Kampf, Ungekürzte
Ausgabe, München ???
[31]
Auch in diesem Zusammenhang ist der Begriff
der ‘Reinheit“ und seine Säkularisierung
von eminenter Bedeutung. Mary Douglas
schreibt: “Wenn die vorgeschlagene
Interpretation zutrifft, dann waren die
Speisegesetze wie Zeichen, die in jeden
Moment zum Nachdenken über die Einheit,
Reinheit und Vollkommenheit Gottes anregten.
Die Meidungsvorschriften verliehen der
Heiligkeit bei jeder Begegnung mit dem
Tierreich und bei jeder Mahlzeit einen
physischen Ausdruck. So gesehen, erscheint
die Einhaltung der Speisegesetze als bedeutungsvoller
Teil des großen liturgischen Aktes
der Anerkennung und Anbetung, der im Tempelopfer
kulminierte.“ Marv Douglas. Reinheit
und Gefährdung. Eine Studie zu Vorstellungen
von Verunreinigung und Tabu. (Ubers. v.
Brigitte Luchesi). Frankfurt a.M. 1988.
S. 78. Unschwer lässt sich ablesen,
daß der Antisemitismus mit seinem
Schlagwort “Durch Reinheit zur Einheit‘
(bewusst oder unbewusst) an diese Vorstellung
von Heiligkeit anzuschließen versuchte,
um der eigenen Sache einen “heiligen“,
„religiösen“ Charakter
zu verleihen. Auf der anderen Seite scheint
mir die sehr verbreitete Interpretation
der Beschneidung mit “Hygienemaßnahme“
entweder auf einem Missverständnis
des Begriffs der “Reinheit“
zu beruhen (“Reinheit“ wird
mit “Reinlichkeit“ gleichgesetzt)
oder aber sogar dem Versuch zu entsprechen,
die Beschneidung ihres religiösen
Gehalts zu entleeren und ihr eine weltliche
Bedeutung zu verleihen.
[32]
Sartre hat den Typus des männlichen
Hysterikers meisterhaft am Beispiel von
Gustave Flaubert dargestellt. Vgl. Jean
Paul Sartre. Der Idiot der Familie. Gustave
Flaubert, 1821-1857, (Deutsch von Traugott
König). Reinbek 1977.
[33]
Jakob Wassermann. Mein Weg als Deutscher
und Jude (1921). In: Ders. Deutscher und
Jude. Reden und Schriften 1904- 1933,
hg. v. Dierk Rodewald, Heidelberg 1984.
Die folgenden Zitate befinden sich auf
den Seiten 37, 88 f., 60, 51.
[34]
Vgl. Christina von Braun, Das Kloster
im Kopf. Weibliches Fasten von mittelalterlicher
Askese zu moderner Anorexie. In: Karin
Flaake und Vera Kling (Hg.), Weibliche
Adoleszenz. Frankfurt a.M. 1992.
[35]
Wilhelm Marr. Der Judenspiegel. Hamburg
1862, S. 43.
[36]
Houston St. Chamberlain. Die Grundlagen
des XIX. Jahrhunderts. Bd. 1. (11. Auflage).
München 1909, S. 441.
[37]
Artur Dinter. Die Sünde wider das
Blut. Leipzig 1927, S. 210. (Ersterscheinen
1917).
[38]
Vgl. Hans-Georg Stümke und Rudi Finkler.
Rosa Winkel- Rosa Listen. Homosexuelle
und “gesundes Volksempfinden“
von Auschwitz bis heute. Reinbek
1981, S. 284.
[39]
Dieser Aufsatz stellt nicht den Versuch
dar, die Shoah zu “erklären“.
Zwischen den Phantasmen des rassistischen
Antisemitismus und der Realität der
“Endlösung“ besteht ein
Abgrund, den auch dieses Erklärungsmuster,
das die Verweltlichung der Religion zum
Inhalt hat, nicht zu erhellen vermag.
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