A.G.Gender-Killer
 
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|||||||||||||||||||||| Sexismus und Rassismus/Antisemitismus  
   
Geschichte der Unsichtbaren
Frauen in Konzentrationslagern
Helga Embacher

Die Geschichte der Frauen in den Konzentrations- und Vernichtungslagern wurde bisher erst in Ansätzen geschrieben. Obwohl Männer und Frauen ähnlichen Bedingungen ausgesetzt waren und die nationalsozialistische Vernichtungspolitik auf die Vernichtung von Jüdinnen und Juden, Zigeunerinnen und Zigeunern abzielte, wurde der Terror nicht nur je nach Häftlingskategorie, sondern auch nach Geschlecht unterschiedlich erlebt. Auch wenn es sich vielfach um Gerüchte handelte, prägte die Angst vor Vergewaltigungen das Leben von Frauen im Ghetto, im Konzentrations- und Vernichtungslager und selbst nach der Befreiung. Wie Joan Ringelheim (1) aufzeigte, wurden wesentlich mehr Frauen als Männer aus den Ghettos in die Vernichtungslager deportiert; zum einen waren sie im »Ältestenrat« nur ganz selten vertreten und konnten somit auch keine Entscheidungen über Deportationen oder über die Verteilung von Arbeit und Ressourcen treffen, zum anderen wurden vor allem junge Frauen mit Kindern als »unbrauchbar« betrachtet: Ghettos existierten dank der Arbeit gesunder Männer. Obwohl wesentlich mehr Frauen als Männer in Konzentrations- und Vernichtungslagern deportiert wurden, waren in Auschwitz-Birkenau nur ein Drittel der Überlebenden Frauen, in Treblinka und Sobibor überlebten nur ganz wenige Frauen, in Belzec und Kulmho keine. Frauen waren mit den schlechtesten Lagerbedingungen konfrontiert – die Bedingungen im Frauenlager Birkenau galten beispielsweise als die schlimmsten – und hatten im Vergleich zu männlichen Häftlingen weniger Möglichkeiten, durch die Einteilung in ein Arbeitskommando der Ermordung zu entgehen. Sie waren, sofern es sich um Mütter mit Kindern handelte, dem sofortigen Tod ausgesetzt.

Mütter mit Kindern unter 16 Jahren gingen in der Regel mit diesen in den Tod, jene Mütter, die überlebten, weil sie sich von ihren Kindern trennen konnten oder diese ihnen gewaltsam entrissen worden waren, wurden von Schuldgefühlen geplagt; manche wollten oder konnten nicht mehr weiterleben. In der Regel hatte auch die Geburt eines Kindes den Tod der Mutter zur Folge, wobei Mutter und Kind vorher oft noch brutalen Experimenten ausgesetzt waren. Frauen wurden dadurch auch gezwungen, über Leben und Tod zu entscheiden. Um die Mutter zu retten, musste die Geburt eines Kindes geheimgehalten und das Kind getötet werden. Ärztinnen, Hebammen und Mütter selbst wurden zu »Kindsmörderinnen«. Die historische, philosophische oder religiöse Forschung behandelte das Thema vorwiegend jedoch so, als bestünde zwischen Männern und Frauen kein Unterschied. Schriftsteller wie Primo Levi, Elie Wiesel, Jean Amery oder Jorge Semprum gelten als literarische Zeugen der Shoah. Die mittlerweile sehr bekanntgewordene Ruth Klüger – sie überlebte mit ihrer Mutter als Kind Auschwitz – beklagte sich, dass weiblichen Überlebenden weniger zugehört wurde, dass Kriege und Kriegserinnerungen von den Männern beansprucht würden: »Ich erzähle auch welche, Geschichten mein ich, wenn man mich fragt, aber es fragen wenige. Die Kriege gehören den Männern, daher auch die Kriegserinnerungen. Und der Faschismus schon gar, ob man nun für oder gegen ihn gewesen ist: reine Männersache. Außerdem: Frauen haben keine Vergangenheit. Oder haben keine zu haben. Ist unfein, fast unanständig.« (2) Obwohl Ruth Klüger häufig rezensiert wurde, finden sich selten Hinweise auf ihre feministische Sicht der Verfolgung, des Überlebens und des Leben danach.

Auffallend ist auch, dass die KZ-Forschung weit gehend von männlichen Forschern betrieben wurde. Wissenschaftlerinnen haben sich nur selten mit der Problematik der

Ghettos, Konzentrations- und Vernichtungslager beschäftigt. Im Zentrum der Forschung stand dabei der weibliche Widerstand, während etwa »nur« Jüdinnen, die größte Gruppe der weiblichen Opfer, lange übergangen wurden. Dies erlaubte es auch, von der weiblichen Mitbeteiligung am Nationalsozialismus sowie vom weiblichen Antisemitismus abzusehen und letztendlich alle Frauen als Opfer des von Männern geprägten Nationalsozialismus darzustellen. In Österreich und Deutschland sind überlebende Frauen selbst kaum – und wenn, dann sehr spät – an die Öffentlichkeit getreten. Die Wiener Jüdin Lucie Begow hatte ihr Manuskript über ihre Erfahrungen in Auschwitz schon kurz nach dem Krieg fertiggestellt, das Buch wurde jedoch erst 1983 publiziert. Ella Lingens – eine Wiener Ärztin, die verhaftet wurde, weil sie Juden versteckt hatte – verfasste bereits 1948 in englischer Sprache einen Bericht über ihre Erfahrungen als Ärztin in Auschwitz. Während der Frankfurter Auschwitz-Prozesse (1963-1965) zeigte ein deutscher Verlag an Lingens Buch Interesse, doch hätte der Text dafür umgearbeitet werden müssen, wofür sie sich damals psychisch nicht imstande fühlte.

Wie in der allgemeinen Bearbeitung der KZ-Problematik hob die Forschung auch bei den weiblichen Häftlingen die politisch Verfolgten und deren Bedeutung für den Widerstand hervor, während Zigeunerinnen, Prostituierte, Bibelforscherinnen, sogenannte »Asoziale« oder österreichische Sloweninnen und vor allem auch »nur« Jüdinnen lange ausgeklammert blieben. Selbst wenn es sich bei Widerstandskämpferinnen um Jüdinnen gehandelt hatte, wurde ihre jüdische Herkunft – häufig auch von den Betroffenen selbst – weit gehend ignoriert. Wenig Wissen besteht auch über das Leben und Überleben von osteuropäischen Jüdinnen, die nach 1945 großteils ihre Heimat verlassen haben und in den unmittelbaren Nachkriegsjahren als so genannte »Displaced Persons« in Europa herumgeschoben wurden. Einige Tausend ließen sich in Deutschland und Österreich nieder. In Österreich trat mit Schochana Rabinovici 1994 erstmals eine Vertreterin dieser Gruppe mit ihren Erinnerungen vor eine deutschsprachige Öffentlichkeit (3).


Zur weiblichen Häftlingsgesellschaft

In den Konzentrationslagern trafen völlig unterschiedliche Welten aufeinander, Menschen die vor dem Lager in völlig unterschiedlichen Lebenswelten gelebt hatten, mussten plötzlich auf engstem Raum zusammen »leben«. Die Betroffenen r eagierten mit Unverständnis, Abgrenzungen, Abwehr oder auch Arroganz. Dies verurteilte jene, die in der Lagerhierarchie die untersten Plätze einnahmen, zum Schweigen. Wie die Schriftstellerin Mira Lobe in einer Kurzgeschichte thematisierte, musste die Jüdin Mina selbst in Israel eine Geschichte ihres Überlebens erfinden. Um nach der Shoah weiterleben zu können, wagte sie es nicht, ihr wahres Schicksal, nämlich jenes vom Mädchen, das ins Lagerbordell geschickt wurde, preiszugeben.

Eine Sonderstellung nahmen die deutschen, die so genannten »arischen« Häftlinge, aber auch die deutschen Jüdinnen ein. Viele Häftlinge hassten alles, was deutsch war, auch wenn es sich dabei um Jüdinnen handelte. Deutsche und österreichische Häftlinge, unter ihnen auch Jüdinnen, fühlten sich zumeist trotz der Shoah der deutschen Kultur verbunden und betrachteten sich mitunter auch als Angehörige einer »höherwertigen« oder zivilisierteren Kultur. Schoschana Rabinovici erlebte deutsche Frauen »erfüllt mit deutscher Kultur«, die manchmal Lieder sangen oder klassische deutsche Lyrik deklamierten. Ella Lingens schrieb, dass deutsche Häftlinge selbst noch in Auschwitz die deutsche Ordnung und Disziplin verteidigten und vor Uniformen Achtung zeigten. Deutsche Jüdinnen nahmen dadurch eine äußerst ambivalente Rolle ein. In der Hierarchie ganz unten und oben zugleich, als Jüdinnen gefährdet, als Deutschsprachige teilweise bevorzugt. Bei vielen Abgrenzungsversuchen und Vorurteilen ging es letztendlich jedoch um das Bewahren der eigenen Identität. Der Glaube an Stalin, an Jehova, an Polen oder an die deutsche Kultur und Sprache durfte nicht aufgegeben werden, um nach all den Demütigungen zumindest noch einen letzten Rest von Identität bewahren zu können und auch um dem Leiden im Konzentrationslager Sinn zu verleihen. Diese Sinngebung war auch für das Weiterleben nach der Befreiung von großer Bedeutung. Im Unterschied zu politisch geschulten Frauen oder auch zu Bibelforscherinnen konnten unpolitische Frauen, wie so genannte »Polenliebchen« oder Frauen, die der »Sippenhaft« zum Opfer gefallen waren, auch nach ihrer Befreiung keine Erklärung für ihre Internierung finden. Manche suchten mitunter die Schuld für ihre Verhaftung bei sich selbst, zumal ja viele Vorurteile auch nach 1945 fortlebten und ihnen zum Teil bis heute eine Wiedergutmachung und somit eine gesellschaftliche Anerkenung ihres Leidens verwehrt blieben.


Die Bedeutung der Bewahrung von weiblicher Identität unter Extrembedingungen

Weibliche Häftlinge, und hier vor allem Jüdinnen, wurden nicht nur ihres Mensch-Seins, sondern auch ihrer Weiblichkeit, ihres Frau-Seins beraubt. Die Aufrechterhaltung von weiblicher Identität kann somit auch als Überlebensstrategie gesehen werden. In sämtlichen Biographien und Interviews wurde immer wieder der Schock über den Verlust von Weiblichkeit, aber auch das Bemühen um eine Aufrechterhaltung von weiblicher Identität unter Extrembedingungen beschrieben. Auch Männer schildern das Abrasieren der Haare als besondere Demütigung, doch kam diesem Vorgehen bei Frauen noch eine zusätzliche Bedeutung hinzu: Haare galten und gelten als Symbol von Weiblichkeit, Attraktivität und Sexualität, sexuelles »Fehlverhalten« wurde im Laufe der Geschichte häufig mit Kahlscheren bestraft (Frauen, die der sexuellen Beziehungen zu Zwangsarbeitern verdächtigt wurden, wurden mitunter kahlgeschoren durch das Dorf getrieben). Während fast alle Jüdinnen geschoren wurden, durften andere Frauen die Haare behalten, sofern sie keine Läuse hatten. – »Wir sahen aus wie Affen. Es waren so schöne Frauen unter uns, mit dem Haar war alles dahin,« schrieb Grete Salus über den Verlust ihrer Haare (4). Sie bemerkte auch, dass sie froh war, von den Männern nicht gesehen zu werden. Das Abrasieren der Haare wurde im Lager auch als Strafe, Drohung oder Einschüchterung eingesetzt. Neben dem Verlust der äußeren Zeichen von Weiblichkeit setzte bei vielen Frauen die Menstruation aus, was angesichts der Bedingungen im KZ nicht nur als Erleichterung erlebt wurde. – »Es tut weh, die unreinen Tage nicht mehr zu haben, man fühlt sich nicht mehr als Frau, man gehört schon zu den Alten,« schrieb Fania Fenelon. (5) Frauen beschäftigte auch die Frage, ob sie danach wiederkommen würde. Einige Frauen berichteten, dass bei ihnen die Menstruation nach einer Verbesserung der Lagerbedingungen wieder eingesetzt hatte, bei anderen kam sie auf dem Heimweg, bei anderen einige Monate, oft erst ein Jahr, später. Viele litten an Unterleibserkrankungen, an chronischen Eierstockentzündungen, manche blieben unfruchtbar.

Während Frauen einerseits entsexualisiert wurden, sahen sie sich andererseits neben einer menschenunwürdigen auch einer sexistischen Behandlung ausgesetzt. Nacktheit und männliche Blicke, sexistische Kommentare und Begutachtungen vor allem auch während der Selektionen wurden als absolute Demütigung empfunden. »Nun beginnt eine peinliche Nacktparade vor der SS-Versammlung. Viele junge Mädchen weinen, die geilen Blicke und die derben Witze sind so erniedrigend. Keiner, nicht einmal der Arzt, interessiert sich für irgendwelche Krankheitssymptome,« beschrieb die Wiener Sozialistin Antonia Bruha ihre Ankunft in Ravensbrück (6). Fenelon schilderte, wie ein SSler straffe Brüste als Selektionskriterium betrachtete. – »Vor kaum zwei Monaten ließ er abends um sechs Uhr tausend Frauen splitternackt draußen in Schnee und Eis antreten. Dann ging er durch die Reihen und hielt mit einer Reitpeitsche die Brust jeder Frau hoch. Schlaffte die Brust danach wieder ab, ‘nach links!’, was soviel bedeutete wie ›ins Krematorium‹, blieb die Brust fest, »nach rechts!«


Täterinnen und Mittäterinnen

Die feministische Forschung hat nicht nur die Frage des weiblichen Antisemitismus vernachlässigt, sondern vor allem auch die Problematik der weiblichen Täterinnen und Mittäterinnenschaft allzu lange ignoriert, obwohl in den Berichten der Opfer ihren weiblichen Peinigerinnen viel Platz zukommt. Bei den KZ-Aufseherinnen handelte es sich um keine kleine Gruppe; immerhin arbeiteten in Ravensbrück, das als Ausbildungsstätte für weibliche Aufseherinnen galt, 500 bis 600 »SS«-Frauen. Der Begriff SS wurde unter Anführungszeichen gesetzt, da Frauen offiziell der SS nicht angehören durften und lediglich als »SS-Gefolge« galten. Sie erhielten zwar Pistolen und Uniformen, durften aber kein Totenkopfabzeichen tragen. Offensichtlich hätte eine Mitgliedschaft von Frauen in Hitlers patriarchaler Elitetruppe diese abgewertet.

Da wir über wenig Selbstzeugnisse von Täterinnen verfügen, möchte ich hier vor allem auf jene Bilder eingehen, die weibliche Häftlinge von ihren Peinigerinnen zeichneten. Bereits der unerwartete Anblick von »SS«-Frauen löste bei den meisten Frauen einen ersten Schock aus. Während die männliche SS schon aus den Ghettos bekannt war und deutsche Uniformen daher mit der »arischen Männerwelt« assoziiert wurden, hatte kaum jemand schlagende, brüllende, uniformierte und mit Pistolen und Hunden ausgestattete Frauen erwartet. Häftlinge beschrieben ihre Peinigerinnen häufig als »Mannweiber«, als Hexen oder als schöne deutsche Frau mit Knoten, als blondes Engelsgesicht, das plötzlich zur Hyäne werden konnte. Häufig wurden weibliche Aufseherinnen als wesentlich brutaler als ihre männlichen Kollegen beschrieben, Männer hätten diese sogar zur Mäßigung gemahnt. Frauen beobachteten auch, wie andere Häftlinge durch die Übernahme einer Lagerfunktion zu Hyänen wurden, unter anderem auch durch das Kopieren männlicher Verhaltensweisen. Frauen, die plötzlich über Leben und Tod von schwächeren Frauen entscheiden durften oder auch mussten, entwickelten sich zu Lagerbestien.

Der Eindruck von den besonders brutalen »SS«-Frauen muss daher auch auf den Schock über die im Konzentrationslager erfahrene Umkehr sämtlicher vertrauter Werte und Normen gesehen werden. Brutales Verhalten von Frauen wurde als besonders schlimm erlebt, da diese Form von Brutalität Frauen nicht zugetraut wurde. Ruth Klüger hingegen schilderte die weiblichen Aufseherinnen als weniger brutal als die männliche SS. Ihrer Meinung nach sollten Frauen daher auch nicht mit dem gleichen Maß beurteilt werden, da dies den wirklichen Tätern ein Alibi liefern würde. Klüger wies auch darauf hin, dass sich die berühmten Beispiele weiblicher Grausamkeit immer auf dieselbe kleine Gruppe von Aufseherinnen bezieht. Frauen mussten bei ihrer Befreiung auch erfahren, dass sich ihre Befreier als Vergewaltiger entpuppen konnten. Ruth Klüger nahm dazu Stellung: »Ich hörte von jüdischen Frauen, die sich nur mit knapper Not vor den Vergewaltigungsversuchen ihrer russischen Befreier retteten, woraus sich unschwer schließen ließ, dass andere Frauen Pech hatten und am Ende ihrer KZ-Existenz auch dieses weitere Trauma erduldeten.« Auch nach der Befreiung lebte der uralte Ritus von Sexualität und Krieg fort.


Helga Embacher ist Professorin am Institut für Geschichte in Salzburg. Der abgedruckte Artikel besteht aus Auszügen von »Frauen in Konzentrations- und Vernichtungslagern – weibliche Überlebensstrategien in Extremsituationen.«


(1) Joan Ringelheim, Verschleppung, Tod und Überleben. Nationalsozialistische Ghetto-Politik gegen jüdische Frauen und Männer im besetzten Polen. In: Theresa Wobbe (Hg.), Nach Osten. Versteckte Spuren nationalsozialistischer Verbrechen. Frankfurt / Main, 1992

(2) Ruth Klüger, Weiter leben. Eine Jugend. Frankfurt / Main, 1994

(3) Schoschana Rabinovici, Dank meiner Mutter. Frankfurt / Main, 1994

(4) Grete Salus, Eine Frau erzählt. Bonn, 1984

(5) Fania Fenelon, Das Mädchenorchester. München, 1981

(6) Antonia Bruha, Ich war keine Heldin. Wien, München, Zürich, 1981