Mütter
mit Kindern unter 16 Jahren gingen in
der Regel mit diesen in den Tod, jene
Mütter, die überlebten, weil
sie sich von ihren Kindern trennen konnten
oder diese ihnen gewaltsam entrissen worden
waren, wurden von Schuldgefühlen
geplagt; manche wollten oder konnten nicht
mehr weiterleben. In der Regel hatte auch
die Geburt eines Kindes den Tod der Mutter
zur Folge, wobei Mutter und Kind vorher
oft noch brutalen Experimenten ausgesetzt
waren. Frauen wurden dadurch auch gezwungen,
über Leben und Tod zu entscheiden.
Um die Mutter zu retten, musste die Geburt
eines Kindes geheimgehalten und das Kind
getötet werden. Ärztinnen, Hebammen
und Mütter selbst wurden zu »Kindsmörderinnen«.
Die historische, philosophische oder religiöse
Forschung behandelte das Thema vorwiegend
jedoch so, als bestünde zwischen
Männern und Frauen kein Unterschied.
Schriftsteller wie Primo Levi, Elie Wiesel,
Jean Amery oder Jorge Semprum gelten als
literarische Zeugen der Shoah. Die mittlerweile
sehr bekanntgewordene Ruth Klüger
– sie überlebte mit ihrer Mutter
als Kind Auschwitz – beklagte sich,
dass weiblichen Überlebenden weniger
zugehört wurde, dass Kriege und Kriegserinnerungen
von den Männern beansprucht würden:
»Ich erzähle auch welche, Geschichten
mein ich, wenn man mich fragt, aber es
fragen wenige. Die Kriege gehören
den Männern, daher auch die Kriegserinnerungen.
Und der Faschismus schon gar, ob man nun
für oder gegen ihn gewesen ist: reine
Männersache. Außerdem: Frauen
haben keine Vergangenheit. Oder haben
keine zu haben. Ist unfein, fast unanständig.«
(2) Obwohl Ruth Klüger häufig
rezensiert wurde, finden sich selten Hinweise
auf ihre feministische Sicht der Verfolgung,
des Überlebens und des Leben danach.
Auffallend
ist auch, dass die KZ-Forschung weit gehend
von männlichen Forschern betrieben
wurde. Wissenschaftlerinnen haben sich
nur selten mit der Problematik der
Ghettos,
Konzentrations- und Vernichtungslager
beschäftigt. Im Zentrum der Forschung
stand dabei der weibliche Widerstand,
während etwa »nur« Jüdinnen,
die größte Gruppe der weiblichen
Opfer, lange übergangen wurden. Dies
erlaubte es auch, von der weiblichen Mitbeteiligung
am Nationalsozialismus sowie vom weiblichen
Antisemitismus abzusehen und letztendlich
alle Frauen als Opfer des von Männern
geprägten Nationalsozialismus darzustellen.
In Österreich und Deutschland sind
überlebende Frauen selbst kaum –
und wenn, dann sehr spät –
an die Öffentlichkeit getreten. Die
Wiener Jüdin Lucie Begow hatte ihr
Manuskript über ihre Erfahrungen
in Auschwitz schon kurz nach dem Krieg
fertiggestellt, das Buch wurde jedoch
erst 1983 publiziert. Ella Lingens –
eine Wiener Ärztin, die verhaftet
wurde, weil sie Juden versteckt hatte
– verfasste bereits 1948 in englischer
Sprache einen Bericht über ihre Erfahrungen
als Ärztin in Auschwitz. Während
der Frankfurter Auschwitz-Prozesse (1963-1965)
zeigte ein deutscher Verlag an Lingens
Buch Interesse, doch hätte der Text
dafür umgearbeitet werden müssen,
wofür sie sich damals psychisch nicht
imstande fühlte.
Wie
in der allgemeinen Bearbeitung der KZ-Problematik
hob die Forschung auch bei den weiblichen
Häftlingen die politisch Verfolgten
und deren Bedeutung für den Widerstand
hervor, während Zigeunerinnen, Prostituierte,
Bibelforscherinnen, sogenannte »Asoziale«
oder österreichische Sloweninnen
und vor allem auch »nur« Jüdinnen
lange ausgeklammert blieben. Selbst wenn
es sich bei Widerstandskämpferinnen
um Jüdinnen gehandelt hatte, wurde
ihre jüdische Herkunft – häufig
auch von den Betroffenen selbst –
weit gehend ignoriert. Wenig Wissen besteht
auch über das Leben und Überleben
von osteuropäischen Jüdinnen,
die nach 1945 großteils ihre Heimat
verlassen haben und in den unmittelbaren
Nachkriegsjahren als so genannte »Displaced
Persons« in Europa herumgeschoben
wurden. Einige Tausend ließen sich
in Deutschland und Österreich nieder.
In Österreich trat mit Schochana
Rabinovici 1994 erstmals eine Vertreterin
dieser Gruppe mit ihren Erinnerungen vor
eine deutschsprachige Öffentlichkeit
(3).
Zur weiblichen Häftlingsgesellschaft
In
den Konzentrationslagern trafen völlig
unterschiedliche Welten aufeinander, Menschen
die vor dem Lager in völlig unterschiedlichen
Lebenswelten gelebt hatten, mussten plötzlich
auf engstem Raum zusammen »leben«.
Die Betroffenen r eagierten mit Unverständnis,
Abgrenzungen, Abwehr oder auch Arroganz.
Dies verurteilte jene, die in der Lagerhierarchie
die untersten Plätze einnahmen, zum
Schweigen. Wie die Schriftstellerin Mira
Lobe in einer Kurzgeschichte thematisierte,
musste die Jüdin Mina selbst in Israel
eine Geschichte ihres Überlebens
erfinden. Um nach der Shoah weiterleben
zu können, wagte sie es nicht, ihr
wahres Schicksal, nämlich jenes vom
Mädchen, das ins Lagerbordell geschickt
wurde, preiszugeben.
Eine
Sonderstellung nahmen die deutschen, die
so genannten »arischen« Häftlinge,
aber auch die deutschen Jüdinnen
ein. Viele Häftlinge hassten alles,
was deutsch war, auch wenn es sich dabei
um Jüdinnen handelte. Deutsche und
österreichische Häftlinge, unter
ihnen auch Jüdinnen, fühlten
sich zumeist trotz der Shoah der deutschen
Kultur verbunden und betrachteten sich
mitunter auch als Angehörige einer
»höherwertigen« oder
zivilisierteren Kultur. Schoschana Rabinovici
erlebte deutsche Frauen »erfüllt
mit deutscher Kultur«, die manchmal
Lieder sangen oder klassische deutsche
Lyrik deklamierten. Ella Lingens schrieb,
dass deutsche Häftlinge selbst noch
in Auschwitz die deutsche Ordnung und
Disziplin verteidigten und vor Uniformen
Achtung zeigten. Deutsche Jüdinnen
nahmen dadurch eine äußerst
ambivalente Rolle ein. In der Hierarchie
ganz unten und oben zugleich, als Jüdinnen
gefährdet, als Deutschsprachige teilweise
bevorzugt. Bei vielen Abgrenzungsversuchen
und Vorurteilen ging es letztendlich jedoch
um das Bewahren der eigenen Identität.
Der Glaube an Stalin, an Jehova, an Polen
oder an die deutsche Kultur und Sprache
durfte nicht aufgegeben werden, um nach
all den Demütigungen zumindest noch
einen letzten Rest von Identität
bewahren zu können und auch um dem
Leiden im Konzentrationslager Sinn zu
verleihen. Diese Sinngebung war auch für
das Weiterleben nach der Befreiung von
großer Bedeutung. Im Unterschied
zu politisch geschulten Frauen oder auch
zu Bibelforscherinnen konnten unpolitische
Frauen, wie so genannte »Polenliebchen«
oder Frauen, die der »Sippenhaft«
zum Opfer gefallen waren, auch nach ihrer
Befreiung keine Erklärung für
ihre Internierung finden. Manche suchten
mitunter die Schuld für ihre Verhaftung
bei sich selbst, zumal ja viele Vorurteile
auch nach 1945 fortlebten und ihnen zum
Teil bis heute eine Wiedergutmachung und
somit eine gesellschaftliche Anerkenung
ihres Leidens verwehrt blieben.
Die Bedeutung der Bewahrung von weiblicher
Identität unter Extrembedingungen
Weibliche
Häftlinge, und hier vor allem Jüdinnen,
wurden nicht nur ihres Mensch-Seins, sondern
auch ihrer Weiblichkeit, ihres Frau-Seins
beraubt. Die Aufrechterhaltung von weiblicher
Identität kann somit auch als Überlebensstrategie
gesehen werden. In sämtlichen Biographien
und Interviews wurde immer wieder der
Schock über den Verlust von Weiblichkeit,
aber auch das Bemühen um eine Aufrechterhaltung
von weiblicher Identität unter Extrembedingungen
beschrieben. Auch Männer schildern
das Abrasieren der Haare als besondere
Demütigung, doch kam diesem Vorgehen
bei Frauen noch eine zusätzliche
Bedeutung hinzu: Haare galten und gelten
als Symbol von Weiblichkeit, Attraktivität
und Sexualität, sexuelles »Fehlverhalten«
wurde im Laufe der Geschichte häufig
mit Kahlscheren bestraft (Frauen, die
der sexuellen Beziehungen zu Zwangsarbeitern
verdächtigt wurden, wurden mitunter
kahlgeschoren durch das Dorf getrieben).
Während fast alle Jüdinnen geschoren
wurden, durften andere Frauen die Haare
behalten, sofern sie keine Läuse
hatten. – »Wir sahen aus wie
Affen. Es waren so schöne Frauen
unter uns, mit dem Haar war alles dahin,«
schrieb Grete Salus über den Verlust
ihrer Haare (4). Sie bemerkte auch, dass
sie froh war, von den Männern nicht
gesehen zu werden. Das Abrasieren der
Haare wurde im Lager auch als Strafe,
Drohung oder Einschüchterung eingesetzt.
Neben dem Verlust der äußeren
Zeichen von Weiblichkeit setzte bei vielen
Frauen die Menstruation aus, was angesichts
der Bedingungen im KZ nicht nur als Erleichterung
erlebt wurde. – »Es tut weh,
die unreinen Tage nicht mehr zu haben,
man fühlt sich nicht mehr als Frau,
man gehört schon zu den Alten,«
schrieb Fania Fenelon. (5) Frauen beschäftigte
auch die Frage, ob sie danach wiederkommen
würde. Einige Frauen berichteten,
dass bei ihnen die Menstruation nach einer
Verbesserung der Lagerbedingungen wieder
eingesetzt hatte, bei anderen kam sie
auf dem Heimweg, bei anderen einige Monate,
oft erst ein Jahr, später. Viele
litten an Unterleibserkrankungen, an chronischen
Eierstockentzündungen, manche blieben
unfruchtbar.
Während
Frauen einerseits entsexualisiert wurden,
sahen sie sich andererseits neben einer
menschenunwürdigen auch einer sexistischen
Behandlung ausgesetzt. Nacktheit und männliche
Blicke, sexistische Kommentare und Begutachtungen
vor allem auch während der Selektionen
wurden als absolute Demütigung empfunden.
»Nun beginnt eine peinliche Nacktparade
vor der SS-Versammlung. Viele junge Mädchen
weinen, die geilen Blicke und die derben
Witze sind so erniedrigend. Keiner, nicht
einmal der Arzt, interessiert sich für
irgendwelche Krankheitssymptome,«
beschrieb die Wiener Sozialistin Antonia
Bruha ihre Ankunft in Ravensbrück
(6). Fenelon schilderte, wie ein SSler
straffe Brüste als Selektionskriterium
betrachtete. – »Vor kaum zwei
Monaten ließ er abends um sechs
Uhr tausend Frauen splitternackt draußen
in Schnee und Eis antreten. Dann ging
er durch die Reihen und hielt mit einer
Reitpeitsche die Brust jeder Frau hoch.
Schlaffte die Brust danach wieder ab,
‘nach links!’, was soviel
bedeutete wie ›ins Krematorium‹,
blieb die Brust fest, »nach rechts!«
Täterinnen und Mittäterinnen
Die
feministische Forschung hat nicht nur
die Frage des weiblichen Antisemitismus
vernachlässigt, sondern vor allem
auch die Problematik der weiblichen Täterinnen
und Mittäterinnenschaft allzu lange
ignoriert, obwohl in den Berichten der
Opfer ihren weiblichen Peinigerinnen viel
Platz zukommt. Bei den KZ-Aufseherinnen
handelte es sich um keine kleine Gruppe;
immerhin arbeiteten in Ravensbrück,
das als Ausbildungsstätte für
weibliche Aufseherinnen galt, 500 bis
600 »SS«-Frauen. Der Begriff
SS wurde unter Anführungszeichen
gesetzt, da Frauen offiziell der SS nicht
angehören durften und lediglich als
»SS-Gefolge« galten. Sie erhielten
zwar Pistolen und Uniformen, durften aber
kein Totenkopfabzeichen tragen. Offensichtlich
hätte eine Mitgliedschaft von Frauen
in Hitlers patriarchaler Elitetruppe diese
abgewertet.
Da
wir über wenig Selbstzeugnisse von
Täterinnen verfügen, möchte
ich hier vor allem auf jene Bilder eingehen,
die weibliche Häftlinge von ihren
Peinigerinnen zeichneten. Bereits der
unerwartete Anblick von »SS«-Frauen
löste bei den meisten Frauen einen
ersten Schock aus. Während die männliche
SS schon aus den Ghettos bekannt war und
deutsche Uniformen daher mit der »arischen
Männerwelt« assoziiert wurden,
hatte kaum jemand schlagende, brüllende,
uniformierte und mit Pistolen und Hunden
ausgestattete Frauen erwartet. Häftlinge
beschrieben ihre Peinigerinnen häufig
als »Mannweiber«, als Hexen
oder als schöne deutsche Frau mit
Knoten, als blondes Engelsgesicht, das
plötzlich zur Hyäne werden konnte.
Häufig wurden weibliche Aufseherinnen
als wesentlich brutaler als ihre männlichen
Kollegen beschrieben, Männer hätten
diese sogar zur Mäßigung gemahnt.
Frauen beobachteten auch, wie andere Häftlinge
durch die Übernahme einer Lagerfunktion
zu Hyänen wurden, unter anderem auch
durch das Kopieren männlicher Verhaltensweisen.
Frauen, die plötzlich über Leben
und Tod von schwächeren Frauen entscheiden
durften oder auch mussten, entwickelten
sich zu Lagerbestien.
Der
Eindruck von den besonders brutalen »SS«-Frauen
muss daher auch auf den Schock über
die im Konzentrationslager erfahrene Umkehr
sämtlicher vertrauter Werte und Normen
gesehen werden. Brutales Verhalten von
Frauen wurde als besonders schlimm erlebt,
da diese Form von Brutalität Frauen
nicht zugetraut wurde. Ruth Klüger
hingegen schilderte die weiblichen Aufseherinnen
als weniger brutal als die männliche
SS. Ihrer Meinung nach sollten Frauen
daher auch nicht mit dem gleichen Maß
beurteilt werden, da dies den wirklichen
Tätern ein Alibi liefern würde.
Klüger wies auch darauf hin, dass
sich die berühmten Beispiele weiblicher
Grausamkeit immer auf dieselbe kleine
Gruppe von Aufseherinnen bezieht. Frauen
mussten bei ihrer Befreiung auch erfahren,
dass sich ihre Befreier als Vergewaltiger
entpuppen konnten. Ruth Klüger nahm
dazu Stellung: »Ich hörte von
jüdischen Frauen, die sich nur mit
knapper Not vor den Vergewaltigungsversuchen
ihrer russischen Befreier retteten, woraus
sich unschwer schließen ließ,
dass andere Frauen Pech hatten und am
Ende ihrer KZ-Existenz auch dieses weitere
Trauma erduldeten.« Auch nach der
Befreiung lebte der uralte Ritus von Sexualität
und Krieg fort.
Helga Embacher ist Professorin am Institut
für Geschichte in Salzburg. Der abgedruckte
Artikel besteht aus Auszügen von
»Frauen in Konzentrations- und Vernichtungslagern
– weibliche Überlebensstrategien
in Extremsituationen.«
(1)
Joan Ringelheim, Verschleppung, Tod und
Überleben. Nationalsozialistische
Ghetto-Politik gegen jüdische Frauen
und Männer im besetzten Polen. In:
Theresa Wobbe (Hg.), Nach Osten. Versteckte
Spuren nationalsozialistischer Verbrechen.
Frankfurt / Main, 1992
(2)
Ruth Klüger, Weiter leben. Eine Jugend.
Frankfurt / Main, 1994
(3)
Schoschana Rabinovici, Dank meiner Mutter.
Frankfurt / Main, 1994
(4)
Grete Salus, Eine Frau erzählt. Bonn,
1984
(5)
Fania Fenelon, Das Mädchenorchester.
München, 1981
(6)
Antonia Bruha, Ich war keine Heldin. Wien,
München, Zürich, 1981