Im Voraus: Dünnes Eis
Das Gelände ist vermint. Wird über
sexistische Strukturen der Gesellschaft
und somit auch in der Linken diskutiert
- über die, leider sogenannte, Vergewaltigungsdebatte
und patriarchale Geschlechterbeziehungen
-, ist das Gelände unsicher. Gerade
wenn dies mit dem Ziel geschieht, die
eigenen Ansichten zu veröffentlichen.
Keine Frage, heißes Thema das. Wir
haben uns Zeit genommen und befinden uns
dennoch nicht am Ende der Auseinandersetzung.
Innerhalb unserer Gruppe haben wir unsere
Positionen verändert, relativiert,
radikalisiert, umgeworfen, wieder aufgegriffen
und so weiter. Und obwohl dies so ist,
es kaum Endgültigkeit geben kann,
halten wir es für wichtig, Gruppenstandpunkte
zu veröffentlichen. Denn ein bloßes
Angreifen anderer Gruppen oder unhinterfragtes
Abnicken z.B. des Definitonsrechts, ist
vielleicht der leichtere Weg, nur dabei
ebenso der in die Sackgasse.
So haben wir uns entschieden, drei Teile
zu erarbeiten und zwar: zunächst
eine Annäherung an die Verknüpfungen
von Patriarchat und Kapitalismus samt
allgegenwärtigen Auswirkungen des
hierarchischen Geschlechterverhältnisses,
einen zweiten, der sich mit Szenestrukturen
im Besonderen auseinandersetzt und schließlich,
einen extra Teil unseren Diskussionen
zum Definitionsrecht zu widmen. Wie immer
bei der Zusammenfassung von Gruppendiskussionen,
mussten Kompromisse gefunden, einige Bereiche
herausgelassen, andere konnten nur kurz
angerissen werden. Erwähnt sei hier,
dass wir selbstverständlich keine
Eigenschaften, Handlungen oder Attribute
als an sich "männlich"
oder "weiblich" ansehen. Wenn
wir diese Begriffe im Text verwenden,
dann im Kontext der gesellschaftlichen
Geschlechtertypisierung. Außerdem
sehen wir die bipolare Aufteilung in zwei
Geschlechter als künstlich, konstruiert
und schon als per se einschränkend
und unterdrückend an, die z.B. transsexuelle,
intersexuelle oder transgendered Menschen
negiert.
Wie erwähnt stellen Texte immer eine
Verkürzung dar. Aber voilá:
here it is. Über konstruktive Auseinandersetzungen
freuen wir uns.
Alles Teil des Systems
Durch Humanismus und Aufklärung,
sowie durch die Emanzipationsbewegung,
die Einführung der Menschenrechte
und den postmodernen Individualismus hat
sich zwar einiges an der wirtschaftlichen
und gesellschaftlichen Position von Frauen
geändert, das Geschlechterverhältnis
bleibt aber trotz Verschiebungen nach
wie vor ein hierarchisches. Gesellschaftliche
Veränderungen haben zu formellen
Gleichbehandlungen z.B. bei Zugangsmöglichkeiten
zu Bildung und Politik geführt. Durch
das Wahlrecht bekamen Frauen die Möglichkeit,
in der Sphäre der gesellschaftlichen
Öffentlichkeit zu wirken.
So wurden einzelne Forderungen der diversen
Frauenbewegungskämpfe erfüllt,
konnten aber in das kapitalistische, patriarchale
System integriert werden. Die patriarchale
Gesellschaft existiert aufgrund von Macht-
und Hierarchiestrukturen, die mit der
kapitalistischen Wirtschafts- und Lebensform
verflochten sind. Das Patriarchat ist
nicht nur ein Erscheinungsbild des Kapitalismus,
aber dieser nutzt die Geschlechtertrennung.
Ein Merkmal des patriarchalen Kapitalismus
ist die Trennung von Produktions- und
Reproduktionssphäre. Diese ist beispielsweise
wichtig, um die Arbeit im Reproduktionsbereich
unbezahlt, bzw. nur über die Lohnarbeit
des Mannes indirekt vergütet, zu
gewährleisten. In den letzten Jahren
haben immer wieder Verschiebungen innerhalb
der traditionellen Geschlechterrollen
stattgefunden. Vermeintlich fortschrittliche
Ansätze, die nicht auf die Abschaffung
des Ganzen abzielten und somit nicht radikal
waren, konnten in das flexible System
eingebunden werden und waren begleitet
von konservativen Gegen- bzw. Backlash-Bewegungen.
Diese Transformationen führten weder
zur Auflösung der Geschlechter noch
zu einer Angleichung an die männliche
Norm.
Die geschlechtshierarchischen Machtverhältnisse
äußern sich vielfältig
in den verschiedensten Bereichen. Weitgehend
stehen Frauen zum Beispiel inzwischen
alle Berufszweige offen, aber sie sind
immer noch die Hauptverantwortlichen für
den Reproduktionsbereich, bei der Karriereplanung
hindert sie nach wie vor die vielbeschworene
Doppelbelastung.
Bis heute wird innerhalb dieser Gesellschaft
in "typisch männliche"
und "typisch weibliche" Tätigkeiten
unterschieden. Diese Unterteilung stellt
gleichzeitig eine Wertung dar, die sich
bis in den Alltag hinein zieht. So sind
"typisch männliche" Tätigkeiten
oder Berufe angesehener, sie gelten meist
als produktiv, führend und planend
und sind auch heute noch oft besser bezahlt,
als die den Frauen zugeordneten Berufe.
Frauen sind hingegen vermehrt im Dienstleistungssektor
oder im sozialen Bereich tätig. Ihnen
wird Einfühlungsvermögen, Fürsorglichkeit
und eine vermittelnde Funktion zugesprochen.
Geht man von einer Hierarchie der Berufsgruppen
und gleichzeitig von einer Hierarchie
der Geschlechterrollen aus, folgt daraus,
dass eine Frau, welche in eine "männliche
Domäne" vordringt und somit
mehr oder weniger ein Rollenstereotyp
durchbricht, mit unterschiedlichen Problemen
zu kämpfen hat. Zum Beispiel einer
Hierarchie, in der Frauen untergeordnet
sind, dem Klischee der Unfähigkeit
und dem "natürlich fehlenden
Grundwissen" und der kritischeren
Beurteilung ihrer Arbeit.
Oftmals werden ihnen Teile ihrer "Weiblichkeit"
abgesprochen. So wird Frauen in Führungspositionen
vorgeworfen, sich männlicher Handlungsweisen
bedient zu haben. Durchsetzungsvermögen,
Machtstreben und dominantes Auftreten
werden als männlich kategorisiert.
Die Geschlechteraufteilung wird damit
permanent manifestiert und nicht durchbrochen.
Ergreifen Männer andererseits "typisch
weibliche" Berufe wird ihnen gerne
ihre "Männlichkeit" abgesprochen
(z.B. Weichei-Waschlappen-Vorwurf). Gesellschaftlich
ist dies eigentlich ein hierarchischer
Abstieg/Machtverlust, aber in den speziellen
Bereichen wird ihre Tätigkeit von
den Mitarbeiterinnen als besonders positiv
und lobenswert angesehen. Es werden ihnen
eher Fehler zugestanden, weil sie mit
diesem Bereich "nicht vertraut"
sind.
Von anderen Männern hingegen werden
sie oft belächelt.
Ähnliche Mechanismen wirken im Freizeitbereich.
"Versagt" zum Beispiel ein Mann
- mal ganz platt: kann er nicht Fußball
spielen -, so wird dies mit fehlendem
Talent oder individuellem Nichtkönnen
begründet. "Versagen" Frauen
hingegen, so ist dies oft genug die Bestätigung
für das Versagen eines ganzen Geschlechts.
Dies äußert sich dann in Sätzen
wie: "Hab ich es doch gewusst - Frauen
können so etwas nicht." oder:
"Frauen sind für so etwas einfach
nicht geschaffen". Dass diese Denkweise
allerdings auf eine geschlechtsspezifische,
männerzentrierte Sozialisation zurückzuführen
ist, wird dabei nicht beachtet.
Individuelle oder sozialisationsbedingte
Unterschiede werden so übergangen,
dass eine allgemein gültige Aussage
über Geschlechter möglich wird.
Die Trennung in Reproduktions- und Produktionsspäre
erlangt auch eine zentrale Bedeutung in
der Familienpolitik. Die heterosexuelle
Kleinfamilie ist die gesellschaftliche
Keimzelle, um das Geschlechterverhältnis
aufrechtzuerhalten, traditionelle Werte
weiterzugeben und um Kinder perfekt für
die Gesellschaft zu sozialisieren. Weiterhin
nutzt das kapitalistische, patriarchale
System die traditionelle Rollenzuschreibung
besonders in den Medien und dienstleistungsorientierten
Wirtschaftszweigen. Hier werden "weibliche"
Körper und Fähigkeiten verwertet.
Sexistischer Normalzustand
Das hierarchische Geschlechterverhältnis
findet auch seinen Ausdruck im sexistischen
Alltag, der von strukturellen und individuellen
Bedrohungen und Einschränkungen geprägt
ist. Diese umfassen eine große Bandbreite,
wie sexistische Sprüche, ungewollte
Berührungen oder anmaßende
Erpressungsversuche. Schon die Möglichkeit
einer Vergewaltigung und damit verbundene
Ängste begrenzen Frauen in ihren
Möglichkeiten.
Dieser Position steht die gesellschaftlich
vorgeprägte relative Machtposition
von Männern gegenüber. Diese
Hierarchie wird von Frauen und Männern
ständig reproduziert. Sie aufzubrechen,
bedeutet einen kräftezehrenden und
radikalen Kampf.
Geschlechtsspezifische Hierarchie- und
Machtkonstellationen wirken sich auch
auf Sexualität und Körperempfinden
aus. Eine "natürliche"
Sexualität existiert nicht, Lustempfinden
und Wünsche sind vergesellschaftet.
Allgemein wird jedoch ein anderes Bild
vermittelt, Sexualität wird individualisiert,
als rein privat angesehen und zusätzlich
mit Tabus belegt. Dem geschlechtshierarchischen
System ist ein ungutes Körpergefühl
von Frauen immanent, das diese jedoch
ebenfalls als persönliches Problem
begreifen sollen. Diese Verwundbarkeit
wird benutzt, um sexualisierte Gewalt
auszuüben, die unter anderem in Vergewaltigungen
ihren Ausdruck finden kann. Bei einer
Vergewaltigung versucht der Täter,
zu kontrollieren, zu beherrschen und zu
erniedrigen. Der Täter ist für
sein individuelles Handeln verantwortlich.
Zusätzlich ist eine Vergewaltigung
in einen gesellschaftlichen Kontext eingebunden.
Um die Möglichkeiten von sexualisierter
Gewalt als Machtausübung und Erniedrigung
abzuschaffen, müssen patriarchale
Verhältnisse aufgelöst werden.
Szene - nur Teil des Ganzen
Klar ist, dass die sogenannte Szene nicht
außerhalb der Gesellschaft steht.
Nur aufgrund ihrer emanzipatorischen Ansprüche
werden Linke nicht zu besseren Menschen.
In einem linken Umfeld, zum Beispiel innerhalb
einer (sub-)kulturellen Szene, deren Leute
als weitestgehend politisiert bezeichnet
werden, fehlt oftmals das Bewusstsein
für antisexistische Themen. Ein antisexistisches
Selbstverständnis gehört zwar
in linken Projekten inzwischen beinahe
zum Standard, wird jedoch kaum mit Inhalten
gefüllt. So kommt es nicht selten
vor, dass bei Konzerten jeglicher Musikrichtungen
sexistische Ansagen oder Texte zu hören
sind. Wird dies überhaupt thematisiert,
ist die Reaktion oft Unverständnis:
die Band sei doch gut, man dürfe
das alles nicht zu ernst nehmen, schließlich
sei es ja nur ein Lied und alles nur eine
Interpretationsfrage etc. Ein irgendwie
politischer Anspruch scheint, sich im
sozialen Bereich häufig gar nicht
fortzusetzen. Sexistische Sprüche
am Tresen, Rumgepose in der Disse oder
Antatschen im Gedränge sind auch
in linken Läden an der Tagesordnung.
Abgetan wird dieses Verhalten beispielsweise
damit, dass der Verantwortliche jedoch
ansonsten ein guter Antifaschist oder
Kumpel ist. Von Paarbeziehungen wollen
wir gar nicht erst anfangen, diesem Bereich
sollte mal ein eigener Text gewidmet werden.
Auch in Gruppenstrukturen ist Sexismus
ein niemals endendes Thema. Trotz des
vielen Geschriebenen und Gesagten sind
kaum Fortschritte erzielt worden. Im Gegensatz
zu anderen Themen verlaufen Diskussionen
über Sexismus, so sie überhaupt
geführt werden, oft sehr aufgeheizt
und kommen über strukturelle Standards
(z.B. quotierte Redeliste, paritätisch
besetzte Podien) selten hinaus.
Außerdem scheint es, als müssten
seit Jahren immer wieder dieselben Diskussionen
geführt werden. Hier kann zum Beispiel
das ewig leidige Redeverhalten genannt
werden.
Wenn es dann zu strukturellen Maßnahmen
gekommen sein sollte, stellen solche Veränderungen
immer nur einen Schritt auf dem Weg zur
Abschaffung von Sexismus dar. Weder sexistische
noch sozialisationsbedingte Verhaltensweisen
werden damit in Frage gestellt oder aufgelöst.
So ändert sich zum Beispiel das generelle
Dominanzverhalten eines Mannes auch durch
quotierte Redelisten nicht. Gerade außerhalb
von Gruppenstrukturen ist ein reflektierteres
Verhalten nicht zu bemerken. Allerdings
werden von Frauen die geschaffenen Möglichkeiten
oft nicht ausgeschöpft, denn die
Angst, zu versagen, das Unbehagen vor
der zu übernehmenden Verantwortung
wird nicht abgebaut. Diese Ängste
können nur überwunden werden,
wenn sie aktiv angegangen werden und sich
nicht auf einem Status Quo ausgeruht wird.
Frauen in der linken Szene gehen ständig
zugunsten einer vermeintlich allgemeinen
Politik Kompromisse in Bezug auf die Thematisierung
sexistischer Verhältnisse und Verhaltensweisen
ein. Oft genug verzichten sie auf diese
Diskussionen, obwohl sie ihnen wichtig
sind, um mit der Arbeit innerhalb der
Gruppe voranzukommen oder weil sie negative
Reaktionen befürchten. Diese müssen
sich nicht in Form von Dissing anderer
Leute äußern, ein bloßes
Augenrollen oder andere Anzeichen von
genervt Sein reichen unter Umständen
aus, um Frauen die Motivation für
die Diskussion zu nehmen. Diese Anzeichen
vermitteln Frauen, dass es kein Interesse
an einer Auseinandersetzung gibt. Das
Thema Sexismus wird nicht nur belächelt,
sondern auch gerne übergangen oder
immer wieder verschoben. So gehen Frauen
innere Kompromisse für die aktuelle
Politik ein, um es nicht ständig
"eskalieren zu lassen". Wenn
Gruppen gesellschaftlichen Sexismus und
eigenes sexistisches Verhalten ignorieren,
wird sich nichts ändern.
"Definitionsrecht"
Sexualisierte Gewalt ist immer Ausdruck
der bestehenden Machtverhältnisse
zwischen Männern und Frauen und somit
Ausdruck der patriarchalen Gesellschaft,
in der wir leben. Gerade sexualisierte
Übergriffe (im schlimmsten Fall Vergewaltigung)
werden von Frauen individuell erfahren.
Eine Definition kann dieser subjektiven
Wahrnehmung niemals gerecht werden.
Statt einer Definition ist es sinnvoll,
Diskussionen anzuregen, die mit bestehenden
Mythen brechen und eine Auseinandersetzung
mit sexualisierter Gewalt ermöglichen.
Das häufig assoziierte Bild von Vergewaltigung
beschreibt den Täter als bösen,
fremden, abnormen Mann, der in dunklen
Ecken Frauen auflauert. Frauen wird dadurch
suggeriert, zu bestimmten Zeiten bestimmte
Orte zu meiden. Ein weiterer Mythos ist
die Mitschuld der Frauen. Ihnen wird z.B.
vorgeworfen, sich aufreizend gekleidet,
dem Mann "falsche Versprechungen"
gemacht, sich nicht genügend gewehrt
und damit die Vergewaltigung provoziert
zu haben. Somit werden Frauen als potenzielle
Mittäterinnen diffamiert.
Diskussionen sollen einerseits mit bestehenden
Klischees brechen, andererseits Vergewaltigung
nicht als isoliertes Phänomen, sondern
gesellschaftlich kontextuiert thematisieren.
Eine wirkliche Definition von Vergewaltigung
kann lediglich physische Übergriffe
umschreiben und die Details dieser klar
formulieren. Häufig werden diese
Übergriffe auf Penetration reduziert,
obwohl Vergewaltigungen weit mehr umfassen
können. Eine Auseinandersetzung mit
den psychischen Folgen, sei es durch die
Vergewaltigung an sich oder die Reaktion
der Gesellschaft, kann eine Definition
nicht leisten. Bei der Thematisierung
von sexualisierter Gewalt werden patriarchale
Unterdrückungsmechanismen vollkommen
ausgeblendet. Zu oft werden Vergewaltigungen
in Diskussionen damit begründet,
dass der Täter mit seiner Sexualität,
seinem Trieb nicht umgehen kann. Gesellschaftliche
Zusammenhänge und deren Ursachen,
welche sich in gewaltsamer Unterdrückung
manifestieren, bleiben unbeachtet.
Das Definitionsrecht der Frau dient dazu,
Glaubwürdigkeit von Frauen zu untermauern.
Es bedeutet, dass, wenn eine Frau sagt,
sie wurde vergewaltigt, dies von allen
anerkannt wird. Durch dieses Recht wird
es Frauen leichter gemacht, eine Vergewaltigung
zu veröffentlichen. In der Regel
ist es so, dass bei Bekanntgabe einer
Vergewaltigung das eigene Umfeld misstrauisch
hinterfragt, der Gewaltakt bagatellisiert
wird, vergewaltigte Frauen von der Justiz
schikaniert werden und das allgemeine
Interesse auf eine voyeuristische Typisierung
der Frauen abzielt. Dies führt unter
anderem dazu, dass Frauen sexualisierte
Übergriffe nicht öffentlich
machen. Dadurch können sexualisierte
Gewalttaten von der Gesellschaft verschwiegen,
zumindest aber verharmlost werden.
Die generelle Anerkennung des Definitionsrechts
dient dem Schutz der Frauen in der patriarchalen
Gesellschaft. Das Definitionsrecht schafft
Frauen eine Basis, die ein selbstbewussteres
Handeln, ohne zugeschriebene Schuld, ermöglicht.
Solange hierarchische Geschlechterverhältnisse
bestehen und Frauen mit Repressionen rechnen
müssen, wenn sie eine Vergewaltigung
bekannt machen, ist das Definitionsrecht
ein notwendiges Vehikel, die Rahmenbedingungen
zu schaffen, um diese publik zu machen.
Umgang bei Bekanntgabe einer Vergewaltigung
Eine Anerkennung des Definitionsrechts
ist nicht ausreichend, wenn sich keine
Gedanken über die Folgen gemacht
werden. Sie dient erst einmal dazu - wie
bereits genannt - dass Frauen geglaubt
wird und sie nicht der Mittäterschaft
bezichtigt werden. Bei einer Auseinandersetzung
über Folgen und Sanktionen, muss
der Wille der Frau im Mittelpunkt stehen.
Das heißt auch, dass Frauen keine
Verhaltensweisen vorgegeben oder Entscheidungen
eingeredet werden. Auch wenn eine Frau
nicht möchte, dass die Vergewaltigung
über einen bestimmten Personenkreis
hinaus veröffentlicht wird, oder
sie den Vergewaltiger nicht anzeigen möchte,
muss dies akzeptiert werden. Was andere
nicht aus der Verantwortung entlässt,
Sanktionen und Umgangsformen zu diskutieren.
Linke/linksradikale
gemischtgeschlechtliche Gruppen müssen
sich mehr mit dieser Thematik befassen.
Patriarchale Strukturen werden, wie erwähnt,
hier genauso reproduziert. Gesellschaftlich
anerzogene Verhaltensweisen sind immanent.
Ein linker Ansatz muss Geschlechterverhältnisse
thematisieren, um Hierarchien abzubauen.
Sexismus und sexualisierte Gewalt sollen
nicht als abstrakte, ausgelagerte Gebilde
abgehandelt, sondern immer als allgegenwärtiges
Problem betrachtet werden. Dies fordert
auch eine Auseinandersetzung mit der eigenen
Sexualität, der selbst reproduzierten
Geschlechterrolle, dem eigenen Leben.
Eine solche Diskussion darf nicht erst
als Reaktion auf konkrete Vorfälle
sexualisierter Gewalt stattfinden. Dann
blockieren emotionale Verquickungen, z.B.
durch freundschaftliche Verbindungen,
eine kritische Auseinandersetzung.
Gruppen, die sich mit sexualisierter Gewalt
auseinandersetzen, dürfen nicht nur
eine Vergewaltigungsdiskussion führen,
sondern müssen sich mit sexistischen
Gruppenstrukturen, individuellen sexistischen
Verhaltensweisen, patriarchalen Gesellschaftsnormen
auseinandersetzen. Nicht ausreichend ist
ein Lippenbekenntnis zum Definitionsrecht,
das dieses zur Floskel verkommen lässt.
"Missbrauch" des Definitionsrechts
Da wir das Definitionsrecht der Frau anerkennen,
halten wir es für völlig überflüssig,
über einen sogenannten "Missbrauch"
des Definitionsrechts zu diskutieren.
Erfahrungsgemäß werden jedoch
viele Diskussionen von dieser - falschen
- Argumentation bestimmt, gerade dann,
wenn es sich um einen Vergewaltiger aus
der Szene handelt. Daher sehen wir uns
gezwungen, diese Thematik zu behandeln.
Grundsätzlich ergibt sich für
uns eine Zweideutigkeit mit der Begrifflichkeit.
"Missbrauch" assoziiert bei
der Thematik Vergewaltigung vorrangig
sexualisierte Gewalt gegen Minderjährige.
Wobei auch hier der Begriff völlig
inkorrekt ist, da es einen "Gebrauch"
von Kindern und Jugendlichen nicht gibt.
Ebenso unpassend ist es, von einem "falschen
Gebrauch", bzw. "Missbrauch"
des Definitionsrechts zu sprechen. Da
das Definitionsrecht sonst zur bloßen
Farce wird, weil Frauen wieder in ihren
Möglichkeiten beschnitten, die Gewalterfahrung
von Frauen in Frage gestellt, Opfer diffamiert
und die Täter zu den eigentlichen
Opfern stilisiert werden. Die öffentliche
Thematisierung sexualisierter Gewalt wird
durch die Argumentation mit dem sogenannten
"Missbrauch" eingeschränkt
und die bestehenden Hierarchien durch
die den Frauen zugesprochene Unmündigkeit
aufrecht erhalten.
Ein weiterer Aspekt, der diesen Vorwurf
hinfällig werden lässt, ist
die Tatsache, dass bei Bekanntgabe einer
Vergewaltigung erst einmal hinterfragt,
diskutiert, der Täter verharmlost
und der Frau im schlimmsten Fall eine
Teilschuld angedichtet wird. Einige typische
Argumentationen sind beispielsweise: dass
man nicht dabei gewesen ist und sich somit
kein Urteil erlauben könne, ob es
wirklich eine Vergewaltigung war; dass
die Frau nicht hätte mitgehen dürfen;
dass der Täter ein guter Antifaschist
ist und man sich das gar nicht vorstellen
könne.
Frauen sind ständig mit Sexismus
und mit sexualisierten psychischen und
physischen Übergriffen konfrontiert.
Nach Veröffentlichung einer Vergewaltigung
in der Szene sind Frauen diejenigen, die
sozial isoliert werden und mit negativen
Konsequenzen zu rechnen haben.
Frauen sind verantwortungsvoll handelnde
Individuen. Sie behaupten sicherlich nicht
mal eben so aus Spaß am Dissen,
vergewaltigt worden zu sein!
Eine
allgemeine Anerkennung des Definitonsrechts
ist für uns nicht das Nonplusultra.
Es ist nicht das Ziel, sondern ein notwendiges
Mittel auf dem Weg. Wenn alle Diskussionen
auf einer feministischen Grundlage geführt
werden könnten und das Präfix
radikal auch im feministischen Kontext
positiv konnotiert wäre, dann wäre
vorstellbar, dass das Definitionsrecht
für Frauen hinfällig würde.
Die Revolution am Horizont erblickend
greifen wir uns die notwendigen Transportmittel,
und nähern uns!