Seit geraumer Zeit bemühen sich Intersexuelle, als Menschen, deren Geschlecht nicht in einer Eindeutigkeit von entweder "männlich" oder "weiblich" aufgeht, Öffentlichkeit für ihre Erfahrungen mit familiären und gesellschaftlichen Tabus, Normalisierungszwängen und gewaltsamen medizinischen Praktiken herzustellen. Die bis ins 20. Jahrhundert hinein als Hermaphroditen oder entwertend als Zwitter kategorisierten, werden infolge des sogenannten medizinischen Fortschritts nicht nur pathologisiert, sondern zunehmend "wegtherapiert"(1). Heute eignen sie sich den Namen "Intersexuelle" als politische Kategorie an, nachdem sie oft lange Jahre unter einer erzwungenen Geschlechtszuweisung gelebt haben.
Die Infragestellung der rigiden binären und zwangsheterosexuellen Geschlechterordnung
durch lesbischwule und feministische Theorie und Praxis hat zumindest einen
begrenzten Rahmen für Sicht- und Existenzweisen geschaffen, die den ge-schlechtlichen
und sexu-ellen Normen nicht gerecht werden wollen. Trotzdem existiert bislang
so gut wie keinerlei Wahrnehmung, Wissen oder gar bestätigende Aufmerksamkeit
für diejenigen, die eingespielte, dominante "Wirklichkeiten"
und Wahrnehmungsraster verwirren.
Grenzen der Wahrnehmung
Die Verweigerung von Stimme
und Sichtbarkeit in den Medien oder in Buchpubikationen verdoppelt die gesellschaftliche
Ignoranz, die Intersexuelle gegenüber ihren Lebensre-alitäten erfahren.
Wie ist es zu erklären, dass die Medien diesem Thema mit derartiger Abwehr
begegnen? Ist es deshalb so schwierig Öffentlichkeit herzustellen, weil
es nicht nur darum geht, Akzeptanz für eine angebliche "Andersheit"
zu erlangen, sondern weil Intersexuelle die "Normalität des Normalen"
fragwürdig machen? Auch in feministischen Kontexten besteht nur begrenzt
die Bereitschaft, die eigenen normativen Standards zu reflektieren, und Intersexuelle
als mögliche TeillnehmerInnen feministischer Politik und Bewegungen anzuerkennen.
Zwar werden inzwischen weitgehend einhellig Machtdifferenzen und Heterogenität
unter Frauen betont - und damit auf eine vereinheitlichte Kategorie"Frau"
verzichtet. Wer aber "Nicht-Frau" ist, scheit weiterhin klar zu
sein. Eine Verwischung der Grenze stellt nicht nur für diejenigen Ansätze,
die Politik im Namen von Frauen zu machen gedenken, sondern auch für
diejenigen, deren Analyse und Perspektive in einer Geschlechter-differenz
gründen, eine Provokation dar. Doch selbst queerfeministische Kontexte,
denen zwangsheterosexuelle oder sonstwie normierende Geschlechter- und Sexualitätskonstrukte
ein Dorn im Auge sind, verstehen sich nicht unbedingt als Forum für die
Anliegen Intersexueller.
Deutlich ist jedenfalls, dass sich feministische Medien für Genitalverstümmelungen
als alltäglicher medizinischer Praxis in modernen westlichen Gesellschaften
nicht interessieren, während - häufig rassistisch gefärbte
- Beiträge über "unzivilisierte" Praktiken der Klitorisbeschneidung
und Verstümmelung in einigen afrikanischen Staaten durchaus zum bewährten
Repertoire zählen. Dabei ließe die Aufmerksamkeit für gewaltsame
Geschlechtsvereindeutigungen im Rahmen westlicher Medizin sowohl diese ethnographischen
Diskurse in anderem Licht erscheinen, wie sie auch die Diskussionen über
sexuelle Misshandlungen von Kindern um einen bedeutsamen Aspekt erweiterte.
Allerdings scheint der Blick auf die Gewaltförmigkeit der Geschlechterverhältnisse
augenblicklich sowieso nicht gerade hoch im Kurs zu stehen. Auch in feministischen
Kreisen werden die Thesen zur Konstruiertheit und historischen Veränderung
von Geschlecht häufig so interpretiert, dass eine Zufälligkeit,
Freiwilligkeit und individuelle Definitionsmacht hinsichtlich der Geschlechtsidentitäten
zu bestehen scheint. Geschlecht wird nicht selten verhandelt als eine Frage
von Geschmack und Stil, die in veränderlichen Inszenierungen auf der
Gesellschaftlichen Bühne zur Aufführung kommt. Einzig mangelnde
finanzielle und kulturelle Ressourcen werden als (individuell) beschränkende
Faktoren anerkannt, während die psychischen und körperlichen Spuren
einer Lebensgeschichte oder soziale bzw. materielle Sanktionierungen bestimmter
Existenzweisen scheinbar zu vernachlässigen sind. Demgegenüber lässt
der Blick auf die medizinischen und sozialen Gewaltmechanismen, mittels derer
Intersexuellen eine geschlechtliche Eindeutigkeit im Rahmen der Binären
Ordnung aufgezwungen wird, die Rede von Freiwilligkeit, Wahl und spielerischer
Veränderung zynisch erscheinen. Möglicherweise liegt einer der Gründe
für die fortdauernde Ignoranz genau darin, dass die Zurkenntnisnahme
der gesellschftlichen Praktiken gegenüber Intersexuellen, das befreiende
Versprechen einer weniger schicksalshaften Bindung an die eigene Geschlechtlichkeit
sehr fragwürdig machen würde.(2)
Eigentlich ist es absurd, dass aus queer-feministischer Perspektive fortwährend
postuliert wird, dass Zweigeschlechtlichkeit weder naturgegeben noch notwendig
sei, und doch diejenigen, die die gesellschftlichen Methoden zur Herstellung
geschlechtlicher Eindeutigkeit am eigenen Leib erfahren, übersehen werden.
Die Auseinandersetzung mit Intersexualität ermöglicht es aufzuzeigen,
wie mühselig es ist, die scheinbar selbstverständliche Auffassung,
es gäbe zwei, genau zwei Geschlechter und es sei "natürlich"
entweder "Mann" oder "Frau" zu sein, mittels sozialer
Technologien immer wieder abzusichern. Daß nur wenige die rigide geschlechtliche
Norm tatsächlich erfüllen, bleibt ohne Bedeutung, denn es existiert
ein breites Spektrum an Interventionen, begonnen bei selektiver Wahrnehmung
bis hin zu gewaltsamen medizinischen Praktiken, die die Zweiheit als kulturelle
Selbstverständlichkeit sicherstellen. Deutlich wird, dass Geschlecht
nicht allein diskursiv oder psycho-sozial hervorgebracht wird, sondern gleichermaßen
im direkten Zugriff auf die Körper.
Das Heilungsgebot
Die Pathologisierung von
Intersexuellen ist die Kehrseite der Medaille, dass welche in der Illusion
schwelgen, geschlechtlich eindeutig zu sein und dem Normalitätsideal
zu entsprechen. Die Pathologisierung kann somit als rhetorisch-praktischer
Mechanismus verstanden werden, der verhindert, dass die binäre geschlechtliche
Ordnung in Frage gestellt wird. Indem das Phänomen in den Begriffen von
Krankheit und Fehlentwicklung formuliert wird, bestätigt sich indirekt
die "Normalität", die via "Heilung" angeblich zu
erreichen sei. Führt eine sich vor Augen, welch immense soziale Ausgrenzungseffekte
auch die Krankheitszuschreibung und die Unterwerfung unter das Heilungsgebot
beinhalten, so stellt sich die Frage, ob es nicht einfacher wäre, Kinder
Erwachsene würden lernen, mit geschlechtlicher Uneindeutigkeit zu leben.
Insofern dies noch nicht einmal als Denkmöglichkeit zugelassen ist, drängt
sich der Eindruck auf, dass es bei den geschlechtlichen Regulierungen keineswegs
um die Interessen der Beteiligten geht, sondern darum, die hierarchischen
Geschlechterverhältnisse abzusichern, indem deren Verunsicherung verhindert
wird.
Im Zuge der politischen Organisierung Intersexueller und der Kämpfe gegen
rigide Geschlechter- und Sexualitätsnormen entstehen Sichtweisen, die
das historisch und kulturell veränderliche und gleichzeitig doch zwanghafte
Funktionieren von Geschlecht und Sexualität als soziale Konstruktion
erklären. Das heißt auch, dass sich Interpretationsraster hinsichtlich
dessen, wie Intersexualität verstanden wird, berändern. Statt als
Pathologie, als eine krankhafte Abweichung, die in die Zuständigkeit
der Medizin fällt, wird Intersexualität zu einem gesellschaftlichen
und politischen Phänomen: einer Existenzweise, die mittels der binären
Geschlechternorm zugleich hervorgebracht und "verboten" wird.
Welche Denk- und Lebensmöglichkeiten eröffnen sich, wenn eine davon
ausgeht, dass Zweigeschlechtlichkeit ein gesellschaftliches "Ideal"
darstellt, das sowieso nur wenige erfüllen, und dessen "Notwendigkeit"
gesellschaftlich definiert ist? Was heißt das im Hinblick auf Möglichkeiten
und Grenzen von Veränderung der Geschlechterverhältnisse und politische
Strategien, die sich nicht auf Parodie und Maskerade, aber auch nicht auf
eine toleranz-pluralistische Anerkennung des "Anderen" beschränken?
Akzeptanz oder Destabilisierung
Was Öffentlichkeitsstrategien betrifft, so lassen sich zwei Herangehensweisen
unterscheiden: diejenige, die im Sinne einer sogenannten Minderheitenpolitik
Anerkennung für Intersexuelle als einer "eigenen", somit wie
auch immer bestimmbaren, gesellschaftlich unterdrückten Gruppe fordert,
und diejenige, die die Aufmerksamkeit auf die Uneindeutigkeit, Veränderlichkeit
und Widersprüchlichkeit geschlechtlicher und sexueller "Normalität"
zu lenken und die Idealkonstruktionen zu destabilisieren versucht. Zwischen
beiden Strategien besteht eine Spannung und eine gewisse Unvereinbarkeit,
insofern erstere wiederum eine Identitätskategorie produziert, die zweitere
als unhaltbare Vereinheitlichung kritisiert. Trotzdem macht es meiner Ansicht
nach Sinn, beide im öffentlichen Raum nebeneinander zu inszenieren, statt
sich um eine Entscheidung oder eine Synthese zu bemühen. Zumindest dann,
wenn eine kein Interesse daran hat, der Illusion einer "politischen Wahrheit"
hinterherzuhechten, sondern Politik als fortwährende Auseinandersetzungen
versteht. Wohl aber ist es angebracht darüber nachzudenken, welche unterschiedlichen
Effekte diese beiden Strategien erzielen, welchen Interessen sie genügen,
wen sie ansprechen - um deren Differenz und Spannung verständlich und
nutzbar zu machen.
Die medizinisch-wissenschaftliche Aufspaltung dessen, was zuvor als Hermaphroditismus benannt wurde, in etliche verschiedene Syndrome (vgl. Artikel von Birgit-Michel Reiter in diesem Heft), löst Intersexuelle als eigenständige Gruppe auf. Gemäß dem Prinzip des "teile und herrsche" verflüchtigen sich damit die Möglichkeiten, die gemeinsamen Unterdrückungs- bzw. Gewalterfahrungen und deren Systematik wahrzunehmen. Demgegenüber macht das identitätspolitische Agieren unter einem gemeinsamen Namen eine "soziale Gruppe" überhaupt sichtbar und lässt sprechende Subjekte, statt medizinischer Objekte, im Feld gesellschaftlicher Machtverhältnisse auftauchen. Dann wiederum aber greift eine Politik, die Intersexuelle als eigene Gruppe meint abgrenzen zu können, die Definition über die dominanzgesellschaftlich Abnormitätszuschreibung auf und setzt Intersexualität als "das Besondere". Es liegt allerdings ein Unterschied darin, ob dies in form einer Selbstermächtigung geschieht, die sich herausnimmt, Rechte zu fordern, oder in Form einer Fremdzuschreibung, die die Macht beansprucht, Rechte wahlweise zu verweigern oder zu gewähren. Ein Recht auf gesellschaftliche Anerkennung, auf Integrität und Identität zu fordern bzw. anders herum formuliert, Verletzung und Gewalt anzuklagen, wie dies aus marginalisierter Position heraus geschieht, bedeutet nicht, dass diese Forderungen universell, ahistorisch oder kontextlos seien. Sie können durchaus - und d.h. aus (relativ) dominanter Perspektive - unterstützt werden, ohne gleichwohl davon auszugehen, dass damit alle sich diese Konzepte von Anerkennung, Integrität und Identität zu eigen machen müssten.
Das Privileg der Normalität
Wie lässt sich aber darüber hinaus gleichzeitig ein kritischer und veränderungswilliger Blick auf die Funktionsweise der sogenannten Normalität richten, statt sie als Instanz zu bestätigen, die Recht gewährt und an die Forderungen zu richten sind? Die gesellschaftliche Ignoranz gegenüber Intersexuellen verweist auf anderes las nur Verlegenheit oder Verunsicherung gegenüber der/dem "Anderen", denn das andere als "Anderes" lässt sich mittels eines Toleranzkonzepts durchaus integrieren, ohne die bestehende Ordnung ernsthaft zu verwirren. Was aber ist, wenn deutlich wird, dass die "Sicherheit" der eigenen Identität auf der Ausgrenzung anderer Identitäten beruht? Die Konfrontation mit Intersexualität stellt die Stabilität der eigenen binär verorteten Identität in frage und rückt den Zwang zur geschlechtlichen Vereindeutigung als Mittel zur Aufrechterhaltung hierarchischer Geschlechterverhältnisse in den Blick. Genau darin liegt die Bedrohung für die Dominanzkultur. Vielleicht aber auch die Chance, das Privileg der Normalität zu problematisieren. Erst dann kann über Koalitionsmöglichkeiten (und Interessendifferenzen!) verhandelt werden, die zwischen denjenigen, die sich selbst mehr oder minder ungebrochen in der binären Geschlechterdifferenz verorten können und denjenigen, denen dies nicht gelingt, bestehen. Intersexualität als Produkt einer rigiden binären Geschlechterordnung zu verstehen und es gleichwohl in seiner konkreten, je spezifischen, je individuellen Gelebtheit und als eine historische Existenzwiese anzuerkennen, bietet Anlaß für eine Infragestellung und Widerständigkeit gegen die normative Zweigeschlechtlichkeit.
Antke Engel
Anmerkungen:
(*) Ich danke Birgit-Michel Reiter für ihren/seinen Artikel sowie die Gespräch, die wir per Telefon und e-mail geführt haben. Ohne diese Anregungen, Entgegnungen und kommunikativen wie intellektuellen Verwicklungen wäre ich nicht dazu gekommen, mich der Auseinandersetzung mit Intersexualität zu stellen, noch hätte ich diesen Artikel schreiben können. Viele meiner Gedanken knüpfen direkt an Birgit-Michels Text an bzw. greifen ihn wieder auf, weshalb es sich empfiehlt, ihn vorweg zu lesen. Obwohl ich mich seit mehreren Jahren denkend und schreibend um eine Denaturalisierung und Destabilisierung der rigiden Zweigeschlechterordnung bemühe, hat sich etwas in mir geweigert, mich mit der Gewaltförmigkeit der Definitionsmacht und der medizinischen Praktiken zu konfrontieren, die diejenigen erfahren, deren zweigeschlechtliche Kategorisierung nicht mit der üblichen unhinterfragten Selbstverständlichkeit erfolgt ist. Über die Veränderung meines Blicks freu ich mich!
(1) Geht eine von den
juristischen Gegebenheiten aus, so gibt es heutzutage schlichtweg keine Hermaphroditen
mehr. Eine geschlechtliche Eindeutigkeit ist im Rahmen der bürgerlichen
Gesellschaftsordnungen zwingend notwendig: mensch ist entweder Frau oder Mann
- kein Entkommen.
(2) Was in ähnlicher Weise vielleicht auch für das gegenwärtige
Desinteresse an Vergewaltigung, sexueller Mißhandlung von Kindern, Pornographie
oder der zunehmend offeneren Gewalt gegen Lesben und Schwule gilt, deren Bedeutung
für die Konstituierung von Geschlechtern und Sexualitäten kaum diskutiert
wird.